Mittwoch, 13. März 2013

Heute vor 65 Jahren – 13. März 1948: Alfred Kinsey veröffentlicht seine Studie zum sexuellen Verhalten des Mannes

Die Amerikaner sollen entsetzt gewesen sein über 40% Seitenspringer und einige andere für das Selbstbild unangenehmen Fakten im Kinsey-Report.

»Größter Perversling der US-Geschichte« (Nachruf bei STERN Online 2006)




Es soll nicht verschwiegen werden, daß es inzwischen einige Stimen gibt, die ihn der Pädophilie bezichtigen.

Heute vor 88 Jahren – 13. März 1925: Der Butler Act verbietet Zweifel an der göttlichen Abstammung des Menschen

Lehrern, die ab 1925 gegen den »Butler Act« verstoßen, drohen Geldstrafen zwischen 100 und 500 Dollar. Nicht alle Teile von Darwins Evolutionstheorie sind betroffen. Strafbar machen sich die Lehrer immer dann, wenn sie bezweifeln, dass der Mensch von Gott geschaffen wurde.

Mehr bei Kalenderblatt

Im »Affenprozeß« wurde 1925 der Lehrer John Thomas Scopes zu 100$ Strafe verurteilt, weil er die Evolutionstheorie gelehrt hatte. (Verfilmung: »Wer den Wind sät«)

Unter Hinweis auf den 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten wurde nach der Beschwerde eines Lehrers der Butler Act im Jahr 1967 aufgehoben.

In den USA gibt es unter dem Stichwort »Intelligent Design« auch heute noch immer wieder durch Kreationisten angestoßene Diskussionen um die Stichhaltigkeit der Evolutionstheorie bis hin zu von Wissenschaftlern vorgetragene Überzeugungen, die Erde sei nur 6.000 Jahre alt.

In den USA ist man anscheinend wählbar, wenn man nicht an die Evolutionstheorie glaubt. Da lob’ ich mir doch unser gutes, altmodisches Europa.



Konklave

Es ist eine ausgezeichnete Show: Vatikan sucht den Superstar nachdem Wir zurückgetreten sind. Adieu Vatikan! Und alle machen mit: Frauen ins Priesteramt? Mißbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe! Wie wird der neue Papst das alles handeln? Wer ist der Mann, an dem wir uns in wenigen Tagen reiben können? Wann hat er in den letzten sechzig oder siebzig Jahren was gesagt oder getan? Welche Leichen hat er im Keller, die wir uns natürlich sofort aufmachen werden zu suchen. Wie können wir ihn aus der Fassung bringen, welche Äußerung können wir mißverstehen und in in Erklärungsnöte bringen?

Auf zum nächsten Rumble in the Vatikan, the show must go on! Und nervt er uns ständig mit seinen altbackenen Sprüchen, wenigstens können wir zu ihm aufsehen und an seinem Podest sägen! 1,2 Milliarden Fliegen können nicht irren, die Erde ist eine Scheibe, der Papst der Stellvertreter Gottes auf Erden, und zum Geschlechtsverkehr sollten nur die dafür vorgesehenen Körperöffnungen verwendet werden. (Oh, Entschuldigung, das hat mal der Dalai Lama geschrieben, nicht so publikumswirksam, deshalb würde er das heute auch nie mehr von sich geben. Bei den ganzen gottgleichen Herrlichkeiten werde ich ganz durcheinander.)

Also: uns allen viel Freude mit dem neuen alten Herrn. Auf daß wir glücklich zu ihm aufblicken oder uns über ihn aufregen können, je nach Geschmack!


(Eine Karikatur von Burkhard Fritsche, gefunden auf SPIEGEL Online)

Dienstag, 12. März 2013

Fernsehempfehlung: Stieg Larsson, Verdammnis

Heute und an den beiden folgenden Dienstagabenden laufen die Verfilmungen der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson um 22 Uhr auf ZDF neo. Heute abend läuft der zweite Teil von »Verdammnis«, der erste Teil findet sich noch auf der Mediathek des ZDF

Lisbeth Salander, eindrucksvoll gespielt von Noomi Rapace; dieses und weitere Bilder
finden sich auf cinema.de



Montag, 11. März 2013

Dirk Müller, Mr. Dax

Dirk Müller vor dem Finanzausschuß des Deutschen Bundestages über Hochfrequenzhandel:







Ein Interview aus 2010 bei WELT Online

Samstag, 9. März 2013

Heute vor 174 Jahren – 9. März 1839: Das erste deutsche Arbeitsschutzgesetz

Das preußische Regulativ zur Regelung der Kinderarbeit 
Kinderarbeit in einer Fabrik (USA, 1908). Aus Wikipedia
 »1. Vor zurückgelegtem neunten Lebensjahr darf niemand in einer Fabrik oder bei Berg-, Hütten- und Pochwerken zu einer regelmäßigen Beschäftigung angenommen werden… 
3. Junge Leute, welche das 16. Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben, dürfen in diesen Anstalten nicht über zehn Stunden täglich beschäftigt werden.« 
Kinderarbeit in Deutschland im 19. Jahrhundert
(Lit.: Cantauw-Groschek u. Tenschert), aus Wikipedia
 So lauteten die wichtigsten Bestimmungen des preußischen »Regulativs über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken«. Dabei sorgte sich die Obrigkeit in erster Linie nicht etwa um das Wohlergehen der Kinder, sondern um deren Tauglichkeit für den Dienst an der Waffe. Die lange, schwere Arbeit unter unsäglichen Bedingungen nahm die Kinder nämlich derart mit, dass die Militärs fürchteten, sie könnten keine guten Soldaten mehr abgeben. Die Kinder schufteten wie die Erwachsenen, erhielten aber nur einen Bruchteil von deren Lohn. Dennoch waren viele Familien auf die Lohnarbeit der Kinder angewiesen. Die Unternehmer wiederum nutzten die billige Arbeitskraft der Kinder, um auch die Löhne für die Erwachsenen zu drücken. 
Kinderarbeit in einer optischen Fabrik (um 1870)
Die geschlechterspezifische Arbeitsteilung in den untersten Schichten
der Arbeiterklasse wird in diesem Holzschnitt gezeigt, der auf einer
Zeichnung von L. Bechstein basiert. (Quelle: German History Docs)
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Freitag, 8. März 2013

Alvin Lee ist gestorben

Alvin Lee ist tot, verstorben am 6. März an den Komplikationen nach einem Routineeingriff. Er wurde 68 Jahre alt. Der ehemalige Frontman von Ten Years After war einer der besten Gitarristen, die die Rockmusik je hervorgebracht hat. 
mehr: - R.I.P. Alvin Lee (Der Lindwurm, 06.03.2013) 

Woodstock - Ten Years After - I'm Going Home(Live) [11:23]

