Samstag, 16. April 2011

Staatsknete für Independents?

Wie Kommerz die Qualität von Literatur beeinträchtigt und warum Independent-Verlage vom Staat unterstützt werden sollten: André Schiffrin, Verleger beim einflussreichen US-Indie-Verlag »The New Press«, im Börsenblatt-Podcast. [Staatsknete für Independents?, Börsenblatt.net, ]

»Er ist der Sohn des russischen Juden Jacques Schiffrin, der nach dem Ersten Weltkrieg nach Frankreich emigrierte, zusammen mit André Gide russische Klassiker übersetzte und in seiner Editions de la Pléiade veröffentlichte, Mitte der dreißiger Jahre bei Gallimard die heute noch bestehende Pléiade-Reihe für klassische Texte begründete, 1940 mithilfe von Varian Fry nach Amerika fliehen konnte, wo er 1942 mit dem aus Deutschland emigrierten Verlegerehepaar Kurt und Helen Wolff den Pantheon Verlag leitete. Es war der Verlag von Aragon und Camus, Hermann Broch und Heinrich Zimmer, Valéry und Malraux. Jacques Schiffrin starb 1950, die größten Erfolge des Verlags mit Pasternaks Doktor Schiwago und dem Leoparden von Lampedusa hat er nicht mehr erlebt. Seit dem Tod von Schiffrin und den Wolffs hat die internationale, vor allem aber die deutsche Literatur in Amerika kaum mehr Fuß fassen können.« [Michael Kruger, Karaoke-Kultur – Der große Verleger André Schiffrin zürnt dem amerikanischen Verlagswesen, ZEIT Online, 02.11.2000]
aus einem Artikel der ZEIT


Besprechung seines inzwischen übersetzten Buches »Paris, New York und zurück. Politische Lehrjahre eines Verlegers« auf rezensionen.ch
Besprechung auf Bayern2
Interview mit FAZ.net
Zitate aus seinem Buch »Verlage ohne Verleger« bei der Stiftung Teubner

siehe auch:
- "Doktor Schiwago" und die CIA – Das Imperium schlägt zurück (Süddeutsche Zeitung, 17.05.2010)
- "Doktor Schiwago" und die CIA – Irrungen und Waschungen (Süddeutsche Zeitung, 17.05.2010)

Andre Schiffrin - Original air date: 04-21-97 [58:18]

Hochgeladen am 16.09.2007
André Schiffrin is a European-born American author, publisher and socialist. He was director of publishing at Pantheon Books for nearly thirty years, where he was partially responsible for introducing Pasternak, Foucault and others to America.Schiffrin quit Pantheon in 1990, and established the nonprofit The New Press, because of economic trends which prevented him from publishing the serious books he thought should be published. Traditionally, publishing houses had been run by individuals with a commitment to disseminating ideas. The old formula was to have a few commercially successful best-sellers generate the bulk of the profits, and fill out the list with important books that were less successful but still profitable. Now, big conglomerates have bought up publishing houses (and book stores), and publishers demand that every title earn not merely profits but a return on investment of 20%. One publishing executive told him to pulp (discontinue) every title that sold less than 2,000 copies a year, which, said Schiffrin, is a respectable sale for a backlist. This crisis in publishing is explained in his work The Business of Books: How the International Conglomerates Took Over Publishing and Changed the Way We Read (2000).
His autobiography A Political Education: Coming of Age in Paris and New York (2007) , described his life as a child of a European Jewish intellectual family growing up in the United States. As an anti-Communist socialist, he opposed both the Soviet invasion of Hungary and the U.S. war in Vietnam. The purpose of the McCarthy era, Schiffrin wrote, was not just to attack Communists and the democratic socialist left, but to undo the New Deal, as the Bush Administration is doing today. In the McCarthy era, people were frightened to engage in political activity. When he founded the organization that became Students for a Democratic Society, as an anti-Communist socialist movement, people were afraid to be on the mailing list, because the Federal Bureau of Investigation was monitoring them. Many American socialist organizations were funded by the Central Intelligence Agency, as anti-Communist front groups, so that the CIA could control the socialist movement, said Schiffrin. In Europe, there was no McCarthy era, so intellectuals were able to have a real pluralism, instead of the fake pluralism we have in this country, he said. That, for example, is why the Canadians and Europeans have government-paid health care and we don't.[1]
He is the son of Jacques Schiffrin, an ex-Russian Jew who emigrated to France and enjoyed success briefly there as a publisher of the Bibliothèque de la Pléiade editions, which he founded, and which was bought by Gallimard, until he was dismissed on account of the anti-Semitic laws enforced during the Vichy regime in France. Mr. Schiffrin had to flee and eventually found refuge in America.
[edit] Works
• L'édition sans éditeurs (1999) ISBN 2913372023
• The Business of Books: How the International Conglomerates Took Over Publishing and Changed the Way We Read (2000) ISBN 185984362X (Hardback ISBN 1859847633)
• Le contrôle de la parole (2005) ISBN 291337235X
• A Political Education: Coming of Age in Paris and New York (2007) ISBN 1933633158
o Published in French as Allers-retours : Paris-New York, un itinéraire politique (2007) ISBN 2867464471
N.B. - Although there exist no English versions of L'édition sans éditeurs or Le contrôle de la parole, there is some overlapping of content between The Business of Books and the former.
[edit] References
1. ^ 2007 radio interview with Leonard Lopate, WNYC
[edit] See also
• List of publishers
[edit] External links
• The New Press
• 1992 audio interview of Andre Schiffrin by Don Swaim
• Interview with David Barsamian September 2003
• RealAudio interview WILL-AM Media Matters, March 18, 2007
• André Schiffrin discusses French and American politics on French radio, aired 19 April 2007 (Real Audio)
• Appearance on French radio to promote A Political Education, aired 1st May 2007 (Real Audio)
• French radio interview with Arnaud Laporte, aired 8 May 2007 (Real Audio)
• French radio interview with Frédéric Bonnaud, aired 8 May 2007 (Real Audio)
• Second appearance on French radio to promote A Political Education, aired 13 May 2007 (Real Audio)
Retrieved from "http://en.wikipedia.org/wiki/Andr%C3%...

aktualisiert am 18.09.2015


Heute vor 62 Jahren: Charlie Chaplin schreibt an seinem 70. Geburtstag ein Gedicht



Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
konnte ich erkennen,
dass emotionaler Schmerz und Leid
nur Warnung für mich sind,
gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich , das nennt man
“Authentisch-Sein”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden,
wie sehr es jemanden beschämt,
ihm meine Wünsche aufzuzwingen,
obwohl ich wusste, dass weder die Zeit reif,
noch der Mensch dazu bereit war,
auch wenn ich selbst dieser Mensch war.
Heute weiß, das nennt man
“Selbstachtung”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört,
mich nach einem anderen Leben zu sehnen,
und konnte sehen, dass alles um mich herum
eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich, das nennt man
“Reife”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden,
dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin
und dass alles, was geschieht, richtig ist
– von da konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich, das nennt sich
“Selbstachtung”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört,
mich meiner freien Zeit zu berauben
und ich habe aufgehört,
weiter grandiose Projekte
für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das,
was mir Spaß und Freude bereitet,
was ich liebe
und mein Herz zum Lachen bringt,
auf meine eigene Art und Weise
und in meinem Tempo.
Heute weiß ich, das nennt man
“Ehrlichkeit”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit
was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von allem, das mich immer wieder hinunterzog,
weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das “gesunden Egoismus”,
aber heute weiß ich, das ist “Selbstliebe”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört,
immer recht haben zu wollen,
so habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt,
das nennt man “Einfach-Sein”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
da erkannte ich,
dass mich mein Denken
armselig und krank machen kann,
als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
bekam der Verstand einen wichtigen Partner,
diese Verbindung nenne ich heute
“Herzensweisheit”.

Wir brauchen uns nicht weiter
vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen
mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar Sterne knallen
manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich,
das ist das Leben!

