Mittwoch, 10. Oktober 2007

Die wundersame Wandlung des Tiziano Terzani

In der Osho-Times hat Satyananda alias Jörg Andrees Elten einen Nachruf auf den bekannten italienischen Starreporter geschrieben. Damit der Text nicht verlorengeht (wahrscheinlich ist er nur einen Monat lang auf der Seite), hab’ ich ihn hierher kopiert:

Klartext
Der Namenlose

Die wundersame Wandlung des Tiziano Terzani
von Satyananda

Wo immer er auftauchte, war er der Mittelpunkt. Einsneunundachtzig groß, schlank, athletisch, pechschwarze Lockenmähne, dazu ein frech geschwungener Schnurrbart und stets von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet. Unter seinen Kollegen, den Asien-Korrespondenten der Weltpresse, nahm er sich aus wie ein Papagei im Spatzenschwarm: Tiziano Terzani, Arbeiterkind aus Florenz, der es zum Korrespondenten des „Spiegel“ und zu einem der angesehensten Asienkenner gebracht hatte. Ein robustes Ego, ein wunderbarer Selbstdarsteller.
Im Vietnamkrieg und in Kambodscha war er immer ganz vorne dran und vertraute auf seine Schutzengel. Als die Vietkong zum Sturm auf Saigon ansetzten und die meisten westlichen Ausländer in Panik die Stadt verließen, flog Terzani in letzter Minute aus Bangkok ein, um den Einmarsch der roten Kämpfer hautnah zu erleben. Dabei stand er noch unter dem Schock eines Ereignisses, das ihn zwei Wochen vorher fast das Leben gekostet hätte: In Kambodscha hatten ihn ein paar halbwüchsige Kämpfer der Roten Khmer festgenommen, an die Wand gestellt und ihm eine Stunde lang ihre Revolver auf Augen, Mund und Nase gedrückt – bis endlich ihr Kommandeur auftauchte und den „Spiegel“-Korrespondenten laufen ließ.

Raus aus dem Society-Ghetto
Terzani konnte nicht wissen, was die Vietkong in Saigon mit ihm machen würden. Er wusste nur, dass er bei einem der größten Ereignisse in der Geschichte Asiens einfach dabei sein musste – dem Ende des Kolonialismus. Seine Reportage über die letzten Stunden von Saigon wurde zum Klassiker.
Um bei der Geburt des neuen China dabei zu sein, zog Terzani mit seiner Familie von Hongkong nach Peking um. Er und seine Frau Angela sprachen fließend Chinesisch. Die beiden Kinder lernten die Sprache auf einer chinesischen Schule. Das hatte es noch nie gegeben: dass ein westlicher Ausländer im Reich Mao Tse tungs seine Kinder auf eine chinesische Schule schickte! In Peking blieben westliche Diplomaten, Geschäftsleute und Journalisten ohne soziale Kontakte zu den Einheimischen ganz unter sich – in einer Art Ghetto. Terzani wollte raus aus dieser Ghetto-Routine mit ihren ewigen Cocktail- und Dinnerpartys.
Manchmal startete er mit seiner Frau und den Kindern zu spontanen Ausflügen aufs Land. Sie hievten ihre Fahrräder in den Zug, stiegen irgendwo aus, radelten los und sprachen mit Menschen, die noch nie einen Ausländer gesehen hatten. Für den Geheimdienst waren diese verbotenen Eskapaden des Reporters eine Provokation. Aber es dauerte immerhin fünf Jahre, bis sie die Geduld verloren und ihn verhafteten. Vier Wochen musste er im Gefängnis schmoren, dann wurde er abgeschoben.
Terzani hatte einst davon geträumt, dass Mao den Neuen Menschen in einem neuen China der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit schaffen werde. Der Traum war verflogen. Der Reporter wusste nun, dass Bewusstseinsveränderung nicht durch ideologische Parolen von oben kommen kann, sondern eine Herausforderung für jeden einzelnen Menschen ist. Langsam verschob sich der Fokus des Reporters von der Politik zur Spiritualität, von der Logik zur Intuition, vom Kopf zum Herzen.

Abschied vom Journalismus
Eines Tages prophezeite ihm ein Wahrsager in Hongkong den Tod, wenn er im Jahre 1993 mit dem Flugzeug fliegen würde. Ein Reporter, der nicht fliegt? Unmöglich!
Aber Terzano ließ es darauf ankommen und eröffnete seinem Chefredakteur, dass er ein Jahr lang kein Flugzeug benutzen werde. Der Chef reagierte weise: „Tun Sie, was Sie für richtig halten!“ So durchbrach der Asienkorrespondent die sterile Routine von Flugzeug – Taxi – Hotel – Taxi – Flugzeug und stieg um auf Bahn, Mietwagen, Eselskarren, Fahrrad und Schiff. Seine Entschleunigung schärfte seine sinnliche Wahrnehmung und verband ihn mit den zeitlosen Kräften, die unter der Oberfläche des Tagesgeschehens wirken. Es war praktisch der Abschied vom Journalismus, aber das ahnte der Reporter damals noch gar nicht.
Der Abschied kam erst, als ein Arzt in Bologna den inzwischen Sechzigjährigen mit der Botschaft überraschte: „Signor Terzani, Sie haben Krebs!“ Terzani reagiert kühl und radikal – bricht alle Kontakte ab, außer zu seiner Familie, und nimmt den Kampf gegen den Krebs auf. Sein erster Kriegsschauplatz ist eine weltberühmte Krebsklinik in New York, eine Kultstätte der modernen westlichen Medizin. Terzani kommt sich vor wie in einer erstklassigen Reparaturwerkstatt. So nennt er seine Ärzte „meine Instandsetzer“. Sie operieren seinen Krebs – mit Erfolg. Terzani erholt sich, kehrt nach Asien zurück und macht sich auf die Suche nach den Quellen einer Heilkunst, die den ganzen Menschen einbezieht – nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele.

Auf schwankendem Boden
Eine berühmte ayurvedische Klinik ist sein erstes Ziel. Danach geht es weiter zu mehr oder weniger bekannten Heilern, Wahrsagern, Gurus, Schamanen, Scharlatanen, aber auch zu seriösen Ärzten, die Medikamente aus wundersamen Heilkräutern und Kuhpisse herstellen. Terzani begegnet ihnen mit unvoreingenommener Neugierde und Respekt. Einerseits weiß er, dass ihm der „Realismus der Vernunft nicht mehr genügt“. Andererseits sind ihm Mystizismus und Spiritualität unheimlich, weil sie ihm „zu undefiniert, zu subjektiv und zu parteiisch“ erscheinen. Terzani: „Ich hatte das Gefühl, mich auf schwankendem Boden zu bewegen.“
Aber für eine Umkehr auf den scheinbar sicheren Boden der wissenschaftlich begründeten Realität war es schon zu spät. Als er zur Nachuntersuchung nach New York zurückkehrt, entdecken seine „Instandsetzer“, dass der Krebs Metastasen gebildet hat. Terzani lehnt Chemotherapie ab. Einer der Instandsetzer kommentiert lapidar: „Wenn Sie in einem halben Jahr noch leben, gehen Sie in die Geschichte der Medizin ein.“ Das war’s.

Was bleibt übrig?
Jetzt beginnt die interessanteste Etappe auf der letzten Reise des Reporters. Terzani sucht seinen „inneren Frieden“ und bereitet sich auf den Tod vor. Das Abenteuer beginnt mit der klassischen Frage aller spirituellen Sucher: „Wer bin ich?“ – „Mein Name, mein Beruf, meine Herkunft, all das, was ich einst herangezogen hätte, um mich zu beschreiben, gehörte nicht mehr zu mir“, schreibt er in seinem Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell“. Und er fragt sich bang: „Was bleibt von mir ohne meinen Namen, ohne all das, woran ich mein ganzes Leben lang so hartnäckig gearbeitet habe?“
Auf der Suche nach einer Antwort tritt er als ein shisha (einer, der zu lernen würdig ist) in den Aschram eines Swamis ein, der von seinen Anhängern als Guru verehrt wird. Der gibt ihm den Namen Anam (der Namenlose). Drei Monate lang lässt er sich in Heiligen Schriften unterweisen, singt alte vedische Gesänge und Mantras und schweigt. Das Leben im Aschram ist spartanisch. Die Überwindung von Begierden gehört zu den hauptsächlichen Gesprächsthemen unter den Aschramiten. In Pune hätte es Terzani sicher besser gefallen. Aber Osho hatte seinen Körper schon verlassen.