Veröffentlicht am 18.07.2012
Ten Years After - I'm Going Home(Live)
Woodstock (August 17th 1969)
Band members: Alvin Lee -- guitar, vocals, Leo Lyons -- bass, Ric Lee -- drums, Chick Churchill -- organ

R.I.P. Alvin Lee


Siehe auch: 
- Woodstock-Legende – Ten-Years-After-Gitarrist Alvin Lee ist tot (ZEIT Online, 07.03.2013)
Zu Woodstock-Zeiten war er der Gitarrist mit den schnellsten Fingern: Alvin Lee, Gitarren-Virtuose von Ten Years After, ist tot. Er starb bei einer Routineoperation.
- Ten Years After – Blues-Gitarrist Alvin Lee gestorben (n24, 07.03.2013)
- Alvin Lee ist tot (Rolling Stone, 06.03.2013)
- Ten Years After: Gitarrist Alvin Lee ist tot (SPIEGEL Online, 07.03.2013)
"I'm Going Home" war einer seiner größten Hits, jetzt ist Alvin Lee im Alter von 68 Jahren gestorben. Er war vor allem als Gitarrist von Ten Years After bekannt und spielte mit Ex-Beatle George Harrison.

Mittwoch, 6. März 2013

Heute vor 70 Jahren – 6. März 1943: Berliner Protest gegen die Deportation von Juden

Frauen lehnen sich gegen das Regime auf 

 Als Ende Februar 1943 die bis dahin verschonten Berliner Juden deportiert werden sollten, wurden in der »Fabrikaktion« 8000 Menschen verhaftet. Viele von ihnen arbeiteten in den Berliner Rüstungsbetrieben. Darunter waren auch etwa 2000 Betroffene aus sogenannten privilegierten Mischehen, die zur weiteren Überprüfung in ein Gestapo-Gebäude in der Rosenstraße verbracht wurden. Ihr Aufenthaltsort sprach sich schnell unter den »arischen« Angehörigen herum. 


Denkmal zur Erinnerung an den Protest der Frauen in der Berliner Rosenstraße, 1995
[Skulptur von Ingeborg Hunziger]
 Vor dem Gebäude versammelten sich bald über 200 Frauen, die lautstark die Herausgabe ihrer Männer und Familienmitglieder forderten. Am 4. März reagierte die SS zunächst wie gewöhnlich und ließ Gewehre auf die Menge richten. Unbeeindruckt protestierten die Frauen weiter und wichen nicht, bis die Verhafteten heute vor 70 jahren, am 6. März 1943, freigelassen wurden. Es spricht zwar manches dafür, dass die Verhafteten nicht zur Deportation bestimmt waren, trotzdem war diese größte spontane Demonstration der NS-Zeit ein Beleg dafür, dass Widerstand im Dritten Reich möglich war und auch erfolgreich sein konnte. Tagebucheintragungen von joseph Goebbels belegen, dass der Widerstand die NS-Führung nervös gemacht hatte.

 

 Was am 6. März noch geschah: 
 1957: Ghana erklärt seine Unabhängigkeit
 Brockhaus – Abenteuer Geschichte 2013 





Richard Falk im englischen Wikipedia
Erinnerungen an Warschauer Ghetto [Frankfurter Rundschau]


















Montag, 4. März 2013

Heute vor 80 Jahren – 3. März 1933: Franklin Delano Roosevelt legt den Amtseid ab

Der Demokrat Franklin Delano Roosevelt legt in Washington vor dem Obersten Bundesrichter den Amtseid als 32. Präsident der USA ab. Mit dem »New Deal«, einem breitangelegten Sozialprogramm, will er die schwere Wirtschaftskrise des Landes eindämmen.



Heute vor 80 Jahren – 4. März 1933: Die Selbstausschaltung des österreichischen Parlaments

In Österreich kommt es aufgrund einer verfahrenstechnischen Unachtsamkeit zur Beschlussunfähigkeit des Nationalrats, die der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß für einen Staatsstreich nutzt, indem er diese als „Selbstausschaltung des Parlaments“ bezeichnet. Die Zeit des Austrofaschismus beginnt.




Der Richter und sein Banker

Ratingagenturen üben eine enorme Macht über Staaten und Unternehmen aus. Aber wem gehören sie eigentlich? Werner Rügemer deckt schockierende Verflechtungen in ihren Eigentumsstrukturen auf.

Jeder wird einsehen, dass der Schiedsrichter eines Spiels nicht zum Personal einer der beiden Mannschaften gehören sollte. Es gibt aber ein Spielfeld, auf dem dieses Prinzip offenbar nicht oder nur eingeschränkt gilt: das der großen Rating-Agenturen. Die drei Weltmarktführer Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch haben sich in der Finanzkrise nicht mit Ruhm bekleckert. Weil sie Lehman Brothers noch kurz vor seinem Untergang beste Noten gaben und marode Immobilienkredite, die teils unter ihrer eigenen Mithilfe entstanden waren, hoch bewerteten, rechnet man sie zu den Krisenfaktoren.

Immer wieder hagelte es Kritik, von Reformen bis hin zum Verbot war die Rede. Doch es geschah nicht viel. Alle drei florieren. Die eigene Leistung sah man offenbar in hellerem Licht und erhöhte nach der Krise kräftig die Gebühren. Wie konnte die Flucht aus der Verantwortung gelingen? Es liegt daran, dass die mächtigen Kontrolleure des Finanzmarkts ihre Macht weitgehend unkontrolliert ausüben. Ihre für objektiv erklärten Urteile über die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten geben sie als unverbindliche Meinungsäußerung aus, für die sie keinerlei Haftung übernehmen. Als sei das, was Staaten in Krisen und Regierungen in Handlungsnot stürzen kann, nur eben so dahingesagt.

