Sonntag, 14. Juni 2009

Haifische am Pokertisch

Um den Zustand seiner Magenschleimhaut zu testen, kann man sich die letzte Sendung des Monitor vom 11. Juni zu Gemüte führen.

Die Themen:

- Wie SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier die Reichen schonen will
- Wie Karstadt-Manager an hohen Mieten mitverdienen
- Pharmahersteller halten Studien unter Verschluss
(das dritte Thema wäre noch mal einen eigenen Post wert…)

Inzwischen nachgeholt:
- Ist die Psychopharmakologie verrückt geworden? – Kapitalismus-infizierte Wissenschaft (Post, 31.01.2016)

Ein Hoch auf unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk, von unseren privaten Fernsehsendern hätten wir sowas nicht erfahren!


Besonders der Karstadt-Bericht ist anläßlich der Diskussion um Staatshilfen interessant:



- Da gibt es erst einmal Josef Esch, der war früher Maurer und leitet inzwischen de facto die größte deutsche Privatbank Sal. Oppenheim. Diese wurde 1789 in Bonn gegründet, in der Nazizeit arisiert und hat ihren Sitz inzwischen in Luxemburg. 1992 trat der frühere Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl als Teilhaber ein. Im gleichen Jahr gründete die Bank zusammen mit Josef Esch die Fondsgesellschaft Oppenheim-Esch-Holding. Die war auch schon in Köln tätig. Der sogenannte Kölner Klüngel, der auch eine Zeit lang Konrad Adenauer tangierte, wurde 2005 einem größeren Publikum bekannt. In der WDR-Sendereihe »Die Story« berichtete die Sendung »Die Milliarden-Story« von dubiosen Geschäften der Oppenheim-Esch-Holding. (Bild: Oberbürgermeister Fritz Schramma (links) und Josef Esch bei der Grundsteinlegung zu den Messehallen (2004), aus der Neuen Rheinischen Zeitung)

Systematischer Irrsinn - Karstadt {45:47}

geigin2001
Am 21.10.2012 veröffentlicht

Die Nachdenkseiten berichteten 2007 über einen Rechtsstreit bezüglich einer einstweiligen Verfügung, die das Bankhaus Sal. Oppenheim gegen Werner Rügemer erwirkt hatte. Dieser hatte nämlich ein Buch geschrieben: »Der Bankier«. Und in der zweiten Auflage mußten einige Stellen über die Verwicklungen des Bankhauses mit der Kölner Politik geschwärzt werden. Das Landgericht Berlin, so die Nachdenkseiten, hob einige der Verbots-Verfügungen wieder auf.

Der Hobby-Journalist Karl-Heinz Dittberner hat zu Oppenheim-Esch einen eigenen Thread angelegt, auch im Goldseiten-Forum wird man fündig. Eine Zusammenfassung findet sich auch bei Duckhome (mit der in handliche Video-Stücke zerlegten Milliarden-Story). Frank Überall darf man auch nicht vergessen. Und sogar der SPIEGEL widmet den Vorgängen jetzt einen Artikel.


Ein ähnlicher Artikel bei Karl Martell , daraus ein Zitat:


»Mit dabei waren beim Start der Fonds – außer Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, seiner Frau Cornelie und anderen – die Kunstsammlerin Claudia Oetker, der Bofrost-Gründer Josef Boquoi und Maxdata-Gründer Holger Lampatz, der 2006 und 2007 im Aufsichtsrat von KarstadtQuelle saß. … Auch Münchner Oppenheim-Konkurrenten, die Privatbankiers Wilhelm von Finck Junior und Senior, zeichneten Anteile; ebenso die Ehefrau eines Ministerialbeamten aus dem Bundesjustizministerium, der dort für Gesellschaftsrecht zuständig ist.«

- Als nächster Mitspieler ist da natürlich Arcandor (toll, wer hat sich den Namen ausgedacht? Erinnert mich irgendwie an Bertelsmanns Arvato – siehe da den dritten Artikel »Ein Konzern übernimmt die Stadt«; und hier noch ein Link zu einem Artikel auf brand eins Online) mit den Geschäftsfeldern Warenhäuser, Versandhandel und Touristik. Arcandor ist gleich KarstadtQuelle, diese AG entstand 1999 durch Fusion von Karstadt und Quelle. Hauptaktionäre sind Sal. Oppenheim und Madeleine Schickedanz. Wie es für mich aussieht, ist Arcandor der Kuchen für die Heuschrecken (oder das Holz für die Würmer). Im Monitor-Bericht wird deutlich, wie sich Karstadt (laut T-Online im letzten Jahr mit einem operativen Verlust von 272 Milionen Euro, angeblich inzwischen wieder mit Gewinn) durch sehr seltsame Mietverträge und dubiose »weiche Kosten« selbst das Wasser abgräbt (dazu weiter unten ausführlicher). Übrigens sind seltsame Mietverträge eine Spezialität von Oppenheim-Esch, davon kann der Kölner Rathaus-Klüngel ein Lied singen.




