Freitag, 12. März 2010

Sterbehilfe – Leid ist schwer messbar

Qualen sind ein subjektives Phänomen. Eine Arbeitsgruppe aus Amsterdam wollte wissen, inwieweit man es quantifizieren kann und wie sich die Einschätzungen von Patient und Arzt unterscheiden.
Mit Hilfe ausführlicher Interviews von zehn Patienten, die Sterbehilfe erbeten hatten, bei denen dies aber abgelehnt oder bei denen sie trotz Genehmigung nicht ausgeführt worden war, sowie von 16 Ärzten, die mit diesen oder ähnlichen Fällen befasst waren, gewann man tiefere Einblicke. Nicht alle Patienten, die unbedingt sterben wollten, hielten ihr Leid fürwirklich unerträglich. Ihre Arzte konnten ihren Wunsch, zu sterben, dennoch nachvollziehen. Wenn die Patienten von unerträglichem Leiden sprachen, waren Ärzte öfter anderer Meinung. Patienten bezogen diese Einschätzung mehr auf psychosoziale Aspekte, Ärzte rein auf die physische Seite. Wenn z. B. ein Patient noch Bücher lesen konnte, nahmen sie ihm unerträgliche Qualen nicht ab.
Die Autoren legen den Ärzten nahe, alle Perspektiven von Leiden wahrzunehmen und ihre Einschätzung nicht auf die rein körperliche Sichtweise zu verengen. Eine nur physische Auslegung werde der weitgehend subjektiven Natur von Leiden und auch der Intention des niederländischen Sterbehilfe-Gesetzes nicht gerecht. WE

Pasman HRW et al.: concept of unbearable suffering in context of ungranted requests for euthanasia: qualitative interviews with patients and physicians. BMJ 339 (2009) 1235-7237
Bestellnummer der Originalarbeit 091657

aus MMW Fortschritte der Medizin

Ärzte-Wellness – Auch dem Doktor muss es gut gehen

Kanadische Experten weisen darauf hin, dass nach einer Studie aus ihrem Land 64% der Ärzte ihre Arbeitsbelastung als zu groß empfinden und dass 48% eine Zunahme ihrer Belastung in den letzten Jahren bemerkten. Die Arbeitszeit von Ärzten ist überdurchschnittlich hoch. Ihre Tätigkeit ist mit starken emotionalen Belastungen verbunden. Die kognitiven Anforderungen mit einer kaum zu bewältigenden Informationsflut wachsen. Folgen von so viel Stress sind oft Burnout-Syndrom und mangelhafte berufliche Leistungen.
Ärzte gehen selten zum Arzt. Wenn sie depressiv sind, suchen nur 2% professionelle Hilfe. Sie vernachlässigen ihr eigenes Wohlergehen sträflich.
Die Autoren fordern, das Wohl der Ärzte als Qualitätsfaktor des Gesundheitssystems zu sehen. Alle Beteiligten sollten nach Wegen suchen, die Gesundheit der Ärzte zu verbessern. Die Kultur der Betreuung von Ärzten muss sich ändern. Von einer Entlastung der Ärzte würden nicht nur diese profitieren, sondern auch dieAllgemeinheit, auch wenn entsprechende Maßnahmen wohl nicht umsonst zu haben wären. WE

Wallace JE et al.: Physician wellness: a missing quality indicator. Lancet 374 (2009) 1714-1721
Bestellnummer der Originalarbeit 091658

aus MMW Fortschritte der Medizin

Freitag, 5. März 2010

Bilder unseres Landes: Idar-Obersteiner Schule entstand auf freiem Feld



Die 1872 auf fast freiem Feld an der Grenze zwischen Oberstein und Idar errichtete Göttenbach-Schule diente lange als Oberrealschule. Der Bau in der Mitte der mehr als 600 Hausnummern langen Hauptstraße war eines der wenigen gemeinsamen Projekte vor dem Zusammenschluss der beiden Städte im Jahr 1933. Alle höheren Schulen wurden damals in der Schillerschule in Oberstein vereint. In die freiwerdende Göttenbach-Schule zog die Stadtverwaltung ein. Heute sind dort die Schutz- und Kriminalpolizei untergebracht. Die Bediensteten der Stadt siedelten dafür in die ehemalige Schillerschule um. Foto: Hosser
aus der Nahe-Zeitung

Der Begriff »Gymnasium« existierte in der Umgangssprache in Idar-Oberstein bis in die Mitte der 70er Jahre kaum. In Idar-Oberstein besuchte man nicht das Gymnasium, man ging »off die Gäddebach«. Erst mit Errichtung des neuen Gymnasiums auf der Heinzenwies hielt das Wort »Gymnasium« Einzug in den Idar-Obersteiner Sprachgebrauch.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Zivilisation – Net mach Mob

Computerpionier Jaron Lanier über die entwürdigenden Folgen von Internetwerbung, Mobbing im Netz und die Geburt einer unmenschlichen Digital-Religion

mehr bei SPIEGEL-Online

Dienstag, 26. Januar 2010

Sport macht geistig fitter – auch bei ersten kognitiven Defiziten

Regelmäßige körperliche Aktivität schützt vor geistigem Verfall. Eine leichte kognitive Beeinträchtigung kann durch intensives Training sogar teilweise rückgängig gemacht werden. Das ist das Ergebnis einer kontrollierten Studie mit 33 Probanden um die 70 Jahre, die an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung litten. Die Trainingsgruppe hatte sechs Monate lang viermal pro Woche für 45-60 Minuten ein intensives aerobes Training absolviert. Ihre kognitiven Leistungen verbesserten sich stärker als die der Kontrollgruppe, die nur Übungen gemacht hatte, welche die Herzfrequenz nicht erhöhten. Normalerweise haben Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung ein jährliches Risiko von 10-15%, in eine Demenz abzugleiten.
Arch Neurol 2010;67:71-79 und 80-86
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 3/2010

Der Duft, auf den Männer fliegen

Den Duft, auf den Männer messbar reagieren, bekommt man in keiner Parfümerie. Die stärkste Wirkung erzielt Frau mit ihrem Eigengeruch, meinen Psychologen an Florida. Sie baten Frauen während verschiedener Stadien ihres Ovulationszyklus ein T-Shirt an drei aufeinanderfolgen Tagen zu tragen. Ungetragene T-Shirts dienten zu Kontrollzwecken. Männliche Probanden wurden aufgefordert, an den Versuchshemden zu schnuppern. Vor und nach der Geruchsprobe wurde ihnen Speichel zur Testosteronbestimmung entnommen. Auf Hemdchen, die Frauen während ihres Eisprungs getragen hatten, reagierten die männlichen Versuchsobjekte mit einem signifikanten Anstieg der Testosteronwerte. Dieser Effekt ist aus Tierversuchen bestens bekannt. Was Sie, geneigter Leser, daraus schließen möchten, überlassen wir Ihnen.
Psychological Science, 2009; DOI: 10.1177/0956797609357733
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 3/2010

Couchpotatoes aufgepaßt – TV kann tödlich sein

Wer regelmäßig viel Zeit vor dem Fernseher verbringt, riskiert sein Leben. Einer australischen Studie zufolge erhöht jede tägliche Stunde Fernsehkonsum die Sterblichkeit um 11% und die kardiovaskuläre Sterblichkeit sogar um 18%.Verglichen mit Personen, die weniger als zwei Stunden pro Tag fernsehen, haben diejenigen, die mehr als vier Stunden vor der Glotze hängen, eine um 46% höhere Gesamtmortalität und eine um 80% höhere Mortalität aus kardiovaskulärer Ursache. In der Studie waren 8800 Personen mehr als sechs Jahre beobachtet worden; in dieser Zeit hatten sich 284 Todesfälle ereignet. Die erhöhte Sterblichkeit durch langes Fernsehen betraf auch normalgewichtige Menschen.
Circulation, 11. Januar 2010, doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.109.894824
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 3/2010

Wochenend bringt Sonnenschein

Vermutet haben wir das eigentlich schon immer, aber jetzt haben Psychologen der Universität Rochester den wissenschaftlichen Beweis nachgeliefert: Das freie Wochenende macht Menschen glücklich. Während der Arbeitswoche lassen die Glücksgefühle kontinuierlich nach, um am nächsten Wochenende dann wieder einem neuen Hochgefühl zu weichen. Dieses Auf und Ab der Gefühle ist unabhängig von Einkommen, Position und sozialem Status. Wesentlich sei, so meinen die Psychologen, dass man am Wochenende sein eigener Herr sei und selbstbestimmt handeln könne. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten, wie eine Studie der Universität von Toronto belegt: Immer mehr Zeitgenossen bringen sich um das Wochenend- und Freizeitglück, indem sie Arbeit mit nach Hause nehmen.
J Social Clin Psvchology 2010. im Druck
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 3/2010

Montag, 25. Januar 2010

Gestern nacht vor 35 Jahren – 24. Januar 1975

»Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich.«

Die Umstände waren ziemlich widrig. Der bestellte Konzertflügel war nicht da. Der 29jährige Amerikaner hatte die Nacht zuvor schlecht geschlafen, gerade erst hastig gegessen und mußte auf einem mittelmäßigen Ersatzflügel spielen. Nur auf ausdrückliche Bitten der Veranstalterin erklärte er sich bereit, doch zu spielen. Die Tontechniker einigten sich darauf, das ausverkaufte Konzert in der Kölner Opernhalle für interne Zwecke doch mitzuschneiden. Der amerikanische Pianist paßte sich den Qualitäten des zur Verfügung stehenden Flügels an und beschränkte sich auf die mittleren und tiefen Töne. Der erste Teil beginnt mit der Melodie des Pausengongs der Kölner Oper – im Publikum ist Lachen zu hören.