Dieser Flucht in die Unverbindlichkeit steht auch entgegen, dass die Ratings fest in den Regelwerken des Finanzmarkts verankert sind und faktische Verbindlichkeit haben. Wie hätten die Agenturen sonst mit ihren Ratings über Krisenstaaten die europäische Politik vor sich hertreiben können? Amerikanische Regierung und Justiz schlossen sich jedoch der Sicht der Agenturen an und schonten sie mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit. Andere Nationen folgten. Fast alle Klagen scheiterten. Was ist der tiefere Grund dieser pfleglichen Behandlung?

mehr:
- WERNER RÜGEMER: RATING-AGENTUREN: Der Richter und sein Banker (Buchbesprechung, Thomas Thiel, FAZ, 04.03.2013)

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Der Publizist Werner Rügemer hat auf der Grundlage des Verlaufs bisheriger ÖPP-Projekte und Recherchen vor Ort eine „Spur des Scheiterns“ diagnostiziert. Verschiedene Formen des Scheiterns seien festzustellen:
  • Der Investor geht bereits in den ersten Jahren in die Insolvenz, die öffentliche Hand muss die Verpflichtungen des Investors übernehmen und mit Verlust neu beginnen, so beim Freizeit- und Badepark der Stadt Leimen in Baden-Württemberg und bei zahlreichen weiteren Bäderprojekten wie der Keitum-Therme auf Sylt.[34]
  • Der Investor steigert durch Nachforderungen die Miete weit über die anfangs vereinbarte Höhe, so etwa bei den 90 Schulen des Landkreises Offenbach und bei der Hamburger Elbphilharmonie.[35]
  • Beim Warnow-Tunnel in Rostock und beim Trave-Tunnel in Lübeck erwies sich die Kalkulation der Investoren HochtiefBilfinger Berger und Bouygues als geschönt; deshalb wurden die Laufzeiten der Verträge von 30 auf 40 bzw. 50 Jahre erhöht, sodass Einwohner und andere Autofahrer länger Maut zahlen müssen und das Eigentum an den Tunnels erst später als vereinbart an die Kommunen übergeht.[36]
  • Schließlich scheitern Projekte, weil der Investor seine vertraglichen Verpflichtungen nicht erfüllen kann, so etwa beim Projekt des digitalen Bürgerportals, das die Stadt Würzburg mit der Bertelsmann-Tochterfirma Arvato vereinbart hatte „Würzburg integriert!“.[37]
Diese vielfältigen Formen des Scheiterns führt Rügemer auf Strukturelemente des ÖPP-Verfahrens zurück: Geheimhaltung der Verträge, private SchiedsgerichtsbarkeitForfaitierung mit Einredeverzicht (Verkauf der Mietforderungen an eine Bank), hohe Transaktions- und Beraterkosten, Zugehörigkeit der einschlägigen Berater zur organisierten ÖPP-Lobby, Alleinbestimmungsrecht des Investors bei den Subunternehmen u. a. Auch in Wirtschaftskreisen wird ÖPP inzwischen heftig kritisiert: „Bei ÖPP verdienen Konzerne, Banken und Berater das große Geld. Gemeinsam mit der öffentlichen Hand haben sie ein intransparentes System geschaffen ‒ zulasten von Mittelstand und Steuerzahlern.“[38]
[Öffentlich-private Partnerschaft, Kritik von Werner Rügemer, Wikipedia, abgerufen am 02.09.2019]
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siehe auch:
Water Makes Money - Wie private Konzerne aus Wasser Geld machen (Post, 16.02.2013)
Die Macht der Rating-Agenturen (Post, 29.05.2012)
Enthemmte Wirtschaft – Krisen, Politik und Grenzen der Demokratie (Reinhard Jellen, Telepolis, Heise-Verlag 2012 – Google-Books)
Privatisierung als Ursache der Finanzkatastrophe (Reinhard Jellen, Gespräch mit Werner Rügemer über Cross Border Leasing, Telepolis, 28.10.2008)
Privatisierung – Blaues Wunder in Braunschweig (Gernot Knödler, taz, 07.10.2010)


Sighard Neckel: Die Refeudalisierung der Wirtschaftsgesellschaft

 
Das philosophische Radio
mit Sighard Neckel über
Die Refeudalisierung der Wirtschaftsgesellschaft
Moderation:  Jürgen Wiebicke

