Mittwoch, 12. Dezember 2012

Redewendung

Wer keinen Erfolg hat, vergeblich versucht, ein Ziel zu erreichen, oder es in materiellen Dingen zu nichts bringt, dem sagt man gern nach, dass er auf keinen grünen Zweig kommt. Und das nicht nur, weil Grün als Farbe der Hoffnung gilt.

Allemal ein gutes Zeichen

 Mit der Überreichung eines grünen Zweigs wurde im Mittelalter die Übertragung von Grundbesitz auf einen neuen Eigentümer symbolisch abgeschlossen. Der alte Grundherr übergab den Zweig und damit das Besitzrecht an den neuen Eigner. Zuweilen steckte der Zweig in einem kleinen, aus dem Boden gestochenen Stück Wiese. Wer keinen Erfolg und keine Mittel hatte, kam also nie auf einen grünen Zweig.

 Mit dem Zweig oder dem Holzstab waren auch andere rituelle und symbolische Handlungen verbunden, die sich in Redewendungen erhalten haben. Auf dem »Kerbholz« wurden die Schulden eines Menschen verzeichnet. Musste ein Schuldner seinen Hof verlassen, so hatte er dies mit dem »Bettelstab« in der Hand zu tun. Im 15. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch, dass Richter über dem Haupt Verurteilter sinnbildlich den Stab brachen. Wird heute über jemandem »der Stab gebrochen«, so meint die Wendung eher die moralische Verurteilung einer Person. 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Dienstag, 11. Dezember 2012

Beflügelt von den Farben des Lebens


Der Engel mit der Palette, 1927-36
Ich weiß nicht,
woher Chagall diese Bilder nimmt.
Er muß einen Engel
im Kopf haben.
Pablo Picasso


Der Maier mit dem Engel im Herzen (oder im Kopf) – treffender kann man Chagall kaum bezeichnen. Von frühester Kindheit an ist Chagali mit den himmlischen Boten vertraut. Mit der Feier eines jeden Sabbats hatte die Familie Gott darum gebeten, er möge die Engel des Himmels eintreten lassen, die Frieden brachten und tiefe Seelenruhe nach den Anstrengungen und dem Kraftverschleiß des Alltags. Woche für Woche erlebte der kleine Marc diese Verwandlung der Welt im Kreis seiner Familie, Freunde und Nachbarn. Das waren keine frommen Illusionen. Die Ordnung des Sabbats trug wohl sehr zu seinem aufgeräumten Wesen bei. Chagall erlebte gewissermaßen handgreiflich, sinnenhaft und darum buchstäblich begreifbar, wie die Welt immer neu aufgebrochen wurde für die Wirklichkeit Gottes, die einen Frieden und eine Freude brachten, die sich die Welt selber nicht geben konnte. Deshalb komponiert er immer wieder Engel in seine Bildbotschaften hinein. Damit wird er am Ende sogar selber zum Engel mit Palette, der die Welt als beseelt erkennt und das Unsichtbare für alle auf der Leinwand sichtbar macht. Seine Farben empfängt er dabei aus der jenseitigen Welt – hier verkörpert in den bunten Flügeln des Engels. Seine Palette aber ist nicht leer, sondern weiß, sie trägt den Ton des Lichts, die Summe aller Farben.


Der Engel mit der Palette

Unter allen Engeln Gottes, die von Ewigkeit an das Lob des Höchsten singen, gab es einen, den eines Tages eine tiefe Traurigkeit erfüllte. Er hatte eine glockenreine Stimme, war musikalisch wie kaum einer im großen Engelschor und man liebte seine Lieder in den unendlichen Weiten des Himmels wie am ersten Tag. Aber irgendetwas hatte sich verändert. Der Engel hatte das Gefühl, dass die Menschen auf der Erde die Kunst verlernt hatten, die Engel singen zu hören. Zwar versuchten sie, das Leben zu genießen wie nie zuvor. Aber die Dinge waren leer geworden, seelenlos, seit die Stimmen des Himmels scheinbar verstummt waren. Die Menschen waren darüber spürbar unzufrieden und rastlos geworden. Es schien dem Engel, als ob sie die Übereinstimmung mit ihrem Leben verloren hätten. Wie sollten sie aber in ihrer endlichen Welt noch leben können ohne Kontakt mit dem Unendlichen? Wie sollten sie ihr Leben verstehen, ohne die Lieder der Engel zu vernehmen, die von der Liebe sangen, dem letzten großen Geheimnis des Lebens? Was sollte ihrem Dasein Licht und Wärme geben, wenn sie den Funken der göttlichen Gegenwart nicht mehr erkannten, der jedem von ihnen innewohnt? Lange schon bewegte der Engel diese traurigen Gedanken in seinem Herzen, als ihm unvermutet ein Einfall kam. Wenn sie schon nicht mehr die Aufmerksamkeit aufbringen können, uns zu hören, so dachte er, vielleicht gelingt es, ihnen Bilder in die Seele zu senken, die sie daran erinnern, dass ihr Leben mehr ist, als sie vermuten. Vielleicht konnten die Menschen in ihren Träumen wieder zu den Malern und Künstlern ihres eigenen Lebens werden? Vielleicht beseelten sie diese Bilder wieder? Ja, vielleicht gelang es sogar, sie auf diese Weise wieder daran zu erinnern, dass Gott selbst in ihren großen und guten Gedanken wohnte und er selbst in ihnen träumte. So geschah es, dass unser Engel ab diesem Tag nicht mehr zum Chorgesang erschien. Und als der himmlische Chorleiter nach ihm suchen ließ, fand man ihn, wie er auf einer Palette die Farben des Lebens mischte und traumbunte Bilder malte. Seit jenen Tagen ist der Engel mit der Palette Stunde uns Stunde unterwegs, um die heilenden Bilder und Botschaften des Himmels in die Herzen achtsamer Menschen zu senken.




Adventsrätsel (das Elfte von vierundzwanzig)

Immer ist es nah, niemals ist es da. 
Wenn du denkst, du seist daran, 
nimmt es einen anderen Namen an.
Lösung zu Nr. 10

Montag, 10. Dezember 2012

Heute vor 88 Jahren – 10. Dezember 1924: Die erste deutsche Automobilausstellung in Berlin

Neue Freiheit auf vier Rädern 

 Der große Audi vom Typ 18/70 PS war 1924 in Berlin eine der meistbestaunten Attraktionen der Deutschen Automobilausstellung: Sechszylindermotor, Ventilsteuerung durch eine oben liegende Nockenwelle und die Vierradbremse waren die augenfälligsten Neuerungen der technisch ausgefeilten Konstruktion. Sein bescheidenes Gegenstück war der Hanomag 2/10, im Volksmund wegen seiner Form auch »Kommissbrot« genannt, Deutschlands erster auf dem Fließband gefertigter Kleinwagen. Mit seinen 10 PS kam das nur 340 kg schwere Wägelchen immerhin auf fast 60 km/h. Bis 1928 liefen 16 000 Stück des vielfach belächelten, aber zuverlässigen Fahrzeugs vom Band, das mit seinem Preis von 2300 Reichsmark auch für die Mittelschicht interessant war.