Heraus kam die meistverkaufte Jazz-Soloplatte und meistverkaufte Klavier-Soloplatte. Das Doppelalbum mit 66 Minuten Spielzeit bekam den Preis der Deutschen Phono-Akademie und wurde vom Time Magazine zu einer der „Records of the Year“ gewählt. Die Verkaufszahlen liegen bei etwa 3 1/2 Millionen verkaufter CDs und Schallplatten.

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Köln, January 24, 1975, Pt. I (Live) {26:01}

Keith Jarrett – Thema
Am 24.07.2018 veröffentlicht 
Provided to YouTube by Universal Music Group
Köln, January 24, 1975, Pt. I (Live) · Keith Jarrett
The Köln Concert
℗ 1975 ECM Records GmbH, under exclusive license to Deutsche Grammophon GmbH, Berlin
Released on: 1975-11-30
Associated Performer, Piano: Keith Jarrett
Producer: Manfred Eicher
Studio Personnel, Recording Engineer: Martin Wieland
Composer: Keith Jarrett
Auto-generated by YouTube.


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Keith Jarrett gehört zu den erfolgreichsten und stilprägenden Musikern der vergangenen vier Jahrzehnte und hat vor allem durch seine frühen Solo-Konzerte maßgeblich die Vorstellung vieler Menschen von zeitgenössischer Improvisation beeinflusst. Dabei baute er ein leicht verständliches, transparentes Prinzip des freien Flusses motivisch geprägter Improvisationen aus und kultivierte es. Der große Durchbruch kam 1975 schlagartig mit der Veröffentlichung seines legendären, eigentlich unter unglücklichen Umständen stattfindenden The Köln Concert, das von der damals achtzehnjährigen Konzertveranstalterin Vera Brandes organisiert wurde. Bei Kritikern und beim Publikum war das Köln Concert ein großer Erfolg. Die Platte bekam den Preis der Deutschen Phono-Akademie und wurde vom Time Magazine zu einer der „Records of the Year“ gewählt. Die Verkaufszahlen liegen bei rund 3,5 Millionen verkaufter CDs und Schallplatten. Die Platte mit ihrem markanten weißen Cover war in vielen Haushalten zu sehen und „zierte die Plattenschränke jener Zeit wie die Poster von Che Guevara in Studentenbuden ein Jahrzehnt zuvor.“ [6] Es ist nach wie vor Jarretts bekannteste Plattenaufnahme.
[Keith Jarrett, Wirkung, Wikipedia, abgerufen am 31.01.2019]
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aktualisiert am 31.01.2019
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Pay4Performance – Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind ja einiges gewöhnt:

• Da bekomme ich von der Bezirksstellenleitung ein Anschreiben (unterzeichnet von einem Arzt) mit der Anfrage, ob ich in meiner Praxis „gegen Pandemie“ impfe.

• Da meint der Bezirksstellenleiter (ein Ökonom), daß im ärztlichen Bereitschaftsdienst nur „Erste Hilfe“ geleistet wird. Es gäbe in Deutschland keinen Anspruch auf eine allgemeinärztliche Versorgung am Wochenende. Dann kann den Dienst ja jeder Autofahrer tätigen, denn als solcher hat man eine Erstehilfeausbildung.

• Da wird uns ständig erklärt, daß wir Leistungserbringer für „Kunden“ sind. Kunde ist man nur in einer Situation, in der man freien Willens ist, frei wie der Verkäufer. Als Kranker ist diese Art der Symmetrie nicht gegeben, sie muß auf eine andere Weise hergestellt werden. Wenn ein Versicherungsvertreter seine Agentur wie ein Arzt führt, wird er Pleite gehen. Wenn ein Arzt seine Praxis wie ein Versicherungsvertreter führt, dann gehört ihm die Approbation entzogen.

Und nun diese Kampagne „Pay4Performance“!

Abgesehen von der auch hierzu erkennenden Verwirrung und Infantilisierung der Begriffe: In meiner Praxis behandele ich Patienten und mache keine Performance! Die Zielorientierung liegt eben nicht auf der Gewinnmaximierung. Aber Begriffe wie Berufsethos, humanitärer Anspruch, Mitmenschlichkeit spielen in der umsichgreifenden ökonomisierten Gedankenwelt keine Rolle mehr. Dieser zunehmenden Korrumpierung entspricht auch die Aufmachung des Artikels: fahrig wird Geld gezählt und die KV besiegelt, was richtig ist. Was für eine politbürohafte Anmaßung!

Es ist höchstrichterlich bestätigt, daß eine medizinische Behandlung keinen Werkvertrag begründet, aus dem ein vorherzubestimmender Anspruch einzulösen ist. Medizin ist keine exakte Wissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft, die sich der Methoden der exakten Wissenschaften bedient! Niemand weiß, was eine richtige Behandlung ist. Wissen kann man nur, was nach derzeitigem Stand des Wissens und Gewissens die günstigste Behandlung zu sein scheint. Jede an Fremdmotivationen (hier Bezahlung, damals in der DDR u. a. Linientreue) orientierte Einschränkung des Spektrums von Behandlungsmöglichkeiten stört diesen Entwicklungsprozeß und führt korrumptions- oder ideologiehalber in Sackgassen. Wer schützt die Patienten (also potentiell uns alle) davor, daß nach Kassenlage evaluiert wird? Im Jahre 2009 kann niemand mehr ernsthaft behaupten, daß dies eine unbegründete Furcht ist.

Folge denn dem Artikel angekündigten Fehlentwicklung wird sein, daß Patienten, von derem Zustand keine lohnende „Punktzahl“ (man kann es nicht lassen!) abzuleiten ist, fürchten müssen, selektiert zu werden. Bekanntermaßen haben es heute schon oftmals die Kollegen im Notdienst schwer, „unwirtschaftliche“ Patienten in Kliniken unterzubringen.

Manfred Spitzer stellte in einem lesenswerten Editorial in der „Nervenheilkunde“ klar, daß es dieses Konstrukt des „Homo öconomicus“ in unserer Anlage für gesundes Verhalten nicht gibt. Es ist das Zerrbild des Gierhalses, der u. a. die Spielkasinos der Finanzmarkte beherrscht. Diese Gier frißt sich immer mehr in unsere Gesellschaft hinein und animiert wie ein Alkoholiker andere zum Mittrinken, um das eigene Leid und Gewissen nicht zu spüren.

Es besteht die Gefahr, daß wir Ärzte und Psychologen uns in das Bild hineinentwickeln, welches Politik und Medien auf uns projizieren. Der Artikel zeigt, wie weit dies schon vorangeschritten ist.

Leserbrief eines Arztes für Psychiatrie und Psychotherapie an das Niedersächsische Ärzteblatt (1/2010)

Einige Downloads von Manfred-Spitzer-Aufsätzen:
- Beobachtet Werden
- Überbieten - Gehirnforschung, Geld und Rettungspakete
- Geist in Bewegung
- Wir brauchen keine Computer in der Schule
- Einkaufs-Zentrum
- Liebesbriefe und Einkaufszentren bei Google-Books

nebenbei:
- Scarabis/Heinsen - Implicit diagnostics – Das Fenster zum Unbewußten öffnen

So erkennt man erfolgreiche Medizinstudenten

Belgische Forscher haben über 6oo Medizinstudenten über ihr gesamtes siebenjähriges Studium begleitet und untersucht, welche Persönlichkeitsmerkmale mit einem erfolgreichen Studium korrelieren. In den präklinischen Semestern haben besonders gewissenhafte Studenten die Nase vorn, während sich extrovertierte, gesellige Persönlichkeiten eher schwer tun. In den klinischen Semestern ändert sich das Bild: Jetzt gewinnen die extrovertierten Studenten die Oberhand – so sie denn ihr Studium vor lauter Partys bis dahin geschafft haben. Besonders günstig ist es, wenn die Extrovertiertheit mit Charaktereigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit und Altruismus verbunden ist. Gewissenhafte Studenten werden diese Phase des Studiums auch noch erfolgreich bestehen. Wer aber weder extrovertiert noch gewissenhaft ist, darf nicht auf einen guten Abschluss hoffen.
Journal of Applied Psychology 2009;94:7514-35
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 51-52

Infektionsherd Intensivstation – Keime sind häufige Todesursache

Jeder zweite Intensivpatient (51%) hat eine Infektion, 71% der Patienten werden mit Antibiotika behandelt. Diese erschreckenden Zahlen hat die weltweite EPIC-II-Studie ans Licht gebracht. An einem Stichtag wurden die Daten von 14.414 Intensivpatienten aus 75 Ländern erfasst. 62% der positiven Isolate enthielten gramnegative Bakterien, 47% grampositive und 19% Pilze. Infektionen waren umso häufiger, je länger der Aufenthalt auf der Intensivstation dauerte, und sie verdoppelten das Risiko, im Krankenhaus zu sterben.
JAMA 2009;302:2323-29
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 51-52

Einkaufsverhalten – Jäger und Sammlerinnen

Wenn Frauen shoppen, kann das Stunden dauern. Wenn Männer einkaufen, greifen sie sich das erste halbwegs passende Stück und verlassen das Geschäft fluchtartig. Forscher der Universität Michigan erklären dies mit der Evolution. Als der Mensch noch Jäger und Sammler war, übernahmen die Frauen das Sammeln, während die Männer auf die Jagd gingen. Frauen mussten ihr Sammelgut sorgfältig auswählen und Verdorbenes oder Giftiges aussortieren. Die Männer hingegen stürzten sich überfallartig auf ihre Beute und schleppten sie schleunigst heim. Wenn Ihre Frau also stundenlang Schuhe anprobiert, sollten Sie dies als Liebesbeweis erkennen. Evolutionsbiologisch betrachtet tut sie das nur, um Sie nicht zu vergiften.
J. of Social, Evolutionary & Cultural Psychol. i. pr.
Aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 51-52

Verhaltensforschung – Wie viel Haut soll Frau zeigen?