[…] Entbettung der Wirtschaft: Die Wirtschaft ist heute weniger eingebettet in soziale Normen, in kulturelle Vorstellungen und verletzt sogar vielfach die kulturellen Werte, an die wir uns gleichzeitig doch auch gebunden fühlen.
[…]
Diejenigen, die in der Vermögenshierarchie an der Spitze stehen, die verdanken ihr Vermögen und ihren Reichtum häufig leistungslosen Quellen. Sie erzielen häufig Gewinne, ohne daß sie für diese Gewinne Risiken eingehen müssen, […] daß an der Spitze der Hierarchie eine Klasse stehen kann, die nicht durch Leistung und nicht durch Risiko tatsächlich auch in ihrem Handeln bestimmt ist.
[…]
Der heutige, durch die Finanzmärkte getriebene moderne Kapitalismus im Wesentlichen eine Form der Reichtumsproduktion in den Oberklassen hervorbringt, die nicht durch eine risikohaltige Unternehmertätigkeit hervorgebracht wird und auch nicht durch Erwerbsleistungen, sondern hervorgebracht wird durch Vermögensgewinne, die ohne Leistungen zustande kommen, bzw. durch Erträge, die sich auf das Leistungsprinzip nicht mehr zurückführen lassen und auch in der Öffentlichkeit durch eine Verletzung des Leistungsgedankens empfunden werden.
[…]
Wir haben heute mit einer Führungsschicht zu tun, die, jedenfalls wenn wir über die Finanzmärkte sprechen – nicht über alle anderen wirtschaftlichen Gebiete –, dann haben wir mit einer Führungsschicht zu tun, mit einer Eigentümerklasse, die ihre Gewinne ohne Risiko erzielt, weil das Risiko, etwa der finanziellen Spekulation, Dritte tragen, die Allgemeinheit, die Staaten, die Rettungsprogramme. Und das ist schon eine Verletzung der Vorstellung dessen, was der Kapitalismus als eine Art von Wertordnung immer auch als Rechtfertigung von Gewinnen verstanden hat. Und hohe Gewinne sollten gerechtfertigt sein, wenn dieser Gewinnerzielung auch das Risiko entspricht im Fall eines wirtschaftlichen Fehlschlags, die Verluste tragen zu müssen.
 […]
In den meisten Berufen […] ist es heute so, daß viel größere Leistungen erwartet und verlangt werden, als das in früheren Zeiten der Fall gewesen ist. Nur: mit der Leistungserbringung, die man von den Menschen erwartet, verbindet sich nicht mehr das Versprechen der modernen Gesellschaft, nämlich, daß Leistungen Wohlstand begründen und Leistungen sozialen Aufstieg hervorbringen können.
[…]
Auf der anderen Seite kommen die Erträge der wirtschaftlichen Führungsgruppen, insbesondere auf den Finanzmärkten, durch Prozesse zustande, die auf Leistungen nicht mehr zurückzuführen sind. Und diese beiden Faktoren gemeinsam, daß oben nicht mehr gilt – das Leistungsprinzip –, was unten aber verstärkt gefordert wird, ohne daß man dafür aber auch einen entsprechenden Lohn erhält, das irritiert die Menschen…
[…]
Wir haben Entwicklungen […], die bemerkenswert sind. Wir müssen und das einmal vorstellen:
1989, und wir sprechen über die Regierungszeit Kohl, das heiß: es war keine radikal sozialdemokratische oder sozialistische Regierung an der Macht. 1989 betrug das Durchschnittseinkommen der DAX-Vorstände, der Vorstände der deutschen DAX-Unternehmen, 500.000 D-Mark. Im Jahre 2010 ist das Durchschnittseinkommen der Vorstände der DAX-Unternehmen auf 6 Millionen Euro gewachsen. Das Verhältnis zwischen den Vorstandsgehältern deutscher Aktiengesellschaften zu den Durchschnittsgehältern wiederum der Beschäftigten bei diesen Aktiengesellschaften lag in früheren Zeiten – noch Anfang 1990 – bei 20 : 1. Heute geht das bis 200 : 1. Und das geschieht in einer Zeit von ungefähr 20 Jahren.
[…]
Es ist in den beiden letzten Jahrzehnten häufig genug so gewesen, daß sich die Politik sich so verstanden hat, der Wirtschaft, wie es dann hieß, günstige Investitionsbedingungen zu verschaffen. Dazu gehörten auch die Deckelung […] der Arbeitnehmereinkommen. Das gehörte mit zu dem Konzept des sogenannten Wettbewerbsstaates, das wir in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt haben. Und dieser Staat und die Politik, die diesen Staat bestimmt, ist im Wesentlichen damit befaßt gewesen, in der Konkurrenz unterschiedlicher Länder den Kapitalanlegern die günstigsten Bedingungen bereitzustellen, und dazu gehörten dann eben auch vergleichsweise niedrige Löhne, flexibilisierte Arbeitsmärkte, die Mini-Jobs und so weiter und so fort. So daß sich die Politik eigentlich in den letzten Jahren – nicht durchgängig, aber sehr weitgehend – verabschiedet hat, die Interessen auch der Arbeitnehmerschaft tatsächlich zu repräsentieren. Die Interessen der Wirtschaft sind durch dieses Konzept des Wettbewerbsstaats – »Wir wollen Deutschland wettbewerbsfähig machen oder wettbewerbsfähig erhalten« –, dadurch sind die Interessen der Arbeitnehmerschaft vielfach auch in den Hintergrund getreten.
[…]
Drei Jahre nach der Finanzkrise, und diese Finanzkrise hat dazu geführt, daß vielfach die öffentlichen Haushalte […] tief in die Schulden gekommen sind, schon drei Jahre nach der Finanzkrise – heute, fünf Jahre nach der Finanzkrise, ist das noch mehr der Fall – hat man festgestellt, daß die vermögenden Schichten in den Vereinigten Staaten, in den europäischen Ländern durch diese Finanzkrise gar nicht verloren haben, sondern dennoch gewonnen haben und Vermögenszuwächse zu verbuchen hatten. […] Hier steht das Verhältnis von […] materiellen Einkünften und dem Nutzen, den die Allgemeinheit davon hat, in einem direkten Gegensatz. Hier beutet gewissermaßen eine Eigentümerklasse an Anlagekapital die Gesellschaften insgesamt aus, um sich Vorteile zu verschaffen.
[…]
Es gibt interessante Einsichten aus der Spieltheorie, die sich übertragen lassen. Es gibt die Einsicht, daß immer dann, wenn wirtschaftliche Akteure in längere Kooperationsketten einbegriffen sind, wenn man seinem Verhandlungs- und Vertragspartner, seinem Kunden, nicht nur einmal begegnet, sondern weiß, daß man ihm auch in der Zukunft begegnen wird, wenn man mit Anbietern auch in der Zukunft kooperieren muß, dann nimmt die Tendenz, unbedingt den eigenen Nutzen absolut durchsetzen zu müssen, ab. Wenn wirtschaftlicher Erfolg sich als eine Ökonomie der günstigen Gelegenheit darstellt, dann kommt es tatsächlich darauf an, daß ich im richtigen Moment zuschlage – hit and run – und ohne Blick auf die Kosten, ohne Blick auf die sozialen Kosten versuche, meinen größtmöglichen Vorteil zu realisieren. Und das ist die Gefahr, die in der Finanzmarktökonomie steckt, weil es eine Ökonomie ist, die sich relativ weit abkoppelt von der Notwendigkeit, mit anderen Gruppen kooperieren zu müssen. Immer dann, wenn ich mit anderen kooperieren muß – ob ich will oder nicht –, muß ich Rücksichten nehmen und muß Vereinbarungen treffen, die auch die Interessen der anderen Seite berücksichtigen.


Sighard Neckel (* 25. Oktober 1956 in Gifhorn) ist ein deutscher Soziologe. Seit dem Wintersemester 2011/12 ist er Professor für Soziologie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zugleich ist er Mitglied der Leitung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main. [Wikipedia]

siehe auch:
WDR 5: Das philosophische Radio – Sendungsübersicht (WDR 5, undatiert)
Sighard Neckel: „Refeudalisierung": Aktualität und Systematik eines Begriffs der Habermas'schen Gesellschaftsanalyse (Andrea Reisinger, Philosophische Audiothek, 18.04.2018)
- Refeudalisierung der Ökonomie: Zum Strukturwandel kapitalistischer Wirtschaft (Sighard Neckel, MPlFG Working Paper 10/6, Max-Planck-Gesellschaft, Juli 2010 – PDF)
- Prof. Dr. Sighard Neckel, Publikationen (Uni Hamburg, WiSo-Fakultät)

Der Gefühlshaushalt des Kapitalismus. Geldgier als Strukturprinzip? {46:38}

Normative Orders
Am 23.02.2018 veröffentlicht 
Frankfurter Stadtgespräch XVI
Prof. Ute Frevert (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) im Gespräch mit Prof. Sighard Neckel (Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen")
Moderation: Rebecca Caroline Schmidt (Geschäftsführerin des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen")
Ob zum Zweck seiner Erklärung oder zur Rechtfertigung: Im Kapitalismus wird zumeist die Rationalität und Sachlichkeit wirtschaftlichen Handelns behauptet. Die allgegenwärtige Rede von Gier oder der Notwendigkeit von Vertrauen in Märkte scheint hingegen die Zentralität nicht-rationaler Motive nahzezulegen. Auch stellt sich in Zeiten zunehmender Burnouts die Frage, wie die Gefühlswelt der Menschen durch den Kapitalismus geformt wird. Setzt die Rationalität des Kapitalismus also nicht notwendig emotionale Antriebe wie Geldgier voraus? Auf welche Weise verändert der Kapitalismus den Gefühlshauhalt des modernen Menschen? Über dieses Thema werden im XVI. Frankfurter Stadtgespräch Ute Frevert, Emotionsforscherin und Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und Sighard Neckel, Professor für Soziologie an der Goethe-Universität und Principal Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, diskutieren.
Veranstalter:
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main
Mehr Informationen zu den Frankfurter Stadtgesprächen:
http://www.normativeorders.net/de/ver...