Bis 31. Dezember 2008 gehörte auch der wegen Steuerhinterziehung verurteilte ehemalige Aufsichtsratsvor-sitzende der Deutschen Telekom Klaus Zumwinkel (hier im Bild mit René Obermann, seit November 2007 Telekom-Vorstandsvorsitzender und offiziell mit Maybrit Illner zusammen) zum Arcandor-Aufsichtsrat. (Seit 2002 nimmt er, wie – weiter unten erwähnt – auch Ted Turner, regelmäßig an den Bilderberg-Konferenzen teil. (Weitere frühere Posten als Aufsichtsrat: Allianz, Deutsche Lufthansa und Morgan Stanley
Am 26. Januar 2009 wurde Klaus Zumwinkel von der 12. großen Strafkammer des Landgerichts Bochum wegen Steuerhinterziehung zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Zugleich erteilte das Gericht eine Bewährungsauflage, nach der ein Geldbetrag in Höhe von einer Million Euro zu zahlen ist. Zumwinkel hatte gestanden, über eine Stiftung in Liechtenstein Steuern in Höhe von knapp 970.000 Euro hinterzogen zu haben. Laut Anklage soll Zumwinkel in den Jahren 2001 bis 2007 sogar Abgaben in Höhe von 1,2 Millionen Euro hinterzogen haben. Bezüglich des Jahres 2001 ließ das Gericht die Anklage allerdings nicht zur Hauptverhandlung zu, weil die Tat verjährt war und die Verjährung nicht rechtzeitig unterbrochen wurde. (Ein Ermittlungsrichter hatte Beschlüsse 12 Stunden zu spät ausgefertigt. Quelle: Wikipedia) Zumwinkel kündigte an, Deutschland zu verlassen, um auf Castello di Tenno zu residieren. Zur Diskussion um ausgezahlte Pensionsansprüche und Bonus-Zahlungen siehe Wikipedia.


- Und als dritter im Milliarden-Skat sitzt Thomas Middelhoff am Tisch. Gegen den ermittelt inzwischen die Essener Staatsanwaltschaft (Essen ist Arcandor-Sitz). Von 1986 bis 2002 war Middelhoff bei der Bertelsmann AG. In den vier Jahren seiner Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender (1998 bis 2002) verdoppelte er den Umsatz der Bertelsmann AG (von denen hab’ ich auch was). In seine Zeit bei Bertelsmann fallen der Aufbau der RTL Group, der Kauf von Random House, die Pleite der Musikbörse Napster und der Verkauf von AOL Europe (7,5 Millarden – der höchste Gewinn bis dahin in der Geschichte des Internets) an den Konkurrenten Time Warner.


ein kurzer Ausflug über den großen Teich:


Á propos Time Warner: Da ist Jane Fonda gleich um die Ecke, die Tochter von Henry und Schwester von Peter Fonda. Henrys Tochter war mal mit Ted Turner verheiratet, und zwar von 1991 bis 2001. Der ist mit 7.500 qkm – dreimal so viel wie das Saarland, das wird Heinz Becker aber nicht stören – der größte private Grundbesitzer der USA und Mitglied der Bilderberg-Gruppe. (Der Bilderberg-Link führt zur Hompage eines Teils des Forschungsprojektes »Wem gehört die EU?« am Institut für Soziologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der Wikipedia-Link findet sich weiter oben bei Klaus Zumwinkel.)

siehe dazu:
- Wem gehört die EU? (Hans-Jürgen Krysmanski, Studie im Auftrag der PDS-Delegation in der Konföderalen Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL) im Europäischen Parlament, gefunden bei Tadema, online gestellt am 02.08.2006 – PDF)



