Montag, 17. März 2008

„Atomstrom ist nicht nur gefährlich – wir brauchen ihn nicht"

Interview mit dem Energiesprecher des BUND, Dr. Werner Neumann

Wir haben dem Energiesprecher des BUND, Dr. Werner Neumann, Fragen zur aktuellen Energiepolitik gestellt.

• Vielfach wird gesagt, der Strom aus alten abgeschriebenen Atomkraftwerken sei billig. Da kann man doch nichts dagegen haben, oder?

Neumann: Wenn Atomstrom keine großen Gefahren beim Betrieb oder beim Atommüll aufweisen würde, ware dies alles kein Problem Es besteht aber ein hohes Risiko, dass bei einer Kernschmelze mit Freisetzung von Radioaktivität Haus, Hof und Gesundheit zerstört werden und die Atomwirtschaft noch nicht mal den Schaden trägt.
Schauen Sie mal in die Unterlagen Ihrer Hausratsversicherung. Dort sind alle Schäden durch Kernenergie ausdrücklich ausgeschlossen. Und die vorgeschriebene Deckungsvorsorge für Atomkraftwerke dürfte maximal wenige Promille des Gesamtschadens betragen.
Der Versicherungsexperte der Münchner Rück, Klaus Ben hat einmal auf die Frage zur Versicherbarkeit von Atomanlagen gesagt: „Der Schaden kann nicht abgeschätzt werden, wir können und werden dies nicht versichern können.“ So gesehen dürfte man Atomkraftwerke im Grund genommen gar nicht betreiben – alle anderen Stromerzeuger habe, eine Haftpflichtversicherung, Atomenergie nicht.

• Die Atomindustrie sagt, das Endlagerproblem ist gelöst, man müsste Gorleben nur in Betrieb nehmen.
Dr. Werner Neumann

Tatsächlich ist das Endlagerproblem in keiner Weise gelöst. Viele Menschen glauben, in Gorleben wäre der Atommüll schon im Salzstock eingelagert, tatsächlich lagert dieser nur in der oberirdischen Halle. Grund ist ja, dass es begründete Zweifel gibt, ob der Salzstock von Gorleben langfristige Sicherheitskriterien erfüllt.

• Mit der Klimaargumentation der Atomindustrie sind Sie auch nicht einverstanden. Warum?

In Biblis A und B wurden in den letzten Jahren über 1 Milliarde Euro für Nachrüstungen investiert. Beide Blöcke produzieren zusammen 15 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Die gleiche Strommenge könnte man kostengünstiger wegsparen. Beispielsweise kosten 100 Millionen Steckerleisten zum Abschalten von Stand-By etwa 500 Millionen Euro und sparen 10 Milliarden Kilowattstunden Strom. 20 Mio. sparsame Heizungspumpen haben Mehrkosten von S Milliarden Euro, sparen im Jahr 1 Milliarde Euro Stromkosten und sparen 5 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Das zeigt: Effiziente Stromanwendung ist dem Atomstrom meilenweit überlegen.

• Als „Brückenenergie“ für den Weg zu den erneuerbaren Energien könnten Sie die Atomenergie doch wenigstens akzeptieren …

Wozu braucht es eine wackelige Brücke, wenn man den direkten Weg zu den erneuerbaren Energien wählen kann.
Schauen Sie, vor 10 bis 15 Jahren waren die erneuerbaren Energien noch in den Kinderschuhen. Die Stromwirtschaft hat noch Anfang der 90er Jahre Anzeigen geschaltet mit dem Text: „Denn regenerative Energien wie Sonne, Wasser und Wind können auch langfristig nicht mehr als vier Prozent unseres Strombedarfs decken.*
Heute decken erneuerbare Energien 15 Prozent unseres Stromverbrauchs, wir gehen auf 20 bis 30 Prozent zu und bald darauf sind auch 100 Prozent möglich. Zudem wird Strom aus erneuerbaren Energien immer preisgünstiger – Windstrom kostet nur halb soviel wie vor 10 Jahren.

• Aber mit der Windenergie haben die Umweltverbände doch Probleme?

Nein, der BUND und alle anderen Naturschutzverbände im Deutschen Naturschutzring haben sich für die Erzeugung von Strom aus Windenergie ausgesprochen. Wenn für den Naturschutz wichtige Bereiche ausgespart bleiben, ist noch reichlich Platz, dass allein Windstrom 30 Prozent unseres Strombedarfs decken kann.
Es hat sich gezeigt, dass die immer unterstellten Schäden durch Vogelschlag sehr gering sind. Probleme gibt es nur bei speziellen Vogelarten, wie Rotmilan und Seeadlern, und dies nur an besonderen Orten. Bei www.wind-ist-kraft.de kann man sich genauer informieren, wie Naturschutz und Windenergie in Einklang kommen können.

• Wann soll das Atomkraftwerk Biblis stillgelegt werden?

Sofort! Ein weiterer Betrieb ist nicht zu verantworten. Die Gefahr, dass mit einer Kernschmelze das Rhein-Main-Gebiet praktisch für immer unbewohnbar wird, ist zu groß.

• Es werden bundesweit über 20 Kohlekraftwerke geplant – der BUND ist nun auch gegen diese?

Richtig. Neue Kohlekraftwerke, durch die nach Berechnungen des BUND die CO2-Emissionen bundesweit noch um über 100 Millionen Tonnen im Jahr steigen würden, sind keine Alternative für alte gefährliche Atomkraftwerke. Eigentlich wäre die Umgestaltung unserer Energieversorgung einfach. Der forcierte Ausbau erneuerbarer Energien kann den Strom aus gefährlichen Atom- und schmutzigen Kohlekraftwerken leicht ersetzen.

• Was ist eigentlich Kraft-Wärme-Kopplung?

Es ist ein Fremdwort für die Betreiber von Atomkraftwerken, denn dort und auch bei vielen großen Kohlekraftwerken – werden ca. zwei Drittel der eingesetzten Energie ungenutzt als Abwärme über Kühltürme oder in Flüsse abgeleitet. Das ist schlicht Energieverschwendung und schafft Umweltprobleme.
Kleinere Heizkraftwerke in Stadtteilen, in Krankenhäusern, Bürogebäuden, Schulen, Industrie und Gewerbe können vor Ort Strom produzieren und die entstehende Wärme wird gleichzeitig genutzt. Solche Anlagen gibt es in allen Größenordnungen, sogar für Haushalte. Sie können mit Erdgas, Biogas, Pflanzenöl, größere auch mit Holz betrieben werden.

* Anzeige 33/93 Badenwerk, Bayernwerk, Preußen-Elektra u. a. Infoservice STROM



• Atomausstieg selber machen

Führende Umweltverbände, Verbraucherschutzorganisationen und Anti-Atom-Initiativen rufen die atomkritische Mehrheit in Deutschland auf, ihre Vertragsbeziehungen zu den Atomstromproduzenten zu beenden und massenhaft zu Ökostromern zu wechseln. Private Haushalte, Gewerbe und Unternehmen sollen so gegen die einseitige Aufkündigung des so genannten Atomkonsenses durch den Essener Stromriesen RWE und die anderen drei Atomstromproduzenten EON, Vattenfall und Energie Baden-Württemberg (EnBW) vorgehen. Zu den Organisationen, die zusammen mehrere Millionen Mitglieder repräsentieren, gehört auch die IPPNW.

Über eine eigens eingerichtete Homepage (www.atomausstieg-selber-machen.de), aber auch durch direkte Ansprache werden jene rund zwei Drittel der Bevölkerung angesprochen und informiert, die nach jüngsten Umfragen der Atomenergie ablehnend gegenüberstehen, bisher daraus aber noch nicht die Konsequenz eines Stromanbieterwechsels gezogen haben. „Erteilen Sie dem Wortbruch der Konzerne mit der Aufkündigung Ihrer Vertragsbeziehungen eine angemessene Antwort. Es kostet Sie fünf Minuten“, heißt es in dem Aufruf der Verbände und Organisationen

aus der Aktionszeitung »Biblis angeklagt«, herausgegeben von der deutschen Sektion der IPPNW, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V., dem BUND Landesverband Hessen e.V. und der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien e.V. (EUROSOLAR)

siehe auch Atomkraftgegner bei Wikipedia

Sonntag, 16. März 2008

Tod in Havanna

Am 7. Januar 2008 starb in Havanna Philipp Agee, ein Mann, der wie kein anderer vor und nach ihm die mörderische Tätigkeit der CIA enttarnt und dargestellt hat. Er hatte sich 1957 während des Kalten Krieges für die Agency anwerben lassen, damals noch fest davon überzeugt, hier einen Beitrag für den Schutz von »freedom and democracy« leisten zu können. Doch seine Erfahrungen in verschiedenen lateinamerikanischen Staaten belehrten ihn, daß das eigentliche Ziel der US-Politik darin bestand, traditionelle Machtstrukturen zu konservieren und der Mehrheit der Bevölkerung die Kontrolle der Wirtschaft und der politischen Entscheidungen vorzuenthalten, also Demokratie zu verhindern. Möglich war das nur durch Unterdrückungsmaßnahmen verschiedenster Art. Die Aufgabe der CIA bestand darin, Staatsstreiche zu organisieren, Diktaturen zu etablieren, Todesschwadronen aufzustellen und zu trainieren und Folterschulen einzurichten. Im Vergleich zur Gegenwart ist immerhin festzuhalten, daß die US-Agenten damals noch nicht selber folterten, sondern das »know how« lieferten und assistierten. Für Morde und Terrorakte stellten sie Geld, Waffen, Unterstützung aller Art zur Verfügung. Dafür brauchten sie nicht zuletzt Nachrichtenagenturen und Journalisten, die bei aller Kritik im Einzelnen die Verhältnisse so darstellten, als wären die »Hilfsprogramme« gerechtfertigt. Ob die Redakteure für die Veröffentlichung genehmer Nachrichten direkt Geld oder nur spannende, verwertbare Informationen bekamen, war für CIA-Zwecke bedeutungslos. Das Gleiche gilt für die Beeinflussung von Wahlen, die Infiltration von Parteien, Kirchen, Frauen- und Studentenorganisationen und Gewerkschaften.

Alles dies erlebte Philip Agee unmittelbar mit.

gefunden bei United Mutations, Quelle u. gesamter Text bei Ossietzky (www.sopos.org)

Bush & Monsanto

The information below is from Robert Cohen, Executive Director of the Dairy Education Board. (http://www.notmilk.com). It shows how the corporations control our government so as to continue to dilute and even poison our food supply in the name of profit.

John Grisham wrote the best selling novel, the Pelican Brief. Julia Roberts and Denzel Washington starred in the blockbuster movie in which two Supreme Court justices are assassinated so that an evil oil billionaire can petition the president to appoint environmentally unfriendly justices to America’s highest court. It’s all about politics, multi-national firms, and dollars.