Hamburger Horizonte 2017: »Zerfall … – und jetzt? Ein Schlusswort« von Prof. Dr. Sighard Neckel {12:49}

Körber-Stiftung
Am 23.02.2018 veröffentlicht 
In seinem Schlusswort erörtert Prof. Dr. Sighard Neckel, Sozialwissenschaftler an der Universität Hamburg, die Konferenzergebnisse zum Zerfall von Ordnungen und gibt einen Ausblick auf den Übergang zu neuen Ordnungen.

Leistung, die sich lohnt?- Das Versprechen der Chancengerechtigkeit {2:11:40 – Start bei 3:53}

Heinrich-Böll-Stiftung
Am 26.06.2012 veröffentlicht 
Keynote:
Prof. Sighard Neckel, Goethe-Universität, Frankfurt a. M.
Diskussion mit...
Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler, Rechtsanwalt und Autor von „Kein schönes Land in dieser Zeit", Berlin Brigitte Mergenthaler-Walter, Studienleitung Schule Schloss Salem
Moderation:
Andrea Dernbach, Journalistin/Der Tagesspiegel, Berlin
Das Leistungsprinzip ist ein zentrales Element der sozialen Integration moderner Gesellschaften. Mit ihm wandte sich das Bürgertum einst gegen die Vorherrschaft des Adels. Wo ständisch begründete Herkunftsrechte den gesellschaftlichen Status bestimmten, sollte das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit entscheiden. Das Leistungsprinzip entsprach den Interessen des aufstrebenden Bürgertums.
Wie ist es heute um die Wirklichkeit des Leistungsprinzips in Deutschland bestellt? Wessen Interessen lassen sich daran knüpfen? Wie steht es um seine Legitimität?
Zwei Gruppen haben weiterhin großes Interesse mit dem Leistungsprinzip: neben Frauen auch Männer und Frauen mit Migrationsbiographie. Unter Berufung auf das Leistungsprinzip streiten sie gegen Ungleichbehandlung und Diskriminierung. Zugleich wird die Legitimität des Leistungsprinzips auch in Frage gestellt. In Zeiten, in denen sich das Transfereinkommen des Staates nur gering von einem niedrigen Erwerbseinkommen unterscheidet, verlieren viele Menschen den Glauben an das Leistungsprinzip. Zwei von drei Deutschen sind der Meinung, dass sich Leistung in Deutschland nicht mehr lohnt, so ein Ergebnis einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom November 2011. Knapp 70 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass nicht alle Menschen die gleichen Chancen haben, erfolgreich zu sein. Und ein wachsender Teil verabschiedet sich vom Leistungsprinzip, indem er auf andere Formen der gesellschaftlichen Anerkennung wie den (schnellen und oftmals spektakulären) Erfolg oder den Rückhalt in der Peergroup setzt.
Zu den Menschen, die nach wie vor auf Leistung als Mittel ihres sozialen Aufstiegs und gesellschaftlicher Anerkennung setzen, gehören heute besonders Menschen mit Migrationsgeschichte mit guten Schul- und Hochschulabschlüssen. Sie haben im Bildungssystem auf das Versprechen der Leistungsgerechtigkeit vertraut und müssen nun auf dem Weg in den qualifizierten Arbeitsmarkt vielfach feststellen, dass viele Aufstiegschancen gar nicht nach Leistung verteilt werden. Sie scheitern entweder ganz oder werden unter ihrem Qualifizierungsniveau beschäftigt.
aktualisiert am 11.08.2019

Sonntag, 3. März 2013

Mac OS X: Alte Mailadressen aus dem Speicher des Programms Mail entfernen

Apples Mail-Programm in Mac OS X 10.5 Leopard speichert die Mailadressen von Leuten, von denen man Mails bekommen oder an die man geschrieben hat. Gibt man beim Verfassen einer Mail den Beginn einer Mailadresse ein, so werden automatisch Mailadressen mit den entsprechenden Anfangsbuchstaben zur Auswahl angeboten. Das ist sehr praktisch, jedoch störend, wenn die Mailadressen veraltet sind. Doch man kann solche veralteten Mailadressen aus dem Speicher von Mail entfernen.

Weiter bei ratschlag24

Heute vor 80 Jahren – 3. März 1933: Ernst Thälmann wird verhaftet

Ernst Thälmann, Lager-, Hafen- und Transportarbeiter, 1886 in Hamburg geboren, schloss sich 1903 der SPD an und trat 1904 in die Gewerkschaft ein. Ab 1924 Mitglied des Reichstages und Führer des Roten Frontkämpferbundes, wurde er 1925 zum Parteivorsitzenden der Kommunisten.
Am 3. März 1933 wurde er nach einer Denunziation verhaftet und nach elfjähriger Einzelhaft und ohne Prozess am 18. August 1944 im KZ Buchenwald erschossen.

Der DDR-Propagandafilm entstand 1954


Heute vor 90 Jahren – 3. März 1923: Die Erstausgabe des TIME-Magazin erscheint

Der SPIEGEL nahm sie sich zum Vorbild, und ihr bekanntestes Feature ist der Man of the Year (inzwischen Person of the Year): TIME

Titelblatt der Erstausgabe [aus Wikipedia]


TIME Video

Samstag, 2. März 2013

Italienische Politiker träumen!

Nach Freud sind Träume der Königsweg zum Unbewußten. Manchmal allerdings auch Anstoß, eine Bestechung zuzugeben. Falls also Clown Silvio Berlusconi (Steinbrück bekommt inzwischen sogar von Bernhard Paul Feuer) nicht wieder hinter der italienischen Polit-Betonmauer Schutz findet, die ihm Immunität (letzter Absatz) gewährt, könnte es jetzt – endlich – eng für ihn werden. Annähernd 30 Prozent der Italiener haben nach 10 Jahren Berlusconis göttlicher Kommödie anscheinend immer noch nicht die Nase voll von ihm, der Vater von Mitte-Links-Politiker Sergio De Gregorio schon: Der erschien nämlich seinem Sohn im Traum und spornte ihn an, sich von seinen Bürden zu befreien. Papa hatte einen guten Grund, den Münchener Aloisius einige Zeit allein frohlocken zu lassen.