(Charles Spencer Chaplin)

* Geboren am Montag, 16. April 1889
* Geboren in Lambeth, London, Großbritannien
* Gestorben am Sonntag, 25. Dezember 1977
* Gestorben in Vevey, Schweiz







Kurt Tucholsky: Der berühmteste Mann der Welt
Charlie Chaplin im SPIEGEL-Archiv
Der SPIEGEL über verwirrte französische Chaplinologen
Die Süddeutsche über Chaplin, das Museum in Vevey und seine Kinder


Ein Spazierstock des Weltstars wurde bei einer Auktion von Filmrequisiten in London 2004 für 47.800 Pfund versteigert. Zwei Schnurrbärte zum Film Der große Diktator erzielten knapp 12.000 Pfund beziehungsweise rund 18.000 Pfund.

»Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.«

Freitag, 15. April 2011

Gestern vor 25 Jahren: Simone de Beauvoir stirbt in Paris

Simone de Beauvoir, die 1908 in Paris in eine bürgerliche Familie hineingeboren wurde, war eine der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Ihre der Zeit vorauseilenden Ideen prägten die Geisteswelt, bis heute wirken sie nach. Ihr gesamtes philosophisches und belletristisches Werk übt Kritik an den bürgerlichen Normen und an der von Männern dominierten Gesellschaft. Als »Mutter der neuen Frauenbewegung« beeinflusste die Lebensgefährtin von Jean-Paul Sartre mehrere Generationen von Feministinnen.



Simone de Beauvoirs Essay »Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau« gilt als Standardwerk und als meistgelesenes Buch zur Emanzipation. Wie revolutionär das Werk seinerzeit war, macht das Erscheinungsjahr deutlich: 1949! Zu dieser Zeit wies noch nichts auf eine neue Frauenbewegung hin. In Frankreich entbrannte eine leidenschaftliche Diskussion um das Buch, der Vatikan setzte es auf den Index.

Frühe Werke:
»Sie kam und blieb«, Roman 1943
»Das Blut der anderen«, Roman 1945
»Das andere Geschlecht«, Essay 1949
»Amerika – Tag und Nacht«, Essay 1950
»Die Mandarins von Paris«, Roman 1954

Text und Bild aus dem Brockhaus Kalender »Abenteuer Geschichte«

[Quelle: Wikipedia]

Mittwoch, 13. April 2011

Mediathek – Öffentlich-rechtliches für den Mac

Hier kann das Programm kostenlos heruntergeladen werden.
Link zu appdrive.net

Sonntag, 10. April 2011

Wer kennt Paul Dickopf?

Ich nicht, bei mir fing politisches Denken erst mit Dickopfs (BKA-Präsident 1965-71) Nachfolger im Bundeskriminalamt Horst Herold an (BKA-Präsident 1971-81). Der erfand nämlich die Rasterfahndung, eine der wichtigsten Waffen im Kampf gegen die RAF. (Zu den renommierten Anwälten der ersten RAF-Generation gehörten unter anderem die späteren Politiker Otto Schily und Hans-Christian Ströbele).
Zurück zu Paul Dickopf:

Lange war vermutet worden, dass der ehemalige Präsident des Bundeskriminalamts Paul Dickopf enge Verbindungen zur CIA pflegte – nun haben Forscher den Beweis erbracht: Dickopf erhielt vom amerikanischen Geheimdienst sogar Geld, sagte Historiker Patrick Wagner dem SPIEGEL.
Hamburg – Während seiner Zeit als Präsident des Bundeskriminalamts von 1965 bis 1971 hat der Spitzenbeamte Paul Dickopf Zahlungen vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA erhalten. Das geht aus im Jahr 2007 freigegebenen Unterlagen hervor, die eine Historikergruppe der Universität Halle-Wittenberg im Washingtoner Nationalarchiv ausgewertet hat.

Sidney Lumet ist tot

Zum Tod von Sidney Lumet

Der Mann, den Hollywood nicht liebte

Sidney Lumet mit Ehren-Oscar: "Ich wollte einen, verdammt noch mal"
Sidney Lumet mit Ehren-Oscar: "Ich wollte einen, verdammt noch mal"
Schon sein erster Film wurde ein Klassiker - einen Oscar aber bekam Sidney Lumet für "Die zwölf Geschworenen" nicht, ebensowenig wie für "Serpico", "Network", "Hundstage". Nun ist einer der letzten Großmeister des amerikanischen Kinos gestorben - in New York, seiner Stadt.
Es gehört zu den Ritualen des modernen Hollywood, dass den DVD-Veröffentlichungen neuer Filme Making-of-Videos beigefügt werden, in denen die Stars eines Films den Regisseur über den grünen Klee loben. Jeder zweite ist diesen Werbe-Interviews zufolge ein "Actor's Director", einer, der die Schauspieler wirklich versteht, der führen kann aber auch genügend Freiraum lässt für Kreativität, der Allerbeste. In den meisten Fällen dürfte es sich bei diesen Hymnen um kaum mehr als routinierte Hollywood-Heuchelei handeln. Bei Sidney Lumet aber war das anders.
mehr bei SPIEGEL Online



weitere Filme von Siney Lumet:
- Der Mann in der Schlangenhaut (1959), mit Marlon Brando und Anna Magnani, über die Un/Möglichkeit menschlicher Nähe
- Sein Leben in meiner Gewalt (1972), in dem Sean Connery versucht, von seinem James-Bond-Image wegzukommen.
- The Verdict (1982), mit Paul Newman als versoffenem Rechtsanwalt, der mit einem Krankenhaus streitet, das versucht, einen Kunstfehler zu vertuschen
- Daniel (1983), die fiktive Geschichte des Sohnes der Atomspione Ethel und Julius Rosenberg, die letzte Woche vor fünzig Jahren zum Tode verurteilt und am 19. Juni 1953 im Staatsgefängnis Sing Sing in New York auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden.
- Family Bussiness (1989), mit Sean Connery, Dustin Hoffman und Matthew Broderick

Die nukleare Erblast der USA

Bis zum Ende des Kalten Krieges wurde in den Atomreaktoren von Hanford das Plutonium für Amerikas Nuklearwaffen produziert. Die Entsorgung der verstrahlten Anlagen und verseuchten Böden der Umgebung kostet jährlich Milliarden Dollar.

Udo Lielischkies, ARD-Studio Washington

Das Video beim Weltspiegel

Heute vor 48 Jahren: Das erste Atom-U-Boot sinkt

Die USS Thresher (SSN-593) war ein U-Boot der United States Navy und gehörte der nach ihr benannten Thresher-Klasse an. Das 1961 in Dienst gestellte Boot ging am 10. April 1963 etwa 350 Kilometer vor Cape Cod an der Ostküste der Vereinigten Staaten bei Tauchtests verloren, wobei 129 Menschen umkamen. Damit war die Thresher das erste gesunkene Atom-U-Boot.

Als Grund für den Untergang wird ein Wassereinbruch vermutet. Durch einen in der Folge aufgetretenen Kurzschluss schaltete sich der Reaktor automatisch ab und ließ damit den Antrieb des Bootes ausfallen, woraufhin die Thresher unter ihre Zerstörungstiefe sank. Nach längerer Suche konnte die Navy das Wrack aufspüren und Fotos anfertigen, die zeigten, dass der Druckkörper beim Sinken noch stabil war und erst in großen Tiefen vom steigenden Wasserdruck zerdrückt wurde.

Noch heute liegt das Wrack in ca. 2500 Meter Tiefe am Meeresgrund. Über austretende Radioaktivität ist nichts bekannt.

[…]

Folgen für die Umwelt hatte der Unglücksfall hingegen nicht. Nach dem Sinken trat in der Region keine erhöhte ionisierende Strahlung auf, was zeigt, dass die Reaktorkammer dem Druck des Wassers gewachsen ist. Die Navy versicherte außerdem, dass das Seewasser die Kammer auch auf lange Sicht nicht schädigen könne. Dies ist insofern durchaus bedeutend, als das Wrack der Thresher in den nördlichen Ausläufern des Golfstroms liegt.

mehr bei Wikipedia

Samstag, 9. April 2011

Heute vor 50 Jahren – Eine seltsame Anzeige

Vor vier Monaten gratulierte die »Welt« – auf ihre Art – Jean-Luc Godard zum 80. Geburtstag. Er sei eigentlich immer ein Bourgeois (über den Begriff kann man sich weitere 80 Jahre auseinandersetzen) geblieben. Godard war einer der wichtigsten Regisseure der Nouvelle Vague (neben Claude Chabrol, Jacques Rivette, Éric Rohmer und François Truffaut). Heute vor 50 Jahren erschien in der Zeitschrift der Cinématheque Francaise (deren Filmsammlung die Künstler der Nouvelle Vague stark beeinflusste) eine von ihm (oder dem Produzenten Georges de Beauregard) aufgegebene Annonce: »Jean-Luc Godard, der gerade die Dreharbeiten zu “À bout de souffle” [Außer Atem] beendet hat und der sich in der Vorproduktion von “Le Petit Soldat” [Der kleine Soldat] befindet, sucht nach einer jungen Frau zwischen 18 und 27, die sowohl seine Hauptdarstellerin [interprète] als auch seine Lebensgefährtin [amie], werden soll.«
Hauptdarstellerin wurde Anna Karina.