Nachdem sein Versuch gescheitert war, den US-amerikanischen Fernsehsender CBS aufzukaufen, übernahm Ted Turner 1986 von Kirk Kerkorian (der hatte mal seine Finger bei Daimler-Chrysler, General Motors und Ford drin) für einen Kaufpreis von 1,5 Milliarden Dollar das Hollywood Filmstudio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) und dessen Tochterfirma United Artists. Dabei hätte er sich fast verschluckt. Im Jahre 1996 fusionierte Time Warner mit Ted Turners Turner Broadcasting System (TBS). Und während der Dotcom-Blase 1999/2000 fusionierte AOL mit Time Warner.



zurück nach Deutschland:

Middelhoff verließ Bertelsmann 2002 mit einer zweistelligen Millionen-Abfindung, weil er sich mit Firmenpatriarch Reinhard Mohn nicht über eine Zukunftsstrategie einigen konnte. Als Vertrauter von Madeleine Schickedanz wurde Thomas Middelhoff im Juni 2004 als Vorsitzender des Aufsichtsrates der KarstadtQuelle AG bestellt und übernahm im Mai 2005 den Posten des Vorstandsvorsitzenden, nachdem sich KarstadtQuelle in einer existenziellen Schieflage befand. Er stabilisierte Arcandor, indem er das Tafelsilber verkaufte: danach war Karstadt Mieter in den eigenen Häusern. Am 1. März 2009 wurde er in seiner Position als Vorstandsvorsitzender der Arcandor AG und der Thomas Cook Group von Dr. Karl-Gerhard Eick, dem ehemaligen stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom AG, abgelöst.





Im Februar 2009 gründete Thomas Middelhoff [Link zur Financial Times] mit Roland Berger und Florian Lahnstein in London die Investmentgesellschaft Berger Lahnstein Middelhoff & Partners LLP (BLM), deren Chairman Middelhoff seitdem ist. Das Unternehmen sucht unterbewertete Firmen, um dort einzusteigen.


Roland Bergers Strategy Consultants ist heute mit 36 Büros in 25 Ländern Nr. 4 der weltweit größten Strategieberatungen und berät international führende Industrie- und Dienstleistungsunternehmen sowie öffentliche Institutionen. Die Gesellschaft beschäftigt rund 2.000 Mitarbeiter, die 2007 einen Umsatz von mehr als 600 Mio. EUR erwirtschaftet haben.

Roland Berger ist Mitglied verschiedener Aufsichts- und Beiräte von nationalen und internationalen Unternehmen, Stiftungen und Organisationen, u. a. Fiat Group, Turin, Italien; Telecom Italia, Mailand, Italien; Fresenius SE (Vorsitzender des Prüfungausschusses), Bad Homburg; Prime Office AG, München (Vorsitzender); FC Bayern München. Außerdem gehört er International Advisory Boards an, etwa der Deutschen Bank AG, Frankfurt a.M.; von MillerBuckfire New York, USA; der Sony Corporation, Tokio, Japan, und The Blackstone Group, New York, USA.
(Angaben nach Frankfurt School Cenference 2009)



Florian Lahnstein ist der Sohn von Manfred Lahnstein, letzterer sitzt auch im Aufsichtsrat von BLM. Er war Chef des europäischen Investmentbanking von Bear Stearns sowie Chef des deutschen Investmentbanking bei UBS. (Link zu einer etwas seltsamen Meldung von Markt und Mittelstand aus dem Juli des letzten Jahres, da firmiert Florian Lahnstein noch als Vorsstandschef der Germany 1 Acqusition Limites, zu der auch »Arcandor-Chef Thomas Middelhoff und der Unternehmensberater Roland Berger berufen worden« sind.)


Manfred Lahnstein war 1982 Bundesminister der Finanzen und Bundesminister für Wirtschaft und bis 2004 für Bertelsmann tätig. Sein Sohn Florian über die Aussichten der BLM: »Wir haben Zugänge in Deutschland wie kaum ein anderer.« Link zu Finanztreff.de)











Im Februar 2009 wurde auch Wolfgang Clement, ehemaliger nordrhein-westfälischer Minsterpräsident (1998-2002), in den Aufsichtsrat der BLM berufen. Dieser ist seit September 2008 auch Vorsitzender des EU-Russland-Forums und seit April 2009 auch Mitglied im Aufsichtsrat des russischen Beratungsunternehmens Energy Consulting. Neben vier Untersuchungsausschüssen gegen ihn während seiner Amtszeit als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen gab es weitere Kritikpunkte: Der Umzug der Staatskanzlei aus den bisherigen Liegenschaften in das mondäne Düsseldorfer Stadttor wurde als überflüssig und überteuert bewertet. Besonders brisant wurde die Affäre, als bekannt wurde, dass ein Clement-Vertrauter den Umzug geleitet und dafür Aufträge in Millionenhöhe erhalten hat. Nachdem er den umstrittenen Braunkohletagebau Garzweiler II genehmigt hatte, trat Clement anschließend einen Aufsichtsratsposten beim Tagebaubetreiber RWE Power AG an.