Psychologen der Universität Leeds wollten eine der dringlichsten Menschheitsfragen lösen: Wie viel Haut soll Frau zeigen, um den richtigen Mann anzulocken? Für ihre Feldstudien suchten die Forscher Nachtclubs auf, bewerteten den Bekleidungszustand der weiblichen Gäste und maßen, wie oft diese von Männern angesprochen wurden. Die meisten Kontakte konnten Frauen verbuchen, die 40% Haut entblößten. Bei der Berechnung wurden Gesicht, Hände und Füße nicht gewertet. Entblößte Arme schlugen mit 10% zu Buche. Ein nackter Torso wäre als 50% gewertet worden. 50% ist aber des Guten zu viel, warnen die Forscher. Dies locke die falschen Männer mit möglicherweise unguten Absichten an. So ganz nebenbei ermittelten die Forscher auch, wie Mann sein muss, um auf Frauen zu wirken. Am besten schneidet hier der absolute Durchschnittstyp ab: nicht zu dick und nicht zu dünn, nicht zu groß und nicht zu klein usw. Und Haut zeigen muss Mann auch nicht. Sehr beruhigend.
Behaviour 2009;146:1331-1348
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 49-50

Sonntag, 24. Januar 2010

Gesundheitsbedenken bei Genmais durch Studie bestätigt

Über gentechnisch veränderte Lebensmittel und die Firma Monsanto habe ich schon ein paarmal berichtet.

Wissenschaftler der französischen Universitäten Caen und Rouen untersuchten vor wenigen Jahren Fütterungsversuche an Ratten, die Monsanto in Auftrag gegeben hatte, und stellten signifikante Veränderungen an den Blutwerten für Leber und Nieren fest. Monsanto versuchte, die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zu verhindern und mußte per Gerichtsbeschluß nun dazu gezwungen werden.
mehr bei Greenpeace

Hartgesottene können mal hier klicken.

Freitag, 22. Januar 2010

Die FDP, ihr Sparbuch und ihre Wahlversprechen

Wer sich gestern den Panoramabericht über das Liberale Sparbuch ansah – bezeichnenderweise nach Dieter Wedels »Gier«, dem konnte wirklich übel werden: Vor der Wahl als Möglichkeit milliardenschwerer Einsparungen gepriesen (genau: 10,5 Milliarden EUR), versinkt das Sparbuch der FDP nach der Wahl einfach in der Versenkung.



Bezeichnend das Statement der FDP-Staatssekretärin Gudrun Kopp zu den nicht umgesetzten Einsparmaßnahmen: »Ach wissen Sie, vor der Wahl und nach der Wahl…« (Videoposition 1:40)
Man achte auch auf Position 3:30 über die Anzahl der Staatssekretäre im Außenministerium.

Man gewinnt, wenn man sich unterschiedlichen Statements – vor allem von Guido Westerwelle – anhört, tatsächlich den Eindruck, daß da Leute am Machen sind, denen es vor allem um die eigenen Pfründe geht und die vor der Wahl einfach alles von sich geben, um dem potentiellen Wähler zu gefallen – eine Schmierenkömödie!

Wohltuend dagegen die Rede des zum Populisten heruntergeschriebenen Oskar Lafontaine vom 19. Januar in Saarbrücken. (Könnte es sein, daß er sich im März 1999 tatsächlich aus der Schröder-Regierung zurückzog, weil er Schröders neoliberale Wende nicht mitmachen wollte?)

Hier seine Bundestagsrede zur Finanzkrise



Montag, 18. Januar 2010

Filmtip – Shoppen

Shoppen ist ein deutscher Spielfilm des Regisseurs Ralf Westhoff. Der Film zeigt 18 Frauen und Männer und ihre Versuche, bei einem Speed-Dating neue Beziehungs-Partner zu finden.
Beim Speed-Dating stellen sich fremde Menschen einander im Fünf-Minuten-Takt vor. Im Rennen gegen den Sekundenzeiger geht es darum, sich optimal zu verkaufen, während man den anderen taxiert.

Mehr bei Arte

Der Film wird am 2. Februar um 3:00 Uhr wiederholt.

Schmerzmittel – auch gegen Seelenschmerz?

Das Schmerzmittel Paracetamol hilft nicht nur gegen Kopfweh, sondern scheint auch Herzschmerz und verletzte Gefühle lindern zu können. Das legen zwei Studien eines US-Psychologenteams mit insgesamt 87 Freiwilligen nahe. In beiden Untersuchungen verringerte der Wirkstoff die negativen Gefühle, die durch soziale Ausgrenzung oder eine Zurückweisung hervorgerufen werden. Erklären lässt sich das wohl damit, dass sowohl körperlicher als auch sozialer Schmerz von den gleichen Hirnregionen gesteuert werden.

mehr bei Bild der Wissenschaft

Wenn sowohl körperlicher als auch seelischer Schmerz von den gleichen Hirnregionen gesteuert wird, könnte das auch eine Erklärung dafür sein, daß wir dafür das gleiche Wort benutzen.

Dank an Oster

Springer und die 68er – ein Online-Archiv

Wie das Deutschland-Radio meldet, hat der Springer-Verlag gestern ein Online-Archiv ins Netz gestellt mit fast 6.000 Artikeln aus den Jahren 1966 bis 68.

Von wem werden wir regiert – Wie käuflich ist die Regierung?

Hintergründe Über die CDU-Spendenaffäre bei der Tagesschau
und noch mehr bei Wikipedia

Die FDP handelt natürlich ebenfalls ganz uneigennützig, damals wie heute.
Da ist es doch wohltuend, wenn sich Hildegard Hamm-Brücher, die große alte Dame der FDP zu Wort meldet und ihrer eigenen Partei Klientelpolitik vorwirft. Michael Bräuninger vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut bezweifelt die Wirksamkeit der Konjunkturmaßnamen der Bundesregierung und stärkt den Verdacht, daß unter dem Deckmantel des Krisenmanagements letztlich Partei- und Machtpolitik betrieben wird.

Silke Engel bei der Tagesschau über Parteien und ihre Großspender


Mittwoch, 13. Januar 2010

Wachsen tut weh…

Raus aus der Komfortzone!


von Satyananda

• Neulich hatten wir ein Schweige-Retreat in einem einsamen Haus an der Ostseeküste. Eine bunt gemischte Gruppe versammelte sich – Menschen aus den alten und aus den neuen Bundesländern, junge und nicht mehr ganz so junge, Karrierefrauen, gestresste Geschäftsleute, aber auch solche, die im Begriff waren, aus dein Rattenrennen auszusteigen oder die es bereits hinter sich hatten. Sie alle einte das Bedürfnis, an einem stillen Ort zu sich selbst zu kommen und sich zu entschleunigen. Nicht alle waren geübte Meditierer/innen. „Ich nehme immer wieder mal einen Anlauf“, sagte Harald, ein junger Rechtsanwalt aus Thüringen, „aber meistens hin ich abends fix und fertig, wenn ich nach zwölf Stunden Hektik in der Kanzlei nach Hause komme.“

KEIN IDYLLISCHER WELLNESS-EVENT
So wie ihm ging es auch anderen in der Gruppe. „Wer regelmäßig meditieren will,“ schlug ich vor, „sollte das morgens tun – gleich nach dem Aufwachen. Dazu gehört ein bisschen Disziplin. Aber die erste halbe Stunde des Tages gehört euch allein – dann kommen die Verpflichtungen, das Unvorhergesehene, der Stress, die Hektik, und am Abend ist man so platt, dass man nicht mehr meditieren kann.“

Als wir verkündeten, dass die Tage mit Oshos Dynamischer Meditation beginnen würden, reagierten manche mit banger Neugierde. Dynamische Meditation? Chaotisches Atmen, Toben, Schreien, Weinen, Lachen, Hüpfen…

„Die Dynamische Meditation ist das größte Geschenk, das Osho den gestressten Zivilisationsmenschen des 21. Jahrhunderts hinterlassen hat“, sagte ich.

„Ehrlich gesagt“, murrte Ulrike aus Lübeck, „habe ich ein bisschen Schiss davor.“ Verständnisvolles Gelächter. Es war jetzt klar, dass das Schweigeretreat kein idyllischer Wellness-Event sein würde. Wir mussten erst mal aus der Komfortzone austreten, um dann mit uns selbst zu experimentieren. Wer schweigt, wird unweigerlich auf sich zurückgeworfen. In der Stille begegnen wir unseren Ängsten, unseren Schwächen, unseren Illusionen. Dazu gehört Mut.
Aber schon am ersten Tag erlebten die Teilnehmer, was für ein ungeheures Potenzial im Schweigen steckt. Wenn es keine verbale Kommunikation gibt, verlagert sich der Austausch ganz von selbst auf die energetische Ebene. Ein kurzer Blick, eine kleine Geste, die Aura, die Ausstrahlung sind wichtiger als tausend Worte.