Halle der Berliner Automobilausstellung, 1924
 Auf der Berliner Leistungsschau der deutschen Automobilindustrie präsentierten über 600 Firmen ihre Produkte rund ums Automobil. Die Vielfalt der Hersteller und Modelle war in dieser Frühzeit noch überaus groß. Im Jahr der Ausstellung produzierten in Deutschland nicht weniger als 83 PKW-Werke über 140 Modelle.

 Was am 10. Dezember noch geschah:

 1871: In Deutschland untersagt der »Kanzelparagraf« Geistlichen, in der Predigt zu politischen Fragen Stellung zu nehmen.
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Adventsrätsel (das Zehnte von vierundzwanzig)

Groß ist es am Wagen dran, 
klein tut es das Obst sodann.
Auflösung zu Nr. 9

Auflösung zu Nr. 9 von 2013:
Pfrund (Pe-ef-rund)

Geschichtsfrage

Von welcher Persönlichkeit stammt das folgende Zitat?

»Wenn ich heute sterbe, 
wird jeder Tropfen meines Blutes 
die Nation stärken.«

Indira Gandhi
 Martin Luther King
 Nelson Mandela


Träumer sind die größten Realisten

Jakobs Traum, 1966

Chagall malte die Erscheinung des Engels mehrmals. In ihrer letzten Fassung verschwindet das Fensterkreuz hinter dem Engel, und sichtbar wird eine Leiter, die Jakobsleiter – das andere, bis in seine späten Jahre hinein bevorzugte Bildzeichen für die Verbindung von Himmel und Erde.
Seinen Ursprung hat das Motiv in Jakobs Traum, einer der großen Geschichten des Ersten Testaments. Chagall malt in seiner zwischen 1960 und 1966 entstandenen Fassung zwei Flächen von unterschiedlicher Größe und Farbigkeit. Rechts, beinahe quadratisch, die klare blaue Sphäre, in deren Zentrum ein Engel schwebt, der eine goldleuchtende Menora trägt, in der jüdischen Tradition Zeichen der Gegenwart Gottes im Jerusalemer Tempel. Der Engel hat vier Flügel, die biblische Zahl für Vollkommenheit, die jeweils leicht aus den Bilddiagonalen verschoben sind. Das bringt eine ruhige, aber kraftvolle Bewegung voll geradezu kosmischer Energie in die Bildhälfte. Weit unruhiger nimmt sich dem gegenüber die rechteckige linke Bildhälfte in violetter Tönung aus. In deren Diagonale steht eine Leiter, auf der und um die herum ein reges Kommen und Gehen, Fliegen und Liegen herrscht. An der Schwelle, der Grenze vom blauen zum violetten Raum, sitzt – gemalt in purpurnem Rot-Jakob, die Hände in den Schoß gelegt. Ihn umfängt die violette Welt des Traumes. Violett entsteht als gemischter Farbton, wenn Blau und Rot ineinander fließen. Ganz so wie im Traum Leben und Erfahrung mit einer ganz anderen unverfügbaren Wirklichkeit in Berührung kommen und sich vermischen zu überraschend neuen, aber mitunter nur schwer zu entziffernden Einsichten und Ansichten des eigenen Lebens. Die Figur Jakobs und die sich durchdringenden Farbwelten verbinden die beiden Bildhälfte ebenso wie die Blickrichtung des Engels der rechten Bildhälfte, der in Jakobs Gesicht sieht. Die Bibel erzählt von Jakob nicht die Geschichte eines traumhaft leichten Lebens. Ganz im Gegenteil. Schon von Geburt belastet, will und will es ihm offenbar nicht gelingen, zu sich selbst und zur Bestimmung seines Lebens zu finden. Weder Mut noch List und Betrug führen zum Ziel. Vermeintliche Erfolge erweisen sich am Ende als nicht tragfähig. „Da hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott lsaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde … und durch dich und deine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.“ (Gen 28,12-15) Was Jakob erlebte, erfuhr auch Chagall: „Die Mondnacht macht ein Geschenk“, notierte er in einem seiner frühen Gedichte. „Tief im Herzen liegt der Ort, wo die Leiter steht. Sie führt zu Gott.“ Ist das Engelerlebnis der frühen Petersburger Zeit das Schlüsselerlebnis Chagalls dafür, dass Himmel und Erde in jedem Menschen eins werden wollen, so ist Jakobs Traum das Schlüsselbild für einen Menschen, der – auf seinen großen Lebenstraum vertrauend – durch alle Widrigkeiten, Widerstände und Verwicklungen hindurch am Ende zum Ziel und Sinn seines Lebens findet. Träumer sind eben doch die größeren Realisten. Und wenn man die Bibel an dieser Stelle einmal so weiterlesen darf: Durch sie erlangen alle Geschlechter Segen.




Sonntag, 9. Dezember 2012

Loriot – Adventsgedicht




Adventsrätsel (das Neunte von vierundzwanzig)

Will man vieles von mir haben,
muß man mich zuerst begraben.
Auflösung zu Nr. 8

Heute vor 25 Jahren – 9. Dezember 1987: Beginn der Intifada in Palästina

Der Krieg der Steine 

 Am 8. Dezember 1987, vor 25 Jahren, stieß ein israelischer Militärlastwagen mit zwei palästinensischen Taxis zusammen: Vier Palästinenser starben. Der Unfall war für viele ihrer Landsleute ein Racheakt des israelischen Geheimdienstes für einen zuvor im Gazastreifen getöteten Israeli. Auf die Beerdigung der Unfallopfer folgten Massendemonstrationen und Ausschreitungen, die sich zur ersten »Intifada« auswuchsen. 

 Das Bild von vermummten palästinensischen Jugendlichen, die Steine und Molotowcocktails auf israelische Soldaten werfen, prägte diesen Aufstand. Es gab aber auch andere Formen des Widerstands: Ladenbesitzer ließen ihre Geschäfte geschlossen, israelische Waren wurden von Palästinensern boykottiert. Etwa 700 Palästinenser, die in den Verdacht gerieten, mit den Israelis zu »kollaborieren«, wurden von militanten Landsleuten umgebracht. Die Bilder von israelischen Soldaten, die gefangen genommenen Steinewerfern gezielt Hände und Arme brachen, schockierten die Welt. Daneben sorgten die exzessiven Hauszerstörungen durch die Israelis für Aufsehen. 1993 endete die erste Intifada mit dem Oslo-Abkommen, in dem sich beide Seiten erstmals offiziell anerkannten. 