So, die drei Zocker sitzen also am Tisch. Um was geht’s nun bei dem Spiel? Wolfgang Urban handelte mit Josef Esch einen Deal aus: Karstadt verkaufte fünf seiner großen Häuser für sehr wenig Geld an Oppenheim-Esch, um sie nach deren Sanierung für sehr viel Geld zurückzumieten. (Der Vollständigkeit halber: Privatmann Urban hat bei Oppenheim-Esch sein Geld angelegt, und Josef Esch ist der Vermieter von Urbans Villa bei – na wo wohl? – Köln!)


Bei dem Geschäft Urban-Esch fallen zwei Dinge auf:


1. Der Oppenheim-Esch-Fonds hatte zum Beispiel das Karstadt-Gebäude in Leipzig für 10,4 Millionen Euro gekauft. Die Jahresmiete beträgt allein 11,3 Millionen, über 20 Jahre (Vertragslaufzeit), steigend. Die Miete in Leipzig macht 16% des Umsatzes aus, doppelt so viel üblich. Der Monitor-Experte sieht bei solchen Bedingungen keine Möglichkeit, ein Kaufhaus rentabel zu betreiben. Genauere Zahlen bei Karl Martell:


»In München betrug die Garantiemiete 23,2 Prozent vom Umsatz, in Leipzig 19,6 Prozent, in Potsdam 16,4 Prozent und in Karlsruhe 14,5. Schon bei einem Verhältnis Umsatz zu Miete von zehn Prozent, so Einzelhandelsexperten, beginne die sogenannte Todeszone, in der ein Warenhaus die Miete gemeinhin nicht mehr erwirtschaften könne.«

2. Bei Gesamtinvestitionskosten von 180 Millionen Euro tauchen 44 Millionen Euro »weicher Kosten« auf, also 25%. Die setzen sich wie folgt zusammen:

Man achte dabei auf die Posten für die Geschäftsführung (sowohl für Esch wie auch für Oppenheim) und dann für die Mietervermittlung (Karstadt stand als Mieter ja von vorneherein fest): zusammen 42 Millionen Euro.

Hier wird mit einem Riesen-Besen gekehrt, da bleiben schon ein paar Krümel liegen.

Jetzt zu Thomas Middelhoff: Der erfuhr 2004 als Vorstandsvorsitzender bei Arcandor – zumindest offiziell – von den Geschäften mit Esch. In einem 22-seitigen Gutachten, das der ehemalige Syndikus des Konzerns, Bernd-Volker Schenk, mit Datum vom 8. November 2006, an Middelhoff schickte, rügte dieser, daß weder die Kaufpreisfestsetzung noch Teile der so genannten weichen Kosten nachvollziehbar seien. Wenn die Gegenseite aus der Vereinbarung aussteige, »muss sie mindestens die Erträge an KarstadtQuelle zahlen« – nach Schenks Berechnungen, inklusive einiger Nebenansprüche, mehr als 110 Millionen Euro. Der Vorstand der KarstadtQuelle AG müsse deshalb »mit Herrn Esch vor Eintritt der Verjährung entweder ein Verhandlungsergebnis erzielen oder aber die Forderung verjährungsunterbrechend gerichtlich geltend machen« – also klagen [Quelle: SPIEGEL Online]. Jedoch ging Middelhoff nicht gegen Esch vor. Das wundert nicht. So hatte er nämlich Josef Esch schon vor vielen Jahren zu seinem persönlichen Vermögensverwalter gemacht und besitzt selbst Anteile an fast allen Oppenheim-Esch-Fonds, die mit Karstadt die Geschäfte gemacht hatten. Rund 7,4 Millionen Euro hat Middelhoff allein für Karstadt in Leipzig angelegt, noch mal 7,4 Millionen seine Ehefrau.