Alle hatten schon bald das Gefühl, dass sie sich auf dieser Ebene viel unmittelbarer und intensiver kennenlernten und näher kamen als mit Worten. Nicht reden heißt auch Kraft sparen. Die Kraft baut sich während des Retreats auf. Sie wird jeden Tag stärker. Man kann sie geradezu mit Händen greifen. Sie macht wach und lebendig, und schon bald mündet sie in ein überwältigendes Glücksgefühl.
Leider ging das alles an Hubert völlig vorbei. Ausgerechnet an Hubert, dem Jüngsten unter uns, Jurastudent aus Heidelberg. Gleich am Anfang hatte er in der Vorstellungsrunde gesagt, dass er ein Osho Lover sei und schon viele seiner Bücher gelesen habe. Trotzdem hatte er keinen leichten Start in der Gruppe.


WENN DAS SCHWEIGEN SCHWERFÄLLT
Er fiel auf, weil er immer wieder versuchte, andere Teilnehmer in Gespräche zu verwickeln. Die wollten sich aber lieber an die Spielregeln halten und ließen ihn abblitzen. Schließlich versuchte er in der Küche ein Gespräch mit der Köchin in Gang zu bringen. Aber auch die zeigte sieh nicht gesprächig. Zur Dynamischen Meditation kam er zu spät.
Am zweiten Tag war dann Schluss. Eine Teilnehmerin kam zu mir und flüsterte aufgeregt: „Hubert reist ab!“

Ich machte mich auf die Suche nach Hubert und fand ihn vor der Tür des Hauses im Mantel und mit gepacktem Koffer – abreisebereit.

„Du willst abreisen?“, fragte ich und spürte, dass er furchtbar aufgeregt war.
„Ich halte das nicht länger aus! Ich kann nicht mehr.“

„Was hältst Du nicht aus?“
„Das Schweigen, Mann! Das ist einfach zu viel für mich. Ich hin hier hergekommen, weil ich meditieren wollte. Auf Schweigen habe ich keinen Bock. Ich will mich austauschen mit anderen Menschen, die auch meditieren.
„Aber du wusstest doch, dass das ein Schweige-Retreat ist, oder?“

„Nee, das ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Vielleicht habe ich es auch verdrängt. Jedenfalls habe ich mir das Retreat anders vorgestellt.“
„Wie denn?“
„Na, jedenfalls nicht so, dass man sieh gegenseitig anschweigt. Besonders bei den Mahlzeiten … diese bedrückende Stille. Es kommt mir so vor, als wenn meine Eltern nicht mehr mit mir reden.“

„Aha“, dachte ich, „jetzt wird es spannend.“
„Soll ich dir mal eine Erfahrung aus meinem eigenen Leben erzählen?“, fragte ich Hubert.

„Was denn?“, fragte er etwas irritiert zurück.
„Ich habe immer nur in schwierigen Situationen etwas dazugelernt. Wenn es mir gut ging, wenn ich auf der Erfolgswelle surfte, hatte ich keine Lust, etwas in meinem Leben zu verändern. Ich war schon Fünfzig, als ich endlich begriffen habe, dass ich mich aus der Komfortzone herausbewegen muss, wenn ich mich innerlich entwickeln will.“
Hubert winkte ab: „Da bin ich schon drüber raus. Und weißt du was? Ich bin der Neue Mensch! Ich meditiere wie Buddha und genieße wie Zorba. Ich mache grundsätzlich nur noch das, was mir Spaß macht!“

Ich nahm Hubert in den Arm und sagte: „Okay, Junge, dann wünsche ich dir viel Glück und eine gute Heimreise. Schade, dass du gehst. Komm wieder …!“

www.hierjetzt.de
aus der Osho-Times 01/10

Donnerstag, 7. Januar 2010

Viele entlassene Guantanamo-Häftlinge unter Terror-Verdacht

Die Zahlen sind alarmierend und befeuern die Kritik an der von US-Präsident Obama versprochenen Schließung Guantanamos: Jeder fünfte aus dem Lager entlassene Gefangene steht laut einer neuen Statistik wieder unter Terrorverdacht - oder ist bereits rückfällig geworden.
mehr:
- Guantanamo – Immer mehr Ex-Häftlinge schließen sich Terrorgruppen an (SPON, 07.01.2010)

mein Kommentar:
Wundert sich einer?
Seltsame Logik: Erst werden sie weggesperrt, weil sie unter Terrorverdacht stehen, dann dürfen sie nicht wieder rausgelassen werden, weil sie Terroristen werden könnten.

"Pelzig hält sich" (vom 4. Dezember 2012) - ZDF (4/4) {15:23}

WiSoLePo - Wissen Sozial Leute Politik
Am 06.12.2012 veröffentlicht
Die komplette Sendung vom 4. Dezember 2012.
Zu Gast:
Grünen-Politiker Fritz Kuhn,
Publizist und Fernsehmoderator Roger Willemsen
und
Klimaforscher Mojib Latif.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitra...
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Mittwoch, 6. Januar 2010

Von was für Leuten werden wir regiert? – Tony Blair

Tony Blair und das irakische Öl

Die Gründe für den Irakkrieg haben Bush und Blair fabriziert, der ehemalige britische Regierungschef kann nun für den "Erfolg" kassieren und auch am irakischen Öl verdienen.

mehr bei Telepolis

Dienstag, 22. Dezember 2009

Geburt Christi

Hättest du der Einfalt nicht, wie sollte
dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?
Sieh’, der Gott, der über Völkern grollte,
macht sich mild und kommt in dir zur Welt.

Hast du dir ihn größer vorgestellt?

Was ist Größe? Quer durch alle Maße,
die er durchstreicht, geht sein grades Los.
Selbst ein Stern hat keine solche Straße.
Siehst du, diese Könige sind groß,

und sie schleppen dir vor deinen Schoß

Schätze, die sie für die größten halten,
und du staunst vielleicht bei dieser Gift –:
aber schau in deines Tuches Falten,
wie er jetzt schon alles übertrifft.

Aller Amber, den man weit verschifft,

jeder Goldschmuck und das Luftgewürze,
das sich grübend in die Sinne streut:
alles dieses war von rascher Kürze,
und am Ende hat man es bereut.

Aber (du wirst sehen): Er erfreut.

aus: Das Marien-Leben, 1912
Rainer Maria Rilke

Die drei dunklen Könige

von Wolfgang Borchert

Er tappte durch die dunkle Vorstadt. Die Häuser standen abgebrochen gegen den Himmel. Der Mond fehlte, und das Pflaster war erschrocken über den späten Schritt. Dann fand er eine alte Planke. Da trat er mit dem Fuß gegen, bis eine Latte morsch aufseufzte und losbrach. Das Holz roch mürbe und süß. Durch die dunkle Vorstadt tappte er zurück. Sterne waren nicht da.

Als er die Tür aufmachte (sie weinte dabei, die Tür), sahen ihm die blaßblauen Augen seiner Frau entgegn. Sie kamen aus einem müden Gesicht. Ihr Atem hing weiß im Zimmer, so kalt war es. Er beugte sein knochiges Knie und brach das Holz. Das Holz seufzte. Dann roch es mürbe und süß ringsum. Er hielt sich ein Stück davon unter die Nase. Riecht beinahe wie Kuchen, lachte er leise. Nicht, sagten die Augen der Frau, nicht lachen. Er schläft.

Der Mann legte das süße, mürbe Holz in den kleinen Blechofen. Da glomm es auf und warf eine Handvoll warmes Licht durch das Zimmer. Die fiel hell auf ein winziges rundes Gesicht und blieb einen Augenblick. Das Gesicht war erst eine Stunde alt, aber es hatte schon alles, was dazu gehört: Ohren, Nase, Mund und Augen. Die Augen mußten groß sein, das konnte man sehen, obgleich sie zu waren. Aber der Mund war offen, und es pustete leise daraus. Nase und Ohren waren rot. Er lebt, dachte die Mutter. Und das kleine Gesicht schlief.

Da sind noch Haferflocken, sagte der Mann. Ja, antwortete die Frau, das ist gut. Es ist kalt. Der Mann nahm noch von dem süßen, weichen Holz. Nun hat sie ihr Kind gekriegt und muß frieren, dachte er. Aber er hatte keinen, dem er dafür die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte. Als er die Ofentür aufmachte, fiel wieder eine Handvoll Licht über das schlafende Gesicht. Die Frau sagte leise: Kuck, wie ein Heiligenschein, siehst du? Heiligenschein! dachte er, und er hatte keinen, dem er die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte.

Dann waren welche an der Tür. Wir sahen das Licht, sagten sie, vom Fenster. Wir wollen uns zehn Minuten hinsetzten. Aber wir haben ein Kind, sagte der Mann zu ihnen. Da sagten sie nichts weiter, aber sie kamen doch ins Zimmer, stießen Nebel aus den Nasen und hoben die Füße hoch. Wir sind ganz leise, flüsterten sie und hoben die Füße hoch. Dann fiel das Licht auf sie. Drei waren es. In drei alten Uniformen. Einer hatte einen Pappkarton, einer einen Sack. Und der dritte hatte keine Hände. Erfroren, sagte er, und hielt die Stümpfe hoch. Dann drehte er dem Mann die Manteltaschen hin. Tabak war drin und dünnes Papier. Sie drehten Zigaretten. Aber die Frau sagte: Nicht, das Kind. Da gingen die vier vor die Tür, und ihre Zigaretten waren vier Punkte in der Nacht. Der eine hatte dicke umwickelte Füße. Er nahm ein Stück Holz aus einem Sack. Ein Esel, sagte er, ich habe sieben Monate daran geschnitzt. Für das Kind. Das sagte er und gab es dem Mann. Was ist mit den Füßen? fragte der Mann. Wasser, sagte der Eselschnitzer,, vom Hunger. Und der andere, der dritte? fragte der Mann und befühlte im Dunkeln den Esel. Der dritte zitterte in seiner Uniform: Oh, nichts, wisperte er, da sind nur die Nerven. Man hat eben zuviel Angst gehabt. Dann traten sie die Zigaretten aus und gingen wieder hinein.