Die Einsamkeit einer Berghütte
Der Abschied vom Aschram fällt Terzani letztlich nicht schwer. Das Gerangel der Jünger um die vorderen Sitze im Satsang und ihre kleinen Eifersüchteleien irritieren ihn. Er verehrt seinen Swami, aber Hingabe kommt für ihn nicht infrage. So zieht er sich lieber in die Einsamkeit einer Berghütte im Himalaja oberhalb von Almora zurück. Da ist die erhabene Kulisse schneebedeckter Achttausender, die wilde Ursprünglichkeit der Natur, der Gesang exotischer Vögel, die pralle Farbenpracht tropischer Pflanzen, der Bergleopard, der die Hütte umkreist, und da ist die kleine Maus, die Terzani, der Einsiedler, jeden Abend füttert, damit sie ihm nicht seine Vorräte wegknabbert. Er ernährt sich von Reis, Bohnen, Gemüse und Obst. Das Wasser holt er von einer Quelle. Schlag fünf Uhr morgens zündet er eine Kerze an und meditiert. Dann wandert er zu einem Felsen und begrüßt dort oben hoch über dem Tal die aufgehende Sonne.
Manchmal begegnet er einem anderen Einsiedler, einem alten Inder, der ein zweites Haus in der Nähe bewohnt. Terzani nennt ihn „Der Alte“. Der wird sein spiritueller Lehrer. Terzani fragt und Der Alte antwortet. Als Terzani nach einem kurzen Ausflug in die Welt mit einer kleinen Solaranlage und einem Laptop in die Einsamkeit zurückkehrt, um sein letztes Buch zu schreiben, schaut ihn Der Alte lächelnd an und fragt: „Für wen schreibst du das Buch? Für dein Ego?“ Terzani überlegt und sagt: „Eine gute Frage.“
Fast drei Jahre später, als das Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell“ fertig ist, hat Terzani gefunden, wonach er gesucht hat: den inneren Frieden. Jetzt kann er in sein Haus in der Toskana zurückkehren und den Tod als Freund begrüßen. Am Ende einer langen Serie von Gesprächen mit seinem Sohn Folco, die später unter dem Titel „Mein Ende ist mein Anfang“ erscheint, fragt Folco seinen Vater, ob er nicht die Absicht habe, als Erleuchteter zu wirken. Terzani winkt ab: „Ich bin nichts als ein einfacher Mensch, der seine Bücher geschrieben, hier und da ein wenig genascht und dabei jede Menge Erfahrungen gesammelt hat …“
Tiziano Terzani starb 2004 mit 65 Jahren.
aus der Osho-Times vom Oktober 2007


»Fairer Kaffee im Stadtrat«

Wie können Städte anders einkaufen? Fragen an Dagmar Vogt-Sädler, Leiterin des Umweltamtes von Neuss
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Von Annette Jensen

Publik-Forum: Die 130 000-Einwohner-Stadt Neuss gilt als Modell für fairen Einkauf. Was machen Sie anders als andere deutsche Kommunen?
Dagmar Vogt-Sädler: Seit 1991 wird auf den Rats- und Ausschusssitzungen fairer Kaffee ausgeschenkt. Und sobald es Schokolade, Fußbälle und so weiter mit dem Transfair-Siegel gab, haben wir die auch eingekauft. Bei diesen Produkten gibt es die Garantie, dass sie ohne Ausbeutung hergestellt wurden. Aber bei vielem, was wir brauchen, existiert kein solches Siegel. Das gilt zum Beispiel für Dienstkleidung, Leder- oder Spielwaren. Deshalb hat Neuss Anfang 2006 als erste Stadt im Bundesgebiet beschlossen, nur noch Produkte – sofern verfügbar – zu berücksichtigen, die unter Beachtung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation hergestellt wurden.

Publik-Forum: Gewerkschaftsfreiheit gibt es in China nicht, und demnach dürfte Neuss dort auch nichts einkaufen.
Vogt-Sädler: Das sehe ich nicht so. Zwar hat China die entsprechende ILO-Norm nicht unterzeichnet. Aber es gibt ja Unternehmen in China, die in ihren Produktionsstätten Versammlungs- und Verhandlungsfreiheit erlauben. Und eine verstärkte Nachfrage in diese Richtung kann den Weg ebnen, dass die Einhaltung aller ILO-Normen in China gefördert wird.

Publik-Forum: Gab es auch kritische Stimmen, die sagten: Das alles kann eine Stadt wie Neuss doch gar nicht überprüfen?
Vogt-Sädler: Der Beschluss des Rates war einstimmig und wurde ohne eine lange Debatte gefasst. Natürlich kann es nicht unsere Aufgabe sein, selbst nach China zu fahren und die dortigen Betriebe zu inspizieren. Aber viele deutsche und europäische Unternehmen haben ja auch schon einen Verhaltenskodex, der sich in der Regel auf die Kernarbeitsnormen stützt und oft sogar die Forderung nach Mindestlöhnen beinhaltet. In solchem Fall erwarten wir, dass eine unabhängige Organisation die Einhaltung von solchen freiwilligen Selbstverpflichtungen bestätigt.

Publik-Forum: Rechnen Sie mit höheren Einkaufskosten für die Kommune?
Vogt-Sädler: Die Beachtung von Sozialstandards verteuert die Produkte nicht unbedingt. Der Anteil der Arbeitskosten am Verkaufspreis liegt ja bei nur ein bis fünf Prozent. Natürlich verursachen die Kontrollen durch unabhängige Gutachter zusätzliche Kosten. Doch auch das hält sich in überschaubarem Rahmen.

Publik-Forum: Was passiert, wenn die Angaben der Lieferanten falsch waren? Gibt es eine »schwarze Liste«?
Vogt-Sädler: Zurzeit gibt es noch keine solche Liste. Falsche Angaben würden aber grundsätzlich Zweifel an der Zuverlässigkeit des Unternehmens begründen und sind insofern ein Ausschlusskriterium von der Vergabe. •

aus Publik-Forum 18/2007

Dienstag, 9. Oktober 2007

»Obst per Flugzeug hat nichts mehr mit Bio zu tun«

Deutsche kaufen so viel Bioprodukte wie nie. Doch reicht das aus? Fragen an Greenpeace-Expertin Christiane Huxdorff


Christiane Huxdorff
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ist studierte Umweltwissenschaftlerin und arbeitet bei Greenpeace als Chemiereferentin. Sie war an den beiden großen Testreihen »Pestizide aus dem Supermarkt« beteiligt.



? Wenn man die Berichte in den Medien verfolgt, hat man das Gefühl, dass Bio boomt und die Bauern jammern. Oder?

! Bio boomt wirklich. Im Vergleich zum letzten Jahr ist der Umsatz bei den Bioprodukten im Lebensmittelhandel um 20 Prozent gestiegen, allerdings ist die Anbaufläche hierin Deutschland nur um 2,3 Prozent gewachsen. Das liegt daran, dass die Fördermittel, die von der Bundesregierung an umstellungswillige Bauern gezahlt werden, so massiv gekürzt wurden. Ein Biobauer muss sehr viel Eigenkapital investieren, bis er den Umstieg schafft. Denn die ersten zwei bis drei Jahre kann er sein Obst und Gemüse nur als Umstellungsware verkaufen, das heißt, er bekommt nicht den Mehrwert, den er eigentlich reinsteckt. Deshalb überlegen es sich die Landwirte zweimal, ob sie umstellen. Die, die es aus Überzeugung machen, sind schon längst dabei. Jetzt muss man versuchen, die zu ködern, die noch zaudern. Dann würde man diesen Boom nicht nur in die Supermärkte holen, sondern auch in die Landwirtschaft.

? Woher kommen die Produkte, wenn die Nachfrage wächst, der Anbau aber nicht?

! Bio-Produkte kommen aus der ganzen Welt, also Italien, Spanien, aber auch aus Israel und Neuseeland. Diese Produkte werden dann biologisch angebaut, aber nicht unbedingt ökologisch transportiert. Trotzdem ist die Ökobilanz von einem Bio-Apfel, der per Schiff aus Neuseeland hierher gefahren wird, besser als von einem Apfel, der hier gekühlt und unter geschützter Atmosphäre gelagert wird.

? Der heimische Apfel verbraucht mehr Energie als ein Apfel aus Neuseeland?

! Die Obst- und Apfelsaison hier in Deutschland ist jetzt, und bald ist sie vorbei, Dann werden die ganzen Äpfel eingelagert. Das schluckt mehr Energie, als wenn Apfel aus Neuseeland mit dem Schiff hergefahren werden. Natürlich ist es etwas anderes, wenn Obst und Gemüse per Flugzeug herkommen. Das hat nichts mehr mit Öko zu tun. Letztlich ist es immer das Beste, wenn man beim Biobauern nebenan kauft und das isst, was gerade Saison hat.

? In den Regalen der Supermärkte finden sich immer mehr Bioprodukte. Ist das hilfreich für den Bioanbau in Deutschland?

! Es ist ein guter und wichtiger Schritt, dass Bio beim Discounter erhältlich ist und dadurch Bio für die breite Masse zugänglich wird. Vorher konnte man Bioprodukte wirklich nur im Bioladen und im Reformhaus kaufen. Da waren sie extrem teuer. Jetzt fragen auch die Discounter nach. Dadurch kommt es zu einer erhöhten Produktion, die Preise sinken, und es wird für die Verbraucher erschwinglicher. Dadurch kaufen mehr Menschen, und die Nachfrage steigt weiter. Sowohl die Einstellung der Verbraucher als auch die Lebensmittelwirtschaft haben sich in den letzten fünf Jahren gravierend verändert – nur die Politik hinkt da hinterher.

? Haben die Produkte beim Discounter dieselbe Qualität wie im Bioladen?

! Wenn das sechseckige grüne Biosiegel auf den Produkten ist, weiß man, dass es auf jeden Fall Bioqualität ist. Aber es gibt natürlich Unterschiede zu den Produkten, die ich im richtigen Bioladen kaufen kann. Die erfüllen noch zusätzliche Kriterien, die von Anbauverbänden wie etwa Demeter, Naturland oder Bioland überwacht werden. Einige Anbauverbände verlangen zum Beispiel, dass wirklich hundert Prozent des Tierfutters auf dem eigenen Hof angebaut werden.