Today’s Pelican Brief
In 1994, Monsanto Agricultural Company gained approval for their genetically engineered bovine growth hormone. That hormone became the most controversial drug application in the history of America’s Food and Drug Administration (FDA). Monsanto’s hormone caused cancer in laboratory animals, and was banned in Europe and Canada. Monsanto’s genetically engineered crops continue to make headline news throughout the world, and their patented seeds have become the seeds of controversy.

gefunden bei United Mutations, Quelle und gesamter Text bei www.alkalizeforhealth.net


Siehe auch meinen letzten Monsanto-Post: Monsanto, mit Gift und Genen

Kombimodul erzeugt Strom und Wärme zugleich

Das Solarzentrum Allgäu steigt als erstes Unternehmen in Deutschland in die Serienproduktion von Kombimodulen für Photovoltaik und Solarthermie ein. Das Konzept der gleichzeitigen Erzeugung von Strom und Warmwasser steht noch am Anfang, hat aber großes Potenzial…

gefunden bei United Mutations; Quelle/Gesamter Text: www.handelsblatt.com

Hessen löst Landschaftsschutzgebiete auf

Inhaltsleer und ohne Relevanz für den Natur- und Landschaftsschutz. So sieht nach Einschätzung des Naturschutzbundes (Nabu) die Zukunft der hessischen Naturparks aus. Der Hintergrund: Die Landesregierung hat Anfang der Woche fast alle großen Landschaftsschutzgebiete (LSG) aufgelöst. Naturschützer von Nabu und BUND befürchten, dass die Naturparks damit eine wesentliche Rechtsgrundlage verlieren und wirksamer Landschaftsschutz nicht mehr gewährleistet ist. Bisher mussten beispielsweise alle Bauvorhaben von der Naturschutzbehörde genehmigt werden. Mit der Auflösung wolle die Regierung nun die Bahn frei machen, um die Gebiete zu bebauen, sagt der Nabu…

gefunden bei United Mutations; Quelle/Gesamter Text: www.fr-online.de

Samstag, 15. März 2008

„Bildblog“ darf mosern

Die Internetseite „Bildblog.de“ darf sich weiter beim Deutschen Presserat über „Bild“ beschweren. „Der Deutsche Presserat hat am Mittwoch mehrheitlich entschieden, dass ein Missbrauch des Beschwerderechts durch das ,Bildblog‘ nicht zu erkennen ist“, sagte ein Presseratsprecher. Das Selbstkontrollgremium lehnte damit einen Antrag des Axel Springer Verlags ab, die Beschwerden zu verbieten. Ein Sprecher des Verlags hatte „Bildblog“ zuvor mit einem „Abmahnverein“ verglichen und den Betreibern vorgeworfen, den Presserat für eigene kommerzielle Interessen zu instrumentalisieren. „Bildblog“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, täglich die Fehler der „Bild“-Zeitung aufzudecken. epd
aus der Hannverschen Allgemeinen Zeitung vom 14.3.08


siehe auch Stephan Niggemeier, Springer 1968, im »Spiegel« der Zeit

Hier ist auch ein Zitat aus der Bayerischen Staatszeitung vom 19. April 1968 zu finden:

»Zahlreiche Analysen des Inhalts der „Bild-Zeitung” haben den Nachweis erbracht, daß dieses Blatt seit Jahren immer wieder seine Leser einseitig, lückenhaft und unsachlich informiert … Sie scheut nicht davor zurück, die Wahrheit zu verfälschen, wenn mit der Unwahrheit Ressentiments aufgerührt werden konnten. Die „Bild-Zeitung” spiegelt sehr deutlich wider, wie Zeitfragen von einem Teil unserer Gesellschaft, und zwar von den intellektuell wenig Geschulten, von einseitig Orientierten und halb Informierten erörtert werden. Dieses Gespräch ist durchsetzt mit Halbwahrheiten, Neid, Haß und Vorurteilen, mit Dummheit, Spießbürgertum und Desinteresse.«

Auf der gleichen Seite eine Einschätzung von Wilhelm Backhaus, ehemaliger Kolumnist bei Springer, ursprünglich veröffentlicht in einer SPIEGEL-Serie aus dem Jahr 1968 über Axel Springer:

»In Deutschland hingegen sind seit dem Kriege gerade Minderwertigkeitsgefühle und Ressentiments verlegerisch zu nutzen, und das gelang Springer mit dem kongenialen Chefredakteur von „Bild”, Peter Boenisch, noch auf eine besondere, viel gefährlichere Weise. Sie erreichten es, daß sich der Konsument von „Bild” nicht mehr mit dem Lesen begnügt; er wird aktiviert, man animiert ihn zur Zuschrift, man redet ihm ein, daß seine Stimme Volkes Stimme sei, daß Deutschland durch seinen Mund spricht.

So ist das Millionenheer der „Bild”-Leser bewußt zu einer politischen Macht aufgebaut worden, die ebenso bewußt gelenkt wie ausgespielt werden kann. Ihr Gewicht ist längst viel zu groß, als daß irgendein Politiker es noch wagt, sich ihr entgegenzustellen. Daß dies keine bloß konstruierten Spekulationen sind, hat Springer selbst durch die wiederholte Behauptung bestätigt, er und seine Politik erhielten ihren Auftrag, ihre Legitimation durch die tägliche Millionenzahl seiner Zeitungskäufer und -leser.«


SEYMOUR M. HERSH, REPORTER IN WASHINGTON

VIETNAM, IRAK, IRAN – VON MACHT UND OHNMACHT DES JOURNALISTEN

W I R in Amerika – und im Westen – leben in Zeiten einer furchtbaren Krise, die größtenteils hausgemacht ist. Sie begann mit dem Grauen des 11. September und wurde durch das nachfolgende Grauen der Regierung Bush vertieft und verschärft. Während ich dies schreibe, Anfang August, hat mein Präsident noch keinen Bomben- und Raketenangriff auf die Mullahs im Iran befohlen, doch die Durchführung dieses Angriffs ist, wie er glaubt, seine Bestimmung – um Amerika und die freie Welt vor einem Iran zu schützen, der, wie er glaubt, einmal mit Atomwaffen und der nötigen Technik ausgerüstet sein wird, um diese in New York, Washington und anderen amerikanischen Großstädten zur Detonation zu bringen. Daß es keinerlei Erkenntnisse gibt, die seinen Glauben stützen, spielt keine Rolle. Wir werden abwarten müssen, ob er tut, was er seiner Ansicht nach tun muß, oder ob er dadurch gebremst wird, daß sehr wenige Menschen in Washington – sowie unter den Republikanern im Kongreß und vielen Spitzenmilitärs im Pentagon – der Ansicht sind, dies wäre selbstmörderisch und könnte den Westen in einen weltweiten Krieg gegen die Schiiten stürzen.

Seit dem 11. September habe ich in meiner Arbeit für den New Yorker über kein anderes Thema berichtet, und man wird wohl bemerkt haben, daß ich – mehr als die meisten Journalisten – Zugang zu bestimmten inneren Abläufen in der Regierung Bush habe. Zu den Vorzügen, schon lange im Geschäft zu sein, gehört, daß ich langjährige berufliche Beziehungen zu zahlreichen höheren Beamten der amerikanischen Geheimdienste und der Armee unterhalte – manche pensioniert, manche noch aktiv –, die mit dem Weißen Haus und dem Nationalen Sicherheitsrat zu tun haben. Und dennoch habe ich keine Ahnung, was George Bush weiß oder woran er glaubt. Hat er den Irak aus tiefem Glauben an den Wert der Demokratie überfallen, wie er wiederholt festgestellt hat, oder aus persönlicher religiöser Berufung; war es sein Wunsch, die Sicherheit Israels zu gewährleisten, oder, den amerikanischen Zugang zum Öl im Mittleren Osten zu sichern; tat er es, weil sein Vater sich 1992, am Ende des Ersten Golfkriegs, gegen einen Einmarsch in Bagdad und den Sturz Saddams entschieden hatte?

Ich kann Ihnen nicht erzählen, ich hätte eine Antwort auf diese Frage oder auch nur eine plausible Vermutung. Ebensowenig habe ich eine Ahnung, ob George Bush an den großen Entscheidungen, die getroffen worden sind, überhaupt persönlich beteiligt war. Der gesunde Menschenverstand würde nahelegen, daß dies der Fall ist, doch hat mein Präsident seinem Vizepräsidenten Dick Cheney derart außerordentliche Machtbefugnisse – und politischen Einfluß übertragen, daß wir alle auf Vermutungen angewiesen sind. Geht das heutige Chaos auf Cheney zurück, oder hat Bush es mit außerordentlicher Schläue so gedreht, daß wir uns alle auf Cheney – als Amerikas Bösewicht – konzentrieren und dem Eindruck verfallen, er, Bush, habe mit der ganzen Sache nichts zu tun? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich an eine sehr witzige Fernsehsendung vor vielen Jahren, als Ronald Reagan, der ehemalige B-Movie-Schauspieler, noch Präsident war. Reagan wurde in dem Sketch als der Trottel dargestellt, für den ihn viele von uns hielten. Die Szene begann damit, daß er im Oval Office eine Gruppe junger Studenten empfing und sein übliches liebenswürdiges und nichtssagendes Geplauder abließ. Als die Studenten weg waren, rief ein plötzlich dynamischer Reagan seine nationalen Sicherheitsberater zu sich, trat an eine Bürowand und drückte einen Knopf, worauf die Wand zurückfuhr und eine detaillierte und streng geheime Karte der Sowjetunion freigab. Sodann wies ein klarer und präziser Reagan, der auf einmal richtiges Englisch wie auch fließend Russisch sprach, seine Berater an, eine Geheimmission in Rußland vorzubereiten.

Damals war das lustig, heute ist es unheimlich. Weiß Bush, was er mit dem Angriff auf den Irak und seinem zähen Beharren, die Demokratie müsse in alle Staaten des Nahen und Mittleren Ostens getragen werden, angerichtet hat? Ist das angerichtete Chaos das Ergebnis, das Bush und seine neokonservativen Berater von Anfang an wollten? Für viele im Weißen Haus ist das Chaos durchaus hinnehmbar. Vor einigen Jahren erzählte mir der Außenminister eines bedeutenden europäischen Verbündeten der USA bei einem privaten Mittagessen, für ihn sei Paul Wolfowitz, damals stellvertretender Verteidigungsminister, der perfekte Trotzkist, weil Wolfowitz offenkundig, genau wie Trotzki, an die permanente Revolution glaube. (Dieser Außenminister kostete mich später ganz schön Nerven, weil er mir untersagte, diese Äußerung im New Yorker zu zitieren, auch nicht anonym, da nur er – wie er sagte – über die Bildung verfüge, einen solchen Vergleich zu ziehen, weswegen jeder wüßte, von wem er stamme, würde er nun namentlich zitiert oder nicht.)

KING GEORGE

Eines aber ist unbestritten: Präsident Bush hat viele der grundlegenden gesetzlichen und verfassungsmäßigen Beschränkungen seiner Macht demoliert und uns allen vor Augen geführt, wie fragil die amerikanische Demokratie ist. Keine der Institutionen, die uns vor einer tyrannischen Exekutive schützen sollten, hat funktioniert. Der Kongreß, während der ersten sechs Jahre von Bushs Präsidentschaft von den Republikanern beherrscht, hat vollkommen darin versagt, seinen verfassungsgemäßen Auftrag wahrzunehmen, und hat die Aufsicht über das politische und militärische Handeln des Weißen Hauses vernachlässigt. Die Armeeführung wandte sich nicht gegen die irrationale Entscheidung des Präsidenten, den Kampf gegen Osama Bin Laden in den säkularen Irak zu tragen – vielmehr wurden viele hochrangige Offiziere zu öffentlichen Cheerleadern für King Georges Wahnsinn. Auch die Millionen in der Bundesverwaltung Beschäftigten wurden zum Schweigen gebracht und berichteten den zuständigen Kongreßausschüssen oder der Presse lieber nichts davon, was wirklich geschah.

Für mich als einem, der es sein ganzes Leben für die Aufgabe eines Journalisten gehalten hat, bei Staatsbeamten die höchsten Maßstäbe anzulegen, ist das Versagen der amerikanischen Presse am bedrückendsten. Die großen Zeitungen und Fernsehsender ließen sich nach dem 11. September von Bush einschüchtern und verpaßten so das wichtigste moralische Thema des Jahrzehnts – wie der Präsident und seine Lakaien logen und die geheimdienstlichen Erkenntnisse verzerrten, um uns im März 2003 in den Krieg gegen den Irak zu treiben. Es mangelte nicht an Wissen – ich arbeitete die ganzen siebziger Jahre hindurch für die New York Times in Washington –, und meine ehemaligen Kollegen machten mir in Gesprächen deutlich, daß sie erkannt hätten, wie sehr das Weiße Haus sie habe täuschen wollen, doch solche Ansichten gelangten 2002 und 2003 kaum je ins Blatt. Ich weiß nicht genau, wieviel davon Selbstzensur war – ob Reporter von dem von der Regierung Bush propagierten Krieg gegen den Terror eingeschüchtert waren – oder inwieweit das Versagen in der Verantwortung der Redakteure lag. Meiner Schätzung nach könnten wir neunzig Prozent der Zeitungsredakteure in Amerika feuern und sofort damit anfangen, ein besseres Produkt herzustellen. Eine gute Insider-Geschichte über die Rolle der Presse dabei, daß Bush sich täglich die Unterstützung durch Zeitungen und Fernsehen für den Krieg im Irak versichern konnte, steht noch aus und ist dringend erforderlich.