Genaueres (oder auch andere Darstellungen des Sachverhaltes) und was dann kam, kann man hier nachlesen:
- Newwavefilm
- Senses of Cinema
- moviepilot.de
- Junge Freiheit
- ZEIT Online
- Libertas Filmmagazine
- Guardian
- Lycos Retriever
-

»Large release in open air…« aus einem internen AREVA-Papier

Areva (11 Milliarden EUR Umsatz) ist der weltweit größte Anbieter von Nukleartechnik und auch ein enger Geschäftspartner von Tepco (oder auch Tōkyō Denryoku, 43 Milliarden Umsatz), dem Betreiber von Fukushima. In einem internen Papier, das Monitor vorliegt, spricht der Reaktorphysiker Matthias Braun eine klare Sprache. Er berichtet von Abklingbecken, die als Zwischenlager verwendet werden, weil es kein Endlager gibt und von Freisetzung hochradioaktiver Stoffe »unter freiem Himmel«. Auch die Abklingbecken deutscher Atomkraftwerke werden – bei einem Füllstand von durchschnittlich 80% – mangels Endlagerstätte – als Zwischenlager verwendet.

zum Monitor-Bericht beim WDR (und wieder einmal ein Hoch auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk)

Mittwoch, 6. April 2011

Wir wissen nicht, was Manfred Spitzer empfiehlt…

»… Wir empfehlen bei Rheuma Togal!«, hieß es mal in der Werbung:



Als Fastenzeit oder als Passionszeit wird im Christentum der Zeitraum der sieben Wochen vor Ostern bezeichnet, des wichtigsten Festes der Christenheit, die an diesem Tag die Auferstehung Jesu feiert. Sie erinnert an das 40-tägige Fasten Jesu Christi zur Vorbereitung seines öffentlichen Wirkens. Ihr Beginn, der Aschermittwoch, stellt zugleich das Ende der Fastnacht dar.

Manfred Spitzer, angeregt durch die Bild-Zeitung, hat einen Artikel über die durch das Fasten hervorgerufenen Vorgänge im Gehirn geschrieben. Wir wissen weder, was Louis Trenker noch Manfred Spitzer empfehlen, wir empfehlen vor Ostern Fasten.

Dienstag, 5. April 2011

Geschichte des Spinnens

Das Spinnrad war schon im 9. Jahrhundert in Asien (Indien und China) bekannt, gelangte aber erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts nach Europa. Im 13. Jahrhundert war das Spinnen mit dem Spinnrad allerdings für viele Zünfte verboten, in manchen Regionen noch bis ins 16. Jahrhundert, da man die hohe Qualität der Garne schützen wollte, die mit einer Handspindel gefertigt wurden. Berichte besagen, dass die mit dem Spinnrad gesponnene Wolle zu schwach, ungleichmäßig und knotig gewesen sei. Im 18. Jahrhundert wurden die ersten Spinnmaschinen entwickelt: 1764 die »Spinning Jenny«, 1769 die »Waterframe«.


Das Spinnrad betätigten traditionell Frauen, die Spinnerinnen, die sich während der Arbeit häufig Geschichten erzählten. Daher stammen die Begriffe »flachsen« (ursprünglich: »Fasern aus Flachs herstellen«) und »spinnen« (ursprünglich: »Fäden herstellen«), die umgangssprachlich benutzt werden und so viel wie »Unsinn erzählen« oder auch »Märchen erzählen« meinen. Diesem Kontext entspringen auch das »Seemannsgarn«, also die meist sehr fantasievollen Erzählungen der Seeleute, und die Redewendung »den Faden verlieren«. Das Spinnrad ist also zum Symbol des Geschichtenerzählens geworden.
aus dem Brockhaus-Kalender »Abenteuer Geschichte«

Das erste Ghetto Europas

Am 29. März 1516 veranlasste der venezianische Senat, die Juden ausschließlich im Stadtteil Cannaregio anzusiedeln. Die Insel nannte man »gheto novo«, weil sich dort eine Gießerei (venezianisch: »getto«) befand. Grund für die Ghettoisierung war eine typische antisemitische Stimmung: Seit dem 10. Jahrhundert galten die jüdischen Kaufleute als gefährliche Konkurrenz, selbst die Einreise wurde den Juden bis weit ins 14. Jahrhundert verwehrt. Erst als Venedig dringend Geld brauchte, lockerte man das Verbot. Allerdings mussten die Juden hohe Steuern zahlen und als Stigma erst einen gelben Kreis auf ihrer Kleidung, später dann einen roten Hut tragen.


Das »gheto novo« war eng. Dieses Problem lösten die Eingepferchten, indem sie Hochhäuser mit bis zu neun Etagen errichteten. Allen Widrigkeiten zum Trotz erlebte die jüdische Gemeinde im 16. bzw. 17. Jahrhundert durch den Handel mit Stoffen und Juwelen eine materielle Blüte. Räumliche Freiheit brachte ihnen allerdings erst Napoleon 1797: Der Franzose verlieh den Juden das freie Bürgerrecht. Nach seiner Niederlage kam es jedoch zu einer erneuten Ghettoisierung. Erst 1866 erhielten sie von König Vittorio Emanuele II die absolute rechtliche Gleichstellung.
aus dem Brockhaus-Kalender »Abenteuer Geschichte«

Dienstag, 29. März 2011

Es muss doch irgendwas geben, das vom Anspruch her zwischen der F.A.Z. und „Bauer sucht Frau“ liegt.

„Um mich herum ist es etwas düster geworden“
Am Freitag bekommt Thomas Gottschalk den Grimme-Preis für sein Lebenswerk. Besteht dieses eigentlich nur aus „Wetten, dass ..?“ Und was folgt nun, da der Entertainer die ZDF-Show abgibt? Ein Gespräch über die Zukunft der Unterhaltung.

Das interessante Interview mit Thomas Gottschalk ist bei der FAZ nachzulesen.

Sonntag, 27. März 2011

Auch Bundesministerium traut E10 nicht

Bei Innenministerium und Bundespolizei darf der Bio-Sprit nicht getankt werden

Die Bundesregierung trommelt für den Bio-Sprit - und traut ihm selbst nicht. Im Innenministerium und bei Behörden wie der Bundespolizei ist E10-Tanken erstmal verboten. Auch dort sorgt man sich um die Motoren.

mehr bei heute.de

Freitag, 25. März 2011

Die zehn schwersten atomaren Unfälle

Bei der Zeitschrift Öko-Test kann man sich eine PDF-Datein downloaden, die die schwersten Störfälle bei der zivilen Nutzung der Kernenergie auflistet:



1. 12. Dezember 1952 – Chalk River, Kanada
Stufe 5 – Ernster Unfall
Die partielle Kernschmelze in dem in der Nähe von Ottawa gelegenen Forschungsreaktor gilt als der erste ernste Reaktorunfall weltweit. Während eines Tests liefen mehrere Dinge falsch, vor allem bei der Besatzung: Es gab Missverständnisse, Fehleinschätzungen und Fehlbedienungen, außerdem noch falsche Statusanzeigen im Kontrollraum. Der Reaktorkern wurde beschädigt, durch eine Explosion entwich Radioaktivität in die Atmosphäre.