• Interview: Ute Pawlitschek

Samstag, 6. Oktober 2007

Transparency: Bestechung wird zu wenig verfolgt

Die deutschen Justizbehörden haben nach Einschätzung von Transparency International weiter zu wenig Kapazitäten, um gegen Firmen wegen Bestechung im Ausland vorzugehen. »Es geht ein wenig voran in Deutschland, aber noch immer müssen Unternehmen viel zu wenig fürchten, dass gegen sie wegen Bestechungen im Ausland ermittelt oder Anklage erhoben wird«, sagte ein Vorstandsmitglied der deutschen Sektion der Antikorruptionsorganisation. Nach Transparency-Angaben stieg in Deutschland die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen Bestechung im Ausland auf mindestens 83 an, nach 43 im Vorjahr. 63 der Verfahren betreffen den Missbrauch des UN-Programms »Öl für Lebensmittel« für den Irak durch deutsche Firmen. Transparency hat in Deutschland vier Verurteilungen in den vergangenen Jahren erfasst, ein Urteil gegen Siemens ist noch nicht rechtskräftig. In den USA wurden im selben Zeitraum 67 Urteile gesprochen, allein 17 in den letzten zwölf Monaten.

aus Publik-Forum 15/2007

Atomkraft und Kinderkrebs

Der Verdacht, dass in der Umgebung von Atomkraftwerken Kleinkinder vermehrt an Krebs und Missbildungen erkranken, wird durch eine neue US-Studie bestätigt, die im European Journal of Cancer Care veröffentlicht wurde. In einer großen Analyse, in der Daten von 17 internationalen Studien aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Japan und Nordamerika der Jahre 1984 bis 1999 ausgewertet worden waren, weisen der Medizinprofessor Peter Baker und seine Mitarbeiter ein erhöhtes Leukämierisiko in der Nähe von AKWs nach. Die Mediziner der Universität South Carolina fanden bei Kindern im Alter bis neun Jahren ein um 14 bis 21 Prozent erhöhtes Risiko, an Leukämie zu erkranken. Bis zum Alter von 25 Jahren war die Erkrankungswahrscheinlichkeit immer noch um 7 bis 10 Prozent höher, die Sterberate um 2 bis 18 Prozent. »Wir sehen uns in unserem langen Engagement, auf eine saubere Krebsforschung in der Umgebung von Atomkraftwerken zu bestehen, bestätigt«, sagt Reinhold Thiel von der Ulmer Ärzteinitiative, einer Regionalgruppe der Internationalen Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW). Zur Erinnerung: In einer 2001 von der Ulmer Ärzteinitiative initiierten und von Alfred Körblein vom Münchner Umweltinstitut durchgeführten Studie zeigten sich signifikant erhöhte Kinderkrebsraten im Nahbereich von AKWs. Auf Druck von AKW-Kritikern wurde 2001 eine große Fallkontrollstudie zum Thema Kinderkrebs beschlossen. Die Ergebnisse sollen bis Herbst 2007 vorliegen.

aus Publik-Forum 15/2007

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Lernen

Bei Barmenia gibt’s was Griffiges übers Lernen.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Was passierte so 1967?

14. Januar:
Beim Human Bein spricht Beat-Autor Allen Ginsberg vor Zehntausenden. Das Event in San Franciscos Golden Gate Park gilt als Beginn des Summer of Love.






15. April:
Bürgerrechtler Martin Luter King führt 200.000 Demonstranten durch New York – und protestiert gegen den Vietnamkrieg. Die Friedensbewegung wir immer stärker.






28. April:
Muhammed Ali verweigert den Wehrdienst. Die Folge: Aberkennung des WM-Titels und der Boxlizenz, fünf Jahre Gefängnis und 10.000 Dollar Strafe. Ali kommt auf Kaution frei.






1. Juni:
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ wird veröffentlicht. Das Kult-Album der „Beatles“ (bis heute 20 Millionen Mal verkauft) wird zum Soundtrack des Summer of Love.






5. Juni:
Beginn von Israels Sechstagekrieg gegen Ägypten, Jordanien und Syrien. Israel, von den USA finanziell unterstützt, erntet für den Krieg weltweite Kritik.






5. Juni:
Über Vietnam wird das 2000. Flugzeug der US Air Force abgeschossen. Allein auf amerikanischer Seite forderte der Krieg bis zu disem Tag rund 15.000 Tote und 100.000 Verletzte.





16. – 18. Juni:
Das Monterey Pop Festival wird Höhepunkt des Summer of Love. 200.000 hören Scott McKenzie, Janis Joplin (Foto), „The Who“ und Jimi Hendrix zu. Eintritt: 1$






24. Juni:
Der Spiegel“ druckt das Foto, auf dem Mitglieder der Berliner Kommune 1 eine Polizeidurchsuchung nachstellen. Das Bild wird zur Ikone des Protestes.






24. August:
Von der Galerie der New Yorker Börse läßt Kapitalismuskritiker Abbie Hoffman echte Dollar-Scheine regnen. Die Börsenhändler greifen gierig nach dem Geld.






17. Oktober:
In New York wird „Hair“ uraufgeführt. Das Musical („Let The Sun Shine in“) porträtiert die Hippie-Bewegung und beschreibt gleichzeitig die Tragik des Vietnamkriegs.






21. Oktober:
100.000 Vietnamkriegs-Gegner marschieren zum US-Verteidigungsministerium, dem Pentagon. Manche versuchen, Blumen in die Gewehre der Polizei zu stecken.






9. November:
Die erste Ausgabe des Musikmagazins „Rolling Stone“ erscheint. Auf dem Titel: John Lennon als Darsteller einer Kriegssatire.

(auch die Bilder) aus dem Magazin VIEW 8/2007

Montag, 24. September 2007

»Biotreibstoff ist Todes-Sprit«

Der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto protestiert gegen die Zerstörung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft
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Von Klaus Hart

Wirtschaft, Regierung und Medien trommeln für sogenannten »Biosprit«. Deutsches Kapital fließt reichlich in Brasiliens Ethanol-Produktion, die auf Zuckerrohr basiert. Doch jetzt hat der bekannte brasilianische Dominikaner und Befreiungstheologe Frei Betto angesichts des Hungers in der Welt die Herstellung von Agrotreibstoffen als unverantwortlich und unmenschlich verurteilt – sein Protest findet sogar in europäischen Parlamenten Gehör.

In einer Analyse mit dem Titel »Necrocombustiveis«, »Treibstoffe des Todes«, klagt Frei Betto an, dass der Boom bei fälschlicherweise als Biosprit bezeichneten Produkten bereits weltweit einen deutlichen Preisanstieg bei Lebensmitteln provoziere, darunter in Europa, in China, Indien und in den USA. Frei Betto, in Brasilien viel gelesener Zeitungskolumnist, Bestsellerautor mit Millionenauflagen, bekräftigt gegenüber Publik-Forum seine Argumente.

In dem Tropenland, das unter Staatschef Lula die Herstellung von Ethanol aus Zuckerrohr massiv fördert, habe die Bevölkerung im ersten Halbjahr 2007 für Nahrungsmittel dreimal so viel ausgeben müssen wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Kaum zu glauben, aber wahr: Selbst Frischmilch kostet derzeit deutlich mehr als in den deutschen Supermärkten. Die Preissprünge sind brutal und für die Bezieher des Mindestlohns von umgerechnet 140 Euro, für Empfänger der weit niedrigeren staatlichen »Hungerhilfe« nicht zu verkraften.

Brasiliens Großfarmer indessen, so Frei Betto, stürzen sich geradezu auf das neue »Gold« namens Zuckerrohr und lassen den Anbau traditioneller Agrarprodukte beiseite. Dies wirke sich, wie in den USA, natürlich auf die Lebensmittelpreise aus. Fidel Castro habe mit seiner entsprechenden Kritik völlig recht. Weltweit gebe es derzeit rund 800 Millionen Autos – die gleiche Zahl von Menschen leide unter chronischer Unterernährung. »Also werden wir jetzt Autos füttern und dafür Menschen in den Hunger schicken. Statt Biotreibstoff haben wir Todes-Sprit: Treibstoffe, die Tod bringen.«

Der Befreiungstheologe sagt, es sei aufschlussreich, dass dennoch keine der von den Agrartreibstoffen so begeisterten Regierungen, in Europa, Brasilien und den USA, das jetzige Modell des Individualverkehrs infrage stelle. »So, als ob die Profite der Automobilindustrie tabu, unangreifbar wären.« Diese Regierungen sorgten sich nicht um einen effizienten und ökologisch vertretbaren Massentransport. Brasilien, so fordert er, dürfe sich nicht in eine »immense Zuckerrohrplantage in ausländischer Hand« verwandeln. Frei Betto erinnert dabei an den jüngsten Besuch von US-Präsident Bush in Brasilien und dessen mit Lula vereinbarte Ethanol-Kooperation. »Die USA wollen Zuckerrohrsprit importieren und unser Land als eine Rohstoffreserve fürs Betanken der US-Autos verwenden.« Die EU will nachziehen und hat mit Brasilia eine strategische Partnerschaft vereinbart.

aus Publik-Forum 15/2007

Freitag, 21. September 2007

Hungergeister

Angeregt durch konfusius’ lesenswerten Kommentar zum letzten Post »Geiz ist geil zum nächsten« und die Schwierigkeiten, die ein Freund mit seiner Freundin hat (und die auch mit ihm) einige Zitate aus Mark Epsteins Buch »Gedanken ohne den Denker«

Da es im Folgenden um Elemente aus dem Buddhistischen Lebensrad geht, ist es hilfreich (aber nicht notwendig), sich darüber zu informieren. Auf der Wikipedia-Seite gibt es ganz unten ein Link zur Seite des Dharmapala Thangka Zentrum in Bremen, die eine interaktive Seite zum Lebensrad anbieten.