Sohn Sergio war nämlich klar geworden, daß einige Parlamentsabgeordnete eine Art »Nürnberg für Politiker« fordern würden. (Ich weiß ja nicht, was in diese Abgeordneten gefahren ist.) Die Staatsanwaltschaft Neapel ermittelt nämlicht neben Silvio Berlusconi auch gegen Sergio De Gregorio wegen Korruption und illegaler Parteienfinanzierung. Und da er »nicht in die Geschichte eingehen [wollte] als Senator, der in Handschellen aus dem Palazzo Madama abgeführt wird«, hat Sohn Sergio nun gegenüber der Zeitung La Stampa zugegeben, von Berlusconi im Jahr 2006 insgesamt 3 Millionen Euro erhalten zu haben. (Voraussetzung: Dieses Geständnis ist nicht wieder eine erneute Lüge.) Dieses Geld bewog De Gregorio dazu, Mitglied der Partei Popolo della Libertà (PdL) zu werden. (Volk der Freiheit… Freiheit für wen?) Und das wiederum hatte zur Folge, dass die damalige Mitte-links-Koalition unter Romano Prodi zusammenbrach. Nachdem nämlich De Gregorio einige Zeit dem Verteidigungsausschuss im Mitte-links-Bündnis vorgestanden hatte, wechselte er ins Oppositionslager zu Berlusconi. Und aus der darauf folgenden Wahl ging Berlusconi mit Abstand als Sieger hervor. (Copy & Paste aus SPIEGEL Online)
Ob damals Papa De Gregorio seinem Filius Sergio im Traum geraten hat, das Bestechungsgeld anzunehmen, weil dieser damals hoch verschuldet war, darüber ist nichts bekannt. Auch gehören Vermutungen, daß Papst Benedikt XVI. sich mit De Gregorios Vater ins Benehmen gesetzt hat, um dessen Sohn zu diesem Geständnis zu bewegen, ins Reich der Spekulation. Jedenfalls hat Sergio De Gregorio, dem Beispiel Jesus’ folgend, getan, was sein Vater sagte. Es ist zur Zeit noch nicht klar, für wen sich De Gregorio opfert – möglicherweise steckt er ja wieder in finanziellen Nöten… Auch hat sich Peer Steinbrück noch nicht darüber geäußert, wie er De Gregorio titulieren will. Da zur Zeit kein Besuch eines hochrangigen italienischen Ministers ansteht, hat er eigentlich freie Wahl.



Was die Italiener dazu sagen, daß Träume im politischen Geschehen der Republik eine große Rolle spielen, darüber darf auch spekuliert werden. Solche Äußerungen hätte ich bis zur Lektüre dieses Artikels nur schwarzafrikanischen, südamerikanischen oder fundamentalistischen islamischen Politikern zugetraut. Anscheinend habe ich mich da geirrt. Ich jedenfalls wäre gespannt darauf, was solche alten Haudegen wie Helmut Schmidt oder Peter Scholl-Latour zu Politikern zu sagen haben, die ihre Geständnisse durch Träume von Familienmitgliedern begründen. Ehrlich gesagt: wahrscheinlich nichts…

In seiner vielkritisierten Rede zitierte Papst Benedikt XVI. Kaiser Manuel II. Palaeologos mit den Worten »Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.« Benedikt läßt auch nicht unerwähnt, daß es in der christlichen Kirche unterschiedliche Strömungen in der Beurteilung der Vernunft im Verhältnis zu Gott gab und gibt. Welches Verhältnis De Gregorio zur Vernunft hat, und welches Verhältnis die Menschen zur Vernunft haben, die er hofft, mit einer solchen Begründung erreichen zu können, ist mir unklar. Aber diese Art von Vernunft, die mir da aus der Lektüre des SPIEGEL-Artikels entgegenspringt, macht mich zusammenzucken. Und ich fürchte, daß da auch weder Beten noch Meditieren hilft.

Anscheinend haben die Alpen in der Euro-Zone doch eine größere Bedeutung als ich bisher dachte. (Vielleicht muß man da auch die Sonnenstrahlung in die Überlegungen miteinbeziehen.) Das Geständnis von De Gregorio bzw. seine Begründung gibt mir sehr zu denken über das Ausmaß von Vernunft, dem sich südeuropäische Politiker verpflichtet fühlen und was sie ihren Wählern vorsetzen zu können glauben. Und ich muß wohl auch vorsichtiger sein in meiner Einschätzung der Menschen, denen man so etwas erzählen kann und denjenigen, die diesen Bongo-Bongo-Chauvi nochmals gewählt haben. Wer solche Partner in der Euro-Zone hat, braucht sich um Feinde keine Gedanken zu machen. Und wenn dann in einigen Jahren die Türkei in die EU aufgenommen wird, werden wir uns möglicherweise nach solchen Zeiten wie der jetzigen sogar zurücksehnen.


Freitag, 1. März 2013

Hans-Peter Dürr über Hannah Arendt

Hans-Peter Dürr über Hannah Arendt [5:31]

Hochgeladen am 22.01.2011
"Diese Frau hat es fertig gebracht, mich in 14 Tagen total zu verändern." Dürr spricht über seine entscheidende Begegnung mit Hannah Arendt im Jahre 1955.
Viel weiteres Material zu Hans-Peter Dürr und der Quantenphysik auf dem Kanal QuantenPhysik. Link zur Kanal-Seite: https://www.youtube.com/channel/UCUpD...
Zitat aus "Warum es ums Ganze geht." (S.34, oekom-Verlag, 2009) "Innerhalb von 14 Tagen war aus mir ein anderer geworden, voller Optimismus, unternehmungslustig und tatkräftig in einer erweiterten Form. Ich bin einem Menschen begegnet, einer Jüdin, die vertrieben worden war und Schlimmes erlitten hatte, die aber dennoch fähig war, das Leben und Leiden eines 'Gegners' nachzuempfinden und schildern zu können, ihn in zwei Wochen aus einem Gefängnis zu befreien und ihm zugleich Mut zu machen für einen lebenswerten Neuanfang!"
Das berühmte lange Gespräch von Hannah Arendt mit Günter Gaus findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=J9SyT...

mehr von Dürr in:
- Paul Watzlawick - Wenn die Lösung das Problem ist (Post, 24.05.2014)

Donnerstag, 28. Februar 2013

Mit RagTime ein Leporello erstellen


Zugegeben: RagTime ist ein Exot; aber ein sehr mächtiger Exot!
Für die Exoten, die mit diesem Exoten arbeiten, hier die Anleitung zum Basteln eines zweiseitigen Flyers


Endlich mal wieder ein vernünftiges Kochrezept…
Über iTunes im AppleStore findet man auch den Podcast von RagTime

Mittwoch, 27. Februar 2013

Stéphane Hessel ist tot

Durch seine Streitschrift "Empört euch!" wurde er weltbekannt. Nun ist der französische Autor, KZ-Überlebende und frühere Widerstandskämpfer mit 95 Jahren gestorben.

Der französische Schriftsteller Stéphane Hessel ist tot. Der Autor des Bestsellers Empört Euch! starb in der Nacht im Alter von 95 Jahren.