Sie hoben die Füße hoch und sahen auf das kleine schlafende Gesicht. Der Zitternde nahm aus seinem Pappkarton zwei gelbe Bonbons und sagte dazu: Für die Frau sind die.

Die Frau machte die blassen Augen weit auf, als sie die drei Dunkeln über das gebeugt sah. Sie fürchtete sich. Aber da stemmte das Kind seine Beine gegen ihre Brust und schrie so kräftig, daß die drei Dunklen die Füße aufhoben und zur Tür schlichen. Hier nickten sie nochmal, dann stiegen sie in die Nacht hinein.

Der Mann sah ihnen nach. Sonderbare Heilige, sagte er zu seiner Frau. Dann machte er die Tür zu. Schöne Heilige sind das, brummte er, und sah nach den Haferflocken. Aber er hatte kein Gesicht für seine Fäuste.

Aber das Kind hat geschrien, flüsterte die Frau, ganz stark hat es geschrien. Da sind sie gegangen. Kuck mal, wie lebendig es ist, sagte sie stolz. Das Gesicht machte den Mund auf und schrie.
Weint er? fragte der Mann.

Nein, ich glaube, er lacht, antwortete die Frau.

Beinahe wie Kuchen, sagte der Mann und roch an dem Holz, wie Kuchen. Ganz süß.

Heute ist ja auch Weihnachten, sagte die Frau.

Ja, Weihnachten, brummte er, und vom Ofen her fiel eine Handvoll Licht auf das kleine schlafende Gesicht.

Die Weihnachtsgans

von Marie Branowitzer-Rodler

In einem Vorort von Flensburg lebten in der hungrigen Zeit nach dem Krieg zwei nette alte Frauen. Damals war es noch bannig schwer, für Weihnachten einen Festbraten zu kriegen. Nun hatte aber eine der beiden Frauen die Möglichkeit, bei einem Bauern für Zeug eine magere aber springlebendige Gans umzutauschen. In einem Korb verpackt, brachte Fräulein Agathe das Tier nach Hause. Und sofort fingen sie und ihre Schwester an, auf die Gans aufzupassen und sie zu mästen.
Die beiden Frauen hatten eine Wohnung zur Miete im zweiten Stock. Und keiner im Haus wußte, daß in einer der Stuben der Schwestern ein Federvieh hauste, das verwöhnt, gefüttert und großzügig aufgezogen wurde. Agathe und Emma nahmen sich vor, keinem Menschen etwas davon zu sagen. Und das aus zwei Gründen: erstens gibt es neidische Leute, die sich keine Gans leisten konnten, und zweitens wollten die Frauen um nichts in der Welt die Gans, wenn sie dick und fett und fein gebraten ist, mit näheren Verwandten teilen. Darum hatten die beiden in den sechs Wochen bis zu dem 24. Dezember auch keinen Besuch mehr. Sie lebten nun bloß noch für die Gans.
Und so kam dann der Morgen des 23. Dezember heran. Es war ein klarer, feiner Wintertag. Die ahnungslose Gans stolzierte vergnügt herum – ihren Korb in der Küche nahe der Schlafstube der beiden Schwestern – und war ordentlich am Schnattern. Die beiden Frauen mochten sich nicht anschauen. Nicht, daß sie böse aufeinander waren, das natürlich nicht. Nein, nun war die Frage, wer die Gans schlachten sollte.

„Das tust du!“ sagte Agathe, stand vom Bett auf, zog sich schnell an, nahm den Kuhkopf-Korb, ließ ihre schimpfende Schwester stehen und ging aus der Wohnung. Was sollte unsere arme Emma tun? Diese knurrte vor sich hin und dachte, ob sie nicht ihren Nachbarn fragen sollte, die Gans um die Ecke zu bringen. Doch diesen Gedanken ließ sie wieder fallen, denn sonst hätte man in diesem Jahr auch einen großen Teil von der Gans abgeben müssen. Sie nahm sich ein Herz und machte sich an das greuliche Unternehmen, nicht ohne dabei lauthals zu heulen.
Als Agathe nach einer ganzen Zeit wieder nach Hause kam, lag die Gans auf dem Küchentisch und der lange Hals bummelte über die Tischkante. Er war bloß nicht zu sehen, dafür aber zwei alte nette Frauen, die sich heulend in den Armen lagen.
„Wie… wie… “, heulte Agathe los, „Wie hast du das bloß gemacht, Emma?“ „Mit… mit… VERONAL!“ heulte Emma. „Ich habe ein paar von deinen Schlaftabletten aufgelöst und in das Futter gegeben und nun ist sie … huhu … tot. Aber rupfen mußt du sie… huhu… “ Aber weder Emma noch Agathe konnten sich dazu entschließen. In der Küche stand der leere Korb, da war keine Gans mehr, die schnatternd „Guten Morgen“ sagte. Und so saßen die beiden eng umschlungen auf dem Sofa und heulten sich aus. Endlich nahm sich Agathe zusammen und fing an, den noch warmen Vogel zu rupfen. Eine Feder nach der anderen flog in den Papiersack, der von Emma festgehalten wurde. Und dann sagte Agathe: „Emma, du nimmst die Gans nun aus“, und ging in die Wohnstube, setzte sich auf das Sofa und heulte in das Kissen. Emma lief ihrer Schwester nach und sagte einfach, daß könnte sie nicht tun. Daraufhin wurden sich die beiden einig, denn es war nun schon spät am Abend, das Unternehmen von der Gans auf den anderen Tag zu verschieben.
Am nächsten Tag wurden Agathe und Emma in aller Frühe aus dem Schlaf gerissen. Mit einem Ruck saßen die beiden Frauen gleichzeitig senkrecht im Bett und schauten mit großen Augen nun auf die offene Küchentür. Und wer kam da hereinspaziert? Eine ulkige, leise schnatternde Gans, die am ganzen Leib zitterte und bebte!

Diese Geschichte ist tatsächlich wahr, aber das kommt noch besser. Als ich am Weihnachtsabend den beiden Frauen noch schnell ein kleines Päckchen bringen wollte, da kam mir doch wahrhaftig eine vergnügt schnatternde Gans entgegen, die ich aber bloß am Kopf erkennen konnte, denn das ganze Tier steckte in einem warmen Pullover, den die beiden Frauen in aller Eile für ihren Liebling zusammengestrickt hatten. Diese Pullover-Gans hat noch sieben Jahre gelebt und ist dann eines natürlichen Todes gestorben.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

David hackt Goliath

Es liegt in der Natur des Menschen, daß einem David sympathisch ist, zumal in diesem Fall Goliath ziemlich doof gewesen sein muß.

mehr beim Ersten

Dienstag, 15. Dezember 2009

Jedes Jahr mehr?

1973 – der erste Bericht des Club of Rome war noch nicht so alt (»Grenzen des Wachstums«), sagte mir ein Mit-Unterprimaner: »Das Problem ist ja nicht nur, daß es immer mehr sein muß. Es muß immer mehr mehr sein.«

mehr bei Telepolis

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Deutsche und die Medizin

18 Arztkontakte pro Jahr hat durchschnittlich jeder Deutsche. Damit sind wir Weltmeister (der europäische Durchschnitt liegt unter der Hälfte dieser Zahl!). Wir haben die kürzesten Kontaktzeiten zwischen Arzt und Patient (30% unter dem europäischen Durchschnitt). Fast die Hälfte unserer Bevölkerung hat mindestens eine chronische Erkrankung, 70% sind es bei den über 70-Jährigen. 56% der chronisch Kranken nehmen fünf und mehr Medikamente.
aus einem Rundschreiben des Deutschen Hausärzteverbandes

Montag, 7. Dezember 2009

RSS-Ticker, ein nützliches Firefox-AddOn



Mit ein bißchen Gefummel wird man es wohl auch in anderen Browsern unterbringen können, das Internet hat da ja viele Infos.