Ob es auch einmal eine gute Geschichte der inneren Abläufe der Präsidentschaft Bushs geben wird? Ich bin mir nicht so sicher. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, Bush oder Cheney hätten die Wege zu ihren Entscheidungen sorgfältig protokolliert. Solche Aufzeichnungen dürften ohnehin ein Relikt aus einer transparenteren Vergangenheit sein. Ich erinnere mich an ein Frühstück letztes Jahr mit einem US-General, der kurz zuvor von einer ausgedehnten Inspektionsreise durch Afghanistan zurückgekehrt war. Er hatte den Auftrag, für einen der Spitzenmilitärs in Washington einen Bericht zu erstellen, und seine Erkenntnisse machten, wie er mir sagte, deutlich, daß die USA und ihre Verbündeten dort die größten Schwierigkeiten mit den Taliban hatten. Ich fragte den General, den ich schon über ein Dutzend Jahre kannte, wann er denn die Zeit gefunden habe, seinen Bericht zu schreiben. „Einen Bericht schreiben, Sy?“ antwortete er stirnrunzelnd und zuckte die Achseln. „Warum einen Bericht? Ich halte nichts vom Schreiben. Ich hab’ das einfach mündlich vorgetragen.“ Mich beschleicht die Ahnung, daß künftige Historiker in den Archiven dieser Regierung nur sehr wenige historisch bedeutsame Dokumente finden werden.

Ich brauche hier nicht zu sagen, wie schlecht es um mein Land bestellt ist oder wie die großen Mächte des Westens – und ich spreche insbesondere von Großbritannien – darin versagt haben, Washington zu zügeln. Auch Deutschland und Frankreich haben sich wie England von dem amerikanischen Schmierentheater begrenzter Diskussionen und angedrohter Wirtschaftssanktionen gegen den Iran wegen des vermuteten Forschungsprogramms Teherans für Nuklearwaffen blenden lassen. Zu keinem Zeitpunkt beharrte einer unserer Verbündeten öffentlich darauf, die Regierung Bush solle sich der logischsten Lösung dieser Kontroverse zuwenden: bilaterale Gespräche zwischen Washington und Teheran. Vielleicht das Verblüffendste an dieser Präsidentschaft ist die Leichtigkeit, mit der George Bush es geschafft hat, sich jeder bedeutsamen Kritik an seiner Weigerung zu entziehen, mit den Regierungen zu sprechen, die er mißbilligt. Ein starkes Stück, wenn man es sich mal überlegt.

Der Präsident der mächtigsten Nation der Welt – mit den meisten Bombern und den meisten Atomwaffen – weigert sich, mit den Regierungschefs zu sprechen, die er nicht mag. Er spricht nicht mit den Iranern, nicht mit den Syrern, nicht mit der Hamas oder der Hisbollah, und jahrelang hat er auch nicht mit den Nordkoreanern gesprochen. Und nur wenige beschweren sich darüber. Ich habe keinen Schimmer, wo das noch hinführen soll. Wird es einen großen Krieg im Nahen und Mittleren Osten geben, in dem die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten im Westen sowie die sogenannten moderaten sunnitischen Staaten des Nahen Ostens Jordanien, Ägypten, Saudi-Arabien und die Golfstaaten – gegen den Iran, Syrien, die Hisbollah und die verschiedenen schiitischen Gruppierungen auf der ganzen Welt kämpfen? Wird der Grundwiderspruch der amerikanischen Position im Irak – wir unterstützen dort nominell eine Regierung, die von mit dem Iran verbündeten Schiiten geführt wird – in einem Krieg auf Leben und Tod mit zahlreichen sunnitischen Milizen enden? Der amerikanische Widerspruch, das wird mit jedem Monat klarer, besteht darin, mit verschiedenen sunnitischen Stämmen und Milizen heimlich Frieden zu schließen und damit die schiitische Regierung zu schwächen, die während der letzten Jahre in Wahlen, die Präsident Bush und seine Lakaien beharrlich als frei und demokratisch bezeichnen, mit großem Getöse gewählt und in ihr Amt eingesetzt wurde. Das Dilemma im Irak ist grotesk, tödlich und verhindert eine friedliche Lösung.

Ich möchte daher nicht mehr über das Offensichtliche und die offensichtliche Lösung für den Krieg im Irak sprechen. (Meiner Ansicht nach gibt es nur zwei Optionen für die Beendigung des Krieges. Option A: Holt alle bis heute um Mitternacht heraus, und Option B: Holt alle bis morgen um Mitternacht heraus.) Vielmehr möchte ich etwas zu dem anderen Preis sagen, jenem, den meine amerikanischen Mitbürger zahlen, die man in diesen schmutzigen Krieg geschickt hat, so wie zuvor schon in andere schmutzige Kriege. Und bitte verstehen Sie mich richtig: Ich gehe nicht über die Hunderttausende unschuldiger irakischer Zivilisten hinweg, die von den Bomben und Gewehren der Aufständischen und der Amerikaner ermordet, verwundet und vertrieben worden sind. Aber es gibt einen Preis, den man nicht auf Anhieb erkennt und den diejenigen bezahlen müssen, die das Töten und Verstümmeln besorgen. Im Krieg gibt es keinen Sieger – keinen.

MY LAI

Meine journalistische Karriere zeichnet sich durch zwei bedeutsame Geschichten aus: Im Spätherbst 1969 schrieb ich als freier Journalist in Washington eine Serie von fünf Zeitungsartikeln über ein amerikanisches Massaker in einem Dorf namens My Lai 4 in Südvietnam. Diese Artikel trugen mir Ruhm, Reichtum, Ehre und eine Menge Auszeichnungen ein, unter anderem den Pulitzer-Preis. Und 2004 schrieb ich innerhalb von drei Wochen drei Berichte für den New Yorker – an sich schon eine reife Leistung, angesichts des rigorosen Prüf- und Bearbeitungsstandards der Zeitschrift – über Folter und Mißbrauch irakischer Häftlinge in Abu Ghraib, dem berüchtigten Gefängnis aus Saddams Zeit, ein paar Kilometer außerhalb Bagdads. Der letzte warf die Frage auf, wer ganz oben für die Folter verantwortlich sei; eine Frage, auf die seinerzeit niemand in Amerika gefaßt war – und heute anscheinend auch nicht.

Ich hatte mit der Veröffentlichung meines Materials über My Lai – wo am Morgen des 16. März 1968 über 550 vietnamesische Frauen, Kinder und alte Männer von einer Kompanie unerfahrener amerikanischer GIs abgeschlachtet wurden – begonnen, als mir ein Soldat, der dabei war, die Geschichte von Paul Meadlo erzählte. Meadlo war ein siebzehnjähriger Bauernjunge aus Südindiana, der sich freiwillig gemeldet hatte. Er durchlief die Grundausbildung und wurde dann mit seiner Einheit, der Charley Company von der Americal Division, Ende 1967 in den Dschungel Südvietnams geschickt. Während der folgenden dreieinhalb Monate zogen er und seine Kameraden durch die Reisfelder und den Dschungel des Südens, immer auf der Suche nach Vietcong. Nie trafen sie auf den Feind; statt dessen wurden sie von Heckenschützen, Sprengladungen und Minen zusehends zermürbt ähnlich wie heute im Irak. Einen uniformierten Feind, gegen den man kämpfen konnte, gab es nicht, nur mysteriöse Killer, die zuschlugen, sich zurückzogen und die Zivilisten der Gegend der Wut und Rache der Amerikaner überließen.

Mitte März 1968 hatte die Charley Company schon über ein Dutzend Männer verloren, ohne auch nur einen Vietcong oder uniformierten nordvietnamesischen Soldaten gesehen zu haben oder in etwas wie ein Feuergefecht geraten zu sein. Am Abend des 15. März teilte man ihnen mit, sie würden gleich am nächsten Morgen mit dem Hubschrauber zu einem Dorf – My Lai 4 – geflogen, wo laut Geheimdienstinformationen ein Bataillon harter nordvietnamesischer Kämpfer liege. Am Abend machten die Jungs das, was amerikanische Jungs damals so machten – sie rauchten ein paar Joints –, während die Offiziere und älteren der gemeinen Soldaten sich betranken. Am nächsten Morgen bestiegen sie die Helis und donnerten in das Dorf, bereit zu töten oder getötet zu werden. Kein Feind. Nur Hunderte alter Männer, Frauen und Kinder, die gerade Frühstück machten. Und nun geschah das Unerklärliche; vielleicht geschah es auch nur einfach so: Die amerikanischen Soldaten trieben die Zivilisten in drei große Gräben und machten sich daran, sie mit Salven aus ihren M 1 zu exekutieren. Viele Soldaten machten nicht mit oh ja, sie schossen, aber darüber oder vorbei. Paul Meadlo tat, was sein Leutnant, William Calley (der als Symbol des Massakers bekannt wurde, obwohl er nur einer von vielen Offizieren vor Ort war), ihm befahl. Meadlo feuerte ein Magazin nach dem andern auf die entsetzten Vietnamesen, die in den Gräben kauerten, und hielt nur inne, um neu zu laden. Irgendwann wurde es still. Die Amerikaner machten inmitten des Gemetzels Mittagspause, saßen zwischen den Toten und aßen ihre Rationen. Etwas später hörten sie ein Wimmern, dann kroch ein kleiner Junge, vielleicht zwei, drei Jahre alt, aus dem Graben heraus, voll mit dem Blut anderer. Seine Mutter hatte ihn unter ihren Körper geschoben und die Kugeln abgefangen, die für ihn bestimmt waren. Er erreichte den Grabenrand, stieß einen Schrei aus, den keiner je wieder hören wollte, und rannte vor den Amerikanern davon. Leutnant Galley zeigte auf Meadlo und sagte: „Knall ihn ab.“ Doch Meadlo schaffte bei einem kleinen Jungen nicht, was bei einer amorphen Masse ging. Voller Verachtung rannte Galley selbst hinter dem Kind her und schoß es mit seinem Gewehr in den Hinterkopf. Was für ein starker Mann.