2. 29. September 1957 – Kyschtym, Sowjetunion
Stufe 6 – Schwerer Unfall
Bis heute ist der Atomkomplex Majak, der an der Grenze von Russland zu Kasachstan in den Bergen des Ural liegt, eine der größten Anlagen der Welt, unter anderem auch zur Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennstäben und der Gewinnung von Plutonium. Im Zeitraum von 1950 bis heute kam es auf dem Gelände der Anlage zu acht größeren dokumentierten Stör- und Unfällen. Der folgenschwerste Unfall ereignete sich Ende September 1957, er wurde nachträglich als INES 6 eingestuft und wurde bislang nur durch den Super-GAU in Tschernobyl übertroffen. An einem Lagertank für hochaktive Spaltproduktlösungen kam es zu einer Störung des Kühlsystems. Durch einen Bedie- nungsfehler wurde das Kühlsystem daraufhin komplett ausgeschaltet. Der Tankinhalt wurde durch eine Explosion großflächig freigesetzt, insgesamt wurden 23.000 Quadratkilometer radioaktiv kontaminiert. In diesem Gebiet lebten zum Zeitpunkt des Unfalls 272.000 Menschen. Da sich die Kontamination auf den Ural beschränkte und keine messbaren Effekte in Westeuropa nachweisbar waren, konnte der Unfall viele Jahre geheim gehalten werden.
Die Region gilt bis heute als eines der verstrahltesten Gebiete der Welt. Nach Angaben der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit wurden in den Jahren 1948 bis 2004 insgesamt 180.000 Terabecquerel (TBq) freigesetzt, davon 74.000 TBq bei dem Unfall im September 1957. Die größten Freisetzungen erfolgten demnach bei der Überflutung der umliegenden Felder durch den bewusst mit flüssigem radioaktivem Abfall kontaminierten Fluss Tetscha in den Jahren 1949 bis 1951.

3. 7. bis 12. Oktober 1957 – Windscale, Großbritannien
Stufe 5 – Ernster Unfall
Der Atomkomplex in Nordwestengland an der Irischen See wurde durch mehrere nukleare Störfälle bekannt. Der schwerste war der Brand im Jahr 1957, der als INES 5 eingestuft wurde.
Schon 1950 bzw. 1951 wurden die ersten beiden Windscale-Reaktoren für die Produktion von waffenfähigem Plutonium in Betrieb genommen. Nach dem kontrollierten Herunterfahren des Reaktors Pile No. 1 am 7. Oktober 1957 und dem darauf folgenden erneuten Anfahren kam es zu einem verhängnisvollen Missverständnis: Die Temperaturen im Reaktor wurden wegen fehlerhaft platzierter Messfühler falsch interpretiert und der Reaktor immer weiter hochgefahren. So fing der Kern Feuer, allerdings blieb der Brand zunächst unbemerkt. Erst am 10. Oktober zeigten Messgeräte an, dass der Reaktor Radioaktivität freisetzte. Nach mehreren missglückten Versuchen, den Kern abzukühlen und den Brand zu löschen, wurde der Reaktor schließlich am 11. Oktober mit Wasser geflutet. Große Mengen radioaktiver Gase entwichen mit der dabei entstehenden Dampfwolke in die Atmosphäre. Die Wolke zog über Großbritannien bis über das europäische Festland.
Nach dem Brand wurden die beiden Reaktoren außer Betrieb genommen, der Komplex von Windscale in Sellafield umbenannt. Doch die Skandalmeldungen aus der Anlage, wo 1956 noch ein Atomkraftwerk mit vier Reaktorblöcken seinen Betrieb aufnahm, gingen weiter. Immer wieder wurden Lecks entdeckt, radioaktive Lösungsmittel und Chemikalien einfach in die Irische See geleitet, auch Uran gelangte irrtümlich ins Meer. Mehrfach wurden Sicherheitspapiere gefälscht und Kontrollen nicht durchgeführt. Ab 2001 wurden die vier Reaktorblöcke nach und nach abgeschaltet. Heute ist in Sellafield nur noch die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Betrieb.

4. 21. Januar 1969 – Lucens, Schweiz
Stufe 4 – Unfall bis Stufe 5 – Ernster Unfall
Der schwere Unfall in der Schweiz ist außerhalb des Landes weitgehend in Vergessenheit geraten, nachträglich wurde er auf der INES-Skala zwischen 4 und 5 eingestuft. Glücklicherweise war der Versuchsreaktor Lucens recht klein und in eine Felskaverne eingebaut, überirdisch lagen nur das Dienstgebäude und die Notstromaggregate. Nach einer ersten Inbetriebnahme im Frühjahr 1968 wurde der Reaktor wieder stillgelegt und erst im Januar 1969 wieder hochgefahren. Durch eingesickertes Wasser waren aber in der Zwischenzeit unbemerkt die Umhüllungsrohre der Brennstäbe korrodiert, dies verhinderte bei der Wiederinbetriebnahme die Kühlung der Brennelemente. Es kam zu einer partiellen Kernschmelze. Da die erhöhte Radioaktivität früh gemessen wurde, konnte das Personal noch rechtzeitig evakuiert und die Kaverne verschlossen werden. Die Felskaverne wurde massiv verstrahlt, die radioaktiv verseuchten Trümmer konnten erst nach Jahren weggeräumt werden. Die Aufräumarbeiten dauerten bis Mai 1973. Die Trümmer wurden in versiegelten Behältern vorerst weiter auf dem Gelände gelagert, bis sie 2003 in das Zwischenlager Würenlingen gebracht wurden.

5. 31. Dezember 1978 – Belojarsk, Sowjetunion
Stufe 3 – Ernster Störfall bis Stufe 4 – Unfall
Auch diese Atomanlage östlich des Urals, etwa 50 Kilometer von Jekaterinburg entfernt, ist schon häufig mit diversen Pannen, Stör- und Unfällen bekannt geworden. 1964 und 1979 brannten mehrmals Brennelemente im ersten Block des Kernkraftwerks durch, das Personal wurde einer erheblichen Strahlenbelastung ausgesetzt. Auch in Block 2 kam es 1977 zu einer hohen Strahlenbelastung der Mitarbeiter, als bei einem Unfall die Hälfte der Brennstoffkanäle schmolzen. In der Silvesternacht 1978/79 kam es ebenfalls in Block 2 zu einem Zwischenfall, der verhältnismäßig glimpflich ausging, aber auch viel schlimmere Folgen hätte haben können (eingestuft als INES 3-4). Wahrscheinlich aufgrund der extremen Temperaturen von bis zu -50 Grad Celsius stürzte das Dach der Turbinenhalle ein. Es kam zu einem Kurzschluss, der einen Großbrand auslöste und Messleitungen zum Reaktor teilweise zerstörte. Um einen GAU zu verhindern, musste der Reaktor heruntergefahren werden, das Personal konnte die Schaltzentrale aber wegen des dichten Rauchs nur kurzzeitig betreten. Erst nach einigen Stunden war der Reaktor wieder unter Kontrolle. Acht Menschen wurden schwer verstrahlt.
Auch im September 2000 schrammte Belojarsk an einer Katastrophe vorbei. Nach einem Stromausfall sprangen die Notstromaggregate in Block 3, einem Schnellen Brüter, nicht an. Diese sind wichtig, weil sie im Notfall für die unentbehrliche Kühlung des Reaktorkerns sorgen. Ob die Reparatur der Dieselgeneratoren gerade noch rechtzeitig gelang oder ob der Meiler per Hand abgeschaltet werden musste, ist nicht klar.

6. 28. März 1979  – Three Mile Island, USA
Stufe 5 – Ernster Unfall
Der Beinahe-GAU im AKW Three Mile Island bei Harrisburg war bisher der größte Atomunfall in der Geschichte der USA. Auf der INES-Skala wurde er bei 5 eingestuft. Mit dem Ausfall von zwei Kühlpumpen begann in Block 2 eine verhängnisvolle Verkettung von technischem Versagen, falschen Messsignalen und Bedienungsfehlern, durch die es zu einer partiellen Kernschmelze kam. Radioaktives Wasser und kontaminierter Dampf traten aus. Der anschließende Versuch, das hochexplosive Gasgemisch aus dem Reaktorkern in einen Tank abzuleiten, schlug fehl. Wegen des extrem hohen Explosionsrisikos wurde zwei Tage nach dem eigentlichen Unfall noch einmal eine hochgiftige Wolke in die Atmosphäre entlassen. Wie viel Radioaktivität tatsächlich entwich, bleibt unklar. Als am 1. April Schwangeren und Kindern empfohlen wurde, die Gegend im Umkreis von acht Kilometern um den Meiler zu verlassen, waren Tausende von Anwohnern längst geflohen.
Der alles zerstörende GAU konnte auf Three Mile Island mit viel Glück vermieden werden. Aber warum das Stahlgefäß der extremen Hitze der partiellen Kernschmelze standhielt und die radioaktive Glut deshalb nicht aus dem Reaktor entweichen konnte, stellte Fachleute vor ein Rätsel.
Der unbeschädigte erste Block des Kernkraftwerks wurde nach einer Unterbrechung in den 80er-Jahren wieder in Betrieb genommen. Seine Betriebserlaubnis wurde bis 2034 verlängert.