Der einstige Widerstandskämpfer und KZ-Überlebende wurde 2010 mit den beiden Essays Empört euch! und Engagiert euch! weltweit bekannt. Der 1917 in Berlin geborene Diplomat hatte darin die kapitalistische Finanzwirtschaft kritisiert und zum Protest aufgerufen.

Seine Streitschrift hatte mit zur Entstehung der Bewegung der Empörten geführt, die wegen der Wirtschaftskrise in New York , London , Madrid und vielen weiteren Städten gegen den Finanzkapitalismus und die Sparpolitik Front macht.

mehr:
- "Empört euch!" – Stéphane Hessel ist tot (AFP, ZON, 27.02.2013, beachte auch die Kommentare)
- "Empört euch!"-Autor Stéphane Hessel ist tot (SPON, 27.02.2013)
- Stéphane Hessel, eine Lichtgestalt der Empörung (Mara Delius, Welt, 27.02.2013)

Stéphane Hessel - "Der fröhliche Sisyphos" (Portrait 2017) {52:19}

Text und Bühne
Am 02.12.2017 veröffentlicht 
Mit seinem im Oktober 2010 veröffentlichten Pamphlet "Empört Euch!" wird der Buchenwald-Überlebende und ehemalige UNO-Diplomat Stéphane Hessel (1917-2013) im Alter von 93 Jahren zur Leitfigur der jungen Generation. Der Film beleuchtet die Lebensstationen des Menschenrechtlers, Diplomaten, Lyrikers und Essayisten und lässt Menschen zu Wort kommen, die er beeinflust hat (u.a. Günter Wallraff und Konstantin Wecker). Originaltitel: "Empört Euch! Engagiert Euch! - Stéphane Hessel" (arte 2017).

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Stéphane Frédéric Hessel (* 20. Oktober 1917 in Berlin; † 27. Februar 2013[1] in Paris) war ein französischer Résistance-Kämpfer, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, Diplomat, Lyriker, Essayist und politischer Aktivist.[2]Hessel wurde nach seiner KZ-Haft 1946 Büroleiter des UN-Vize-Generalsekretärs Henri Laugier. In dieser Funktion war er bei Sitzungen der neu geschaffenen UN-Menschenrechtskommission präsent. Laut verschiedener Medienberichte war er in diesem Zusammenhang an der Erstellung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN redaktionell beteiligt, wobei er sich selbst jedoch eher als passiven Zeugen dieser Ereignisse beschrieb.[3] Hessel blieb bis 1951 bei der UNO, danach war er im französischen Außenministerium in Paris tätig. Dann wurde er Mitarbeiter von Pierre Mendès-France und lebte nach dessen Fall für einige Jahre in Vietnam. 1962 gründete er in Frankreich die Vereinigung für die Ausbildung von afrikanischen und madagassischen Arbeitnehmern.Große Aufmerksamkeit erregte 2010 Hessels Essay Empört Euch!, in dem er harsche Kritik an verschiedenen aktuellen politischen Entwicklungen übt und zum Widerstand aufruft. Die Protestbewegung in Spanien gegen die Folgen der Finanzkrise, die entsprechenden griechischen, französischen und portugiesischen sozialen Protestbewegungen sowie die Occupy-Bewegung[4] berufen sich teilweise auf ihn.[5]
[Stéphane Hessel, Wikipedia, abgerufen am 07.06.2018]
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Stéphane Hessel: Empört Euch {2:16}

Veröffentlicht am 08.11.2012
Stéphane Hessel hat mit seinem Buch "Empört Euch" ein Fenster der Demokratie aufgestoßen. Seine Gedanken wurden in über 30 Sprachen übersetzt und publiziert. Sich zu empören und sich zu engagieren ist Bürgerrecht und Bürgerpflicht. Wer sich einmischt, stärkt unsere Demokratie.
Spéphane Hessel hat BBB TV ein Exklusivinterview gegeben. Mit dem Interview und unserem Film dazu wollen wir eine Verbindung zwischen seinen Thesen und der Bürgerbewegung gegen den Fluglärm herstellen.
Für diesen Film suchen wir Koproduzenten, Sponsoren oder auch einfach Menschen, die bei der Gestaltung mitmachen wollen.
Schreiben Sie an: klaus@bbbtv.de (Redaktion von BBB TV)


Stéphane Hessel "Die Welt geht schief" {9:20}

Hochgeladen am 28.08.2011
Der ehemalige französische Diplomat Stéphane Hessel, der Bestseller-Autor von "Empört Euch!", interviewt von Prof. Michael Hubatsch zu Fragen unserer Gestaltungsmöglichkeiten der Welt (Werte der Gesellschaft, Ressourcen der Erde und der Menschheit, Verantwortlichkeit des Einzelnen ... ) -- Interview in deutscher Sprache.

Stéphane Hessel - Die Karlsruher Rede {28:37}

Hochgeladen am 07.11.2011
Höhepunkt der diesjährigen Semestereröffnung war die „Karlsruher Rede" mit dem Titel „Ausblicke auf das 21. Jahrhundert" die der Schriftsteller und französischer Diplomat a.D. Stéphane Hessel hielt. Der ehemalige Résistancekämpfer, KZ-Überlebender und Mit-Autor der UN-Menschenrechte kam mit seiner Streitschrift „Empört Euch!" zu unerwartetem Ruhm in den vergangenen Monaten.

Iran – »Der Atomkonflikt ist nur ein Vorwand«

Über die Chancen einer Befriedung zwischen dem Iran und dem Westen. Fragen an den persischen Autor Bahman Nirumand
 

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Von Adelbert Reif


Herr Nirumand, bei der Münchner Sicherheitskonferenz Anfang Februar gab es eine Annäherung zwischen dem Iran und den USA – kurz darauf machte Ayatollah Khamenei einen verbalen Rückzieher. Sind die Verhandlungen nun gekippt?
Bahman Nirumand: Ganz gekippt sind sie nicht. Das Angebot der USA steht. Auch die Ablehnung von Seiten des Irans ist nicht hundertprozentig, zumal viele führende iranische Politiker darauf drängen, dass Verhandlungen mit den USA zustande kommen – auch Präsident Ahmadinedschad. Die Haltung des Irans ist allerdings ziemlich radikal und mit Bedingungen verbunden, die der Westen so sicherlich nicht akzeptieren wird. Sie sagen: Nehmt uns erst die Pistole von der Brust dann verhandeln wir. 

Was bedeutet das für die Verhandlungen des Irans mit den fünf Vetomächten im UN-Sicherheitsrat plus Deutschland, der Gruppe 5 plus 1, die am 26. Februar stattfinden sollen? Nirumand: Das sind die gleichen Verhandlungen, die seit zehn Jahren geführt werden. Ich bin skeptisch, dass dabei etwas herauskommt. Im Juni wird im Iran gewählt und ich denke, dass es vorher keine klare Entscheidung geben wird. 