Vorangestellt ein Zitat Zen-Meister Dogens


Den Buddhismus studieren, ist das Selbst studieren. Das Selbst studieren, ist das Selbst vergessen. Das Selbst vergessen, ist mit anderen eins sein.


Eines der überzeugendsten Momente der buddhistischen Sicht des Leidens ist die im Bild des Lebensrads enthaltene Vorstellung, daß die Ursachen des Leidens zugleich die Mittel zur Erlösung sind; das bedeutet, die Perspektive des Leidenden bestimmt, ob ein gegebener Bereich Medium des Erwachens oder der Gefangenschaft ist. Von den Kräften der Gier, des Ärgers und der Torheit bestimmt, verursacht unsere fehlerhafte Wahrnehmung der Bereiche – nicht die Bereiche selbst – das Leiden. Jeder Bereich enthält eine kleine Buddha–Gestalt (eigentlich handelt es sich um den Bodhisattva des Mitgefühls, dessen Streben darauf gerichtet ist, das Leiden anderer zu beseitigen), die uns auf symbolische Weise lehrt, wie wir die falschen Wahrnehmungen korrigieren können, die jede Dimension verzerren und damit das Leiden perpetuieren. Wir erfahren keinen Bereich in aller Klarheit, lehren die Buddhisten; statt dessen durchleben wir sie alle angsterfüllt; abgeschnitten von der Fülle der Erfahrung, unfähig, sie zu akzeptieren, fürchten wir uns vor dem, was wir zu sehen bekommen. So wie wir den »geschwätzigen Affen« in uns nicht zum Schweigen bringen können, so gleiten wir von einem Bereich in den nächsten, ohne wirklich zu wissen, wo wir uns befinden. Wir sind in unserem Geist befangen, kennen ihn aber nicht wirklich. Von dessen Wellenbewegung angetrieben, treiben wir dahin und mühen uns ab, weil wir nicht gelernt haben, loszulassen und frei zu schweben.
Dies ist die andere Möglichkeit, das Lebensrad zu verstehen, weniger wörtlich als psychologisch. Schließlich ist die Hauptfrage der buddhistischen Praxis die psychologische Frage: »Wer hin ich?« Ihre Beantwortung erfordert die Erkundung aller Daseinsbereiche. Diese verwandeln sich somit in Metaphern für verschiedene psychologische Zustände, wodurch das ganze Rad zur Darstellung des neurotischen Leidens wird.
Dem Buddhismus zufolge ist es unsere Furcht davor, uns unmittelbar selbst zu erfahren, die Leiden schafft. Dies schien mir immer sehr gut zu Freuds Ansichten zu passen. So behauptete Freud, der Patient

muß den Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit den Erscheinungen der Krankheit zu beschäftigen. Die Krankheit selbst darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr ein würdiger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich auf gute Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem Verdrängten, welches sich in den Symptomen äußert, wird so von Anfang an vorbereitet, aber es wird auch eine gewisse Toleranz fürs Kranksein eingeräumt.

Der Glaube, daß Versöhnung zur Erlösung führen kann, ist grundlegend für die buddhistische Vorstellung von den Sechs Bereichen. Wir können nicht zur Erleuchtung gelangen, solange wir unserem neurotischen Geist entfremdet bleiben. Wie Freud so weitblickend bemerkte: »Auf diesem Felde muß der Sieg gewonnen werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung von der Neurose ist, ... denn schließlich kann niemand in absentia oder in effigie erschlagen werden.« In jedem Bereich unserer Erfahrung, lehren die Buddhisten, müssen wir klar sehen lernen. Nur dann läßt sich das Leiden umwandeln, das der Buddha als universell erkannte. Die Erlösung vom Lebensrad, von den Sechs Daseinsbereichen wird traditionell als Nirvana beschrieben und mit dem Pfad symbolisiert, der aus dem Bereich der Menschen hinausführt. Es ist jedoch mittlerweile ein grundlegendes Axiom des buddhistischen Denkens, daß Nirvana Samsara ist – daß es keinen getrennten Bereich des Buddha neben der weltlichen Existenz gibt, daß die Erlösung vom Leiden durch eine veränderte Wahrnehmung gewonnen wird, nicht durch das Überwechseln in ein himmlisches Reich.
Die westliche Psychologie hat viel zur Erhellung der Sechs Bereiche beigetragen. Freud und seine Anhänger deckten die animalische Natur der Leidenschaften auf, die höllische Natur von paranoiden, aggressiven und Angstzuständen sowie die unstillbare Sehnsucht, das orale Verlangen (im Lebensrad sind es die Hungergeister). Spätere Entwicklungen in der Psychotherapie rückten sogar die höheren Bereiche in den Mittelpunkt. Die humanistische Psychotherapie legte den Schwerpunkt auf die »Gipfelerlebnisse« (Maslow) im Bereich der Götter; die Ich–Psychologie, der Behaviorismus und die kognitive Therapie forderten das wettbewerbsfähige und effiziente Ich, das im Buddhismus im Bereich der Neidischen Götter angesiedelt ist; und die Psychologie des Narzißmus behandelte ausdrücklich die für den Bereich der Menschen so wichtigen Fragen der Identität. Jede dieser Richtungen befaßte sich mit der Rückgabe eines fehlenden Stücks menschlicher Erfahrung, eines Moments des neurotischen Geistes, von dem wir uns entfremdet haben.
Das Interesse an der Integration aller Aspekte des Selbst ist grundlegend für die buddhistische Vorstellung von den Sechs Daseinsbereichen. Wir sind nicht nur von diesen Aspekten unseres Charakters entfremdet, behauptet die buddhistische Lehre, sondern auch von unserer eigenen Buddha–Natur, von unserem eigenen erleuchteten Geist. In der Meditation kann man lernen, das ganze Material der Sechs Bereiche zu erschließen und damit alle Punkte, an denen unser Geist haftet.