Freitag, 4. Dezember 2009

DIAGNOSTIK – Das Bauchgefühl der Hausärzte

Erfahrene Hausärzte haben ein Gespür dafür, wie ernst es um ihre Patienten steht. Auch wenn die Diagnose noch gar nicht gestellt ist. Mit diesem „Bauchgefühl“ der Hausärzte haben sich jetzt Forscher der Universität Maastricht, Niederlande, näher beschäftigt. Demnach können bei Allgemeinärzten einerseits Alarmglocken schrillen, obwohl es noch keinen gesicherten Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung gibt. In diesen Fällen wird der Arzt eine besonders umfassende Diagnostik einleiten, um nichts zu übersehen. Es gibt aber auch Fälle, in denen das Bauchgefühl dem Hausarzt signalisiert, dass keine akute Gefahr besteht, obwohl die Diagnose noch nicht bekannt ist. In weiteren Studien wollen die Niederländer herausfinden, wie zuverlässig das Bauchgefühl arbeitet, wie es sich diagnostisch nutzen lässt und welche Faktoren dieses besondere hausärztliche Gespür beeinflussen.
BMC Family Practice, 2009; (in press)

MMW-Forschritte in der Medizin Nr. 39/2009

CHRONISCHE SCHMERZEN – Schulter unter Beschuss

Bei chronischen Schulterschmerzen sind Bewegungsübungen sinnvoller als eine Schockwellen-Therapie. In einer Studie mit 104 Patienten mit Schulterbeschwerden seit mindestens drei Monaten verglichen Wissenschaftler aus Oslo beide Methoden. Nach 18 Wochen berichteten 64% der Patienten, die wöchentlich zweimal an krankengymnastischen Übungen teilgenommen hatten, über eine Besserung ihrer Beschwerden. In der Gruppe der Patienten, die einmal wöchentlich eine extrakorporale Schockwellentherapie erhalten hatten, war es nur jeder Dritte.
BMJ vom 16.9.2009

MMW-Forschritte in der Medizin Nr. 39/2009


INFEKTIONSGEFAHR? – Der Duschkopf als Bakterienschleuder

Bakterien scheinen in Duschköpfen ein ideales Biotop vorzufinden: Forscher von der University of Colorado stellten bei der Untersuchung von Duschen in neun US-Großstädten teils bedenkliche Konzentrationen verschiedener opportunistischer Erreger fest. Mithilfe von Gensonden wurde u. a. mehrfach Mycobacterium avium gefunden, ein Erreger von atypischen Lungenentzündungen. Die Bakterien-Konzentrationen in den Duschköpfen waren mehr als hundertfach höher als im Leitungswasser. Die Autoren schließen ein Gesundheitsrisiko für Patienten mit Immunschwäche oder Atemwegserkrankungen nicht aus.
PNAS 2009, doi: 10.1073/pnas.0908446106
MMW-Forschritte in der Medizin Nr. 39/2009

ARZNEIVERORDNUNGS-REPORT 2009 – Warum steigen die Ausgaben immer noch?

Obwohl die Zahl der Verordnungen nur geringfügig zugenommen hat, hat die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) 2008 5,3% mehr für Arzneimittel ausgegeben als im Vorjahr. Damit liegen die Arzneimittelkosten 5 Mrd. Euro über den Kosten für ärztliche Behandlung. Der Ausgabenanstieg 2008 erklärt sich vor allem durch einige wenige kostenintensive Arzneimittelgruppen: Angiotensinhemmstoffe (+113 Mio.), Antidiabetika (+125 Mio., Immuntherapeutika (+429 Mb.) und Tumortherapeutika (+235 Mio.). Dies macht 6% des Kostenanstiegs von 1,4 Mrd. Euro aus.

Arzneiverordnungs-Report 2009, Springer-Verlag Berlin Heidelberg
MMW-Forschritte in der Medizin Nr. 39/2009

Multitasking – Nein danke!

Kostenloser PDF-Download bei Schattauer

Zitat:
»Multitasker haben größere Schwierigkeiten, irrelevante Reize aus der Umgebung oder aus ihrem Gedächtnis zu ignorieren sowie einer irrelevanten Aufgabe nicht nachzugehen.«

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Gruppendynamik – Glück en Gros

Gefühlszustände können mit Signalen wie der Mimik oder bestimmten Handlungsweisen von Mensch zu Mensch übertragen werden. Wie sich Glücklichsein in einem sozialen Netzwerk ausbreitet, erforschten amerikanische Wissenschaftler.

Zugrunde lag wieder einmal die Gemeinde Framingham mit ihrem Heart-Study-Kollektiv. 4739 Teilnehmer wurden zwischen den Jahren 1983 und 2003 beobachtet. Das Glück wurde auf einer Skala anhand von vier Kriterien festgemacht.

Man konnte „Cluster“ von glücklichen und unglücklichen Menschen in der Gemeinschaft feststellen. Es bestanden Verbindungen zwischen glücklichen Menschen über drei Stufen (zu den Freunden der Freunde von Freunden). Menschen im Zentrum eines solchen Netzwerks hatten die größte Chance, auch künftig glücklich zu sein.

Statistische Modelle führten zu dem Schluss, dass sich Glücklichsein in der Gemeinschaft ausbreitet und dass sich nicht etwa glückliche Menschen zusammenfinden. Ein Freund, der innerhalb einer Meile lebt und glücklich wird, erhöhte Chance anderer Menschen seiner Umgebung, glücklich zu werden, um 25%; beim nächsten Nachbarn sind es 34%. Keine solchen Interaktionen stellte man bei Menschen am selben Arbeitsplatz fest. – Nach diesen Ergebnissen ist Glücklichsein, ähnlich wie Gesundheit, ein kollektives Phänomen. WE

Fowler JH et al.: Dynamic spread of happiness in a large social network: longitudinal analysis of the Framingham Heart Study social network. BMJ 338 (2009) 23-28
Bestellnummer der Originalarbeit 091236


aus Praxis-Depesche 12/2009

Mein Unwort des Jahres: „Schweinegrippe”

Mein Unwort des Jahres 2009 heißt: „Schweinegrippe”! Die Diskussionen über das neue H1N1-Virus folgen offenbar immer weniger medizinischen oder naturwissenschaftlichen Überlegungen, sondern werden durch gesundheitspolitischen Aktionismus, Populismus, Weltanschauung und Medienrummel bestimmt.

Wenn früher ein Patient mit den Symptomen Husten, Schnupfen und Fieber in die Sprechstunde kam, wurde er mit der Diagnose „Virus infekt“ und der Rezeptur von palliativ wirkenden Medikamenten (plus Virustatikum bei nicht geimpften und gefährdeten Patienten und/oder bei Sekundärinfektion mit einem Antibiotikum) nach Hause geschickt mit der strikten Auflage, Kontakt zu anderen Personen möglichst zu meiden, sich körperlich zu schonen und nach einer Woche wieder die Arbeit aufzunehmen. Wenn heute ein solcher Patient kommt, blinkt auf Anordnung der Politiker und der Endemie-Experten die rote Warnleuchte „Schweinegrippe” – und Arzt und Arzthelferinnen laufen mit Mundschutz und Handschuhen verkleidet wie die Marsmenschen durch die Praxis. Meldungen an das zuständige Gesundheitsamt werden abgefasst – ohne dass sich an der Therapie irgend etwas ändert: abwartendes Beobachten ist angesagt!

Wenn in den typischen Wintermonaten jeden Tag drei bis vier Dutzend Patienten mit Husten, Schnupfen und Fieber in die Praxis kommen – wie soll ich denn dann wissen, wer das neue H1N1-Virus aquiriert hat und wer „nur normal” virusinfiziert ist? Schnelltestungen sind ungenau und sollen nicht mehr stattfinden – Rachenabstriche sollen Problemfällen vorbehalten werden. Ergebnisse treffen aus den überlasteten Labors ohnehin erst mit Verspätung ein.

Doch halt – solche Patienten sollen nach einer Empfehlung meiner KV oder entsprechender Experten nach Möglichkeit gar nicht erst in die Praxis kommen, sondern sollen per Hausbesuch (wie eigentlich?) herausgefiltert werden. Am besten also in Erkältungszeiten lieber gleich die Praxis schließen und mit einem rollenden Praxis-Ambulatorium durch die Straßen fahren! Wer denkt sich eigentlich solche Empfehlungen für den praktischen [tolles Wort, Kommentar von mir] Praxisalltag aus?

Schweinegrippe – Aktionismus, Populismus, gesundheitspolitische Schnellschüsse, Tummelfeld für Medizinexperten, Spielwiese für theoretisch zwar sinnvolle aber praktisch unbrauchbare und kaum realisierbare Vorgaben an uns Vertragsärzte? Mein persönliches Unwort des Jahres 2009 heißt Schweinegrippe! Bleibt nur zu hoffen, daß mein persönliches Unwort des Jahres nicht durch ein weiteres zu diesem Thema abgelöst wird, das da heißen könnte: „Impfung gegen Schweinegrippe”!

Dr. med. Michael Drews,
Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie, Badearzt, Mölln i. Lbg.

aus Praxis-Depesche 12/2009

Donnerstag, 26. November 2009

Antibiose macht Darmflora über Monate platt

Eine Antibiotika-Therapie macht im Darm oft erst einmal Tabula rasa: Ein Drittel der dort vorhandenen Bakterien wird z.B. durch eine Ciprofloxacin-Therapie dezimiert. Und nicht nur das: Bis sich die Flora wieder ganz erholt hat, also die ursprüngliche Besiedelung wiederhergestellt ist, kann es bis zu sechs Monate dauern. Dies haben US-Forscher herausgefunden, nachdem sie den Darmbewuchs von drei Probanden vor und nach einer fünftägigen Antibiose gentechnisch unter die Lupe nahmen.
Sie stellten dabei nicht nur die Reduktion, sondern auch eine Verschiebung in den Häufigkeiten der verschiedenen Bakterienarten fest: Häufiges war auf einmal selten, seltenes häufiger. Diese geänderte Zusammensetzung könne die Gesundheit noch lange Zeit beeinflussen, so die Forscher.
PLoS Biology 2008, 6:e280
Zitiert nach CME 11.2009

Donnerstag, 19. November 2009

Na endlich… Die Scheinobjektivität der Zahlen

Mitte der 80er Jahre begannen deutsche Krankenhäuser, die Diagnoseverschlüsselung nach ICD (damals noch ICD 9) zur Pflicht zu machen, seit 2000 ist die Diagnoseverschlüsselung nach ICD (inzwischen ICD 10) Pflicht im gesamten deutschen Gesundheitswesen, auch festgelegt im fünften Buch des Sozialgesetzbuches. Von Anfang an erwartete ich, daß sich die Krankenkassen und die Politik eine Möglichkeit zur Mengensteuerung der medizinisch erbrachten Leistungen erhoffen würden, was ich auch heute noch für nicht realisierbar halte.
Was aber nicht heißt, daß es trotzdem versucht wird: Seit 2003 wird in den deutschen Krankenhäusern das sogenannte DRG-System (da sind ICD und ein weiteres Verschlüsselungssystem, das OPS, integriert) als Berechnungsgrundlage zur Leistungsvergütung eingeführt. Und jetzt kommt das, wo ich die ganze Zeit drauf gewartet habe: man stellt fest, daß die Diagnosen inflationieren. Komisch! Immer mehr Leute bekommen immer mehr und immer kränkere Diagnosen. Kann man sich gar nicht erklären…

mehr bei SPIEGEL-Online

Vor kurzem rief eine Krankenkasse bei mir an und bot mir die kostenlose Schulung zur Überprüfung meiner ICD-Diagnosen an. Immer wieder werde ich in den Mitteilungen der Kassenärztlichen Vereinigung dazu ermahnt, alle Diagnosen anzugeben und keine zu vergessen. Hurra Deutschland!