Am nächsten Morgen ging die Charley Company nahe My Lai auf Patrouille, als Paul Meadlo auf eine Mine trat, die ihm das rechte Bein bis zum Knie wegriß. Ein Hubschrauber wurde angefordert, um ihn zu evakuieren, und während er und die Kompanie warteten, rief Meadlo immer wieder aus, und es wurde bald zu einem Fluch, der Calley galt: „Gott hat mich bestraft, Leutnant Calley, und Gott wird auch Sie bestrafen. Gott hat mich bestraft, Leutnant Calley, und Gott wird auch Sie bestrafen.“ Die Soldaten flehten, daß der Hubschrauber endlich kommen und sie von ihm befreien möge. Ich hatte die ersten beiden Artikel über My Lai im November 1969 geschrieben, ohne von Paul Meadlo gehört zu haben – dann aber, anderthalb Jahre später, hatten viele Soldaten ihre Dienstzeit bei der Armee beendet und waren nach Hause zurückgekehrt. Es war, wie ich später schloß, eine verdrängte Geschichte. Schließlich fragte mich ein GI, ob ich von Meadlo und seinem kaputten Bein gehört hätte und wie er Calley verflucht habe. Ich wußte, daß er in Indiana lebte, und ich hatte einen Anhaltspunkt: Meadlo, M-E-A-D-L-O, war kein gewöhnlicher Name. Ich fand Meadlo, wie abzusehen war, in einem Telefonbuch in Indiana – nachdem ich endlose Stunden mit vielen Vermittlungen im ganzen Staat telefoniert hatte. Seine Mutter nahm den Hörer ab. Sie lebten, wie sich herausstellte, noch immer auf einer Farm bei New Goshen, eine sehr ländliche Gegend nahe dem Ohio River. Ich sagte Mrs. Meadlo, ich wolle gern ihren Sohn sprechen. Sie war zurückhaltend, sagte aber nichts, als ich meinte, ich würde am nächsten Tag kommen. Ich hatte von Salt Lake City aus angerufen und flog noch in der Nacht – über Chicago und Indianapolis, Indiana –, um mittags auf der Farm zu sein. Es war eine heruntergekommene Hühnerfarm – offensichtlich war kein Mann im Haus. Die Hühner liefen überall herum, und das Haus selbst, es war aus Holz, wirkte nicht eben stabil. Ich stieg aus meinem Mietwagen aus. Mrs. Meadlo, die vielleicht fünfzig war, aber erheblich älter aussah, kam mir entgegen. „Ich möchte mit Ihrem Sohn sprechen“, sagte ich. Sie zeigte auf das Haus und sagte, sie wisse nicht, ob er mit mir sprechen wolle, ich könne es aber gern versuchen. Dann zögerte diese ungebildete, einfache Frau aus dem südlichen Indiana und sagte mit ungeheurer Bitterkeit: „Ich habe einen guten Jungen gegeben, und man hat mir einen Mörder zurückgeschickt.“

ABU GHRAIB

35 Jahre später. Ich habe meinen ersten Abu-Ghraib-Artikel im New Yorker veröffentlicht und werde im öffentlichen Rundfunk interviewt. Es ist eine Anrufsendung, und eine Anruferin sagt mir, sie wisse von einem Mädchen, das in der Einheit in Abu Ghraib gewesen sei, von der die Greuel begangen worden seien, und niemand in den Medien habe auf ihre entsprechenden Anrufe reagiert. Noch am Mikrophon bitte ich sie, sich Stift und Papier zu holen, nenne ihr dann meine private Büronummer und bitte sie, mich anzurufen. Zu Recht nahm ich an, daß die meisten Hörer entweder im Auto saßen oder anderweitig beschäftigt waren und sich die Nummer nicht merken konnten. Während der nächsten Tage erhielt ich nur einige wenige Anrufe, darunter aber den jener Frau. Wir verabredeten uns zum Lunch in einem Schnellrestaurant irgendwo im Nordosten Amerikas. Natürlich hatte ich großes Interesse, mit einer Soldatin zu sprechen, die in Abu Ghraib gewesen war. Beim Lunch erzählte mir die Frau, nachdem sie Vertrauen gefaßt hatte, folgendes: Die fragliche Soldatin gehörte einer Reserveeinheit der Armee an, eine Wochenendkämpferin also, die sich freiwillig gemeldet hatte, um ein wenig Geld für Schule, Kleider und dergleichen dazuzuverdienen. Sie war sehr hübsch und frisch verheiratet, als ihre Einheit einige Monate nach Ausbruch des Krieges 2003 mobilisiert und in den Irak geschickt wurde. Sie und ihre Kameraden waren hauptsächlich als Militärpolizisten ausgebildet, MPs, wie wir das nennen, und hatten vor allem gelernt, den Verkehr zu regeln. Im Irak jedoch wurden sie als Wärter in Abu Ghraib eingesetzt und rasch – es war Frühherbst 2003 – in die bitteren Späße dort verwickelt. Ich nehme an, Sie haben alle die Photos gesehen und die Geschichten gelesen und wissen, wovon ich rede. Anfang Januar 2004 ging einer der MP-Soldaten mit einer CD voller Bilder der grauenhaften Geschehnisse zu den Behörden, und alles kam zum Stillstand. Die junge Soldatin, die mit der Folter selbst nicht unmittelbar zu tun hatte, wurde einige Monate später, im März 2004, mit ihrer Einheit in die Heimat zurückverlegt. Kein Außenstehender wußte etwas von Abu Ghraib oder der Army-internen Untersuchung, die inzwischen angelaufen war. Man sagte mir, die junge Soldatin sei als anderer Mensch heimgekehrt. Sie war mürrisch, zurückgezogen, bedrückt. Sie wollte nicht mit ihrer Familie sprechen oder näher mit ihr zu tun haben, verließ schließlich auch ihren Mann und zog in eine andere nahegelegene Stadt. Ende April, als die ersten Artikel und Photos über Abu Ghraib erschienen, besuchte die Frau das Mädchen. (Ich wurde bewußt im unklaren über das Verhältnis der beiden gelassen.) Sie zeigte ihr eine Schlagzeile und fragte, ob das der Grund für ihr Verhalten sei. Worauf ihr praktisch die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde. Die junge Soldatin wollte nicht darüber sprechen.

Die Frau erinnerte sich, daß sie dem Mädchen, bevor es in den Irak ging, einen Laptop mit DVD-Laufwerk überlassen hatte. Fast jeder in den Irak verlegte GI hatte einen eigenen DVD-Player oder Computer dabei, da es im muslimischen Irak nur wenige Freizeitmöglichkeiten gab. Der Computer war bei der Frau verblieben, als die jungen Reservisten aus dem Irak zurückkehrten, und seitdem nicht mehr angerührt worden. Irgendwann benötigte die Frau, die mich angerufen hatte, einen zweiten Computer für ihr Büro. So kam es, wie sie mir sagte, daß sie den Laptop in Betrieb nahm und damit begann, Dateien zu löschen. Die Frau, die von Freud nichts weiß, beharrte darauf, ihre Entscheidung, den Computer zu durchsuchen, habe nichts mit den Berichten in den Zeitungen zu tun gehabt. Jedenfalls war eine der Dateien mit „Irak“ bezeichnet, und die Frau öffnete sie. Es erschien eine Reihe Photographien, die kein Familienangehöriger je sehen sollte. Es handelte sich um rund sechzig Digitalphotos von einem nackten irakischen Häftling, vor dem zwei knurrende Schäferhunde stehen, keinen Meter von ihm entfernt. Er stand vor Gefängnisgittern, die Hände hinter seinem Kopf – er konnte nicht einmal sein Geschlechtsteil mit den Händen schützen, wozu ihn jeder Instinkt gedrängt haben muß. Die Photos zeigen, daß einer der Hunde den Häftling schließlich an einer empfindlichen Stelle gebissen hatte und Blut geflossen war ganze Blutlachen –, und dann sah man einen Soldaten, der versuchte, ihm die Wunde mit Nadel und Faden zu vernähen. Diese Photos erhielt ich ohne Honorar – natürlich konnte der New Yorker nichts dafür bezahlen, andere aber hätten eine Menge dafür gegeben. Der Herausgeber David Remnick traf die, wie ich heute finde, sehr weise Entscheidung, nur ein ikonisches Photo des Häftlings zu veröffentlichen, wie er, die Arme hinterm Kopf, vor den schäumenden Hunden steht. Das Photo wurde weltweit reproduziert.

Ich hielt mit der Frau noch rund ein Jahr Kontakt und drängte sie, der jungen Soldatin, die sich offensichtlich in einer Krise befand, Hilfe zukommen zu lassen. Solche Fälle sind für Journalisten kompliziert, denn ich mußte die Frau auch bitten, von der Soldatin die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Photos einzuholen, und diese Entscheidung mußte unabhängig und ohne jede Beeinflussung durch mich getroffen werden. Das klingt kompliziert und ist es auch. Jedenfalls waren die Frau und ich ungefähr ein Jahr danach wieder zusammen essen, vielleicht telefonierten wir auch nur, und da sagte sie mir etwas, was ich damals noch nicht gewußt hatte. Die junge Soldatin, die nach ihrer Rückkehr aus dem Irak ihr Haus, ihre Freunde und ihren Mann verlassen hatte, hatte sich auch jedes Wochenende tätowieren lassen. Ihr ganzer Körper war mittlerweile bis zum Hals mit großen schwarzen und blauen Tätowierungen überzogen. Es war, als wollte sie, wie die Frau sagte, „die Haut wechseln“.

Wir in Amerika beginnen erst allmählich zu verstehen, wie hoch der soziale und emotionale Preis des Einsatzes im Irak für unsere Soldaten ist. Im Lauf der nächsten Jahrzehnte werden wir mehr verstehen.

Groningen, 26 Oktober 2007 •
____________________________________________________________________

AUS DEM ENGLISCHEN VON ElKE SCHÖNFELD
WIR DANKEN DEN VAN DER LEEUW LECTURES, GRONINGEN

von Seymour M. Hersh, aus Lettre INTERNATIONAL, Nr. 80, Frühjahr 2008

„Es gab noch nie einen Präsidenten, der mich leiden konnte. Ich nehme es als Kompliment.”



Dazu paßt auch eine Meldung aus der Tagesschau über Soldatenselbstmorde:


Sie kehren aus dem Krieg zurück und bringen das Grauen mit nach Hause: Tausende US-Soldaten können mit ihren Erlebnissen im Irak nicht umgehen. Viele sehen den einzigen Ausweg im Selbstmord. Hilfe bekommen sie nun von Vietnamveteranen. Die kennen ihre Probleme.
gefunden bei United Mutations, Quelle und gesamter Text: Tagesschau

Scheibenwischer: Georg Schramms Abschiedsvorstellung

Ich habe sie endlich und durch Zufall gefunden: Georg Schramms Abschiedsvorstellung beim Scheibenwischer. Man beachte die anwesende Politprominenz.




und gleich noch einer (über das Bildungsniveau):



Ein Interview über sein Buch »Lassen Sie es mich so sagen« mit Mark Beise, Leiter der Wirtschaftsredaktion bei der Süddeutschen Zeitung (siehe auch die Rezension »Homo polemicus« von Jörg von Bilavsky bei Literaturkritik)



Zitat aus der Bilavsky-Rezension:

»Jedem seiner satirischen Vorträge stellt er immer auch einen ironischen, aber dennoch persönlichen Kommentar voran. Insofern kommen wir hier Georg Schramms eigenen Ansichten - und nicht nur denen seiner Figuren näher. Schramm outet sich darin nämlich mit einer gehörigen Portion Selbstironie als aufgeklärter Preuße mit Prinzipien. Kein Wunder also, dass er dort bohrt, wo klammheimlich oder aber auch ganz offen Menschen- und Bürgerrechte verletzt werden. Wenn es der Aufklärung dient, bricht Schramm gerne auch mal Tabus.

Vielleicht ist das der Grund, dass er guten und wahren Gewissens behaupten kann, dass nicht seine Vergleiche zynisch seien, sondern die Welt. Und wenn man die Texte seiner über 20-jährigen Kabarettlaufbahn jetzt liest, wird man die Wirklichkeit mit anderen Augen zu sehen lernen. Ob man der Welt nur mit Zynismus begegnen kann, bleibt fraglich, aber dennoch ein legitimes Mittel in der Demokratie. Deshalb ist dieser politische Kabarettist für die deutsche Republik auch unverzichtbar. Und vielleicht ist er auch der Einzige, der irgendwann in Dieter Hildebrandts Fußspuren treten kann. Allerdings ficht er rhetorisch nicht mit dem flexiblen Florett, sondern mit dem eisernen Schwert. Mit allen anderen Waffen würde er nur seine Radikalität verlieren. Und das wollen wir doch nicht. Oder?«

Aufruf: Demonstration vor der chinesischen Botschaft in Berlin am 15.3.2008, 12.00 Uhr

Am dritten Tag der Proteste in Lhasa kam es zu heftigen Zusammenstössen zwischen Sicherheitsbehörden und tibetischen Demonstranten. Die International Campaign for Tibet ist sehr besorgt über Berichte bezüglich einer Verhängung des Kriegsrechts in Lhasa und verurteilt die Niederschlagung friedlicher Proteste und die Schließung von Klöstern in der Region von Lhasa.

Diese Vorgehensweise der chinesischen Behörden war ursächlich für die Proteste unter der tibetischen Bevölkerung, die am heutigen Tage auf gefährliche Weise in den Straßen Lhasas eskalierten und sich auf unterschiedliche Teile Tibets ausgeweitet haben.