Der Bereich der Hungrigen Geister


Die Hungergeister sind wahrscheinlich die eindrucksvollsten Gestalten im ganzen Lebensrad. Mit ihren verkrüppelten Gliedmaßen, dick aufgedunsenen Bäuchen und langen, dünnen Hälsen stellen diese phantomartigen Kreaturen auf vielerlei Weise die Verschmelzung von Zorn und Begierde dar. Von unerfüllten Sehnsüchten gepeinigt, verlangen die Hungrigen Geister unablässig nach unmöglichen Befriedigungen, und suchen so, alte, unerfüllte Bedürfnisse zu stillen. Es sind Wesen, die in sich eine schreckliche Leere entdeckt haben, die nicht einsehen, daß es unmöglich ist, im nachhinein etwas zu ändern. Ihr gespenstischer Zustand symbolisiert ihre Bindung an die Vergangenheit.
Außerdem können die Hungergeister, obwohl sie unheimlich hungrig und durstig sind, weder trinken noch essen, ohne daß es ihnen furchtbare Schmerzen bereitet. Ihre langen, dünnen Hälse sind so schmal und wund, daß sie beim Schlucken unerträglich gereizt werden und brennen. Ihre aufgeblasenen Bäuche können keine Nahrung verdauen; alle Versuche, den Hunger zu stillen, verstärken nur noch die Hungergefühle und das Verlangen. Die Hungrigen Geister sind unfähig, sich eine angemessene, wenn auch kurzlebige Befriedigung zu verschaffen. Sie bleiben ständig in der Wahnvorstellung befangen, sie könnten von vergangenem Schmerz vollkommen erlöst werden, und wollen nicht zur Kenntnis nehmen, daß ihr Wunsch unerfüllbar ist. Diese Menschen sind vom Wissen um die Unstillbarkeit ihres Verlangens entfremdet, sie müssen sich ihre Phantasievorstellung erst als eine solche klarmachen. Die Hungergeister müssen mit der gespenstischen Natur ihrer eigenen Sehnsüchte in Berührung kommen.
Dies ist jedoch, selbst mit der Hilfe eines Psychotherapeuten, keine leichte Aufgabe für einen Hungrigen Geist. Problemfälle aus dem Bereich der Hungergeister kommen zunehmend in die Praxis des Psychotherapeuten. Erst kürzlich war Tara, eine Professorin für französische Literaturgeschichte, meine Patientin; ihr Leben war das personifizierte Schicksal der Hungrigen Geister. Sie schilderte eine lange Reihe von Beziehungen mit anderen erfolgreichen Akademikern. Tara fing immer wieder eine leidenschaftliche Liaison zu einem Mann an, während sie noch eine Beziehung zu einem anderen hatte. Dabei hielt sie den Mann, mit dem sie gerade zusammenlebte, immer auf Distanz. Plötzlich entdeckte sie all seine Fehler und Schwächen, sie begann, das sexuelle Interesse an ihm zu verlieren und vor allem ihn daran zu hindern, sie körperlich und emotional zu berühren. Zur gleichen Zeit träumte sie schon von dem anderen, der in ihr Leben treten würde. Sexuell war sie zwar sehr erfahren, doch hatte sie nur selten einen Orgasmus und gestand ein gewisses vages Unbehagen bei Intimitäten. Sie erinnerte sich an eine unglückliche und sehr kritische Mutter, die sie als Kind selten berührt hatte und einmal sogar, als sie wegen Taras Sturheit beleidigt war, deren Teddybär zerrissen hatte. Tara kam in die Therapie, nachdem sie es zuerst mit der Zen-Meditation (Zazen) versucht hatte, vor der sie aus unerfindlichen Gründen große Angst hatte, und zwar so sehr, daß sie aus der Meditations–Halle (Zendo) flüchtete, statt still sitzen zu bleiben.
Tara bemühte sich unentwegt um die Art von Nahrung, die sie früher einmal gebraucht hatte, die jetzt für sie als erwachsene Frau aber unangemessen war. (Selbst wenn sie jemanden gefunden hätte, der sie so »gehalten« hätte, wie ihre Mutter es nie getan hat, wäre es doch unwahrscheinlich, daß sie dies sehr lange befriedigt hätte. Statt dessen hätte sie solche Verhaltensweisen als erdrückend empfunden, da sie für ihre tatsächlichen Bedürfnisse als Erwachsene irrelevant waren.) Sie fürchtete sich vor dem, was sie sich am meisten wünschte, und war unfähig, die kurzzeitigen Befriedigungen zu genießen, die ihr geboten wurden. Die Möglichkeit einer Beziehung zu einem Mann regte Tara nur dazu an, die Phantasie von einer befreienden Beziehung zu einem anderen Mann wieder aufleben zu lassen. Sie begriff nicht, daß sie ein unerreichbares Ideal konstruierte, und widersetzte sich sogar jeder Diskussion über diese Phantasien. Sie war von ihnen getrieben, zugleich aber unfähig, sich ihre Realität, geschweige denn ihre Irrealität einzugestehen. Erst als sie allmählich lernte, ihre Sehnsüchte zu artikulieren, war sie in der Lage, die schmerzlichen Kindheitserlebnisse wiederzubeleben. Von diesem Moment an schwand ihre Angst vor dem Zazen, und ihr wurde ihr zwanghaftes Bedürfnis bewußt, aus dem heraus sie diejenigen schlechtmachte, die mit ihr intim werden wollten.
In der traditionellen Darstellung des Lebensrads erscheint der Bodhisattva des Mitgefühls im Bereich der Hungergeister mit dem Gefäß der himmlischen Speise, einer Schale mit den Symbolen für spirituelle Nahrung. Die Botschaft ist klar: Essen und Trinken vermögen die ungestillten Bedürfnisse dieses Bereichs nicht zu stillen. Nur das nicht urteilende Gewahrsein, das der Buddha vervollkommnet hat, bietet Erlösung.
Diese verzweifelte Sehnsucht nach unerschöpflicher Fülle ist im Abendland weit verbreitet und firmiert in der Psychologie als »geringes Selbstwertgefühl«. Diesen Geisteszustand zu verstehen erwies sich für viele Lehrer des Buddhismus aus dem Osten als besondere Schwierigkeit im Umgang mit ihren westlichen Schülern. Das Ausmaß, in dem die westliche Psyche unter innerer Leere und Minderwertigkeitsgefühlen leidet, erschien den im Osten aufgewachsenen Lehrern überwältigend; auch werden die zwanghaften Kompensationsphantasien, die die Schüler häufig mit eben jenen Lehrern verbinden, nur selten gründlich psychoanalytisch behandelt. Genauso wie man die Leere der Hungrigen Geister erlebt haben muß, um die Stillung alter Bedürfnisse nicht mehr von ungeeigneten Quellen zu erwarten, so muß der von solchen Gefühlen geplagte westliche Schüler die Leere zum Gegenstand seiner Meditation machen. Erst dann läßt sich die Abscheu vor sich selbst in Gelassenheit überführen, eine Aufgabe, bei der Psychotherapie und Meditation einander gut ergänzen.

aus dem 1. Kapitel »Das Lebensrad – ein buddhistisches Modell des neurotischen Geistes«


Dazu zwei Absätze aus der Einleitung zum Kapitel »Die seelische Entwicklung des Kleinkindes aus psychoanalytischer Sicht« von Jochen Stork:

Der Leser wird besser verstehen, welche besondere Bedeutung die frühe Kindheit für die Psychoanalyse hat, wenn wir auf den Grundpfeiler der psychoanalytischen Lehre, auf das Unbewußte und seine spezifische Dynamik verweisen; denn ein Hauptcharakter des Unbewußten ist die Beziehung zum Infantilen – das Unbewußte ist das Infantile (Freud, VII, 401) [Hervorhebung von mir]. Mit der Entdeckung des Unbewußten hat Freud die Vorstellung, die sich die Philosophie und klassische Psychologie vom psychischen Geschehen machten, grundlegend revolutioniert. Die große Bedeutung dieser Entdeckung – die nicht ein Postulat, sondern das Ergebnis von systematischen Beobachtungen darstellt – wird erst verständlich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, daß bis zu seiner Zeit »bewußt« und »psychisch« identisch waren (Freud, XIV, 57), man das Bewußtsein für das wesentliche Regulationssystem hielt, welches, in der Kindheit nur unvollständig ausgebildet, im Laufe der Jugendjahre seine Reife erlangt und die Grundlage für alles seelische Erleben darstellt. Neben dieser formalen Organisation existiert ein Gefühlsleben, welches seine eigenen Gesetze hat und von den Prinzipien der Bedürfnisse und Leidenschaften beherrscht ist.
Mit der Freudschen Erkenntnis kam es zu einer Umkehrung der herkömmlichen Denkkategorien und dadurch zu einer tief gehenden Verunsicherung des Menschen. Freud konnte zeigen, daß das Unbewußte die Basis allen seelischen Erlebens ist. Das grundsätzliche Infragestellen der Macht des Verstandes und des Bewußtseins und die Existenz des Unbewußten bedeutet für den Menschen eine schwer erträgliche Verunsicherung, nämlich nicht Herr im eigenen Hause zu sein, seine Gefühle und Phantasien letztlich nicht mit der Kraft des Verstandes beherrschen zu können.

aus Dieter Eicke (Hrsg.), Tiefenpsychologie, Bd. 2, aus Kindlers »Psychologie des 20. Jahrhunderts«

Donnerstag, 20. September 2007

Geiz ist geil zum nächsten

… Erstmals hat das Südwind-Institut nun intensiv in China und Indonesien recherchiert, unter welchen Bedingungen Aldi-Kleidung hergestellt wird. »Insbesondere bei chinesischen Zulieferern von Aldi werden grundlegende Arbeitsrechte in einem bisher ungeahnten Ausmaß verletzt«, heißt es in der jüngst veröffentlichten Studie.

Die untersuchten Fabriken liegen allesamt in der flachen Provinz Jiangsu, einem Zentrum der chinesischen Textilindustrie. Vor allem Frauen arbeiten dort, etwa als Näherinnen, unter trostlosen Bedingungen. Zum Beispiel in Betrieb Nummer 2, wo etwa 500 Menschen beschäftigt sind: Die Produktionshalle liegt am Rande einer neuen Autobahn, mitten im Feld. In einiger Entfernung steht eine eintönige Betonsiedlung. Es gibt weder eine Kneipe noch einen Imbiss oder auch nur ein paar Bänke, auf denen man zusammensitzen kann. Die meisten Näherinnern sind Wanderarbeiterinnen und wohnen in Schlafsälen direkt neben der Fabrik. Auch Jugendliche unter 15 Jahren, vom Gesetz her noch viel zu jung, um unter diesen Bedingungen zu arbeiten, gehören zur Belegschaft. Von morgens um 8 bis abends um 21 Uhr sitzen sie mit gebeugtem Rücken über der Maschine, unterbrochen wird der dreizehnstündige Arbeitstag nur durch zwei Essenspausen. Um 22 Uhr werden die Schlafsäle zugesperrt.

Einen schriftlichen Arbeitsvertrag haben viele nicht. Wer kündigen will, muss um Erlaubnis fragen. Oft passt es dem Arbeitgeber nicht, sich neue Leute zu suchen, oder er findet so schnell niemanden. Häufig machen die Auftraggeber aus Europa oder den USA soviel Druck, dass täglich bis 22 Uhr und am Wochenende manchmal sogar bis Mitternacht gearbeitet werden muss. Dann verweigert der Chef einfach die Kündigung. Weil alle Betriebe den Lohn erst mit wochenlanger Verzögerung auszahlen, können die Arbeiter nicht einfach gehen – oder sie müssen in Kauf nehmen, 20 bis 50 Tage umsonst geschuftet zu haben. Manchmal werden Frauen mit Gewalt davon abgehalten zu gehen. Dann bleibt ihnen nur die Möglichkeit, sich nachts aus den gut bewachten Schlafsälen zu schleichen und zu hoffen, dass niemand sie ertappt.

In manchen Fabriken wird an sieben Tagen in der Woche gearbeitet, nur zwei Tage im Monat sind frei. Bis zu 336 Stunden im Monat nähen die Arbeiterinnen Mäntel, Blusen, Hosen und T-Shirts. Trotz der zahllosen Überstunden verdienen viele von ihnen nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn, der sich an einer 40-Stunden-Woche orientiert und je nach Region zwischen monatlich 480 und 690 Yuan (46 bis 66 Euro) beträgt. Legt man die in China gesetzlich vorgeschrieben Überstunden- und Feiertagszuschläge zugrunde, verdienen neu eingestellte Arbeiterinnen oft nur ein Drittel dessen, was ihnen zusteht.