7. 26. April 1986 – Tschernobyl, Ukraine
Stufe 7 – Katastrophaler Unfall
In der Nacht vom 25. zum 26. April 1986, wird ein scheinbar harmloses Experiment im Atomkraftwerk Tschernobyl fehlerhaft ausgeführt und gerät außer Kontrolle.


8. 30. September 1999 – Tokai Mura, Japan
Stufe 4 – Unfall
In der Uranwiederaufbereitungsanlage Tokai Mura, 130 Kilometer nordöstlich von Tokio, missachteten Arbeiter Vorschriften und füllten eine zu große Menge relativ hoch angereichertes Uran in einen Tank. Dadurch kam es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Zwei Arbeiter wurden dabei so verstrahlt, dass sie wenige Monate später starben. Viele weitere Bedienstete erhielten deutlich erhöhte Strahlendosen. In geringem Maße wurde auch Radioaktivität in die Umgebung freigesetzt. Die Kettenreaktion dauerte über 20 Stunden. Der Informationsfluss an die Behörden und die Anwohner war mehr als schleppend: Das Management informierte die lokalen Behörden erst über eine Stunde nach Beginn der Kettenreaktion, die Anlage wurde erst nach zwei Stunden weiträumig abgesperrt, nach vier Stunden gab es die ersten Evakuierungen und nach fast acht Stunden wurden über 300.000 Einwohner im Umkreis von zehn Kilometern aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben und Fenster und Türen geschlossen zu halten. Der Unfall wird von offizieller Seite mit INES 4 eingestuft.


9. 25. Juli 2006 – Forsmark, Schweden
Stufe 2 – Ernster Störfall
Wegen eines Kurzschlusses in der Umspannstation, in die das nur etwa 120 Kilometer von Stockholm entfernte Atomkraftwerk seinen Strom ins öffentliche Netz einspeist, wurde einer der drei Reaktoren über eine Schnellabschaltung auf ein Viertel seiner Nennleistung heruntergefahren. Um die Nachwärme des abgeschalteten Reaktors abzuführen, hätte ein Notkühlsystem automatisch anlaufen müssen. Aber nur zwei der vier Genera- toren sprangen an. Die anderen beiden startete die Betriebsmannschaft erst über 20 Minuten später, weil sie durch einen gleichzeitigen Teilausfall des Steuerungssystems den Überblick über den tatsächlichen Zustand des Reaktors verloren hatte.
Der ehemalige Konstruktionsleiter des Kraftwerks behauptete, Forsmark 1 habe kurz vor der Kernschmelze gestanden: Wären alle vier Generatoren ausgefallen, hätte niemand einen GAU verhindern können. Das wurde von offizieller Seite stets zurückgewiesen, der Meiler sei nie außer Kontrolle gewesen. Die schwedische Strahlenschutzbehörde bewertet den Vorfall als INES 2, räumte aber einige Wochen später ein, dass die Nachun- tersuchungen das Bild deutlich verschlechtert hätten. Auch Betreiber Vattenfall gestand – allerdings erst nach massiver Kritik durch Mitarbeiter des AKW Forsmark – Sicherheitsmängel ein.

10. März 2011 – Fukushima, Japan
mindestens Stufe 6 – Schwerer Unfall
Am 11. März erschütterte ein schweres Erdbeben der Stärke 9,0 den Nordosten der japanischen Hauptinsel Honshu, anschließend überflutete eine Tsunami-Welle die Küste. In der im Erdbebengebiet gelegenen Atomanlage Fukushima I schalteten sich die Reaktorblöcke 1, 2 und 3 automatisch ab, die anderen drei waren nicht in Betrieb. Als Folge des Bebens brach das Stromnetz zusammen, für die dringend notwendige weitere Abkühlung der abgeschalteten Reaktoren wären jetzt die Notstromaggregate zuständig gewesen. Die Dieselgeneratoren aber waren durch den Tsunami beschädigt, batteriebetriebene Pumpen konnten die Kühlung nur für wenige Stunden gewährleisten. In der Not pumpten die Betreiber mit Bor versetztes Meerwasser in die Meiler.
Am 12. März explodierte der Reaktor 1, zwei Tage später erst Reaktor 3 und schließlich auch Reaktor 2. Angeblich blieben die Reaktorhüllen aber intakt. Im Reaktorblock 4 brannte es in einem Abklingbecken mit gebrauchten Brennelementen, das außerhalb der Stahlummantelung lag. Dabei wurde die Betonhülle des Reaktors beschädigt. Außerhalb der Anlage wurden hohe Strahlungswerte gemessen. Auch in den Blöcken 5 und 6 gab es Probleme mit der Kühlung. 200.000 Menschen wurden rund um die Anlage evakuiert. Beobachter gehen davon aus, dass es zumindest zu partiellen Kernschmelzen gekommen ist, offizielle Angaben fehlten bis Redaktionsschluss.
Die Betreiber der Fukushima-Anlagen, die Elektrizitätsgesellschaft Tepco, wird seit langem kritisiert. Die japanische Regierung hatte nach einer Untersuchung 2002 mitgeteilt, dass Tepco über Jahre geschlampt, Unfälle verschwiegen sowie systematisch und gezielt Reparaturberichte gefälscht habe.

Todes- und Krebsfälle durch Tschernobyl
Die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe von Tschernobyl sind bis heute heftig umstritten, selbst über die Zahl der Strahlentoten gibt es unterschiedliche Angaben. Ein offizieller Bericht der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) von 2005 sprach von 56 Toten. Insgesamt könnten noch bis zu 4.000 Menschen als Folge der Strahlungsbelastung durch den Reaktorunfall sterben.
Diese Zahlen wurden von vielen Wissenschaftlern und Um-weltorganisationen als skandalös und verharmlosend kritisiert. Das Tschernobyl-Forum, ein internationales Fachgremium von Organisationen der Vereinten Nationen, schätzte im selben Jahr, dass es zwischen 5.000 und 10.000 zusätzliche Todesfälle durch Krebserkrankungen geben könnte. Eine von der Europaabgeordneten der Grünen, Rebecca Harms, 2006 in Auftrag gegebene Untersuchung (The Other Report on Chernobyl) geht sogar von 30.000 bis 60.000 zusätzlichen Krebstoten durch den Reaktorunfall aus.
Doch selbst wenn die Krebserkrankung nicht tödlich endet, bringt sie viel Leid mit sich. Sicher ist, dass es eine deutlich erhöhte Zahl von Schilddrüsentumoren, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, gibt. Außerdem haben Frauen in den hoch belasteten Regionen der Ukraine und Weißrusslands ein doppelt so hohes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Bei den stark belasteten Liquidatoren wurde in den ersten Jahren eine erhöhte Leukämierate beobachtet. Während die Hanhl der Schilddrücentumore bereits kurz nach dem Unglück in die Höhe ging, begann der Anstieg der Brustkrebsfälle erst etwa zehn Jahre nach dem Unfall. Deshalb ist wohl damit zu rechnen, dass es in Zukunft auch bei anderen Krebsarten einen Anstieg der Erkrankungen geben wird.



Donnerstag, 24. März 2011

Heute vor 90 Jahren: Die Ersten Olympischen Frauenspiele in Monte Carlo

Die vom 24. bis 31. März dauernde Veranstaltung mit etwa 100 Teilnehmern aus England, Frankreich, der Schweiz und Italien wurde vom International Sporting Club de Monaco organisiert. Ausgetragen wurden Laufwettbewerbe (zwischen 60 und 800 m, Hürden- und Staffelsprints), Hoch- und Weitsprung, Speerwerfen und Kugelstoßen.