„Die Unruhen sind Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit der Tibeter in Tibet. Sie werden sowohl sozial als auch wirtschaftlich systematisch benachteiligt und so an den Rand der Gesellschaft gedrängt“, sagt Kai Müller Geschäftsführer der ICT.

ICT ruft die Regierung der Volksrepublik China dazu auf, alle Tibeter freizulassen, die in Zusammenhang mit den jüngsten Vorfällen inhaftiert wurden und ausländischen Medienvertretern und Konsular- oder Botschaftsvertretern uneingeschränkten Zugang zu Tibet zu ermöglichen.

Die International Campaign for Tibet Deutschland ruft zusammen mit dem Verein der Tibeter in Deutschland sowie der Tibet-Initiative Deutschland für den morgigen Samstag, den 15. März, um 12.00 Uhr zu einer friedlichen Protestkundgebung vor der Botschaft der Volksrepublik China in Berlin (Märkisches Ufer, Berlin-Jannowitzbrücke) auf. Bitte kommen Sie zahlreich.

ICT Deutschland e.V. | Schönhauser Allee 163 | 10435 Berlin | Germany
Tel.: 030 27879086 | Fax: 030 27879087


Radio Free Asia, www.rfa.org
14. März 2008

Chinesische Polizei schießt auf protestierende Tibeter in Lhasa, mindestens zwei Tote
===========================================================================

Kathmandu (RFA) - Mindestens zwei Tibeter kamen in Lhasa ums Leben, als die chinesische Polizei heute mit scharfer Munition in die Menge der protestierenden Tibeter schoß. Die aufgebrachten Tibeter setzten Autos und Läden in Brand, anti-chinesische Demonstrationszüge wälzten sich durch die Straßen der Stadt, wird von Radio Free Asia berichtet.

Augenzeugen berichteten dem tibetischen Dienst von RFA von zwei Toten, die sie am zentralen Barkhor-Markt in Lhasa sahen, während andere die Zahl der Opfer viel höher ansetzen. „Schüsse wurden abgefeuert und es gab Tote“, berichtete eine andere Quelle Radio Free Asia, „doch es ist nicht ratsam, darüber per Telefon zu sprechen“. „Jetzt protestieren die Tibeter am Barkhor“, heißt es aus einer dritten Quelle. „Sie plünderten chinesische Läden, und die Polizei schoß scharf in die Menge. Es herrscht nun Ausgangssperre in Lhasa“.

Die Unruhen begannen um 10 Uhr Ortszeit (= 3 Uhr MEZ) am Freitag, und bis zum Spätnachmittag waren die Straßen in Lhasa abgeriegelt, so daß Angestellte in ihren Bürogebäuden eingeschlossen blieben. Ein han-chinesischer Bewohner von Lhasa sagte, Autos und Läden seien angezündet worden, und ein anderer meinte, die Lage sei sehr „ernst“.

Tibetische Quellen in der Stadt sagten, die durch die Straßen ziehenden Protestierenden setzten chinesische Läden in Brand und zertrümmerten alles Chinesische, was ihnen in den Weg käme, wobei die Stadt von dichtem schwarzem Rauch eingehüllt sei. Sie rennen mit ihren traditionellen weißen Khatags in der Hand durch die Straßen und rufen „Free Tibet“.

Ein dritter chinesischer Einwohner gab an, ab 13 Uhr (Ortszeit) sei eine Ausgangssperre verhängt worden. Anderen Einwohnern zufolge hätten sich die Protestierenden gegen 15.30 Uhr zerstreut, nachdem paramilitärische Kräfte der bewaffneten Volkspolizei (PAP) in großer Zahl anrückten.

Mönche aus dem Kloster Ramoche verstärkten die Menge. Die Leute zerschmetterten alles, was chinesisch ist, oder was sie als chinesisch wahrnahmen, sie steckten sogar das bekannte Restaurant Tashi Delek in Brand, dessen tibetische Eigentümer als pro-chinesisch gelten.

„Gleichzeitig gab es auch Proteste in anderen Lokalitäten“, sagte ein weiterer Zeuge. „Hunderte von Demonstranten marschierten in verschiedene Richtungen, durch die Barkhor Gegend und die Rangshon Jong Straße“.

„Einmal schien es, der Protest sei geplant gewesen, und dann wieder hatte man den Eindruck, daß die Leute spontan demonstrierten, ermutigt durch die relativ geringe Polizeipräsenz in der Innenstadt“, fügte der Zeuge hinzu. „Daher stießen unterwegs immer mehr Tibeter zu der außer sich geratenen Menge. Es war der bisher größte Protest in Lhasa.“

Die Spannungen in der tibetischen Hauptstadt eskalierten in den letzten Tagen, nachdem die drei größten Klöster von der bewaffneten Polizei abgeriegelt wurden. Die PAP ging am Dienstag mit Tränengas gegen eine Menge von mehreren Hundert protestierender Mönche in der Nähe von Lhasa vor, um sie auseinanderzutreiben.

Die Proteste begannen am 10. März, als Hunderte von Mönchen anläßlich des 49. Jahrestages des 1959 von der chinesischen PLA brutal niedergeschlagenen Volksaufstands eine Demonstration antraten. Der Dalai Lama, heute 72, floh infolge des Aufstands ins Exil nach Nordindien.

**********************************************

www.phayul.com
14. März 2008

Schüsse auf Tausende von Tibetern, die in Amdo Labrang protestieren
===================================================================

Tausende von Tibetern, angeführt von den Mönchen des Klosters Labrang, demonstrierten am Freitag Nachmittag (Pekinger Zeit), sie trugen die tibetische Nationalflagge herum und riefen nach Unabhängigkeit für Tibet.

In Labrang in der traditionellen tibetischen Provinz Amdo kam es heute Nachmittag zu einem weiteren massiven Protest. Tibetische Mönche und Laien zogen demonstrierend durch die Straßen des Kreises Sangchu, Tibetisch-Autonome Präfektur Kanlho, Provinz Gansu, verlautet aus einer zuverlässigen Quelle.

Dem Tibetischen Zentrum für Menschenrechte und Demokratie wurden über ein Mobiltelefon Bilder des Protestes übermittelt, welche die Intensität der Demonstration zeigen:
http://www.tchrd.org/press/2008/pr20080314b.html

Etwa 50 Mönche aus dem Kloster Labrang Tashikyil begannen heute um 14 Uhr (Pekinger Zeit) zu demonstrieren, wobei sie die verbotene tibetische Nationalflagge bei sich trugen und Parolen wie „Unabhängigkeit für Tibet“ riefen. Später schlossen sich 600 weitere Mönche des Klosters dem Demonstrationszug an.

Allmählich schwoll die Menge auf ein paar Tausend an, und nachdem die allgemeine Bevölkerung auch mitmachte, wurde der Protest immer intensiver.

Quellen zufolge feuerte die Polizei mit scharfer Munition und drosch auf die Demonstranten ein, als der Zug das Hauptquartier des Public Security Bureau des Kreises Sangchu erreichte.

„Die Sicherheitskräfte und die bewaffnete Polizei feuerten Schüsse ab, als der Protest immer heftiger wurde. Ob es Tote gegeben hat, ist noch unklar“, verlautet aus der Quelle.
„Allmählich wuchs die Zahl der Demonstranten, und Tausende von Tibetern strömten auf den zentralen Marktplatz. Als sie die Polizeistation erreichten, wurden ihre Rufe nach Freiheit immer lauter. Da fing die Polizei an, in die Menge zu schießen, wonach die Leute in Panik auseinanderstoben“.

Es heißt, die Lage in Amdo sei äußerst gespannt im Zuge der Unruhen, die sich nun über ganz Tibet ausbreiten. Als dieser Bericht abgesandt wurde, demonstrierten immer noch viele Menschen.

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: MoKa
**********************************************************
* Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)
* Arbeitsgruppe München
* Jürgen Thierack, Rudolfstr. 1, 82152 Planegg
* Tel (+49 89) 85 98 440 oder 811 35 74, Fax (+49 89) 871 39 357
* info@igfm-muenchen.de, www.igfm-muenchen.de
* Spendenmöglichkeit: IGFM München,
* Kto 158393803, Postbank München, BLZ 700 100 80
* IBAN DE71700100800158393803 - BIC PBNKDEFF

Freitag, 14. März 2008

Donnerstag, 13. März 2008

Achtsam für das Leben

Spirituelle Praktiken boomen, doch längst nicht alle machen die Menschen gesünder. Über magische Irrwege und vier Kriterien einer Spiritualität, die wirklich heilsam ist
__________________
Von Norbert Copray


Spiritualität ist das Zauberwort unserer Zeit. Die Angebote quellen über. Von Taizé-Gottesdiensten, Meditation über meditativen Tanz bis hin zu Handauflegen, magischen Ritualen und Feuerlauf wird so gut wie alles angeboten. Die Nachfrage wächst, denn in einer Zeit zunehmender Unsicherheit und Unübersichtlichkeit ist die Sehnsucht nach emotionaler Selbstvergewisserung groß. In der Tat kann Spiritualität die Achtsamkeit für die verschiedenen Dimensionen des Lebens verstärken und diese sogar überschreiten, also transzendieren. Viele Menschen spüren neue Gefühle und eine neuen Ebene des Denkens und Erlebens. Spiritualität kann so bei der Bewältigung des Lebens helfen. Sie vermittelt inneren Frieden und eine tiefe Verbundenheit mit anderen Menschen und mit der Natur.

Allerdings gibt es keine Spiritualität an sich, sondern unterschiedliche Wege und Formen. Doch die Breite der Angebote und Fachbegriffe darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Begriff Spiritualität missbraucht wird und dass es Fehlformen von Spiritualität gibt, die schwerwiegende Folgen haben können.

Besonders groß ist der Missbrauch des Spirituellen derzeit im Marketing. Der Kauf einer Ware wird überhöht zum Erlebnis. Es werden Mythen erfunden und Werbekulte geschaffen. Dabei geht es nicht darum, dass die Seife reinigt, sondern dass sie der Haut schmeichelt und das Lebensgefühl hebt. Die Werbewelt kennt die Sehnsucht nach emotionaler Zufuhr vieler Menschen als Ersatz für ein entleertes und ausgebranntes Innenleben – und die Werbewelt nutzt diese Sehnsucht. Spiritualität dient der Überhöhung: Die Ware wird zum Fetisch.


Spiritualität als Mogelpackung

In einem solchen Fall kann man von Pseudospiritualität sprechen: Es steht Spiritualität drauf, sie ist aber nicht drin. Spiritualität als Mogelpackung. Dazu zählen auch Wahrsagerei, Pendeltechniken, viele Bewusstseinsseminare und mancherlei Managerkurse. Dazu gehören Extremsportarten, die den Kick bringen sollen: oder Theorien, die aus der Unterscheidung von rechter und linker Gehirnhälfte eine Erlösungsideologie für fast alle Probleme des Lebens machen.

Zu dieser Form von Pseudospiritualität gehören auch die Suche nach dem Gral, sogenannte Mvthopraktiken (die Beeinflussung von Naturgottheiten durch magische Rituale), ideologisch überhöhte Formen der Homöopathie, Reiki (Handauflegen), indianische Schwitzhütten, Feuerlauf Edelsteinmagie, europäisches Tantra, Channeling (Empfang und Weitergabe von übernatürlichen Botschaften), Spiritismus, Aura Soma (kosmetische Produkte sollen eine ganzheitliche Seelentherapie bewirken) oder manche Formen der Lichttherapie.