Die Unterbringung in Schlafsälen ermöglicht den Arbeitgebern eine intensive Überwachung der Belegschaft. Wer versucht, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen und darüber auch nur mit den Kolleginnen diskutieren will, muss mit einem Rausschmiss rechnen. Zugleich dienen die rigiden Einschlusszeiten dazu, Schwangerschaften zu verhindern – denn werdende Mütter halten den langen Arbeitstag irgendwann nicht mehr durch und fallen anschließend eine Weile völlig aus. Dem chinesischen Recht entspricht diese Praxis nicht, doch im Alltag werden die Gesetze immer wieder übergangen…

Die Broschüre gibt es für fünf Euro auf Papier über Fax 02241/51308 oder im Internet unter: www.suedwind-institut.de

aus dem Artikel »Ich frage mich, warum die Sachen so billig sind« in Publik-Forum 11/2007



Martin Domke, Sprecher der Kampagne Fair Play – Fair Life, hat die Entscheidung des Sportartikelherstellers Nike, wieder in Pakistan zu produzieren, als »interessant« bezeichnet. Es tue sich offenbar etwas in der Fußballproduktion. Nike hatte die Pakistan-Produktion eingestellt, nachdem es massive Proteste wegen unlauterer Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit gegeben hatte. Nun, so Nike, habe der pakistanische Vertragspartner zugesagt, neue Arbeitsrichtlinien für die Branche einzuführen. Alle Arbeitnehmer sollten als Vollzeitkräfte eingestellt werden, einen ordentlichen Stundenlohn und Anspruch auf Sozialleistungen erhalten: »Der Vertrag verbietet den Einsatz von Teilzeitarbeitern, die nach Stückzahl hergestellter Bälle bezahlt werden und keinerlei Anrecht auf Gesundheitsfürsorge und andere Sozialleistungen haben«, so Nike.
aus Publik-Forum 11/2007

Mehr Jobs,weniger Rendite


Was Familienunternehmer von Aktionären unterscheidet

Alle sprechen über den Börsenboom und den Deutschen Aktienindex (Dax), doch die Bilanz der 30 Dax-Unternehmen ist nicht berauschend. Von 2003 bis 2005 haben sie ihre Renditen erheblich gesteigert, aber die Zahl ihrer Mitarbeiter in Deutschland um 3,S Prozent auf 1,6 Millionen abgebaut.

Besser ist die Bilanz der 500 größten deutschen Familienunternehmen. Sie haben ihre inländischen Belegschaften von 2003 bis 2005 um rund zehn Prozent aufgestockt. Diese Zahlen aus einer Studie des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung zeigen, dass Familienunternehmen für die Wirtschaft und vor allem für die Beschäftigten weitaus bedeutender sind, als dies oft angenommen wird.

Bei den Gewerkschaften sind Familienunternehmen nicht immer beliebt, weil diese in vielen Fällen patriarchaler geführt werden als Kapitalgesellschaften. Dennoch bietet die Struktur von Familienunternehmen gerade in Zeiten wachsender globaler Konkurrenz große Vorteile. Börsennotierte Aktiengesellschaften müssen vor allem eine hohe Rendite für ihre Aktionäre erwirtschaften. Da an den Börsen Renditen auf das eingesetzte Kapital, von rund 20 Prozent erwartet werden, setzen Börsenunternehmen vor allem auf die Senkung ihrer Kosten: Dann steigt zwar ihr Umsatz – bei den Dax-Unternehmen zwischen 2003 und 2005 um durchschnittlich neun Prozent –, dennoch werden Arbeitsplätze abgebaut. Dazu kommt die äußerst kurzfristige Ausrichtung dieser Unternehmen: Sie müssen zumeist in jedem Quartal bilanzieren und setzen deshalb auf den schnellen Erfolg.

Nicola Leibinger- Kammüller, Familienchefin des baden-württembergischen Maschinenbauunternehmens Trumpf sieht denn auch den größten Vorteil der Familienunternehmen in ihrer langfristigen Ausrichtung: »Familienunternehmen lassen sich nicht von Quartalsberichten diktieren.« Für Firmen wie Trumpf sei es wegen der geringeren Abhängigkeit von den Börsen und von renditeorientierten Anteilseignern leichter, auch eine Krise ohne massive Kahlschläge bei den Mitarbeitern zu überstehen.

Dazu kommt, so Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen, »dass diese Betriebe nicht primär durch Übernahmen von Mitbewerbern und Fusionen wachsen, die in der Regel hohe Arbeitsplatzverluste bedeuten. Sie wachsen stattdessen organisch aus sich heraus«. So zeigt denn die Studie des Instituts für Mittelstandsforschung einmal mehr, dass die Krise der deutschen Wirtschaft nicht in erster Linie eine Krise der Konjunktur ist. sondern auch eine Krise der Eigentumsstrukturen: Je mehr Kapital an die Eigentümer abgeführt wird, desto weniger Arbeitsplätze bleiben. • Wolfgang Kessler

aus Publik-Forum 11/2007

Bischof von Kärnten gegen Hedgefonds

Hedgefonds sind »ethisch nicht vertretbar«. Dies ist die Einschätzung des Kärntner Bischof Alois Schwarz. Seine Begründung: Hedgefonds stünden für eine ausschließlich an maximalem Profit orientierten Investmentstrategie, die keine sozialen oder ökologischen Kriterien berücksichtigen. Die scharte Kritik bezieht sich auf Anlagefonds, die unter dem Namen Hedgefonds geführt werden. Diese Fonds sammeln Geld von Großanlegern aus der ganzen Welt und investieren es in spekulative Anlagen oder beteiligen sich an Unternehmen. Ihr Ziel ist die höchstmögliche Rendite für' die Anleger. Seine radikale Kritik an dieser Anlageform stellt Schwarz an die Seite grundsätzlicher Wirtschaftskritiker, die Hedgefonds als schädlich für Unternehmen und als spekulativen Risikofaktor für die Weltwirtschaft beschreiben. Schwarz selbst betont dass seine Diözese beim Aufbau von Vorsorgefonds für pensionierte Priester eine andere Anlagestrategie verfolge. Hochspekulative Anlagen seien grundsätzlich ausgeschlossen. Maximal 30 Prozent der Gelder würden in Aktien investiert die anderen in sichere Wertpapiere. Außerdem würde bei den Anlagen auf Ethik und Nachhaltigkeit geachtet.

aus Publik-Forum 11/2007

Mittwoch, 12. September 2007

Die Quelle der Courage

Meditation lässt uns die Wirklichkeit schärfer wahrnehmen und befreit den Geist zum politischen Engagement. Ein Plädoyer für ein neues Bewusstsein, das zum Handeln führt

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Von Michael von Brück

Das Verhältnis von Meditation und politischer Verantwortung ist zwar seit dem benediktinischen Ora et labora (Bete und arbeite) ein Thema des europäischen Geistes, doch ist bis heute unklar, wie beide konkret aufeinander bezogen und gelebt werden sollen. Der Verdacht, Meditation und Mystik entzögen sich den politischen Herausforderungen, prägt nach wie vor die Debatte. Dagegen beteuern Mystikerinnen und Mystiker, dass die geistige Erfahrung »auf dem Marktplatz« gelebt werden müsse. Sie kritisieren, dass die Intentionen vieler Sozialreformer an der institutionellen Oberfläche steckenbleiben, wo doch erst ein verändertes Bewusstsein den Umgang mit den Institutionen und ihr Leben darin verbessern könne.

Dabei gibt es vielfältige Herausforderungen für das politische Handeln. Doch die Probleme, denen wir heute gegenüberstehen, sind so vielfältig und unüberschaubar geworden, dass wir einen Angelpunkt brauchen, um Prioritäten setzen zu können. Ein solcher möglicher Angelpunkt ist die Analyse und Übung der eigenen Bewusstseinsfunktionen.

Unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken sind geprägt von früheren Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken sowie von gegenwärtigen Eindrücken. Wir nehmen nichts wahr. wie es ist, sondern alles ist eingefärbt durch unser Bewusstsein. Alles ist »gefiltert«. Diesen Filter genau zu kennen und zu »reinigen« ist eine zentrale Aufgabe, wenn wir in unserem Denken und Handeln klarer werden wollen.

Vier grundlegende Aspekte des Bewusstseins lassen sich unterscheiden. Dabei steht die empfindende Wahrnehmung an erster Stelle. Denn von der Achtsamkeit des Bewusstseins auf den gegenwärtigen Augenblick hängt jede ungetrübte und klare Aktion und Reaktion ab. Wir können nicht »angemessen« handeln, wenn das Maß von vornherein nicht stimmt und alles nur verzerrt durch den Spiegel unserer maßlosen Wünsche oder Ängste erscheint. Ästhetik im weitesten Sinne, die staunende Wahrnehmung der Menschen, der Dinge, der Natur, der Kunst und der eigenen Bewusstseinsfunktionen öffnet Möglichkeiten zur Bildung des Menschen, die noch längst nicht ausgeschöpft sind.

Auch Gefühle und Affekte werden durch eine achtsame Wahrnehmung unmittelbar beeinflusst. Sie werden stabiler und kontrollierter. Das urteilende Denken wird durch Achtsamkeit ausgewogener. Es urteilt nicht vorschnell kann Vorurteile als ichzentrierte Projektionen erkennen und die Folgen einzelner Gedanken und Handlungen umfassender abschätzen als ein Denken, das durch einseitige Interessen irregeleitet wird. Entsprechend wird das Handeln vernünftig sein, weil unterschiedliche Aspekte einbezogen werden. Es wird besonnen sein, weil die Affekte kontrolliert werden, und es wird realitätsbezogen sein, weil ichhafte Wunsch- und Angstmuster durchschaut werden.