Bahman Nirumand, 77, floh mit 29 aus Teheran. Der Publizist lebt in Berlin und verfasst den Iran-Report der Heinrich-Böll-Stiftung. Neueste Veröffentlichung: »Iran. Israel. Krieg« Wagenbachs Taschenbücherei.

Gibt es Neuigkeiten zum iranischen Atomprogramm?
Nirumand: Es gibt Gerüchte, dass der Iran jetzt die Zahl der Zentrifugen erhöht habe und einen Teil des hoch angereicherten Urans für andere Zwecke verwendet als für medizinische. Das sind aber, wie gesagt Gerüchte. 

Woher kommen sie?
Nirumand: Meiner Auffassung nach meistens aus Israel. Von dort wird es an die Volksmudschahedin weitergegeben, die militante iranische Oppositionsbewegung im Iran, die das für bare Münze verkaufen. Bisher haben die Erklärungen dieser Bewegung selten gestimmt, daher bin ich persönlich sehr skeptisch. Obwohl ich nicht ausschließen kann, dass der Iran die Bombe doch plant. Man weiß es schlicht nicht. Amerikanische Geheimdienste erklären, dass es dafür absolut keine Beweise gebe. In Wirklichkeit geht es im Nahen Osten um wirtschaftliche und militärische Interessen. Dass man immer wieder auf den Atomkonflikt zurückkommt ist eine Irreführung.


Welche Wirkungen haben die Sanktionen, die der Westen gegen den Iran verhängt? 
Nirumand: Sie treffen das Volk. Solange der Iran Öl hat können die westlichen Staaten Boykotte erlassen, so viel sie wollen. Mit den Einnahmen aus dem Ölverkauf überlebt das Regime. Das Volk aber leidet unter Entbehrungen. Die Steigerung der Preise ist selbst für die Mittelschicht untragbar, von den ärmeren Menschen gar nicht zu reden. Außerdem gibt es zu wenig Medikamente. UNO-Generalsekretär Ban Kimoon wies daraufhin, dass durch die Sanktionen humanitäre Maßnahmen reduziert wurden. 

Radikalisiert das die iranische Bevölkerung? 
Nirumand: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits versucht die Regierung mit allen Mitteln der Propaganda darzustellen, dass die Feinde der iranischen Republik ihren Untergang planen und das iranische Volk vernichten wollen. Andererseits sind die Iraner ganz gut informiert und glauben nicht alles, was die Regierung sagt. Radiosender wie BBC haben mehr Hörer als die staatlichen Sender. Dass die Sanktionen dem iranischen Regime in die Hände spielen, kann man so nicht sagen. Dennoch glaube ich, dass sich eine gewisse Front gegen den Westen bildet. 

Steht die iranische Bevölkerung hinter den Attacken Teherans?
Nirumand: Iraner sind Patrioten und befürchten, dass die Souveränität ihres Landes beeinträchtigt wird – egal, um welches Regime es sich handelt. Dennoch führt das Bild, das im Westen von der iranischen Gesellschaft vermittelt wird, in die Irre, denn sie ist mit dem Regime überhaupt nicht einverstanden. Die überwiegende Mehrheit will diese Islamische Republik und die feindliche Haltung gegenüber dem Westen nicht. Die Iraner wollen Freiheit.
Das haben sie zuletzt 2009 gezeigt als Millionen Menschen auf die Straße gingen, insbesondere Frauen. Denken sie nur daran, wie viele Künstler, Schriftsteller und Filmemacher das Land hervorgebracht hat. Das ist keine zurückgebliebene Gesellschaft. 

Weshalb hält das Regime in Teheran den Konflikt mit dem Westen überhaupt so lange am Leben? 

Nirumand: Das iranische Regime hat große Schwierigkeiten, sich gegenüber der unzufriedenen Bevölkerung zu behaupten. Äußere Feinde schlimmer auszumalen, als sie sind, ist eine Methode, die alle Diktaturen anwenden. Das Regime schürt den Konflikt nicht aus Feindschaft gegenüber Israel, sondern es geht darum, Anhänger in der arabischen Welt zu gewinnen. Wenn Sie heute durch die arabischen Länder fahren, dann hängen in den Hütten ärmerer Menschen die Bilder von Ahmadinedschad. Er wird als einziger Politiker verehrt der den Mut hat Israel und die USA zu kritisieren und zugunsten der Palästinenser zu sprechen.

Wie kam es dazu?
Nirumand: Durch die Kriege gegen den Irak und Afghanistan konnte das iranische Regime in beiden Ländern großen Einfluss erlangen. Es ist auf dem Weg zu einer regionalen Großmacht. Auch kam es, beginnend mit dem »Arabischen Frühling«, zu einem Prozess der Veränderung in den arabischen Staaten, der nicht unbedingt zugunsten des Westens und schon gar nicht zugunsten Israels verläuft. 

Der ARD-Nahostexperte Ulrich Tilgner plädierte dafür, den Iran für Kooperationen zur Beruhigung Afghanistans und des Iraks zu gewinnen. Könnte der Iran ein Element der Stabilität in der Region werden?
Nirumand: Das ist eine schwierige Frage. Der Iran ist zwar ein starkes Land und hat an Macht gewonnen. Die inneren Verhältnisse aber sind katastrophal. Wir haben ein Regime, das nicht die Interessen des Volkes vertritt. Es herrscht Unterdrückung auf allen Gebieten. Wirtschaftlich befindet sich das Land in einer tiefen Krise. Die Menschen werden immer ärmer. Die Mittelschicht ist nahezu ruiniert. Überall stößt man auf Willkür und Korruption. Ich weiß nicht, wie lange das Regime das noch durchhalten kann. Denn die schlechte Lage verschärft auch die Konflikte innerhalb des Regimes. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass der Iran eine stabilisierende Rolle innerhalb der Region.
Publik-Forum, Nr. 4, 2013

Der Revolutionär aus der Fremde bei STERN Online
Bahman Nirumand: Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste bei Rowohlt
Ulrike Meinhofs iranischer Genosse bei Aron Sperber
Mein 68 bei der Goethe-Stiftung
Der Iran und die Heinrich-Böll-Stiftung bei trend online
Ulrike Meinhofs Freund bei der Süddeutschen
»Revolutionäre Romantik«, ein Interview mit Bahman Nirumand auf Cicero Online

Bahman Nirumand über die Drohungen an Iran (12.01.2012) {29:29}

umotrebla
Am 01.02.2012 veröffentlicht 
Dr. Bahman Nirumand in Evangelische Stadtakademie Aachen über die Gefahren eines Krieges gegen Iran (12.01.2012 - gesamt Dauer: 26m29s)