Gemeinsam ist diesen pseudospirituellen Praktiken, dass überall das Zauberwort »Magie« auftaucht, Viele, die solche Formen von Spiritualität praktizieren, werden sagen: Was ist das Problem, wenn es mir hilft? Doch das greift zu kurz, Denn: Das Bedürfnis nach außergewöhnlichen Erfahrungen wird hier auf bestimmte Objekte und Prozesse geleitet, denen ein quasi heiliger Status zugesprochen wird. Bewusstseinserweiternde Erlebnisse, das natürliche Bedürfnis nach Entgrenzung und die Übersteigung des Alltäglichen werden miteinander verbunden, um das Besondere zu erfahren. Dies heißt nichts anderes als: zu erfahren, selbst etwas Besonderes zu sein. Wer sich in diesen Praktiken verliert, kann – wie Erfahrungen zeigen – krank werden und den Kontakt zur Umwelt verlieren.


Gefährlicher Narzissmus

Dazu kommen neurotische Formen von Spiritualität. Sie treten dann auf, wenn »spirituelle« Menschen in, hinter und über allem ihr eigenes großes Selbst erblicken oder erblicken müssen. Hier wird eine zunächst gesunde Selbstliebe (Narzissmus) pathologisch aufgebläht. Diese Spiritualität kreist nur um das eigene Selbst. Sie ist denn auch das Gegenteil von christlicher Spiritualität, die gerade dazu auffordert, sich nicht auf das eigene Leben zu fixieren – weil man es dann verliert.

Doch in manchen spirituellen Szenen wird der Narzissmus geradezu kultiviert. Ständig ist vom Selbst die Rede, das es zu entdecken gelte und mit dem man in eine harmonische Beziehung treten müsse. Dies kann narzisstisch bedürftige Menschen in eine pathologische Spiritualität verwickeln. Was die Menschen zeigen, ist ihre Selbstbeschädigung, ist die Verletzung ihres Selbst, ihr Mangel an Selbst(-Bewusstsein). Die Bewältigung dieser belastenden Situation besteht jedoch nicht darin, einen Selbst-Kult zu entwickeln und ihn Spiritualität zu nennen. Hier wäre eher psychotherapeutische Arbeit im Sinne des Dreischritts »Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten« vonnöten, um spirituelle Kompetenz überhaupt erst zu erwerben.

Des Weiteren gibt es die psychotische Spiritualität. Eindrückliches Beispiel ist der Satanismus, die Verehrung des Teufels beziehungsweise des Bösen. Da setzt ein religiöser und politischer Fanatismus ein, der auch in den Religionen und Kirchen auftaucht. Aus der Unfähigkeit, die natürlichen Grenzen des Lebens und Beschränkungen des Denkens anzuerkennen, wird eine Tugend gemacht. Menschen, die solche oder ähnliche Spiritualitätsformen praktizieren, verlieren häufig die Bodenhaftung, finden sich in ihrer Umwelt immer schlechter zurecht, werden an sich und an anderen irre – und erheben dann die Verrücktheit zum Lebensprinzip. Oft werden solche Formen von Spiritualität von Einzelnen oder kleinen Kadergruppen inszeniert, die sie für Macht, Sex und Profit ausnutzen.

Wer sich von bösen Mächten, von Dämonen und Teufeln, von zu beschwörenden Kräften, denen geopfert werden muss, umstellt sieht und auf diese mit Spiritualität »reagieren« zu müssen glaubt, lebt eine spirituelle Neurose oder wird durch solch einen Glauben neurotisiert. Da wird Spiritualität zum Ausdruck von Zwang – und damit zum Gegenteil dessen, wozu sie Jesus und auch Buddha – bestimmt haben: nämlich zur Befreiung von Zwängen, zum Loslassen jeglicher Wahnvorstellungen und Konflikte, zur Auslöschung der Dämonen.

So ist es irreführend, Spiritualität von vornherein mit Gesundheit oder einer gesund machenden Lebensform gleichzusetzen. Viele Angebote treten mit spirituellem Anspruch auf, sogar mit therapeutisch-spirituellem Anspruch. Sie finden viele Anhänger – und können doch krank und abhängig machen, bedienen nur die Begierde nach der schnellen Verfügbarkeit von Gesundheit und Vollkommenheit, anstatt das Bewusstsein dafür zu bahnen oder wachzuhalten, dass zum Leben stets Einschränkungen und Begrenzungen zählen.


Norbert Copray
________________________ist Theologe, Psychotherapeut und geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung in Frankfurt Er verantwortet das Buchlektorat von Publik Forum und ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher.


Spiritualität, die wirklich hilft


Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Gibt es Kriterien für eine menschlich verantwortbare Spiritualität? Zunächst: Spiritualität in stets ein Suchprozess. Sie ist Auseinandersetzung mit Erfahrung, mit Irrtum, Glaube, Gewissheit und Gefährdung. Sie ist ständiges Wagen und Wägen, befindet sich stets auf der Grenze von wilder und zivilisierter Religion. Daher gehören zur Spiritualität Fehl- und Mangelformen, Umbrüche und vielerlei Versuche. Wer nicht sucht, wird auch das Gute nicht finden und behalten können. Wer jedoch die angeblich reine, unverdächtige, dogmengerechte Spiritualität will, macht der Spiritualität letztlich den Garaus, Schaut man auf die Geschichte des Christentums, so erscheinen vier Kriterien für eine »gesunde« Spiritualität hilfreich und verlässlich:

1. Heilsamkeit: Der Mensch als Mängelwesen und als verletztes Kind kommt zur Ruhe, findet zu sich selbst, zentriert sich, setzt sich in Beziehung zu sich selbst, lässt sich von anderen Menschen ansprechen, berühren und seine Verletzungen beruhigen, entwickelt Durchstehvermögen in Krisen, verliert die Angst um sich selbst. Die Gefahren dabei sind: Selbstgenügsamkeit, Isolation, kultureller Autismus, Verklärung von Krankheit, Spiritualität als Heilungsersatz, Verwechslung von Therapie und Spiritualität; dauerhafte Kuschelnischen, Hass auf jene, die den eigenen Weg nicht teilen.

2. Entfaltung: Es geht darum, die Anlagen und Potenziale im Menschen, in der Schöpfung und in der Geistigkeit des Lebens zu entdecken, die Fülle des Lebens wahrzunehmen und ihr zum Ausdruck zu verhelfen. Das heißt: sich von der Fülle des Lebens berühren zu lassen: ein kommunikatives Leben zu führen, um sich darin auch selbst zu entfalten: kreativ zu leben, Ideenreichtum zu entwickeln und Zeiten der Muße zuzulassen. Risiken gibt es dabei allerdings auch: übersteigerte Formen der Kreativität bis hin zum »Schöpfungswahn«, das Aufgehen in einer Gruppe, Sektenmentalität, Gehorsamsbereitschaft ohne Bereitschaft zum Widerspruch.

3. Bewahrung: Der spirituelle Mensch sieht die Zufälligkeit des Lebens, ohne deswegen die Chancen der Lebenserhaltung zu vertun. Er sucht Geborgenheit, findet sie und gibt sie weiter; er schafft in der Gesellschaft Biotope und Oasen gegen die Todeswüsten, er setzt sich konstruktiv mit der Erfahrung auseinander, dass die Welt zufällig und begrenzt ist; er stillt sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit; er gibt anderen Heimat. Doch auch hier lauern Fehlformen: Stillstand und Versenkung als Versteck, weil man Angst vor dem Tod hat und vor jeglicher Bedrohung; es werden apokalyptische Bilder geschürt, um das eigene Seelenheil gegen das körperliche Heil und das Heil der Schöpfung auszuspielen; es entsteht ein Heimat-Wahn.

4. Befreiung: Dieses Kriterium entspricht der Sehnsucht des Menschen und der Schöpfung nach Freiheit. Selbstbestimmung und Eigenwert werden anerkannt und im Alltagsleben ermöglicht. Aktion und Kontemplation werden nicht als Gegensätze in der Spiritualität verstanden, sondern als zwei notwendige Dimensionen, damit Spiritualität ganzheitlich wird. Im schlechtesten Fall führt diese Haltung zur Abkehr von einer ganzheitlichen Sicht und zu einer Verabsolutierung bestimmter Befreiungswege, die dann religiös überhöht werden; zur Vortäuschung geistiger Freiheit und Andersheit bei gleichzeitigem totalitären Autoritarismus; oder zur Entfremdung von der Welt, zu Illusion und Anarchie.

Leicht werden wie ein Schmetterling: Heilsame Spiritualität kann befreien

Die Heilsamkeit einer spirituellen Lebensweise ist ein ganz entscheidender Maßstab für eine menschlich verantwortbare Spiritualität. Spiritualität, die nicht zur Gesundheit des Menschen beiträgt, verdient diesen Namen nicht. Zur Gesundheit gehören nicht nur das körperliche und das seelische Wohlbefinden, sondern auch die soziale und politische Gesundwerdung. Insofern sind der Befreiungs- und der Entfaltungsaspekt einer verantwortbaren Spiritualität eng mit dem Heilsamkeitsaspekt verbunden. Wo das Leben als begrenzt erfahren wird und Tränen ohne Ende fließen oder fließen könnten, ist die spirituelle Lebensform die therapeutisch wirksame Bewältigung dieser Erfahrung. Spiritualität geht dabei über die Psychotherapie hinaus und bewirkt eine tiefere Einsicht in die Existenzbedingungen des Menschen und in das Sein des Kosmos.

Das muss nicht zwangsläufig zu einer Versöhnung mit der Welt führen. Weder Jesus noch Buddha erklärten sich aufgrund ihrer spirituellen Lebensform einfachhin mit dem Zustand der Welt und der menschlichen Existenz einverstanden. Im Gegenteil! Beide fanden die Einsicht und die Kraft, Perspektiven für eine Erlösung beziehungsweise eine Erlöschung des Leidens in und an der Welt zu entwickeln. Doch sie wurden dadurch weder zu Politikern noch zu Medizinmännern. Vielmehr wurde ihre spirituelle Erfahrung zur Schlüsselerfahrung für viele andere Menschen, die in ihr eine Perspektive für den Umgang mit der metaphysischen Dimension des Leidens und der Angst sahen und sie deshalb zum Ausgangspunkt einer neuen Religion für alle erklärten •


Vier Formen der Spiritualität

In der Geschichte des Christentums haben sich vier Grundformen gelebter Spiritualität ausgebildet. Zusammen ergeben sie eine Vollgestalt christlicher Spiritualität:

• Da ist die mystische Dimension – klassisch Via negativa, der negative Weg, genannt. Hier wagt es der Mensch, sich dem Dunkel des Lebens auszusetzen, leer zu werden, um erfüllt zu werden. Mystiker, Beter und Schamanen stehen für diesen Weg.

• Da ist die ästhetische Dimension – traditionell Via positiva, der positive Weg, genannt. Hier geht es darum, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen, wahrzunehmen, was die Welt im Innersten zusammenhält und verbindet. Von dieser Dimension der Spiritualität lassen sich vor allem seherisch begabte und empfindungsstarke Menschen faszinieren.

• Da ist die praktische Dimension – die Via creativa, der kreative Weg. Er entgeht vielen Menschen, weil sie zum Beispiel Künstler, Dichterinnen oder Gärtnerinnen nicht als spirituelle Gestalten verstehen können, die durch ihren Ideenreichtum und ihre kreative Arbeit spirituell
leben.

• Und schließlich ist da die ethische Dimension – die Via transformativa, der transformierte Weg. Er wird von Propheten, Kämpfenden und Protestierenden gegangen, indem sie sich den Bedürftigen zuwenden und sich dort engagieren, wo sie sich angefragt und gefordert fühlen. • Norbert Copray

aus Publik-Forum 1•2008


Eine der Geschichten, die hier von Nansen (Nanch’üan P’u-yüan, 748 – 834) berichtet wird, erklärt treffend die Haltung eines Meisters dem Leben gegenüber und gibt uns selbst heute noch ein gutes Beispiel, das uns Zen-Leben lehrt. Ich liebe diese Geschichte sehr und empfehle den Lesern, gerade diese beim ZenStudium im Gedächtnis zu behalten.