Dienstag, 10. November 2009

Von was für Leuten werden wir regiert?

Eine neue Reihe…


1. Folge: Nicolas Sarkozy

Weihnachtsbasar der Waldorfschule

Feinde auf allen Seiten

Thilo Sarrazins Polemik und ihre Folgen für die politische Kultur

Die demokratische Kultur in Deutschland ist bei weitem nicht so reif, wie dies gerne behauptet wird. Dies zeigen die emotionsgeladenen Reaktionen auf die Polemik des Bundesbank-Vorstandes Thilo Sarrazin gegen »integrationsunwillige« Araber und Türken.

Die 51 Prozent der Bundesbürger, die Sarrazin laut einer Umfrage zustimmen, fühlen sich in ihren Aggressionen gegen Zuwanderer bestätigt. Zumal konservative Gazetten den Bundesbanker zum Helden hochschreiben, der endlich mutig ausgesprochen habe, was mal gesagt werden müsse. Für die multikulturelle Szene und die Vertreter der Zuwanderer ist Sarrazin dagegen ein Volksverhetzer und Rassist. Seine Polemik habe das Verhältnis zwischen Einheimischen und Zuwanderern erst richtig beschädigt. Und zu alledem sieht eine verängstigte Bundesbank-Spitze ihre Institution blamiert und hat Sarrazin mit dem Entzug von Kompetenzen bestraft.

All dies hat nicht viel mit einer souveränen demokratischen Kultur zutun. Gäbe es sie, würde die Bundesbank (und die Öffentlichkeit) auch einen äußerst umstrittenen Spitzenbeamten einfach ertragen. Schließlich lebt die Demokratie von der freien Meinung. Und die rechten Kritiker der Zuwanderung müssten endlich zur Kenntnis nehmen, dass die meisten Zuwanderer dieses Land bereichern und mit der Integration keine Probleme haben. Es ist schlechter Stil, auf die Ausnahmen zu verweisen und dann über alle herzuziehen.

Die Multikultis und die Vertreter muslimischer und jüdischer Verbände haben sich zwar zu Recht mit den Zuwanderern solidarisiert. Gleichzeitig wollen sie aber in ihrer Solidarität oft nicht wahrhaben, dass es durchaus Zuwanderer gibt, die die deutsche Kultur aggressiv ablehnen. Hauptschullehrer erleben dies täglich.

Dieses Problem gilt es zu lösen. Doch genau dazu hat die Debatte nicht beigetragen. Im Gegenteil. Sie hat Selbsttäuschungen und Feindbilder verstärkt, unter denen vor allem jene Zuwanderer leiden, die sich um Integration bemühen. • Wolfgang Kessler
mehr:
- Feinde auf allen Seiten (Wolfgang Kessler, Publik Forum, 19.10.2015)
siehe auch:
- Klasse statt Masse (Frank Berberich, Thilo Sarrazin, Lettre International, Herbst 2009)

Ausschnitt aus dem Interview mit der Zeitschrift Lettre
noch ein Ausschnitt mit den diskutierten Äußerungen im Auswanderer-Blog
ein Aufsatz von Christian Staas bei der ZEIT
ein Aufsatz von Axel Hildebrand beim Stern
Sarrazin-Artikel bei der ZEIT

Der Crash hat nichts verändert






















Frank Lehmann
, langjähriger Börsenberichterstatter der ARD, hat den Werteverfall als Hauptursache der Finanzmarktkrise bezeichnet. Mit der Globalisierung seien die Wertesystee zertrümmert und der Markt »zur neuen Religion« erkoren worden. Als weitere Ursachen nannte Lehmann das »Erfinden neuer Produkte durch schöselige Finanzdsigner«. Das Gefährlichste seien jedoch die »im Vorhinein zugesicherten Boni« gewesen. Diese hätten die Investmentbanker dazu verleitet, nur noch an ihren persönlichen Profit zu denken. Trotz der gewaltigen Verlust der Geldhäuser habe sich seit dem Crash kaum etwas verändert. Die Märkte befänden sich in einer »neuen Gierphase«.
aus Publik-Forum 21/2009

Dienstag, 27. Oktober 2009

Nie gehört: Angolagate – Papamadi mit einem Blauen Auge davongekommen

Paris (RPO). Zwei Jahre auf Bewährung - damit kommt der Sohn des früheren französischen Staatschefs François Mitterrand noch recht gut davon. Die Staatsanwaltschaft hatte im Prozess um Waffenschiebereien nach Angola ein Jahr Gefängnis für den 61-Jährigen gefordert.

Jean-Christophe Mitterrand war in den späten 80er und frühen 90er Jahren der Afrikaberater des Elyséepalastes und hat als Mittelsmann bei umfangreichen Waffengeschäften gedient, die als "Angolagate" bekannt wurden. Der Sohn des sozialistischen Präsidenten François Mitterrand steckte für seine Vermittlung angeblich rund 1,7 Millionen Euro an Schmiergeldern ein – "Beratungshonorar", wie er es nennt.

Waffen an die Unita

Panzer, Hubschrauber, Kriegsschiffe und alle möglichen anderen Rüstungsgüter im Wert von 790 Millionen Dollar (526 Millionen Euro) wurden in den 90er Jahren an die Regierung in Angola geliefert, die seinerzeit mit den Unita-Rebellen im Südosten des Landes im Bürgerkrieg lag. Frankreich hatte die Lieferung verweigert, aber Präsidentensohn Mitterrand vermittelte dem angolanischen Staatschef José Eduardo Dos Santos einen Kontakt zu Pierre Falcone - einem franko-brasilianischen Milliardär und Jetsetter, der in aller Welt Geschäfte macht. Der kam über seinen Partner, den aus Russland stammenden Milliardär Arcadi Gaydamak, leicht an Militärbestände ehemaliger Ostblockstaaten heran.

Verkauft wurde das Material über Falcones Firma ZTS Osos in der Slowakei und alle möglichen verschleierten Briefkastenfirmen in den Steuerparadiesen der Welt. Weshalb in den Augen von Falcone und Gaydamak auch nicht von einem rechtswidrigen Waffenhandel die Rede sein kann - die Rüstungsgüter gingen schließlich direkt aus den Herkunftsländern nach Angola, sie wurden nicht aus Frankreich ausgeführt. Den Vorwurf, sie hätten auch 170.000 Landminen an das afrikanische Land geliefert, weisen die beiden Geschäftsleute zurück.

mehr:
- Wegen "Angolagate" zu Bewährungsstrafe verurteilt: Blaues Auge für Mitterrands Sohn (RP Online, 27.10.2009)
- Angola-Gate Mitterrands Sohn wegen illegaler Waffengeschäfte angeklagt (SPON, 07.04.2007)

DOKU493 Mit offenen Karten "Angola - Das Eldorado Afrikas" {11:54}

Am 03.03.2017 veröffentlicht 
Doku 493
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Montag, 26. Oktober 2009

Schweinegrippe - Kollaps des Vertrauens

Schweingrippe – Wem sie nutzt und wem sie schadet
Transparency International attackiert das weltweite Netzwerk der Berufsalarmisten, Panikmacher und Pharma-Lobbyisten

von Dr.med.Ingfried Hobert

So manchem beschlich in den letzten Monaten erneut ein ungutes Gefühl. Nach Manager-boni, unvorstellbaren Abfindungen Einzelner, unüberschaubare Risiken, Crash - es konnte nicht länger andauern was in dieser Form nicht sein durfte. Aufgerüttelt begann der Markt sich selbst einem Regulierungs- und Weiterentwicklungsprozess zu unterziehen.
Doch nun spüren immer mehr Menschen erneut, das noch etwas anderes nicht stimmt.
Wir werden dieser Tage Zeuge eines weiteren weltweiten Kollapses. Wir bekommen vorgeführt, wie ein geschickt aufgebautes die Welt umspannendes Bewusstseinfeld des Vertrauens in Gesundheitsinstitutionen wie eine Seifenblase kollabiert. Die großen Gesundbehörden, die uns mit Wahrheit unabhängig aufklären sollen, haben versagt. Hier die aktuellsten Fakten und Hintergründe zur dieser Schweinerei.

weiter bei World in Action

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Luftverschmutzung – Sind Sie auf der falschen Straßenseite?