(Bild aus www.geschichte.2me.net)
mehr bei Wikipedia

Sonntag, 20. März 2011

Ärger, Ansprüche und die Vergangenheit

Der SPIEGEL betitelt seinen Artikel über die gelungene WM-Verteidigung Vitali Klitschkos in der Schwergewichtsklasse mit »600 Euro, 169 Sekunden und viel Zorn«. »Das ist doch total die Verarsche. Ich habe 75 Euro für meine Karte bezahlt und konnte noch nicht einmal mein Bier austrinken, so schnell war alles vorbei.« , wird ein ärgerlicher Zuschauer zitiert.
Vielleicht hat es in den 60er Jahren auch Zuschauer gegeben, die sich nach einem schnellen K.O. ärgerten. Kann man ja auch verstehen. Nur: eine solche Meldung hätte es in den 60ern nicht gegeben, auch nicht in den 70ern. Damals hätten sich alle über die Verteidigung des WM-Gürtels gefreut und wären stolz gewesen. Heute sitzen die Leute vorm Fernseher oder am Ring und erwarten einen Sieg Vitali Klitschkos. Von vorneherein. Vor wenigen Monaten hatte Klitschko den Fans einen K.O.-Sieg versprochen gegen Ich-weiß-nicht-mehr. Ab der achten Runde wurden Publikum und Kommentator zunehmend unruhig, und es ging nur noch um die Frage, ob »Doktor Eisenfaust« sein Versprechen wahrzumachen imstande sein würde. Der Rest der Partie war eklig. Muß man die niederen Bedürfnisse der Menschen wirklich in dem Maße bedienen? Klitschko hätte den Kampf auf jeden Fall gewonnen. Ist es notwendig, die Gesundheit des Gegners aufs Spiel zu setzen, nur um vor seinen Fans gut dazustehen? Klitschko schien nur noch zu überlegen, wo er hinhauen muß, damit sein Gegner zu Boden geht. Es wirkte wie eine versuchte Hinrichtung.

Es geht mir nicht ums Boxen. Es geht mir um die Ansprüchlichkeit, die zugrunde liegende primitive Maßlosigkeit und deren hemmungslose Bedienung. Ich war immer – bis in die 90er Jahre – stolz auf die relativ zurückhaltende Wortwahl deutscher Fernsehberichterstatter bei sportlichen Großereignissen und konnte über die chauvinistische Berichterstattung des französischen Fernsehens nur den Kopf schütteln. Seit der deutschen Wiedervereinigung und der Einführung des Privatfernsehens hat der Wind auch bei uns aufgefrischt. Schade! Ich glaube, wir tun uns damit keinen Dienst. Ich glaube, die Größe eine Nation bemißt sich auch nach ihrer Zurückhaltung, und da werden uns die Privatsender in ihrer erzieherischen Funktion nichts zu bieten haben.

Eins der besten Genesis Medleys ever…

Genesis Old Medley (The Way We Walk) Live {19:38}

WalkerCorps
Am 20.03.2011 veröffentlicht 
Genesis - Old Medley: Dance On A Volcano/The Lamb Lies Down On Broadway/The Musical Box/Firth Of Fifth/I Know What I Like/That's All/Illegal Alien/Follow You, Follow Me
For more Genesis check Genesis Playlist in my Channel.

siehe auch:
- And then there were thirty-three… (Post, 25.06.2007)

Donnerstag, 17. März 2011

Markus Gäfgen verlangt Schmerzensgeld

hr-online berichtet über den Prozess, in welchem Markus Gäfgen, 2003 rechtskräftig als Entführer und Mörder des elfjährigen Bankierssohns Jakob von Metzler zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, auf Schmerzensgeld klagt. (siehe meinen Post vom 7.3.2008)

Ich erinnere daran, daß laut carechild.de die Rechte am Namen seines Mandanten und dessen Buches bei Gäfgens Anwalt Dr. Michael Heuchemer liegen.

Carechild.de zitiert (24.04.2007) auch aus der Homepage von Heuchemer:

WICHTIGER HINWEIS: STRAFRECHTLICHE VERFOLGUNG DROHT!
Vorsorglich wird darauf hingewiesen, dass Beleidigungen oder Drohungen mit strafbarem Inhalt zum Nachteil des Herrn Magnus Gäfgen oder des Herrn RA Dr. iur. Michael Heuchemer ohne jede Ausnahme und ohne weitere Vorwarnung strafrechtliche und zivilrechtliche Verfolgung auslösen.
Die Strafanzeige wird unverzüglich ausgebracht; zivilrechtliche Schritte folgen sogleich nach. Anonyme Schreiben, Faxdokumente oder e-mails werden ebenfalls ausnahmslos zur Anzeige gebracht und der Absender mit den geeigneten technischen Instrumentarien ermittelt. Verwiesen wird auf die Strafbarkeit insbesondere nach den §§ 126, 185 ff., 241 StGB. Es wird insoweit versichert, dass in besonnener Routine und Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft jedweder Verstoß mit allem Nachdruck verfolgt wird. Täter müssen ggf. mit der Durchsuchung ihrer Wohn- und Geschäftsräume (§§ 102, 105 StPO) und Beschlagnahmung ihrer elektronischen Geräte rechnen.
Die Verfahrenskosten des Strafverfahrens (§§ 465 ff StPO) sowie des Zivilverfahrens (§ 91 ZPO) hat jeweils der Täter zu tragen.

Zahlreiche Verfahren sind gerichtlich anhängig. Verfolgt wird ohne Ausnahme!

In welchem Staat leben wir?

Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg setzt die Wehrpflicht aus, ohne daß ein Konzept für eine Berufsarmee steht und ohne daß die finanziellen Konsequenzen durchgerechnet sind. Jetzt fehlt der Bundeswehr ein Viertel der Bewerber, und das Sparpotential (neuerdings ja mit »z«) ist zu niedrig. (siehe z.B. mdr oder n24)

CSU-Abgeordnete werfen Kanzlerin Merkel das Festhalten an ihrer Atompolitik vor mit dem Argument, ihre Haltung sei »in der jetzigen politischen Situation nicht mehrheitsfähig« (Aussage eines CSU-Politikers in einer Tagesschau-Sendung). Daraufhin legt Frau Merkel acht Meiler still. Die Opposition, eigentlich Kernkraft-Gegner, zweifelt an der Rechtmäßigkeit von Merkels Moratorium. (siehe z. B. Welt Online) Genauso Bundestagspräsident Lammert (CDU), der erst in der letzten Woche Merkels Umgang mit Gesetzen und dem Parlament kritisierte (siehe Welt Online).
siehe auch Bericht über den »Pakt für Wettbewerbsfähigkeit« (und den Kommentar) bei der auf faz.net

Das Bundesgesundheitsministerium bilanzierte in den letzten Tagen einen Verlust von einer halben Milliarde Euro, den die gesetzlichen Krankenkassen im letzten Jahr erzielten. Nun wollen die Kassen nicht entrichtete Zusatzbeiträge über die Hauptzollämter eintreiben lassen und dabei auch von Gehaltspfändungen Gebrauch machen

















(aus MMW-Fortschr.-Med. Nr. 6/2011)