Ich plädiere deshalb für eine gezielte Bewusstseinsschulung, die das Handeln neu motiviert strukturiert und bewusst gestaltet. Dabei geht es um den Aufbruch aus starr gewordenen Mustern des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handeins und das auf vier Ebenen: der individuellen, der gemeinschaftlichen, der staatlichen, der globalen.

Wesentlich auf der individuellen Ebene ist die Übung von Achtsamkeit, die nur möglich wird durch eine Entdeckung der Langsamkeit. Lebensqualität stellt sich ein, wenn die angemessene Zeit gefunden wird. Maße und Proportionen sind den Dingen und Abläufen selbst eigen, sie dürfen nicht in Generalisierungen anderen Dingen und Prozessen übergestülpt werden. So kann sich klares Denken im musischen Spiel entfalten, das nicht getrübt wird vom Druck zu schnellen Entscheidungen. Hier wird erkennbar, inwiefern Ästhetik zu einem der wichtigsten Instrumente der Heilung unserer Kultur werden kann: durch die Entdeckung des Schönen in der Langsamkeit.

Achtsamkeit entsteht durch den Rhythmus des Atems. Dieser gibt die Eigengeschwindigkeit oder Eigenzeit des Menschen vor – im Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln. Darum ist Achtsamkeitsübung zunächst nichts anderes als eine Meditation des Atems. Meditationsübungen kennen wir aus allen Kulturen, und sicherlich ist das Meditieren in einer Übungstradition sinnvolL die sich seit Jahrhunderten bewährt hat.

Aber nicht wenige Menschen haben dazu keinen Zugang. Für sie ist es sinnvoller, innezuhalten, die Natur oder ein Kunstwerk zu betrachten oder bei den alltäglichen Verrichtungen genau wahrzunehmen, was sie eigentlich tun. Dabei ist es wichtig, alle Sinne zu erproben und zu sammeln, also etwa den Klang eines rauschenden Baches in allen Details zu vernehmen, sodann sich das Bild des fließenden Wassers einzuprägen: die Augen zu schließen und das Bild im Innern wieder entstehen zu lassen. Meditation ist eine hervorragende Übung der Wahrnehmungsfähigkeit.

Achtsamkeit und Meditation fördern die Intensität von Wahrnehmung und Genuss. Damit wird die Gier nach ständiger Reizstimulation vermindert, was wiederum den Verbrauch von immer neuen Ressourcen (Personen, Beziehungen, Dingen) minimiert. Statt Quantität lernen wir, Qualität zu erleben. Das hat zur Folge, dass wir uns selbst intensiver spüren, ganz dabei sind und das Gefühl bekommen, selbst zu leben und nicht von außen gesteuert zu werden.

Wir sind dann nicht ständig auf der Flucht vor dem ungelebten Leben, das wir in uns ahnen. Wenn wir nicht mehr vor dem Leben und uns selbst davonlaufen, können wir Angst und das Anhaften an Vergangenem, von dem wir Sicherheit erwarten, vertrauensvoll loslassen. Wenn Angst wirklich reduziert wird, folgt daraus eine Verminderung von destruktiven Gedanken und Gewalt. Wenn Gewalt in welcher Form auch immer, vermindert wird, können wir begründete Hoffnung haben.


Dieser Bildungsprozess vollzieht sich nicht im gewohnten Paradigma des technologisch Machbaren, sondern nur durch das geduldige Annehmen von kreativem Neuwerden – und zwar auf allen Ebenen menschlicher Beziehungen: zu sich selbst, im engeren zwischenmenschlichen Bereich, gesellschaftlich und global. Neuwerden bedeutet, verfestigte Seh- und Lebensgewohnheiten loszulassen. Und es bedeutet den Mut zum Neu-Sehen des anderen, den Mut zum ersten Schritt auch den Mut zur Einmischung in unerträgliche Zustände aufzubringen, was gemeinhin unter dem Stichwort »Zivilcourage« angesprochen wird. Oft fällt das schwer, weil die Gewohnheit uns vom Aufbruch abhält – weil das Bedürfnis nach Sicherheit dazu führt, an Gewohntem anzuhaften. Denn das Bewährte verheißt Orientierung und Stabilität aber es verhindert notwendige Anpassungsleistungen. Ein wünschbares Maß wäre das Gleichgewicht zwischen der Tendenz zum Beharren und der Motivation zum kreativen Aufbruch. Und der tut not.

In modernen Gesellschaften droht alles zum Produkt zu werden, Produkte aber werden in Quantitäten gemessen. Davon sind Kultur und Wissenschaft, ja überhaupt alle menschlichen Beziehungen betroffen. Wo alles zum Markt wird, ist der Mensch auf messbare Funktionen reduziert, besonders auf seine Rolle als Verbraucher. Daraus folgt eine Verdinglichung des Menschen und all seiner Beziehungen. Wenn alles Material wird, wird auch der Mensch Material – »Menschenmaterial« ist nicht erst eine zynische Begriffsbildung im tatsächlichen Krieg, sondern in unserer ganzen Wirtschafts- und Wertestruktur! [dazu siehe unten einen Spruch von Dietrich Bonhoeffer]

Was ist dagegen zu tun? Selbstorganisation von kulturellen Subsystemen auf Non-Profit-Basis könnte sich als durchaus sinnvoll erweisen, insofern dadurch das demokratische Kräftespiel unterstützt würde, das Kapital und Medien zur Farce werden zu lassen drohen. Der Staat könnte durch engagierte Zivilcourage, durch Bürgerengagement und Einmischung motiviert werden, seine Aufgabe wahrzunehmen, die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Wirtschaften zu setzen und durchzusetzen.

Erfindung und Ausübung eines solchen Bürgerengagements gehören in die Lehrpläne der Schulen! Inhalt der notwendigen Weiterentwicklung wären die Optimierung der politischen Wirkung ebenso wie die Qualität des Umgangs miteinander und die genaue Prüfung der Ziele im Sinne nachhaltigen Lebens und Wirtschaftens.

Es wird dabei darauf ankommen, zu durchschauen, wie Wirtschaft und Politik die Muster unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit prägen. Das ist die Voraussetzung dafür, diese Muster durch kreatives Handeln aufzubrechen. Solange wir dies nicht leisten, werden wir mit unendlicher Gier und in immer größerer Geschwindigkeit die endlichen Ressourcen der Erde verbrauchen. Abgesehen davon, dass einige wenige den größten Teil dieser Ressourcen für sich in Anspruch nehmen, dieses Monopol gewaltsam verteidigen und damit die Ungerechtigkeit bei der Verteilung weltweit dramatisch zunimmt, kann dieser Prozess im endlichen System Erde nicht unendlich lange andauern.

Die Möglichkeit zur Lösung des Widerspruchs liegt in der Eindämmung der Gier und in einem intelligenteren Wirtschaften, das systemisch und nachhaltig arbeitet. Letzteres ist möglich, wenn es politisch gewollt wird; Ersteres ist erreichbar durch Bewusstseinsschulung. Wo eines auf das andere aufbaut, kann den Herausforderungen der Zeit kreativ begegnet werden.

Bei diesem Text handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Vortrags, den der Münchner Religionswissenschaftler kürzlich bei einem Symposion des Arbeitskreises Meditation in der Evangelischen Kirche im Rheinland in Wuppertal hielt.
Aus Publik-Forum Nr. 11•2007



Auf LebedeinBestes ist der Artikel auch zu finden, die Seite scheint ganz interessant zu sein.

Der gesamte Vortrag kann hier (Seite der evangelischen Kirche im Rheinland) heruntergeladen werden. Bei denen kann man – hört, hört – auch das Suchwort »Meditation« eingeben. Und wer dann ein bißchen sucht, kann sich eine sehr brauchbare Einführung in Meditation im PDF-Format herunterladen! (Die Zeiten ändern sich! Als ich 1987 auf einer Veranstaltung der Lindauer Psychotherapiewochen etwas von Meditation sagte, wurde ich angesehen, als ob ich dringen psychiatrisch behandlungsbedürftig wäre. Anscheinend besinnen sich die christlichen Kirchen jetzt auf ihre Tradition, und anscheinend wächst im Schoß der Kirche jetzt das zarte Pflänzchen Mystik. Toi, toi, toi!)

Auf dem World Spirit Forum in Arosa hat Michael v. Brück im Januar 2004 einen Vortrag gehalten (Ethik des Seins – Grundlagen für kreative Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft), der hier heruntergeladen werden kann.


Qualität ist der stärkste Feind jeder Art von Vermassung.
Quantitäten machen einander den Raum streitig,
Qualitäten ergänzen einander.