In verkehrsreichen Straßen ist die Luft manchmal […] verpestet […]. Man kann der Luftverschmutzung aber […] entkommen, fanden Forscher der Universität Leeds heraus. Die Schmutzpartikel konzentrieren sich meist auf einen relativ eng begrenzten Raum, bevorzugt auf der windgeschützten Straßenseite. Wer an diesen Stellen die Straße überquert, atmet gleich freier. Forscherkollegen aus Toronto liefern gleich die Begründung nach, warum man den Rat der Universität Leeds unbedingt befolgen sollte. Sie fanden einen Zusammenhang zwischen hohen Ozon- und Stickstoffdioxid-Konzentrationen und der lnzidenz der akuten Appendizitis. 52% der Appendizitisfälle wurden in den Monaten April bis September registriert, die Monate, in denen sich Kanadier gerne im Freien aufhalten und der Luftverschmutzung verstärkt ausgesetzt sind. Männer haben häufiger eine Appendizitis als Frauen, was daran liegen kann, dass sich Männer häufiger beruflich im Freien aufhalten müssen.
Pressemitteilung der Universität Leeds; CAMJ Oktober 2009
MMW-Fortschr Med. Nr 42/2009

Kontrazeption – Verändert die Pille die Partnerwahl?

Vielleicht haben Frauen aber nur ein feineres Näschen und gehen der Luftverschmutzung eher aus dem Weg. Das feine Näschen wird jedoch durch orale Kontrazeptiva empfindlich gestört, fanden Forscher der University of Sheffield heraus. Frauen, die keine Pille nehmen, fühen
sich an ihren fruchtbaren Tagen zu Männern hingezogen, die sich genetisch möglichst deutlich von ihnen unterscheiden. Das macht Sinn, denn Partner, die mit sehr ähnlichen Genen ausgestattet sind, sind häufig unfruchtbar. Die Fähigkeit, den passenden Partner zu erkennen,
geht bei Frauen, die orale Kontrazeptiva benutzen, verloren. Außerdem haben zahlreiche Studien gezeigt, dass Frauen an ihren fruchtbaren Tagen besonders anziehend auf Männer wirken. Nimmt eine Frau die Pille, geht diese Attraktivität verloren. Hier sei noch mehr Forschung erforderlich, meinen die Forscher aus Sheffield.
Trends in Erology and Evolution, Oktober 2009
MMW-Fortschr Med. Nr 42/2009

Neuroprotektion – Kaloriensparer können besser denken

Wer weniger isst, bleibt länger geistig fit. So lautet das Fazit einer Studie der neurologischen Universitätsklinik Münster. Bei 54 gesunden Probanden war war der Effekt von drei Ernährungsvarianten untersucht worden: Kalorienreduktion, Konsum von Lebensmitteln mit
hohem Anteil ungesättigter Fettsäuren und keine Änderung der Essgewohnheiten. Nach drei Monaten schnitten die Kaloriensparer beim verbalen Lern- und Merkfähigkeitstest signifikant besser ab als das "Fettkollektiv" oder die Kontrollgruppe. Die Autoren vermuten, dass
die Kalorienrestriktion via Hemmung von Entzündungsprozessen und Erhöhung der lnsulinsensitivität die Signalübertragung und Synapsenplastizität im Gehirn verbessert und sich so neuroprotektiv und lernfördernd auswirkt.
82. Kongress der Deutschen Gesellschaft for Neurologie (DGN), 23-26.9.2008 in Nürnberg
MMW-Fortschr Med. Nr 42/2009

Dienstag, 20. Oktober 2009

Monopolisierung des Wissens?

Microsoft hat sich entschieden, die Multimedia-Enzyklopädie Encarta komplett einzustellen. Zum 31.10. werden die Online-Seiten eingestellt, zu Ende Mai der Vertrieb von CDs.

Mehr bei Bibilothekarisch.de

Laut einer Ankündigung der Verlagsgruppe Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG vom 11. Februar 2008 dürfte die 21. Druckausgabe der Brockhaus Enzyklopädie von 2006 die letzte sein. Mit der 21. Auflage machte das Unternehmen aufgrund schlechter Verkaufszahlen mehrere Millionen Verluste. „Die Zeit, in der man sich eine hervorragende Enzyklopädie von anderthalb Meter Umfang ins Regal stellt, um sich dort herauszusuchen, was man wissen will, scheint vorbei zu sein“, sagte der Verlagssprecher Klaus Holoch. Am 17. Dezember 2008 wurde die Brockhaus Enzyklopädie an die Bertelsmann Dienstleistungstochter Arvato AG verkauft. (siehe Wikipedia, »Bertelsmann in Aktion – Die Souffleure der Macht«, Bertelsmann-Nachtrag und Bertelsmann-Übersicht)

Am 23. März 2009 wurde das kostenlose Online-Meyers Konversations-Lexikon, ab September 2008 überarbeitet und mit zusätzlichem Material versehen, doch eingestellt und geschlossen. Entgegen der ursprünglichen Ankündigung wird es auch kein kostenloses Brockhaus Internet-Portal mehr geben.

Montag, 12. Oktober 2009

Geistige und körperliche Ermüdung - Denken strengt an

Dass geistige Arbeit zu mentaler Erschöpfung führt, ist jedem bekannt. Kann sie aber auch die körperliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen? Die bisher einzige Veröffentlichung dazu: Ein Angelo Mosso hatte 1981 beobachtet, dass zwei Professoren nach langen Vorlesungen körperlich geschwächt waren. Die Fragestellung griffen jetzt Wissenschaftler in Wales auf.

Sie ließen 16 Probanden ein Ergometer bis zur Erschöpfung treten, nachdem sie entweder 90 min lang eine anspruchsvolle kognitive Aufgabe bearbeitet oder aber nur in Unterhaltungsbüchern geblättert hatten.

Nach geistiger Anstrengung empfanden die Probanden eine mentale Erschöpfung; zudem machten sie aber auch auf dem Fahrradergometer schneller schlapp als die Kontrollen. Dabei waren kardiorespiratorische und muskelenergetische Parameter unbeeinflusst; auch die Motivation zum Treten war nicht vermindert. Vielmehr empfanden sie die ergometrische Belastung als anstrengenderals die Kontrollen.

Offenbar gibt es neurokognitive Querverbindungen zwischen den Regelkreisen für mentale und physische Aktivität. Ihre Erforschung könnte u. a. auch fruchtbar sein für das Verständnis chronischer Fatigue-Syndrome.
Marcora SM et at: Mental fatigue impairs physical performance in humans. J Appl Physiol 106 (2009) 857-864
Praxis-Depesche 10/2009

Medizinische Hilfe in Darfur - Ein Haftbefehl und die Folgen

Nachdem vom internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ein Haftbefehl gegen Omar al-Bashir, den Präsidenten des Sudan, ausgestellt worden war, hatte dieser 13 ausländische Hilfsorganisationen außer Landes gewiesen. Die Folgen für die Bevölkerung der Provinz Darfur sind dramatisch.

Diese Gruppen hatten einen wichtigen Teil der medizinischen Hilfe und der Sicherung der Ernährung für fast eine Million Menschen gestellt. 43 Gesundheitsstationen, für die sie verantwortlich waren, können nun nur noch eingeschränkt arbeiten.

Die bisherigen Versuche, die entstandenen Lücken zu schließen, haben wenig bewirkt. Unter anderem fehlt es an logistischem Sachverstand. John Holmes von den UN befürchtet, dass es bis zu zwei Jahre dauert, bis die vormalige Versorgungsstruktur wiederhergestellt ist. Internationale Helfer werden immer wieder behindert. Um ein Einreisevisum zu erhalten, kann es vier bis fünf Monate dauern.

BMJ 338 (2009) 795
Praxis-Depesche 10/2009

Postmenopausaler Lebensstil - Bewegung macht glücklich

Immer wieder wird versucht, Bewegungsmuffel mit der Behauptung zur Aktivität zu motivieren, Training steigere die Lebensqualität. Stimmt das wirklich?

In den USA ging man dieser Fragestellung nun mit Hilfe einer randomisiert-kontrollierten Studie nach. Teilnehmerinnen waren 430 postmenopausale Frauen mit bewegungsarmen Lebensstil. Ihr BMI lag zwischen 25 und 43 kg/m2; ihr systolischer Blutdruck war erhöht. Ansonsten waren sie nicht ernsthaft krank. Sie wurden einer Nichtbewegungs-Gruppe oder einer von drei Bewegungs-Gruppen zugeteilt; in letzteren waren Übungen zu absolvieren, die 50, 100 oder 150% der Intensität gemäß den Empfehlungen der National Institutes of Health entsprachen. Physische und mentale Aspekte der Lebensqualität wurden anfangs und nach sechsmonatigem Programm erhoben.

Mit Ausnahme des Parameters körperlicher Schmerz verbesserten sich alle Kriterien der Lebensqualität durch die Übungen, und zwar um so mehr, je heftiger trainiert wurde. Diese Effekte waren unabhängigvon Veränderungen des Körpergewichts.

In Zeiten eines durchgreifenden demographischen Wandels sollte nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die Lebensqualität ein wichtiges gesundheitspolitisches Ziel sein. Mit Bewegung kann man beide Ziele verbinden.

Martin CK et al.: Exercise dose and quality of life: a randomized controlled trial. Arch Intern Med 169 (2009) 269-278
Praxis-Depesche 10/2009