Dabei hat der Gesundheitsfonds, dessen Aufgabe die Zuteilung der Versicherungsbeiträge an die Kassen ist, im letzten Jahr mit einem Überschuss von stolzen 4,2 Milliarden Euro abgeschlossen. Laut Gesetz muß der Gesundheitsfonds zwanzig Prozent der durchschnittlichen Monatszuweisungen als Liquiditätsreserve vorhalten. Dies entspricht momentan drei Milliarden Euro. Im Jahr 2010 hat der Fonds jedoch 4,2 Milliarden Euro Überschuss erzielt. Diese wiederum werden nicht ausgegeben, weil, so Gesundheitsminister Rösler, der Fonds Polster für konjunkturschwache Zeiten aufbauen müsse.
Auch in diesem Jahr wird der Gesundheitsfonds wohl wieder Überschüsse erzielen – der Schätzerkreis der Bundesregierung geht von einem Liquiditätsüberschuss von 6,2 Mrd. Euro am Ende des Jahres aus. Gleichzeitig zehren die Krankenkassen von ihrer Substanz und werden über kurz oder lang gezwungen, kollektiv Zusatzbeiträge zu erheben. Wenn die Kassen keine Beitragseinnahmen als Liquiditätsreserve an den Fonds abführen müssten, könnten sie mittelfristig ihre Kosten ganz ohne Zusatzbeiträge decken. Der Grund ist der: der Sozialausgleich, der gewährt wird, wenn die Zusatzbeiträge 2% des Gehaltes übersteigen, wird mindestens bis zum Jahr 2014 aus eben dieser Liquiditätsreserve bezahlt (Link zu Haufe – öffentlicher Dienst).
(siehe auch den Artikel bei den NachDenkSeiten)

Das Durcheinander der deutschen Politik ist wohl jedem, der ein wenig genauer hinsieht, offenbar. Was mir große Sorgen bereitet, ist die Tatsache, daß sich diese Art von Flickschusterei zunehmend in einer rechtlichen Grauzone abspielt, die nicht mehr wirklich durch Gesetze gedeckt ist: die Wehrpflicht wird ausgesetzt, obwohl sie im Grundgesetz verankert ist. Der Ausstieg aus dem Atomausstieg ist gesetzlich festgelegt, wird aber per Verordnung ausgesetzt. Das Parlament wird nicht rechtzeitig und nur rudimentär informiert. Der Gesundheitsfonds schließt mit einem Gewinn, der aber nicht an die gesetzlichen Kassen weitergegeben wird, und die gesetzlich Versicherten werden aus einem Topf gestützt, den sie selbst erst auffüllen müssen.
Das ist Politik hintenherum, das sind Entscheidungen, die dem Auge der Öffentlichkeit entzogen werden, das ist schäbige Augenwischerei, das ist Das-Fähnlein-nach-dem-Wind-hängen, das ist einfach undemokratisch.


übrigens: zu Bundestagspräsident Lammert und schlampig arbeitenden Journalisten hier ein Artikel von Stefan Niggemeier

Mittwoch, 16. März 2011

Kernkraft, Risiken, Wahrscheinlichkeiten und unsere Sprache

Jemand bietet mir eine Wette an: Ich setze 10 EUR ein und kann bei einer Chance von 50:50 die gleiche Summe – also ebenfalls 10 EUR – gewinnen, bin ich geneigt, die Wette einzugehen.
Jetzt kann man dieses Gedankenspiel bis zu einer gewissen Höhe fortsetzen. Irgendwann aber, sagen wir mal bei 1.000 EUR, wird mir das Risiko zu groß. Das hängt von meiner Risikobereitschaft und der Höhe meines Vermögens ab.

Wenn ich in ein Flugzeug einsteige, was mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10.000 abstürzen wird, werde ich das Riskio eingehen. Bei 1:100 wird es prekär. Wenn die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes 1:1 betrüge, würde kaum noch jemand das Flugzeug nehmen – es sei denn, er müßte vielleicht ein Erbe von 10 Millionen EUR geltend machen und hätte keine Wahl, anders zu dem betreffenden Notar zu gelangen.

Wenn ich abends in mein Auto steige, um nachhause zu fahren, gehe ich ein Risiko ein. Das Risiko, in einen Unfall zu geraten ist recht gering, das Risiko, dabei verletzt zu werden, ist noch geringer. Das Risiko, bei einem Unfall, in den ich gerate, getötet zu werden, ist noch geringer. Wie man an der Realität sieht, gehe ich dieses Risiko ein.

Wenn ich also ein Risiko eingehe, muß die Wahrscheinlichkeit, daß etwas Schlimmes passiert, gering sein gegenüber dem Vorteil, den ich habe. Es ergibt sich dann also eine Formel, in die die Wahrscheinlichkeit, Vor- bzw. Nachteil (also zum Beispiel Gewinn bzw. Verlust) und die Bewältigungsfähigkeit der Nachteile eingehen. Ein Milliardär wird andere Lottorisiken einzugehen gewillt sein als ein HARZ IV-Empfänger.

In der Talkshow von Sandra Maischberger "Die Geister, die wir riefen: Atomkraft außer Kontrolle?" gestern abend kritisiert der Präsident des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner die Aussage von Umweltminiseter Röttgen, der gestern vor laufenden Kameras beteuert hatte: »Wir werden die deutschen Atomkraftwerke hundertprozentig sicher machen.« »Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit«, betont Güldner, und Wolfgang Renneberg, von 1998 bis 2009 Referatsleiter für Reaktorsicherheit und somit Chef der Bundesatomaufsicht, pflichtet ihm bei. Er spricht von einer trügerischen Sicherheit, die den Menschen suggeriert werde: »Es gibt immer ein Restrisiko.« Erhard Epple, SPD Urgestein, meint: »Das Dumme an solchen Unglücken ist, daß man sie sich halt nicht vorstellen kann – bis sie passieren.«

Kritik in der Süddeutschen

Die Süddeutsche vermeldet, daß Wolfgang Renneberg als Chef der hessischen Atomaufsicht 1997 ein Verfahren zur Stilllegung von Biblis A eingeleitet hatte und damit gescheitert war. In der Maischberger-Talkshow ging Renneberg näher auf den Unfall ein (siehe auch Wikipedia): aufgrund eines bei Wartungsarbeiten vergessenen Meißels brannte in Biblis A innerhalb des Containments der Motor einer Hauptkühlmittelpumpe, weil es zu einem Kurzschluß gekommen war. Was bei Wikipedia nicht steht und was ich aus der gestrigen Sendung erinnere: Beim Anfahren des Reaktors hätte die Mannschaft ein Geräusch gehört, aber nicht darauf reagiert. Die spätere Untersuchung habe ergeben, daß ein umherfliegender Gegenstand ein Loch geschlagen hätte. Dieses Loch habe gut auch in eine Kühlmittelleitung geschlagen werden können und wäre, da die Mannschaft nicht reagiert habe, möglicherweise zu spät entdeckt worden.
(siehe auch Schriftenreihe Reaktorsicherheit und Strahlenschutz – BMU – 2005–664, downloadbar unter Fußnote 30 des Wikipedia-Artikels)

Beim Lotto ist die Gewinnwahrscheinlichkeit konstant und beträgt immer 1 : 13.983.816, also bei zwei Reihen pro Woche durchschnittlich einen Sechser in 140.000 Jahren. 205 Spieler gewannen im Juni 1977 mit 6 richtigen Lottozahlen, die eine Woche zuvor schon beim niederländischen Lotto gewonnen hatten. [Quelle: winnersystem.org, siehe da unter: 6 Richtige aber die falschen richtigen Lottozahlen] Die Wahrscheinlichkeit, mit der in Deutschland und Holland an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden die gleichen Gewinnzahlen ermittelt werden, ist unglaublich gering, über den Daumen würde ich schätzen: so bei 10 hoch minus 27.

Was wir in den letzten Tagen gelernt haben – eigentlich haben wir es nicht gelernt, wir wußten es schon seit mindestens Juni 1977 – ist, daß völlig unwahrscheinliche Dinge trotzdem geschehen können. Es geschieht wohl nur alle 20 Milliarden Jahre (wieder über den Daumen gerechnet), daß die gleichen Gewinnzahlen an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden in Holland und Deutschland auftauchen, aber es geschieht. Die Frage ist, ob wir auch bei völlig unwahrscheinlichen Risiken gewillt sind, die Konsequenzen aus einem »Lottogewinn« auf uns zu nehmen. Sind wir mit einem Restrisiko von 1 : 10 hoch minus 27 gewillt, die Möglichkeit der Verstrahlung von Rheinland-Pfalz für die nächsten 1000 Jahre auf uns zu nehmen?
Auch das rechnerisch völlig unwahrscheinliche wird irgendwann geschehen. Es ist zwar völlig unwahrscheinlich, aber irgendwann passiert’s. Bisher dachten wir, das völlig Unwahrscheinliche passiert nicht. In der letzten Woche haben möglicherweise Umweltminister Röttger und Bundeskanzlerin Merkel gelernt, daß das völlig Unwahrscheinliche passiert.