(Dietrich Bonhoeffer, Nach zehn Jahren, Jahreswende 1942/1943)
[eingefügt von mir, nicht von v. Brück]




Michael v. Brück ist ein Freund des Dalai Lama. Dieser sagte ihm einmal: »Michael, das Beste, was Ihr im Westen habt, ist Euer kritisches Bewußtsein. Behaltet es, behaltet es!«


Noch ein Link zu einem Interview mit ihm im Stern

Zu einem Grundsatzartikel über Buddhismus bei geistigenahrung.org

Zu einem Artikel von Vimalo Kulbarz über Erkenntnisaspekte

Als Kontrastprogramm ein Artikel aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 13.9.2007:

Kompromisslose Schnäppchenjäger: 5000 nächtliche Einkäufer brachten die Glastür zum Splittern und sorgten für Chaos – trotz Polizei. ddp

„Das ist die Hölle hier“
5000 Besucher stürmen Berliner Elektromarkt zur Eröffnung / 15 Verletzte

Von Patricia Driese
Berlin. Besucher kletterten über die Kassen und liefen Rolltreppen gegen die Fahrtrichtung hoch, Verkäufer brachen in Tränen aus: Die Eröffnung eines Elektronikmarktes am Berliner Alexanderplatz hat in der Nacht zum Mittwoch Tumulte und Panik ausgelöst. 15 Menschen wurden im Gedränge verletzt, sechs mussten im Krankenhaus behandelt werden. Angezogen von Lockangeboten wollten die rund 5000 Besucher in das „Alexa“-Einkaufszentrum gelangen, wo der neue Markt um Mitternacht den Verkauf begann. Um 1.40 Uhr musste die Polizei die Eingänge sperren, erst um 5 Uhr morgens wurde das Geschäft wieder geöffnet.
„Das ist die Hölle hier“, sagte ein Mitarbeiter des „Media Markts“ im Chaos kurz nach Mitternacht. Verzweifelt versuchten die Angestellten, die Menschenmasse in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken. Doch selbst rund 70 Sicherheitsleute des Marktes konnten den Ansturm auf die nach Firmenangaben mit 8000 Quadratmetern weltweit größte Filiale der Kette nicht unter Kontrolle bekommen. Zusätzlich mussten 100 Polizisten den überforderten Ordnern zur Hilfe eilen.
In der Warteschlange vor dem Gebäude war es schon vor der Öffnung zu Rangeleien gekommen. Innen geriet die Situation bald außer Kontrolle. Die Glastür des „Alexa“-Haupteingangs hielt dem Andrang nicht stand und zersplitterte. Einige Schnäppchenjäger zogen sich Schnittwunden zu. Rettungskräfte rückten aus. Menschen fielen in Ohnmacht, andere verletzten sich an den Knien. Als der Andrang zu groß wurde, forderten Polizisten auf den Kassen stehend die Käufer mit Lautsprechern auf, das Gebäude sofort zu verlassen. Die Türen wurden danach bis in den frühen Morgen geschlossen.
Der Filialist, der in Berlin und Brandenburg schon 15 Märkte betreibt, zeigte sich von dem Ansturm überrascht. „Wir waren sehr erstaunt, dass so viele Menschen in der Nacht zur Eröffnung kommen – Berlin schläft anscheinend nie“, sagte ein Unternehmenssprecher. Schnäppchen wie etwa ein Laptop für weniger als 500 Euro, ein Mobiltelefon für 39 Euro oder eine Digitalkamera für 130 Euro könnten den Andrang ausgelöst haben. Der Schaden sei noch nicht abzuschätzen. Eine Rolltreppe sei beschädigt worden, Diebstähle seien bisher aber nicht festgestellt worden. Der „Media Markt“ gehört zum neuen „Alexa“-Einkaufszentrum, das am Donnerstag am Alexanderplatz eröffnet wurde.
Massenanstürme auf Geschäfte und Sehenswürdigkeiten sind in Berlin keine Seltenheit. Als im März das KaDeWe seinen 100-jährigen Geburtstag mit 5000 Tortenstücken feierte, bildeten sich bereits am frühen Morgen lange Schlangen vor dem Kaufhaus. Zur Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs 2006 kam eine halbe Million Menschen. dpa

Dienstag, 11. September 2007

Spruch des Tages

»Was einmal in die Hose gegangen ist, kann nicht mehr geradegebügelt werden.«

[Wird das nach der neuen deutschen Rechtschreibung nicht getrennt geschrieben? Vielleicht muß man es auch getrenntbügeln …]

Wem das Appetit gemacht hat und gefühlte Artischocken nicht mag, kann bei Zwiebelfisch weiterlesen… (Link: »Das Bild hängt schief«, letzter Absatz)

Hier der Klappentext zu Bastian Sicks neuestem Buch »Happy Aua«:

Gordon Blue, gefühlte Artischocken, strafende Hautlotion - nichts, was es nicht gibt! Bastian Sick sammelt sie Woche für Woche. Seit er seine Internet-Kolumne "Zwiebelfisch" schreibt, erreichen ihn täglich die mal komischen, mal erschreckenden Entdeckungen seiner Leser und Leserinnen. Diese Fundstücke hat er zusammengestellt und mit Kommentaren versehen. Herausgekommen ist das bizarrste Deutschlesebuch der Welt. Speisekarten sind besonders gefährdet und Werbeprospekte gibt es eigentlich nie ohne. Ein fehlerfreies Hinweisschild ist eine Rarität und die Tageszeitungen liefern uns kostenfrei mit den neusten Nachrichten aus Politik, Kultur und Sport: die kleinen Verschreiber, die falsch gesetzten Apostrophe, die gefühlten Kommas, die missverständlichen Anweisungen und die unfreiwillig komischen Wortkombinationen. Da wird der Müll nicht mehr nach Bioabfall, Glas oder Verpackung getrennt, sondern zwischen Restmüll und Mieter unterschieden. Ganz Afghanistan explodiert, aber es gibt nur 28 Tote. Wo liegt Neupfundland? Bei Schnitel mit Championg und Pharmaschinken vergeht uns der Appetit, aber glücklicherweise nicht der Humor. Das kann natürlich alles aus dem Rudel laufen, aber Bastian Sick hat alle Handycaps, Fluchversuche und andere Mallörs sorgfältig zusammengestellt und auf seine unvergleichliche Art kommentiert. Das war natürlich eine Syphillisarbeit, aber wir werfen ja hier die Säue vor die Perlen. Nach den sensationellen Kolumnenbänden "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" versammelt "Happy Aua" den Stoff, aus dem die Sprache in ihrer falschesten Form ist. Vor diesem Deutschlesebuch kann nur gewarnt werden, hier ist alles falsch und brüllend komisch. "Bastian Sick ist Kult". Frankfurter Allgemeine Zeitung

Papst betont Bedeutung des Sonntags

Wien (rtr). Papst Benedikt XVI. hat am Abschlusstag seiner Österreichreise die Bedeutung des Sonntags betont. Auch in der modernen europäischen Gesellschaft müsse dieser Tag mehr bedeuten als Freizeit. Der Ruhetag gebe Gelegenheit zur Besinnung über das eigene Tun und die Folgen menschlichen Handelns für die Umwelt. „In einer Zeit, in der Schöpfung durch unser Menschenwerk vielfältig gefährdet scheint, sollten wir gerade auch diese Dimension des Sonntags bewusst aufnehmen“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche im Wiener Stephansdom vor rund 5000 Gläubigen. Benedikts Äußerungen fallen nicht nur bei Katholiken auf fruchtbaren Boden fallen. Auch Gewerkschaften wehren sich gegen eine Freigabe der Öffnungszeiten am Sonntag.

aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 10.9.2007

Was wir von anderen lernen können

Ein Kontinent strahlt ab

Nach einer Jahrhundertdürre wird Australien zum Klimaschützer und will bis 2010 alle herkömmlichen Glühbirnen ersetzen.

Bislang hat sich Australien keineswegs als Klimaschutz-Pionier hervorgetan Noch immer lehnt die Regierung das Kyoto-Protokoll zur Reduzierung der Treibhausgase ab. Doch nach der Jahrhundertdürre scheint „down under“ nun ein Licht aufzugeben – indem die Lichter ausgehen. Am Abend des 1. April wurde es in Sydney eine Stunde lang dunkel, selbst das Flutlicht der Oper und riesige Werbeleuchtreklamen erloschen. Mit dieser vom WWF initiierten Aktion setzten Hunderttausende Bürger und 2000 Unternehmen ein Zeichen für den Klimaschutz. Das tat auch die australische Regierung Ende Februar verkündete sie, dass his 2010 alle herkömmlichen Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzt werden müssen. Jeder Haushalt kann so den Kohlendioxidausstoß um bis zu 150 Kilo pro Jahr senken. Nach Kuba ist Australien das zweite Land, das diesen Schnitt unternimmt Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel befürwortet die Ächtung der Glühbirne, aber noch konnte sich die Berliner Koalition nicht zum Nachahmen durchringen.

Beim Verbraucher ist die Botschaft offensichtlich angekommen Nach den australischen Bann der Birne stieg hierzulande prompt die Nachfrage nach Energiesparlampen. Und die Forschungsabteilungen der Lichtkonzerne laufen längst auf Hochtouren. So will Osram im Sommer Halogen-Energiesparlampen auf den Markt bringen. Würden in der EU alle Glühbirnen durch Sparlampen ersetzt, wären laut Greenpeace 25 Großkraftwerke überflüssig.


Österreich
Passivhaus ist Pflicht

Vorarlberg weist den Weg in die energieeffiziente Zukunft. Seit Anfang des Jahres dürfen gemeinnützige Wohnbauträger in dem österreichischen Bundesland nur noch Passivhäuser, hauen. Für die Bewohner der Sozialwohnungen entstehen keine Mehrkosten, da sich die Wohnungsbauförderung erhöht – und die Heizkosten um 15 Prozent sinken. 2015 soll der Passivhaus-Standard im gemeinnützigen Wohnungsbau in ganz Osterreich gelten.

aus dem Greenpeace-Magazin 4/2007