Als Nansen auf dem Feld arbeitete und Gras mit seinen Manchen schnitt, fragte ihn ein vorbeikommender Mönch: »Wo geht der Weg zum Nansen-Kloster?« Der Wandernde wußte natürlich nicht, daß der Mann, den er fragte, der Meister Nansen selbst war. Dieser hielt seine Sichel lässig hoch und sagte: »Ich zahlte 30 Geldmünzen dafür!«, als ob er die Frage des Mönches nicht gehört hätte. Es muß nicht betont werden, daß der Meister vom Nansen-Kloster genau wußte, was der Wanderer hören wollte, aber er wollte ihm vor allem klarmachen, daß die Beschäftigung mit Zen keine Anhäufung von abstrakten Kenntnissen ist oder Erfahrung auf den Abwegen philosophischer Gespräche bedeutet. Zen ist praktisches Leben in diesem Augenblick. Deshalb führt der Pfad zum Nansen-Kloster nicht über philosophisches Verständnis, sondern über die Wirklichkeit der Sichel in der Hand.

Wir können voraussetzen, daß der wandernde Mönch keineswegs ein Zen-Anfänger war, sondern schon über bestimmte Erfahrungen verfügte. Deshalb wollte er hören, was Nansen weiter sagen würde, und fuhr fort: »Ich habe nicht nach dem Preis deines Werkzeuges gefragt, ich wollte den Weg zu Nansen erfahren.« Erneut überging der Meister offensichtlich die Frage, zumindest im wörtlichen Sinn, und sagte: »Sie schneidet sehr gut.«

Daisetz T. Suzuki in der Einführung zu Zenkei Shibayama, Zen in Gleichnis und Bild, O.W. Barth Verlag 2000, S. 11f.


Mittwoch, 12. März 2008

Interessante Links

Bei meinen Recherchen stoße ich immer wieder auf interessante Seiten, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Wie auch über den Links links erwähnt: für deren Inhalt bin ich nicht verantwortlich.

Hackemesser
Umweltbrief
Perlentaucher
Politblog.net
NachDenkSeiten
Infokrieg.tv
United Mutations
Pfui.ch
(wird fortgesetzt)

hier gibt’s auch ein Linkverzeichnis:
nwo-fighter.info/toplist (sogar mit Bewertung; Danke für den Tip!)

Zehn Gebote für den klugen Umgang mit der EDV

Im Jura-Archiv der Universität Saarbrücken gibt’s manche interessante Sachen. Z.B. die hier:

Maximilian Herberger, Zehn Gebote für den klugen Umgang (vielleicht nicht nur) des Juristen mit der EDV, zwar schon aus dem Jahr 1993, aber immer noch aktuell:

"Jedes Zeichen war eine Zahl. Für eins machst du ein Zeichen, für zwei ein anderes, für drei wieder ein anderes, und so weiter." "Wozu?" "So konnten die Leute ohne Computer rechnen. Natürlich mußten sie wissen, was die verschiedenen Zeichen bedeuteten. Mr. Daugherty sagt, daß früher alle Kinder diese Zeichen lernen mußten. Sie wurden auf Papier gemalt, das nannte man 'schreiben'. Und das Entschlüsseln nannte man 'lesen'. Er sagt, früher hätten die Leute ganze Bücher in solchen Zeichen geschrieben, und es gäbe noch welche im Museum, und wenn ich wollte, könnte ich sie mir ansehen. Ich habe schon alle Zahlen bis neun gelernt."

(Isaac Asimov, Der Märchenerzähler, in: Schlaue Kisten machen Geschichten, hrsg. v. Ruth J. Kilchenmann, o.O. 1977, S. 217 -226, 223.)



Vorbemerkung

Die Juristen erheben mit der Bezeichnung "Jurisprudenz" den Anspruch, über eine praxisorientierte Klugheitslehre für den Umgang mit dem Recht zu verfügen. Soll der EDV-Einsatz der Juristen mit diesem Anspruch Schritt halten, sind Anstrengungen unumgänglich, auch für diesen Teil der juristischen Tätigkeit Klugheitsstandards zu entwickeln, die dem entsprechen, was die Juristen für den Umgang mit dem Recht postulieren. Der Akzent liegt dabei ebenso auf "Klugheitslehre" wie auf "praxisorientiert". Für das ausschließlich theoriegeleitete Bemühen auf dem Gebiet der Rechtsinformatik mag manches (wenn auch nicht alles) anders aussehen als hier empfohlen.


1. "If it ain't broken, don't fix it"
2. Übe Dich in der Software-Askese,
oder: Nicht jede neue Version verdient Aufmerksamkeit
3. Wappne Dich gegen den zufälligen Wandel (so gut es geht),
oder: Richte den Blick, auf das, was bleibt
4. Beachte den Primat des zu Erledigenden,
oder: Das Mittel ist nur Mittel zum Zweck
5. Wähle das richtige (im Sinne von: zweckadäquate) Mittel
6. "Small is beautiful",
oder: Vom eigenen Charme des Unaufwendigen
7. Tue nicht alles selbst
8. Versuche zu verstehen, was das Programm tut
9. Bewahre die Fähigkeit,
das tun zu können, was das Programm tut
10. Bleibe Herr der Dinge


1. "If it ain't broken, don't fix it"

Der unter amerikanischen Programmierern beliebte Satz, daß man etwas Nicht-Defektes nicht reparieren soll, gehört an den Anfang jeder EDV-Klugheitslehre. Immer wieder wird man erleben, daß angesichts einer nicht mit erkennbaren größeren Fehlern behafteten EDV-Lösung ein Spezialist (manchmal ein selbsternannter) auf den Plan treten wird, der mit großer Überzeugungskraft behauptet, man könne all dies wesentlich eleganter bewerkstelligen. So sehr das Streben nach höherer Eleganz ein Antriebsmoment für den Theorienfortschritt sein mag, so sehr sollte man sich in der Praxis im Regelfall diesem Ansinnen entgegenstellen. Denn häufig endet die Verschönerung eines angeblich allzu hausbackenen (aber immerhin nicht ersichtlich fehlerhaften) Programms bei einem wirklich fehlerhaften Programm (mindestens für einen nennenswerten Zeitraum). Rechnet man dann die Vorteile des Erreichten gegen den Aufwand bis dorthin, wird man sich schmerzlich daran erinnern, daß "If it ain't broken, don't fix it" wirklich eine Klugheitsmaxime ist.

2. Übe Dich in der Software-Askese,
oder: Nicht jede neue Version verdient Aufmerksamkeit

Die Entwicklungszyklen im Software-Bereich werden immer kürzer.
Eine neue Version jagt förmlich die andere. Wer über eine nennenswerte Anzahl von Programmen verfügt, kommt mit dem "Updaten" (so sagt man) nicht nach. Die Klugheit fragt danach, ob man sich dieser scheinbaren Zwangsläufigkeit aussetzen muß, und antwortet verneinend. Der (zugegebenermaßen einfache) Grund liegt darin, daß das Neue nicht per se als das Bessere oder Geeignetere angesehen werden kann, weswegen man ein Prüf-und Auswahlprinzip benötigt. Dieses könnte lauten: Wenn die Version des Programms, das Du einsetzt, alles von ihm Erwartete und für die Arbeit Nötige in ausreichend benutzerfreundlicher Weise leistet, besteht kein Anlaß, sich durch eine neue Version beunruhigen zu lassen. Umgekehrt: Nur wenn das verwendete Programm Mängel hat oder bezogen auf notwendige Arbeitsziele Defizite aufweist, besteht Anlaß, eine neue Programmversion daraufhin zu prüfen, ob sie diesbezüglich besser abschneidet.

(Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen: Es versteht sich von selbst, daß unnötige Umständlichkeiten im Bereich der Handhabung zu den Restriktionen gehören, deren Überwindung angezeigt ist, so daß hier der Software-Fortschritt zu prüfen bleibt. Aber auch da gilt: Das Neue ist nicht per se software-ergonomisch gelungener als das Alte.)

Software-Askese1 steht im übrigen mit der alten Tugend der Sparsamkeit in einem engen inneren Zusammenhang, was beweist, daß alte Moralphilosophie auch kategorial Neuem (wie der Software) gewachsen sein kann: Man kann sparsam mit den Ressourcen umgehen, weil nicht jede Aufforderung zu erhöhtem Verbrauch (um nicht zu sagen: zur Verschwendung) auf zweckbedingter Notwendigkeit beruht.

3. Wappne Dich gegen den zufälligen Wandel (so gut es geht),
oder: Richte den Blick, auf das, was bleibt

Spektakuläre Firmenübernahmen und überraschende Produktionseinstellungen machen immer wieder darauf aufmerksam, von welchen Zufälligkeiten der EDV-Anwender abhängt und unter welcher Bedrohung das für ein bestimmtes kommerzielles Programm eingesetzte Zeitbudget steht. Hat ein Programm den Konsolidierungsgrad erreicht, von dem eben die Rede war, so mag man sich damit beruhigen, daß weitere Entwicklungen ohnehin für die eigene Arbeit nichts entscheidend Besseres hätten erbringen können. Hat man sich aber aus wohlerwogenen Gründen, was auch oft vorkommt, für ein noch nicht ganz ausgereiftes Produkt entschieden, und dies im Vertrauen auf die Weiterentwicklung, so wird man von der Produkteinstellung oder dem Übergang des Produkts an eine Firma, die es kaum noch pflegt, schmerzlich betroffen.

Die Diagnose ist klar, die Therapie nicht einfach: Gibt es klugheitsorientiert überhaupt eine Möglichkeit, sich gegen derartige Wechselfälle des Lebens und der Wirtschaft zu wappnen? Es gibt sie, wenn auch nicht im Sinne eines Patentrezepts, sondern nur als heuristische Regel, die die Wahrscheinlichkeit, unangenehm überrascht zu werden, in nennenswerter Weise verringert.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, daß man sein Gespür für dauerhafte Strukturen schärft. Einer Firma zu vertrauen, mag sie noch so groß und noch so alt sein, ist risikoreicher, als sich auf übergreifende Kooperationszusammenhänge zu verlassen. Derartige Kooperationen mit einem allemal haltbareren verzweigteren Wurzelwerk trifft man beispielsweise im Bereich der "Public Domain"-Software an. Der Hinweis auf Donald Knuth's TEX mag genügen um zu veranschaulichen, was gemeint ist (vgl. für eine Kurzcharakteristik meinen Beitrag "Software für juristische PC-Räume" in: Eberle, Informationstechnik in der Juristenausbildung, München 1989, S. 83 -113, 92f.). Die weltweite "TEX-community" ist - wie die bisherige, gar nicht so kurze Geschichte zeigt - gegen Wechsel im Hard- und Software-Bereich recht resistent und produziert rund um TEX immer wieder angemessene und innovative Lösungen - meist übrigens dem Geist der "Public Domain" entsprechend altruistisch. Man ist vor diesem Hintergrund versucht, die Hilfsregel zu erwägen, daß das Uneigennützige mehr Aussicht auf Bestand hat als das Eigennützige.

4. Beachte den Primat des zu Erledigenden,
oder: Das Mittel ist nur Mittel zum Zweck

Wer kennt nicht die folgende Situation: Anläßlich der Erledigung einer Aufgabe mit Mitteln der EDV verhält sich das Gerät oder das Programm an einer Stelle nicht so, wie es sollte. Man kann diesen unerwarteten Zustand leicht umgehen und das Ziel auf diesem naheliegenden Umweg nur mäßig umständlicher erreichen. Trotz dieses naheliegenden "workaround" (ein in EDV-Kreisen bis hin zu AGB's nicht ohne Grund zunehmend beliebter werdender Ausdruck) liefert man sich ein gnadenloses Duell mit dem Rechner, bis er das Gewollte genau so wie gewollt tut. Ein wenig trägt dieser erbitterte Kampf Züge von "Er oder ich", als müsse man als Herr und Meister dem Instrument sogar in den Einzelheiten der Ausführung den eigenen Willen aufzwingen. Hin und wieder mag das zu Lernzwecken nützlich sein. Auf's Ganze gesehen ist es unvernünftig, weil das eigentlich zu Erledigende, dem schließlich der Primat zukommt, dabei aus dem Blick gerät.