 Zweite Intifada 
begann im September 2000 
 griff auf das gesamte Gebiet Israels über 
 endete 200S mit einem Waffenstillstand 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Samstag, 8. Dezember 2012

Jeder Mensch braucht einen Engel

Die Erscheinung (Selbstbildnis mit Muse), 1917/18
Engel über den Dächern 

In seiner 1921 begonnen Autobiographie „Mein Leben“ notiert Marc Chagall: „Plötzlich öffnete sich die Zimmerdecke und ein geflügeltes Wesen schwebte hernieder mit Glanz und Gepränge und erfüllte das Zimmer mit wogendem Dunst. Es rauschen die schleifenden Flügel. Ein Engel! denke ich. Ich kann die Augen nicht öffnen, es ist zu hell, zu gleißend. Nachdem er alles durchschweift hat, steigt er empor und entschwindet durch den Spalt der Decke, nimmt alles Licht und Himmelblau mit sich fort. Dunkel ist es wieder. Ich erwache. Mein Bild Erscheinung gibt diesen Traum wieder.“ 
Und in seinem Gedicht „Engel über den Dächern“ klingt dieses Erlebnis nach: 

„…wo der Fluss schläft, dort träumte 
ich goldene Tage hindurch. 

Und in der Nacht – der lichte Engel 
loderte über dem Speicherdach auf 
und schwor mir, dass er meinen Namen 
in die Höhe bringe…“

Marc Chagall



Das Bild stammt aus den Jahren 1917-1918. Chagall hat dieses Motiv wiederholt variiert. Es erinnert an seine erste Ankunft in Petrograd, St. Petersburg, 1909. Völlig mittellos teilt er das Bett eines Arbeiters auf einem ärmlichen Dachboden. Der Besuch der Kunstakademie scheidet aus, weil Chagall der entsprechende Schulabschluss fehlt, die Kunstgewerbeschule lehnt ihn ab, weil seine vorgelegten Arbeiten zu befremdlich seien. Aber nicht nur, was seine Kunst betrifft, droht Chagall den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der tägliche Kampf gegen den Hunger bedroht seine Existenz. Skrupel, Selbstzweifel und Grübelei bemächtigen sich seiner. Da träumt Marc Chagall eines nachts, dass sich die Zimmerdecke öffnet und ihm ein Engel erscheint. Das ist übrigens nicht das einzige Erlebnis dieser Art in seiner Biographie. Schon als Kind erfährt er sich am Ufer des Flusses, der durch sein Heimatdorf fließt, von neun Engeln umringt, die einen schützenden Kreis um ihn bilden.
Trotz der bedrückenden Erdenschwere, die Chagall in diesen Wochen erlebt, ist sein Bild überraschend leicht, gewichtlos, transparent und durchlässig. Es ist, als ob der Künstler auf den Grund der Dinge blickt. Er reduziert die Szene auf das Wesentliche — die Größe und den Glanz einer ungeheuerlichen Begegnung. Wie Prismen sammeln die Diagonalen das Bild in einem fernen Fluchtpunkt, in dem die schwarz-graue Welt des Künstlers und die zarte blaue Sphäre des Engels zusammentreffen. Wo sie sich begegnen, entsteht weißes Licht, das sich ausbreitet, das Zimmer und den Maler erfasst und auf dessen Leinwand widerstrahlt und ihr Grau-in-Grau verdrängt. Jeder Mensch braucht einen Engel, heißt es. Bei Chagall hat er ihn. Engel bevölkern sein Werk wie kaum ein anderes im 20. Jahrhundert. Sie sind Boten Gottes, die ihn behüten, beschützen und begleiten. Für Chagall ist es Gewissheit: Es kann ihm nichts geschehen, wie schwer und bedroht sein Leben auch immer sein mag. Die Erscheinung des Engels erinnert mich daran, dass es eine beständige Verbindung gibt zwischen Himmel und Erde, dass Himmel und Erde füreinander offen sind und in andauerndem Austausch stehen. Solche Wunder, wie sie Chagall erlebt hat, geschehen täglich. Es ist nur die Frage, ob ich das wahrnehme. Es kommt darauf an, wie durchlässig ich selber bin, wie transparent mein Leben dafür ist, dass meine Erdenschwere ein himmlisch-leichtes Gegengewicht hat und mich Tag für Tag neu in die richtige Balance bringt.



Adventsrätsel (das Achte von vierundzwanzig)

Je mehr man dazu nimmt, desto größer wird es. 
Je mehr man dazu gibt, desto kleiner wird es.
Auflösung zu Nr. 7

Heute vor 219 Jahren – 8. Dezember 1793: Marie-Jeanne Dubarry wird hingerichtet

Bewegtes Leben mit schaurigem Ende 

 Das Leben der schönen Marie-Jeanne Dubarry, geborene Becu (1743-1793), die aus ärmlichen Verhältnissen zur Favoritin des französischen Königs Ludwig XV. aufstieg und fortan ein Leben in Luxus und Verschwendung führte, ist mehrfach verfilmt und auch in einer Operette auf die Bühne gebracht worden. Operetten haft war ihr Leben in der Tat, ihr Ende ausgesprochen dramatisch. 


Marquise de PompadourFrançois Boucher, 1756
 Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin am Hof, Madame Pompadour, griff sie nicht in die Politik ein, sondern begnügte sich damit, bei Hofe zu intrigieren. Als ihr königlicher Geliebter 1774 starb, wurde Madame Dubarry in ein Kloster verbannt. In den ersten Jahren der Revolution hielt sie sich mehrfach in England auf, wo sie französische Emigranten unterstützte. Das wurde ihr zum Verhängnis: 1793 verurteilte das Revolutionstribunal sie zum Tode. Auf dem Schafott lieferte sie ein letztes Schauspiel. Sie biss und kratzte, sie schlug und trat um sich, fünf Henkersknechte waren nötig, um die »rasende Megäre« zu bändigen. Anders als die vielen Adligen, die sich widerstandslos und auf Eleganz bedacht unters Fallbeil legten, kämpfte die Dubarry bis zum letzten Atemzug um ihr Leben. 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Fernsehtip: 8 Blickwinkel

Montagabend um 20:15 läuft auf Kabel eins »8 Blickwinkel« mit Dennis Quaid, Forest Whitaker und Sigourney Weaver



Auf youtube kann man sich sogar den ganzen Film ansehen!