Schon 1985 konnte sich Peter F. Bringmann (bekannt durch »Theo gegen den Rest der Welt«) einen terroristischen Anschlag auf ein AKW vorstellen: über seinen ausgezeichneten (und 1987 nur ein einziges Mal ausgestrahlten – siehe dazu den SPIEGEL-Link) Fernseh-Zweiteiler »Gambit« (Darsteller u.a. Heinz Bennent, Peter Berling, Despina Pajanou, Dominic Raacke, Rolf Zacher und Hans Zander; Rezensionen bei Amazon; SPIEGEL-Link: Der GAU und das Mädchen) läßt sich im Internet fast nichts finden.

Also: welche Restrisiken gibt es, und welche sind wir zu welchem Preis einzugehen bereit?



Wenn man die Icons größer macht, sieht das sehr beeindruckend aus:

(Karten gefunden auf dem Landkarten-Blog)

aktualisiert: 22.03.2014

Dienstag, 15. März 2011

»Die haben die Drecksarbeit gemacht…«


Das ist eines von zwei Lieblingsbildern von Igor Kostin. (Beim ersten Link bis etwas unterhalb der Seitenhälfte scrollen.) Über die etwa 700.000 (laut Wikipedia 200.000) sogenannten Liquidatoren sagt er: »Zuerst haben sie es mit Robotern versucht. Die haben aber wegen der hohen Strahlung nicht funktioniert. … Die haben die Drecksarbeit gemacht, und über die redet keiner mehr. 40 Sekunden lang durften sie auf dem Dach bleiben und haben eine Schippe in das Loch geschüttet. Dann sind sie zurückgerannt, haben eine Urkunde gekriegt und 100 Rubel und wurden weggeschickt. Denen will ich mit meinen Bildern ein Denkmal setzen.«

Siehe auch
- Radio 91.2: Schlimmste Erinnerungen in der Ukraine
- Planet Wissen vom 29. Juli 2010: Atomkraft - Das ABC der Kernenergie

Montag, 14. März 2011

Sinn und Unsinn der Diagnosen-Kodierung

Die mit viel Aufwand betriebene Kodierung liefert offensichtlich inhaltlich wertlose Daten. Dieser Schluss ergibt sich aus einer mit einem Forschungspreis ausgezeichneten Dissertation an der Medizinischen Fakultät an der Universität Leipzig: Das pikante daran: Der KBV-Spitze ist dieses Problem bereits seit langem bekannt.
Wichtig bei der Kodierung ist, dass sich die kodierten Daten auch zuverlässig und replizierbar dekodieren lassen – sonst ist der Aufwand überflüssig und wirtschaftliche sowie gesundheitspolitische Entscheidung werden aufgrund falscher Annahmen gefällt. Diese Problematik stand im Mittelpunkt der Arbeit von Dr. med. Rosemarie Wo- ckenfuss. Sie untersuchte anhand der Ergebnisse der Sächsischen Epidemiologi- schen Studie in der Allgemeinmedizin (SESAM-2), ob die ICD-10 den Anspruch der Reliabilität zur Darstellung der Morbidität erfüllen kann.

Link zum Download der Studie

aus den Mitteilung des bvvp (Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten) vom 9.3.2011


Die letzten beiden Sätze der Dissertation lauten:

Zusammenfassend konnte festgestellt werden, dass für die Bekannten Dauerdiagnosen und Neuen Diagnosen nur noch auf Kapitelebene eine mäßige Abbildung der Morbidität mit der ICD-10 gelang, bei den Beratungsanlässen war selbst das schon nicht mehr möglich.
Somit ist die Reliabilität der ICD-10 in der Allgemeinmedizin nicht ausreichend.


Sprache, Sauberkeit und die Medien

Gerade habe ich in der Tagesschau gehört, die Absetzung des Gorch-Fock-Kommandanten Norbert Schatz sei voreilig gewesen.
Der ehemalige Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg hat Norbert Schatz aber nicht abgesetzt, obwohl dies in den Medien mehrmals so berichtet worden ist, sondern suspendiert.

Suspendieren heiß aber eben nicht absetzen sondern aussetzen.
Das, was jetzt voreilig gewesen sein soll, hat es also nie gegeben.

Genauso der Fall mit der Anfang November zu Tode gestürzten Offiziersanwärterin auf der Gorch Fock:
Die BILD-Zeitung meldet – und der deutsche Blätterwald schreibt mit –, die Offiziersanwärterin sei aufgrund ihres Gewichtes von 83 Kilo bei einer Körpergröße von 1,58 m gar nicht dienstfähig gewesen. (In dem von mir zitierten Beispiel aus »evangelisch.de« ist übrigens – siehe den orangefarbenen Einschub mit mehreren Links – auch von der Absetzung des Gorch-Fock-Kommandanten die Rede.) Vier Tage brauchte es herauszufinden, daß die Leiche der Soldatin vor dem Heimtransport mit 23 Kilo Formaldehyd einbalsamiert worden war. Ich hatte Schwierigkeiten, zu meiner letzten Aussage Meldungen zu finden. Die Anzahl der auffindbaren Meldungen über die Dienstunfähigkeit der Unteroffizierin ist wesentlich größer als die, die die Unstimmigkeit auflösen.

Wenn ich nun gestern im ZDF Meldungen höre, von dem Atomkraftwerk stünde nach der Explosion nur noch das Stahlgerippe, wird mir übel. So kann man die Bevölkerung nicht mit Informationen versorgen. Der ruhigen und besonnenen Berichterstattung der ARD ein großes Kompliment. Im Life-Ticker am Unterrand meines Browsers lese ich gerade: »ZDF – Nur Jod hilft«. Dazu Folgendes: Nach Tschernobyl sind in Deutschland tatsächlich Menschen ums Leben gekommen, nur: sie starben, weil sie bei einer unerkannten Schilddrüsenüberfunktion prophylaktisch Jod-Tabletten eingenommen hatten. Also: Ruhe bewahren, Atomkraftwerke abschalten und die Hirne nicht zu heiß laufen lassen.

Ach ja, beinahe hätte ich unseren Guido vergessen. Er erzählt heute tatsächlich vor der Kamera, es habe sich eine neue Situation ergeben, weswegen man über den Ausstieg (aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg) aus der Atomkraft ebenfalls neu nachdenken müsse. Wenn es die Katastrophe in Japan nicht gegeben hätte und im Sommer ein Passagierflugzeug auf ein AKW gefallen wäre und unter dem Strich eine Kernschmelze entstanden wäre, würde er auch da stehen und erzählen, eine neue Situation sei entstanden.

Eine Situation, die bei uns in Deutschland entstehen könnte, ist ein Vulkanausbruch in der Eifel. Der letzte war vor 12.000 Jahren. Ein populärwissenschaftliches Feature – ich glaube auf vox – von BBC berichtete vor etwa einem halben Jahr davon. Auf der Seite duckhome.de wird von einem Erdbeben bei Basel der Stärke 10 im Jahr 1356 berichtet, es gibt auch was über Eifelvulkane…

Tanja Gönner, Umweltministerin in Nordrhein-Westfalen, erzählt gerade im ARD Brennpunkt, »wir haben die Atomenergie immer als Übergangstechnologie bezeichnet«. Na ja, sie ist im Wahlkampf.

Siehe auch »Störungen und Betriebsabweichungen« und das darauf folgende Kapitel im Wikipedia-Aufsatz über Fukushima: der privatwirtschaftliche Betrieb von AKWs ist problematisch. Und wenn die Meldung bei Wikipedia stimmt, die Ersatzgeneratoren hätten aufgrund ungeeigneter Kabel nicht angeschlossen werden können, dann kann ich dazu nichts mehr sagen.

Wenn wir, was ich uns allen wünsche, noch einmal mit einem blauen Auge davonkommen sollten, dürfen wir nicht vergessen: Da sind noch ein paar Bälle, die zur Zeit jongliert werden, ohne daß man sie wirklich unter Kontrolle hat und die uns noch einige Probleme bereiten werden:
– die Atommüll-Endlagerung
– gentechnisch veränderte Pflanzen und Lebensmittel
– Nano-Technologie
– das internationale Währungssystem (siehe meinen Post vom 12. März)