5. Wähle das richtige (im Sinne von: zweckadäquate) Mittel

Die Faszination der EDV-Technologie verführt oft dazu, sich bei der Erreichung eines Ziels interessante technische Möglichkeiten zunutze zu machen, die den Scharfsinn herausfordern, aber im Vergleich mit anderen Mitteln ganz unzweckmäßig sind.

Ein (durchaus nicht fiktives) Beispiel mag diese Behauptung veranschaulichen: Ein Schriftsatz für einen Korrespondenzanwalt ist mittels Textverarbeitung erstellt worden. Mit Hilfe eines anspruchsvollen Fax-Programms wird dieser Schriftsatz nun direkt aus der Textverarbeitung an den Kollegen gefaxt. Dieser setzt OCR-Software ein, um das zugefaxte Bild (Fax übermittelt Bilddateien) wieder in den Text zurückzuverwandeln, der es einmal war, um dann mit der Textverarbeitung eine Überarbeitung vorzunehmen. Angesichts der Tatsache, daß man Texte von Rechner zu Rechner (übrigens sogar über das normale Telefonnetz) direkt als Text übertragen kann, ist das eine ganz unangemessene Verfahrensweise. Wer aber die Personen aus dem Beispiel einmal begeistert über den von ihnen betriebenen Aufwand hat sprechen hören, wird das Postulat der Auswahl des zweckadäquaten Mittels bei aller Selbstverständlichkeit der Einschärfung für Wert halten.

6. "Small is beautiful",
oder: Vom eigenen Charme des Unaufwendigen

Wenn eben für die Wahl des zweckadäquaten Mittels votiert wurde, so ist darin implizit auch die These enthalten, daß nicht mehr Aufwand getrieben werden darf, als es der Zweck erfordert. Trotzdem verdient dieses Corollarium im Sinne der Verdeutlichung eine zusätzliche Betrachtung.

Wieder soll ein Beispiel in die Problemlage einstimmen. Setzen wir den Fall, daß ein Jurist einen Text erstellen will, der außer einfachen Auszeichnungen wie Fett oder Kursiv keine weiteren Gestaltungsmerkmale enthält. Es ist heutzutage nicht mehr selten, daß er zu diesem Zweck einen Rechner mit 8 MB Hauptspeicher und graphischer Benutzeroberfläche anwirft und dann ein hochkarätiges Textverarbeitungsprogramm aufruft, das überdimensional viel mehr erlaubt, als vorliegend gefordert ist.

Ist es schädlich, so zu verfahren? Man sollte sich das hin und wieder bewußt fragen, da es nicht nur um die ästhetische Qualität der unaufwendigen einfachen Lösung geht, sondern zusätzlich um die Frage der Ressourcen-Verschwendung. Und wie so oft, erweist sich das Sparsame auch unter anderen Aspekten als das Nützliche: Nicht selten ist die "kleinere" Lösung auch unter sekundären Aspekten wie Geschwindigkeit, Stabilität, Bedienungsleichtigkeit etc. die bessere.

7. Tue nicht alles selbst

Arbeitsteilung ist nicht ohne Grund entstanden und hat als Spezialisierung meist ihren Nutzen. Immer leistungsfähigere Programme entfalten eine gegenläufige Tendenz und verführen dazu, alles selbst machen zu wollen. In einer Karikatur, die ich kürzlich sah, meint ein Manager in diesem Sinne: "Mein neues Programm erlaubt es mir, Texte so zu schreiben, wie dies früher meine Sekretärin getan hat, sie so zu gestalten, wie dies früher unsere Hausdruckerei getan hat, zu buchen, wie dies früher mein Buchhalter tat ... (usw.)". Jeder mag in dieses Schema selbst die Beschreibung dessen einsetzen, was er früher nicht selbst getan hat, nun aber mit Mitteln der EDV meint selbst tun zu müssen (und zu können). Sicher ist es gut, dazuzulernen und sich neue Tätigkeitsfelder zu erschließen. Nur muß man sich dabei darüber im Klaren sein, daß das Programm, das anscheinend (und manchmal sogar nur scheinbar) all dieses Neue erlaubt, nicht auch noch durch eine Art Osmose die für ein Anwendungsumfeld nötige Kunstfertigkeit und das dort geforderte handwerkliche Können mit vermittelt. Die Wahrheit dieser These ist etwa beim Desktop-Publishing allerorten zu beobachten: Die vielfältigen Möglichkeiten, das Aussehen eines Textes zu gestalten, werden oft exzessiv genutzt, ohne daß dieser Gestaltungsdrang durch das Wissen moderiert würde, das sich ein guter Setzer in langer Ausbildung und Übung erworben hat. Deshalb wäre es oft besser, ohne entsprechende Ausbildung die Textgestaltung den dafür Kundigen zu überlassen.

Wie viele Klugheitsregeln, so ist auch die eben behandelte in Gestalt des Sprichworts "Schuster, bleib bei Deinem Leisten" dem Volksmund wohl vertraut (was nicht gegen sie spricht).

8. Versuche zu verstehen, was das Programm tut

Je "mächtiger" (so sagt man heute gerne in EDV-Kreisen) Software wird, desto mehr ist die Fähigkeit des Anwenders gefährdet, zu verstehen, was das Programm im Einzelfall wie tut. Das Phänomen hat seine Vorläufer in einfacheren Zusammenhängen: Spätestens seit es Taschenrechner gibt, dürfte die Fähigkeit, bestimmte Berechnungen im Kopf oder auf Papier durchführen zu können, zu einer gefährdeten Kulturtechnik geworden sein. Und wem kann man beispielsweise heute noch zutrauen, daß er in der Lage wäre, eine Quadratwurzel ohne andere Hilfsmittel als Papier und Bleistift auszurechnen?

Doch das sind, wie gesagt, nur die Vorläufer des Problems, das heutzutage auf uns zukommt. Es gibt Juristen, die berechnen als notwendige Vorfrage für die juristische Behandlung des möglicherweise sittenwidrigen Kredits mit EDV-Instrumenten Zinssätze von Ratenkrediten, ohne zu wissen, was sich dabei im einzelnen abspielt. So ist man dem Instrument hilflos ausgeliefert - und das erweist die Redeweise von der "mächtigen" Software in einer hintergründigen zweiten Lesart in dem Sinne als zutreffend, daß wir uns den Zwangsläufigkeiten der Instrumentarien ausliefern, uns von ihrer "Macht" überwältigen lassen. Was aber, wenn die Programme Fehler machen und wir mangels Verständnisses gar nicht mehr ahnen, daß dem so sein könnte? Nebenbei bemerkt: Gerade bei dem Beispiel der Programme zur Berechnung von Ratenkrediten ist die Frage nicht nur rhetorischer Art.

9. Bewahre die Fähigkeit,
das tun zu können, was das Programm tut

Von der Kompetenz, im Prinzip angeben zu können, was ein Programm wie bewerkstelligt, ist die (weitergehende) Fähigkeit zu unterscheiden, auch selbst das tun zu können, was das Programm tut. Insofern ist dieses Postulat eine Verschärfung des vorhergehenden. Eine Geschichte (es ist eine Science-Fiction-Erzählung, deren Fundstelle ich nicht mehr verifizieren kann) mag veranschaulichen, worum es geht: In ferner Zukunft ist auf einem entlegenen Planeten ein riesiges Raumschiff mit Tausenden von Besatzungsmitgliedern zur Notlandung gezwungen gewesen, weil die EDV-Anlage für die Kursberechnung ausgefallen war. Es bricht große Verzweiflung aus, man sieht sich rettungslos verloren. Doch dann entwickelt jemand den Plan, durch geschickte Verteilung von Rechenaufgaben die Berechnung des Rückflugkurses so zu organisieren, daß alle an Bord wie Rechenwerke eines Großrechners kooperieren. So gelingt das bewußtseinsmäßig schon nicht mehr als reale Möglichkeit Präsente: Die Erledigung einer Aufgabe durch Menschen, die nur noch "dem Rechner" zugetraut wurde.

Die Möglichkeit des Erfolges "in fabula" beruht zum einen darauf, daß das vorhergehende Postulat realisiert war. Das Know-How für Kursberechnungen war an Bord des Raumschiffs vorhanden. Hinzukommen muß aber bei komplexeren Aufgaben eine Menge von handwerklichem und arbeitsorganisatorischem Wissen. Das prinzipielle "Gewußt wie" ist notwendige, nicht jedoch auch hinreichende Bedingung für das "Gewußt was". Eine milde Sicht der Dinge könnte geneigt sein, der darin liegenden Ausweitung des Pflichtenkatalogs auszuweichen und es bei der Forderung nach begleitendem prinzipiellen Verstehen bewenden zu lassen. Doch liefe auch das auf eine Abdankung als Herr des Geschehens hinaus, hieße es doch, daß die Wegnahme der EDV-Hilfsmittel die Unmöglichkeit eigenständiger Problemlösung nach sich zieht. An dieser Stelle ist ein Punkt erreicht, wo man sich fragen muß, ob wir nicht in größeren Organisationszusammenhängen sozial schon den Zustand erreicht haben, dem das eben besprochene Postulat entgegenwirken soll: Gibt es nicht bereits Bereiche, wo die Dinge so organisiert sind, daß bei Ausfall der EDV die geschuldete Arbeit gar nicht mehr erbracht werden könnte (und nicht nur langsamer oder mühevoller)? So wichtig es ist, dieser Frage nachzugehen, so wenig darf man sich durch diese globale Fragestellung davon ablenken lassen, daß man es am eigenen PC-Arbeitsplatz, im Bereich der eigenen "Organisationshoheit" nicht dahin kommen lassen sollte, weniger kompetent zu sein als der Rechner. Oder, wie Dreyfus und Dreyfus es ausdrücken:

"The chips are down, the choice is being made right now. And at all levels of society computer-type rationality is winning out. Experts are an endangered species. If we fail to put logic machines in their proper place, as aids to human beings with expert intuition, then we shall end up servants supplying data to our competent machines. Should calculative rationality triumph, no one will notice that something is missing, but now, while we still know what expert judgement is, let us use that expert judgement to preserve it" (Hubert L. Dreyfus/Stuart E. Dreyfus, Mind over machine: The power of Human Intuition and Expertise in the Era of the Computer, New York: The Free Press 1986, S. 206; vgl. dazu Marion Drücker, Informatik und Recht 1987, S. 165 - 168, 205 - 209).

10. Bleibe Herr der Dinge

Sucht man nach einer Meta-Regel, die das bisher Erörterte zusammenfaßt, so bietet sich das Souveränitätspostulat "Bleibe Herr der Dinge" an. Es bliebe ohne Entfaltung im Einzelnen zu pauschal, hat aber als Merkposten für im Detail Begründetes durchaus seine Bedeutung. Auch dazu eine (diesmal selbsterlebte) Geschichte.

In einem EDV-Geschäft in der Nähe von Münster, das es mittlerweile konkursbedingt schon lange nicht mehr gibt, erscheint ganz in Ledermontur ein Motorradfahrer und erkundigt sich nach einem Gerätetreiber, den es - wie man ihm sagt ñ nicht gibt. Darauf erwidert er gedankenschwer: "Ich könnte den Treiber ja schlimmstenfalls selber schreiben, wenn ich nur wüßte wie."

Ja, wenn wir eines Tages nicht mehr wissen wie - was wäre dann (vgl. das vorangestellte Zitat)?


*Diese Überlegungen wurden bei der Eröffnung des Deutschen EDV-Gerichtstages 1993 in Saarbrücken vorgetragen und sind hier nur geringfügig erweitert worden. Die Vortragsform ist beibehalten.

1 Erfreulicherweise hat gerade dieser Punkt bereits Resonanz in der Praxis gefunden; vgl. Dieter Schmidt, Grußwort zur Marburger Fachtagung "Die zweite Geburt der Rechtsinformatik", jur-pc 1993, S. 2344 - 2346, 2345.