Freitag, 7. Dezember 2012

Heute vor 124 Jahren – 7. Dezember 1888: John Dunlop meldet das Patent für den ersten Fahrradluftreifen an

John Dunlop lässt Reifen leise laufen 

 Alle Eltern, deren Kinder je ein »Bobby-Car« mit seinen ohrenbetäubenden Reifen aus hartem Kunststoff gefahren haben, können sicherlich nachempfinden, wie es dem irischen Tierarzt John Dunlop (1840-1921) erging, wenn sein Sohn mit dem Dreirad unterwegs war, das eisenummantelte Holzräder hatte. Er sah, dass der Filius einen Heidenspaß hatte; der dabei produzierte Lärm aber war auf Dauer kaum zu ertragen. Also machte er sich ans Werk, die Lärmquelle zu beseitigen: Aus Gummischläuchen, Leinwand und einem zweckentfremdeten Schnuller als Ventil bastelte der Vater eine Ummantelung für die Holzräder und pumpte sie mit einer Ballpumpe auf. Die Lärmquelle war beseitigt und das Prinzip des luftgefüllten Reifens erfunden. 1889 gründete der findige Tierarzt in Dublin das erste Reifenwerk.

Wikipedia erzählt die Geschichte noch ein Stück weiter:
Am 7. Dezember 1888 meldete er das Patent für den ersten Fahrradluftreifen an und gründete ein Jahr später das erste Reifenwerk der späteren Dunlop-Gruppe. Das Patent verkaufte er einige Zeit später an William Harvey Du Cros. Er selbst wurde zeit seines Lebens nicht reich durch seine Erfindung.

 Charles Goodyear (1800-1860) erfand die Vulkanisation des Kautschuks und um 1840 das Hartgummi. Als Geschäftsmann war er aber wenig erfolgreich: Die bekannte Reifenfirma trägt den Namen lediglich im Gedenken an den Pionier der Gummiproduktion. 

Giovanni Battista Pirelli (1848-1932) gründete 1872 in Mailand eine Gummifabrik, die seit den 1890er-Jahren auch luftgefüllte Reifen für Fahrräder und Automobile produziert. 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Adventsrätsel (das Siebente von vierundzwanzig)

Mit Last beladen kann ich gehen, 
nimmt man die Last, 
so bleib ich stehen.
Auflösung zu Nr. 6

Auflösung zu Nr. 6 vom Jahr 2013:
Kein Nikolaus hat vier Beine, ein Nikolaus nur zwei (*gg*)

Vor 2075 Jahren – 63 v. Chr.: Cicero deckt die Verschwörung des Catalina auf

Reden zur Verteidigung der Republik

 Der römische Politiker Lucius Sergius Catilina (108-62 v. Chr.) war 67 v. Chr. zum Statthalter der Provinz Africa ernannt worden, die er zum eigenen Vorteil unerbittlich ausbeutete. Den auch ansonsten übel beleumundeten Catilina erwartete daher 66 in Rom ein Rückforderungsverfahren, weshalb er auch von der Bewerbung für das Konsulat ausgeschlossen wurde. In den Jahren 65 und 64 v. Chr. bewarb er sich ebenfalls vergebens auf das Amt und versuchte schließlich, mit Gewalt an die Macht zu kommen.

Büste des Cicero, 1. Jh. v. Chr.

 Der amtierende Konsul Marcus Tullius Cicero deckte 63 die Umsturzpläne auf und hielt im Senat vier berühmt gewordene Reden in dieser Sache. Catilina verlor daraufhin immer mehr Anhänger in Rom, wurde zum Staatsfeind erklärt und sah sich gezwungen, die Stadt zu verlassen. In Etrurien sammelte er ein Heer, das 62 v. Chr. bei Florenz geschlagen wurde. Catilina fiel in der Schlacht bei Pistoria.

 Aus Ciceros 1. Rede gegen Catilina: 

Wie weit, Catilina, wirst du es am Ende noch treiben im Missbrauch unserer Geduld? Wie lange noch wird jenes dein rasendes Beginnen uns verhöhnen? … Wem von uns, meinst du, sei es unbekannt, was du in der letzten, der vorletzten Nacht getrieben, wo du gewesen, welche Leute du um dich versammelt, welche Pläne du gefasst hast? 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Gestern starb Dave Brubeck

Einen Tag vor seinem 92. Geburtstag hat Dave Brubeck die Kurve gekratzt.
Als mir mein Klavierlehrer die Noten zum folgenden Stück vorlegte, habe ich Stielaugen gemacht: Geht das überhaupt, ein 5/4-Takt? Anscheinend…


(Der Komponist von Take Five, Paul Desmond, ist am Saxophon zu sehen, auf youtube gibt's noch viele interessante Versionen…)











Ein Nachruf und eine Gratulation zum 90. Geburtstag bei ZEIT Online.

Ein aufgeweckter Träumer

Kuhstall, 1917, Sprengel-Museum, Hannover

Marc Chagall war zeitlebens ein aufgeweckter Träumer. Wie selbstverständlich öffnet sein Werk die mir vertraute kleine Welt, die mich ebenso geborgen wie gefangen hält, für eine ungleich reichere Wirklichkeit. In kraftvoll visionären Bildern greift Chagall weit in die Ferne – und kommt dabei ganz nah an das Geheimnis des Lebens. Dieses Geheimnis scheint größer und bunter zu sein als das Haus des Lebens, in dem ich mich eingerichtet habe.
Chagalls Bild Der Stall aus dem Jahr 1917 illustriert dies in einer höchst eingängigen Sprache. Der übermächtige Kopf einer Kuh mit großen sanften Augen und einem ebenso sehnsuchts- wie vertrauensvollen Blick durchbricht in leuchtendem Sonnengelb die schwarzblaue Nacht. Wie befreit stößt sie aus der Dunkelheit und Enge durch das Dach ihres Stalls, der offenbar zu klein geworden ist und das Tier nicht mehr fassen kann. Die Kuh ist ein Sinnbild für alles, was lebt. Schon früh erfährt sie der kleine Marc als seine Ernährerin und als diejenige, die dem Pflug ihre Kraft leiht. Im Bild Der Stall werden die Kreatur und der Künstler eins. „Das alte Haus, das niedrige Dach. Es ist dunkel. Die kleinen Fenster sind verriegelt. Ich habe als erster die Tür geöffnet“, schreibt Chagall in einem seiner Gedichte über sein geliebtes Elternhaus. „Und bin hinausgegangen und habe die Hand in die Ferne gestreckt.“
Es gibt kein Bleiben. Leben ist Werden, Wachstum und Entwicklung: Die eigenen Grenzen überschreiten, das Andere suchen, um ganz zu sich zu kommen; das Dunkel durchdringen, um die Farben des Lebens zu finden – das ist die Botschaft eines aufgeweckten Träumers, der mich aufrüttelt aus der Apathie meines Alltags und der Banalität meiner Betriebsamkeit.


Zum Träumen erwachen 

Wer sagt denn, dass die Wachen 
aufgeweckter seien als die Schlafenden? 
Es gibt eine Wachheit, 
die die Kunst zu träumen nicht verlernt hat. 
Wenn wir das noch könnten: 
zum Träumen erwachen – 
 nicht, um das Leben zu träumen, 
sondern, um den Traum zu leben.






Adventsrätsel (das Sechste von vierundzwanzig)

Welcher Kater kann nicht laufen?
Auflösung zu Nr. 5

Heute vor 520 Jahren – 6. Dezember 1492: Kolumbus erreicht Hispaniola

Die »Neue Welt« versperrt den Weg nach Indien 

 Am 12. Oktober 1492 war Christoph Kolumbus nach über acht Wochen auf See mit den drei Karavellen seiner kleinen Entdeckerflotte endlich auf Land gestoßen. Er hatte eine kleine Insel der Bahamas erreicht, die er San Salvador nannte. Nachdem die Crew die Vorräte aufgefüllt und Kolumbus erste Kontakte zu den Einheimischen geknüpft hatte, ging die Fahrt weiter. Ende Oktober landete der Entdecker in Kuba, am 6. Dezember auf Hispaniola, der »Spanischen«, die heute Haiti und die Dominikanische Republik umfasst.

Landung des Kolumbus auf Hispaniola,
Inkunabeldruck, u, 1500
 An Weihnachten 1492 lief das Flaggschiff, die Santa Maria, vor Hispaniola auf Grund. Mithilfe der Einheimischen, deren Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit Kolumbus in höchsten Tönen lobte, ließ er die gesamte Ausrüstung an Land bringen und die erste spanische Siedlung auf amerikanischem Boden errichten. Der prächtige Goldschmuck der Einheimischen und ihre Bereitschaft, das Edelmetall gegen allerlei Tand wie Glasperlen und Klingeln zu tauschen, weckte bei den Europäern heftige Begehrlichkeiten. Kolumbus ließ einen Teil der Mannschaft zurück, segelte im Januar 1493 zunächst zurück nach Spanien und erklärte, er habe Asien erreicht und Gold sowie Sklaven gäbe es dort im Überfluss.

 Was am 6. Dezember noch geschah: 
 1921: Irland wird ein von Großbritannien unabhängiger Freistaat.
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Geschichtsfrage

Welches Volk wird auch »das Blaue Volk« genannt?


die Inuit auf Grönland
■ die Maya in Mittelamerika
■ die Tuareg in Nordafrika

Adventsrätsel (das Fünfte von vierundzwanzig)

Was braucht das Auto,
was das Pferd sehr stört?
Auflösung zu Nr. 4

Dienstag, 4. Dezember 2012

Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen

Paysage vert, 1949

1949 verbringt Chagall vier Monate auf der schmalen Mittelmeerhalbinsel Saint-Jean-Cap-Ferrat zwischen Nizza und Monte Carlo. Die erste Wiederbegegnung mit dem Mittelmeer führt zu neuen künstlerischen Formen. Die Bilder aus dieser Zeit zeigen das Meer und die Berge – und über allem die unendliche Weite des Himmels als riesigen Raum, durchflutet von Tageslicht und sanft erhellt vom Mond. In der Grünen Landschaft von 1949 schweben Sonnenball und Mondscheibe, des Schlafes Bruder und des Lebens Schwester, wie freundliche Riesen über dem Meer des Lebens, durch das ein einsamer Ruderer sein Boot steuert – orientiert nur durch die großen Leitsterne des Tages und der Nacht. Für Chagall sind dies keine Gegensätze: Sonne und Mond, Tag und Nacht, Wachen und Schlafen, Tod und Leben sind immer schon eins. Sie gehören zusammen wie Bruder und Schwester, die mich bei der Hand nehmen und durch das Leben führen. Wo ich mich ihnen anvertraue, weisen sie mir den Weg in jene grün-golden schimmernde Landschaft von ungewöhnlich hoffnungsvoller Dichte, Intensität und Strahlung: das unbekannte Land in der Tiefe meiner Seele, das die Mühen der Entdeckung tausendfach lohnt.

Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf

Wenn der Mensch abwesend ist, ist er am stärksten anwesend: im Schlaf, ins Traum. Lange herrschte die populäre Meinung vor, dass das Gehirn in der dämmrigen Phase abschaltet, sich eistspannt. auf Sparflamme „kocht” – und dann viel Überflüssiges vergisst. Die Neurowissenschaft hat andere Ergebnisse gebracht: Gerade jetzt herrscht zwischen den Hirnzellen höchste Aktivität. Die Neuronen „feuern” und knüpfen neue Verbindungen. Was der Mensch am Tag schafft, hat seinen Grund in der Nacht. Eigentlich ahnte es bereits Psalm 127: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und eucls spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf.” Eine Forschergruppe in Lübeck hat die Weisheit experimentell bestätigt. Versuchspersonen können schlafend eine Mathematikaufgabe leichter lösen als rein wachend. Mathematikern, Physikern, Chemikern, Biologen, Künstlern sind solche Erlebnisse nicht neu. Sie haben die besten Einfälle oft dann, wenn sie gerade nicht ehrgeizig “daran” denken. Morgenstund hat Gold im Mund. Danach kann man aufzeichnen. ins Werk umsetzen, was man erfahren hat. Den Tod bezeichnen wir gern als „Schlafes Bruder”. Ein falsches Bild. Denn der Schlaf ist des Lebens Schwester. In den Religionen be-ginnen Heilsereignisse nachts, ins Traum. In manchen Mythologien der Weltschöpfung entsteht die Schöpfung aus dem Nichts dadurch, dass Gott selber schläft, träumt. Träume bewegen in der Bibel manche Geschichte voran, von Jakobs Himmelsleiter bis zu den nächtlichen Eingebungen der Magier, nicht zu Herodes zurückzukehren, um den Messias zu schützen. Der allererste Schlaf des Menschen ist nach dem Mythos zugleich sein kreativster: ,,Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.” So entsteht die Frau, Partnerschaft, Liebe, Beziehung, Personalität. Zum sexuellen Akt, der größten und mysteriösesten Schöpfungskraft, um neues Leben zu zeugen, sagen wir: Dass Mann und Frau miteinander „schlafen”. Die Hirnforscher bestätigen: Es gibt eine menschliche Wachheit, die tiefer liegt als alle Oberflächenwachheit unserer Betriebsamkeit. Erst die Passivität machst den Menschen aktiv. Aber ohne Aktivität hilft Passivität nichts. Ähnlich ist Gott zu erfahren: eher in der Nacht als am Tag, aber nur dann, wenn man sich am Tag schon um ihn bemüht hat. 

Johannes Röser


Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen.
Und Träume schlagen so die Augen auf,
wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen, 
aus deren Krone den blassgoldnen Lauf
der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsere Träume auf. 
Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht. 
Das Innerste ist offen ihrem Weben,
wie Geisterhände im versperrten Raum
sind sie in uns und haben immer Leben. 
Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum. 
Hugo von Hofmannsthal


Adventsrätsel (das Vierte von vierundzwanzig)

Wenn man es braucht, wirft man es weg,
wenn man es nicht mehr braucht, holt man es wieder.
Auflösung zu Nr. 3


Auflösung zu Nr. 3 vom Jahr 2013:
Ich habe den Betrag mit mehreren Münzen bezahlt,
ein Rückgeld schloss sich damit aus.

Montag, 3. Dezember 2012

Adventsrätsel (das Dritte von vierundzwanzig)

Einmal im Pfahl,
zweimal im Aal,
dreimal in beiden:
ist für die Gescheiten!
Auflösung zu Nr. 2


Auflösung zu Nr. 2 vom Jahr 2013:
Der Lausbub plünderte heimlich vorzeitig
den Inhalt eines Türchens im Adventskalender

Heute vor 549 Jahren – 3. Dezember 1563: Das Konzil von Triest endet.

Die katholische Kirche reformiert sich 

 Als Reaktion auf die Reformation Martin Luthers tagte zwischen 1545 und 1563 in drei Sitzungsperioden das Konzil von Trient. Die Versammlung grenzte sich gegen den Protestantismus ab und präzisierte die katholische Lehre. In der ersten Sitzungsperiode 1545-47 wandte sich das Konzil speziell gegen Luthers Auffassung, der Wortlaut der Heiligen Schrift allein stehe im Mittelpunkt. Dazu betonte es den auf Autorität beruhenden Charakter der kirchlichen Tradition. 1551-52 fasste das Konzil Beschlüsse zur Liturgie und den Sakramenten, 1561-63 schließlich zur Lehre der Kommunion, zum Fegefeuer und zum Ablasshandel. Zur besseren Ausbildung der Seelsorger wurde die Einrichtung von Priesterseminaren beschlossen. Mit der Bulle Benedictus Deus bestätigte Papst Pius IV. im Januar 1564 alle Dekrete des Konzils von Trient.

Darstellung einer Sitzung des Konzils von Trient, aquarellierte Federzeichnung, um 1560

 Martin Luther (* 1483) selbst erlebte nur einen Teil der ersten Sitzungsperiode, da er 1546 starb. Er hatte früh erkannt, dass einige Positionen seiner Lehre unvereinbar waren mit der traditionellen katholischen Lehre, besonders in Fragen des Papsttums. Seine Erkenntnis, »also sind und bleiben wir ewiglich geschieden«, bestätigte das Konzil auf seine Weise.

Konzil
Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten
 Zusammenkunft aller rechtmäßigen Bischöfe
 den Vorsitz führt der Papst oder sein Legat

 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Sonntag, 2. Dezember 2012

Einsam aber nicht allein

Solitude, 1933

Tief in Gedanken versunken, sitzt links ein Mann in einer verlassenen Landschaft vor den Toren der Stadt. Gehüllt in seinen Gebetsschal hält er eine rote Thorarolle fest im Arm. Nacht, Nebel und schwarze Rauchschwaden umfangen ihn. Neben ihm liegt eine weiße junge Kuh mit goldenen Hörnern. Eine sich selbst spielende goldene Geige liegt an ihrem Kinn. Zusammen mit einem kleinen weißen Engel am oberen Bildrand bilden der Mann und die Kuh eine Art weißes Dreieck vor der düsteren Kulisse der kleinen Stadt. In ihrer Mitte leuchten einzig die im Rot der Liebenden gemalte Thora und die goldene Geige. 

 Auch in diesem Bild sind es wieder die roten und goldgelben Farbtöne, die die monochrome Komposition aufbrechen und auf eine andere Dimension verweisen. Es scheint, dass die Thora und die goldene Geige die Kraft haben, die dunklen Nebel zu lichten und neue Klarheit zu schaffen: über dem Mann, dem Engel und der Kuh reißen die Rauchschwaden auf und geben den Blick auf einen sanften blauen Himmel frei. 

 Chagall malt ein Seelenbild von beredter Stille und großer Sammlung und Intensität. Es entsteht im Jahr 1933 – als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland ergriffen. Das Werk wird häufig als schwermütig bezeichnet und als dunkle Vision der heraufziehenden Todesschatten der Shoah. Für mich ist es zugleich ein Bild nachdenklicher Hoffnung, die stärker ist als die Todesschatten. Die Drei sind einsam, aber nicht allein. Sie werden zur Gemeinschaft, weil sie miteinander einen kostbaren geistigen Proviant bewahren, um das Leben zu verstehen und zu bestehen. 

 Links, auf der Herzseite, das Wort und die Weisung Gottes. Dass sie dem Mann buchstäblich am Herzen liegen, darf wohl als Hinweis darauf gewertet werden, dass es hier nicht um den Erhalt einer abstrakten Lehre gebt, sondern um das ganz konkrete Leben, das, was jeden Menschen unbedingt, unmittelbar und persönlich angeht und Halt gibt. Rechts der unerschöpfliche Vorrat an Kreativität und künstlerischer Kraft im Spiel der goldenen Geige und der Gegenwart der weißen Kuh. Sie weisen darauf hin, dass das Wort nicht Wort bleiben, sondern Wirklichkeit werden will. 

 Nach der jüdischen Legende spielt die musizierende Kuh auf die nahe Ankunft des Messias an. Einsamkeit ist für mich deshalb auch ein Bild von Aufmerksamkeit: Was liegt mir eigentlich am Herzen? Welche Nebel sind bei mir zu lichten? Wie schaffe ich Klarheit in meinem Leben?



Wenn dein Kind dich morgen fragt 

Wie ist dein Lebenstraum. der dir zu Herzen geht, 
von Horizonten weit — und Freiheitsatem weht, 
der über dich hinausgeht und weit in die Zukunft ragt, 
sagt, wofür wir leben wollen, wenn dein Kind dich morgen fragt.

In welchem Lebensraum ist jemand, der dich hält, 
mit dir an Grenzen geht bis an das Ende der Welt, 
der über dich hinausgeht und weit in die Zukunft ragt, 
sagt, warum wir glauben können, 
wenn dein Kind dich morgen fragt. 

Mit welchem Lebensziel kannst du glaubwürdig sein — 
und in dem, was du tust, zieht ein Stück Himmel ein, 
der über dich hinausgeht und weit in die Zukunft ragt, 
sagt, wie wir denn handeln sollen, 
wenn dein Kind dich morgen fragt. 

Fritz Baltruweit 




Heute vor 30 Jahren – 2. Dezember 1982: Erstes künstliches Herz eingesetzt

Ein kaltes Herz soll das Weiterleben sichern 

 Der pensionierte Zahnarzt Barney Clarke war 61 Jahre alt und todkrank, als er entschied, sich das Herz herausnehmen und durch eine künstliche Pumpe ersetzen zu lassen. Vor 30 Jahren, am 2. Dezember 1982, implantierte der US-amerikanische Chirurg William DeVries dem herzkranken Clarke das erste künstliche Herz, »Jarvik 7«. Es war über Schläuche mit einem Kompressor verbunden, der das Implantat mit Druckluft antrieb. 

Doktor William DeVries am Bett von Barney Clarke, 1982

 Die Operation gelang und sorgte weltweit für Aufsehen. Für den Patienten begann eine Zeit des Martyriums: 112 Tage lebte er mit Jarvik 7, einige seiner Organe versagten, er litt unter Schlaganfällen, Krämpfen, Infektionen und Halluzinationen. Das Herz schlug zwar weiter, aber am Schluss war für Clarke der Tod eine Erlösung. Vier weitere künstliche Herzen setzte DeVries noch ein: In allen Fällen endete das Experiment ähnlich grauenhaft, sodass die zuständige US-Behörde die Versuche schließlich verbot. Die Idee aber wurde weiter verfolgt. Moderne Kunstherzen halten heute Patienten unter annehmbaren Umständen jahrelang am Leben. 

 Was am 2. Dezember noch geschah: 
 1804: Napoleon Bonaparte krönt sich in Anwesenheit von Papst Pius VII. eigenhändig zum Kaiser der Franzosen.
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Adventsrätsel (das Zweite von vierundzwanzig)

Als Handwerkszeug liegt es bereit,
doch ohne Kopf hat es wenig Zeit.
Auflösung zu Nr. 1

Samstag, 1. Dezember 2012

Adventsrätsel (das Erste von vierundzwanzig)

Die Speise, die wir täglich essen,
wird Farbe, wenn der Kopf vergessen.

Wer bringt das Pferd zum Fliegen

Les Ponts de la Seine,  1954


Maler der Träume, Zauberer der Farben und der Phantasie, Poet mit Pinsel und Palette. Kaum ein Künstler ist ein solcher Begleiter durch den Advent wie Marc Chagall (geb. 1887 in Witebsk/Weißrussland, gest. 1985 in Saint-Paul-de-Vence/Frankreich). Seine Bilder geben einer der schönsten Zeiten des Jahres eine ganz eigene Farbe. Die unvergleichliche Faszination entsteht dabei aus der Begegnung eines Malers der klassischen Moderne mit einem uralten Buch. Chagall entdeckt die Botschaft der Bibel buchstäblich als verdichtetes Leben. Sie ist ihm ebenso sehr Theo-Poesie wie Theo-Logie. Randvoll mit Geschichten erzählt sie von dem, was Menschen mit sich selbst erlebten und erlitten, mit ihresgleichen, wie sie Gott und die Welt erfuhren und sich stetig zu erneuern versuchten. Für Chagall geschehen diese Geschichten nicht neben unserem Leben oder in einer anderen, längst vergangenen Welt. Sie sind unser Leben. Dabei wendet sich der Künstler erst 1930, in der Lebensmitte also, ausdrücklich biblischen Motiven zu. Aber das alte Lebensbuch ist schon vorher das Land seiner Seele. Er leiht seine Requisiten aus der biblischen Bilderwelt, die er, Märchen- und Traumbildern gleich, in verblüffend neue und andere Zusammenhänge stellt. Und Träumen nicht unähnlich, verwickelt Chagall seine Betrachter damit in ein Gespräch über ihr eigenes Leben.

Mit Marc Chagall durch den Advent zu gehen, bedeutet mit bisweilen unerwarteten Bildern in dieses Gespräch einzutreten. Das birgt Überraschungen. Aber geistreicher wird man Gott kaum erfahren können als in der Sprache, die er jeder und jedem von uns unmittelbar ins Herz gelegt hat: der Sprache der Bilder, der Träume und der Poesie. Das ist ein anderer Advent. Ich wünsche Ihnen aber, dass es für Sie ein besonderer Advent wird. Ganz im Sinne dessen, was der junge Chagall einmal über seine Berufswahl notierte: „Ich musste einen besonderen Beruf finden. Eine Beschäftigung, die mich nicht zwingen würde, mich vom Himmel und den Sternen abzuwenden, und die mir erlauben würde, meinen Sinn des Lebens zu finden. Ja, genau das suchte ich …”
Ulrich Peters



Wir sollen unser Leben,
solange es dauert, 
mit unseren Farben der
Liebe und Hoffnung ausmalen. 
Marc Chagall

Ausschnitt aus Marc Chagalls Bild
"Selbstbildnis mit sieben Fingern", 1913/14




Marc Chagall

Seit meiner frühesten Jugend hat mich schon die Bibel in ihren Bann gezogen. Die Bibel schien mir — und scheint mir noch heute – die reichste poetische Quelle aller Zeiten zu sein. Seitdem habe ich ihren Widerschein im Leben und in der Kunst gesucht. Die Bibel ist wie ein Nachklang der Natur, und ich habe danach gestrebt, dieses Geheimnis weiterzugeben … In meiner Vorstellung versinnbildlichen die Gemälde nicht nur den Traum eines einzigen Volkes, sondern auch denjenigen der Menschheit.
Marc Chagall, 1967 

Marc Chagall wurde am 7. Juli 1887 in der weißrussischen Stadt Witebsk geboren, als erstes von neun Kindern. Nach der Schulzeit beginnt der Malunterricht, zuerst in Witebsk, dann in St. Petersburg. Die Jahre 1910 bis 1914 in Paris werden für ihn zur Chance seines Lebens: das Erlebnis von Freiheit und Lieht, die Museen mit ihrer Bilderfülle und die Auseinandersetzung mit der Pariser Kunstszene führen ihn zur Findung eines eigenen Stils. – In den Pariser Jahren entstanden die Bilder: „Der Geiger”, 1912/13 (15.12.), „Mutterschaft”, 1912/13 (22./23.12.), und „Selbstbildnis mit sieben Fingern”, 1913/14 (11/14.12.). 

1914 reist Chagall über Berlin, wo er in der Galerie „Der Sturm” seine erste große Einzelausstellung hat, nach Russland und wird dort vom Ersten Weltkrieg überrascht. 1915 heiratet er seine Jugendfreundin Bella Rosenfeld. Nach der Oktoberrevolution von 1917 beteiligt er sich als Kulturbeauftragter für den Bezirk Witebsk am Aufbau der „neuen Zeit”. 1920 geht er nach Moskau und beginnt 1921 mit der Niederschrift seiner Autobiographie „Mein Leben”. – In diesen Jahren entstanden die Bilder: „Der Stall”, 1917 (6./7.12.) und „Die Erscheinung”, 1917/18 (8./9.12.). 

1922 verlässt Chagall endgültig Russland und kehrt nach Paris zurück. Es folgen glückliche und erfolgreiche Jahre (große Ausstellungen 1924 in Paris, 1926 in New York, 1933 in Basel; Auslandsreisen, u.a. 1931 nach Palästina, um die Radierungen zur „Bibel” vorzubereiten), die jedoch zunehmend überschattet sind durch das Erstarken der totalitären Regime und die Judenverfolgungen. – Bilder aus dieser Zeit: „Die Einsamkeit”, 1933 (3.12.) und „Der Engel mit der Palette”, 1927-1936 (11./12.12.). 

Als die deutschen Truppen 1941 Frankreich besetzen, emigriert er mit seiner Frau Bella in die USA. Sie verfasst dort ihre beiden Erinnerungshände „Brennende Lichter” und „Erste Begegnung” und stirbt im September 1944. Während seines Aufenthalts in den USA (1941-47) entstanden: „Der Jongleur”, 1943 (28/29.12.), „Das Blaue Konzert”, 1945 (16./17.12.) und „Um sie herum”, 1945 (21.12.). 

1947 kehrt Chagall nach Paris zurück, lässt sich 1950 in Südfrankreich nieder und heiratet 1952 Valentina (Vase) Brodsky. Eine ungeheure Schaffensdichte zeichnet die folgenden Jahrzehnte aus: Ölbilder, Aquarelle, Radierungen, Lithographien, Zeichnungen, Glasfenster, Skulpturen, keramische Arbeiten, Decken- und Wandgemälde, Theaterdekorationen und Gobelins. 1973, bald nach seinem 85. Geburtstag, erlebt er die Einweihung des seinen Werken zur Bibel gewidmeten „Musee National Message Biblique Marc Chagall” in Nizza. – In diesen Jahren entstanden: „Die Erscheinung der Künstlerfamilie”, 1947 (19./20.12.), „Grüne Landschaft”, 1949 (4/5.12), „Die Seinebrücken”, 1954 (1. Umschlagseite und 24.12.), „Das Hohelied IV”, 1950 (1./2.12.), „Jakobs Traum”, 1960-66 (10.12.), „Das Ereignis”, 1978 (25./26.12) „Die große Parade”, 1979/80 (30./31.12.) und „Dem anderen Licht entgegen”, 1985 (1.1.). Chagell stirbt am 28. März 1985 in Saint-Paul-de-Vence.


Le Cantique des Cantiques IV, 1958


Im alten Indien verurteilte ein König. einen Mann zum Tode. Der Mann bat den König, das Urteil aufzuheben und fügte hinzu: 
„Wenn der König gnädig ist und mein Leben schont, werde ich seinem Pferd innerhalb eines Jahres das Fliegen beibringen.” 
„Es sei”, sagte der König, „aber wenn das Pferd in dieser Zeit nicht fliegen lernt, wirst du dein Leben verlieren.” 
Als seine Familie voll Sorge den Mann später fragte, wie er sein Versprechen einlösen wolle, sagte er: 
„Im Lauf eines Jahres kann der König sterben. Oder das Pferd kann sterben, oder es kann fliegen lernen. Wer weiß das schon?” 
Anthony de Mello





Alles wird gut. Die Nacht leuchtet wie der Tag. Fremde entdecken sich als Freunde. Sie gehen geschwisterlich und gerecht miteinander um. Die Liebe setzt sich durch als trei-bende Kraft des Lebens. — Der Advent ist eine Zeit großer Visionen und Versprechen, die seit alters mit ihm und den Vorstellungen davon verbunden sind, wie Gott zur Welt kommen wird. Sind diese Träume Schäume, fast zu schön, um wahr zu sein? Sind diese Versprechungen wider den Augenschein wirklich einzulösen? Ebenso gut könnte man darauf hoffen, dass ein Pferd zu fliegen lernt
Dass das Pferd fliegt, ist für Marc Chagall überhaupt keine Frage. Im freien Flug trägt es ein Liebespaar über die Stadt Jerusalem und eine jubelnde Menschenmenge in den roten Himmel hinein, in dessen Hintergrund sanfte goldgelbe Farbflächen glimmen. Aus dieser Sphäre kommt auch das Licht des Bildes, nicht etwa von der Sonne. Der Himmel spannt sich wie ein Vorhang vor dieses hintergründige Leuchten. Von ihm schließlich stammt auch die rote und gelbe Farbgebung der Flügel des Pferdes, das seine Kraft offenbar aus beiden Sphären schöpft — der Welt vor und hinter dem Vorhang. Es ist das Bild von der vitalen Kraft der Liebe. Sie bringt das Pferd zum Fliegen. Sie macht die Liebenden zu einem Königspaar, voller Würde und ausgestattet mit den unbegrenzten Möglichkeiten und der Macht von Monarchen. Die Energie der Liebe ergreift und durchglüht den gesamten Lebensraum, Himmel und Erde, Engel und Menschen, Pflanzen und Tiere, die vor dem großen Himmelsvorhang agieren. Fast erwarte ich, dass sich dieser Vorhang jetzt jeden Moment hebt und das Geheimnis des untergründig alles durchleuchtenden goldenen Lichts freigibt. 
Chagalls Sehnsuchtslandschaft steht wie ein Leitbild am Anfang des Advents. Sie lädt dazu ein, den Visionen und Versprechen der Adventszeit mit Vertrauen zu begegnen und mit ihnen eine Revision des eigenen Lebens zu wagen. Dieser Einladung schließt sich dieser Eschbacher Adventskalender an. Mit einigen der schönsten Bilder des großen jüdischen Malers, ermutigt er, die eigenen Träume von einem gelungenen Leben wieder zu entdecken und Advent zu erleben — die Ankunft und den Anbruch von etwas ganz Neuem und Unerwartetem für alle, die ihrem Traum vom Leben trauen.