Übrigens: Seit 2007 ist Middelhoff Mitglied der von Bundesminister Sigmar Gabriel anlässlich der CBD-COP9 ins Leben gerufenen Naturallianz, die sich für den Erhalt der biologischen Vielfalt einsetzt. Und im Oktober 2007 wurde Middelhoff von der Universität Bayreuth mit dem Vorbildpreis ausgezeichnet.

Let's make MONEY - DVD ab 18.06. im Handel. {2:03}


letsmakemoneyfilm
Am 02.10.2008 veröffentlicht
"Wenn es einen Film gibt, der eine Revolution auslösen kann, dann dieser." [CINEMA] 
http://www.lets-make-money.info
Ab 18.Juni 2009 auf DVD erhätlich.
Mit seinem Dokumentafilm "Let's make MONEY" folgt der Filmemacher Erwin Wagenhofer (WE FEED THE WORLD) der Spur unseres Geldes im weltweiten Finanzsystem und blickt dabei hinter die Kulissen der bunten Prospektwelt von Banken, Investmentmanagern und Versicherern.
"Let's make MONEY" ist ein bewegender Film, der aufgrund der aktuellen Bauchlandung der Finanzbranche nicht nur topaktuell ist, sondern auch Hintergründe und Zusammenhänge liefert, die uns die Probleme unserer Finanzwelt in eindrucksvollen Bildern vor Augen führt.
Ab 18.Juni 2009 auf DVD erhätlich.
Weitere Informationen zum Film unter:
http://www.lets-make-money.info


Und zum Schluß blenden wir zu Franz-Walter Steinmeiers Verzweiflungs-Wahlkampf zurück (Bericht 1 der Monitor-Sendung). O-Ton Steinmeier: »Und wir haben in unserem Regierungsprogramm deshalb noch mal sehr genau an den Artikel 14 erinnert, dick unterstrichen, was dort da steht: Eigentum verpflichtet, steht nämlich dort.« Monitor: »Die SPD will die sogenannte Reichensteuer. Das heißt, die Reichen sollen mehr zahlen auf ihr Einkommen, aber nicht auf ihr Vermögen. Eine Vermögensteuer schließt Steinmeier aus.« (Klar, wir leben ja im Zeitalter der Globalisierung, viele Reiche würden dann in Steueroasen auswandern.)

Dann wird der Millionär Klaus Barski vorgestellt. Der mag die SPD nicht. Angst vor der Einkommenssteuer hat er aber nicht. Klaus Barski geht es gut, auch in der Krise – er hat nie mit Aktien spekuliert. Er lebt von seinem Immobilienvermögen. Das schätzt er auf fünf Millionen Euro. Sein letzter Einkommmensteuer-Bescheid betrug 2.300 Euro. O-Ton Barski: »Und dann habe ich dieses Haus, habe ich wie gesagt, gekauft für knapp 70.000 Mark und dann für eine halbe Million wieder verkauft. Und das war dann der weitere Grundstock, um wieder in die nächsten Häuser einzusteigen. Mein erstes Mietshaus. Sehe ich immer wieder gern. Muss man nur aufpassen, dass es nicht umkippt.« Reporter: »Zahlen Sie da Steuern, wenn Sie das Haus verkauft haben?« Barski: »Ne, bei dem Haus habe ich natürlich keine Steuern bezahlt, aus dem einfachen Grund, … ich habe es Jahrzehnte besessen und nach zwei Jahren hätte es schon gereicht, … steuerfrei das Haus für … hätte ich es für zehn Millionen verkauft, ich hätte keinen Pfennig Einkommensteuer … Das war ja das Geheimnis der großen Spekulanten hier.«


DieStory 21.11.2011 Adel vernichtet - Untergang des Bankhauses Oppenheim {42:45}


Bewußtseinonlinemag
Am 24.11.2011 veröffentlicht
DieStory 21.11.2011 Adel vernichtet - Der bemerkenswerte Untergang des Bankhauses Oppenheim WDR
Wer nichts weiß muss alles glauben ...
http://bewusstsein-online.de
http://www.youtube.com/user/Bewusstse...
http://www.facebook.com/pages/bewusst...
DieStory 21.11.2011 Adel vernichtet - Der bemerkenswerte Untergang des Bankhauses Oppenheim WDR

siehe auch:
- Hungergeister (Post, 08.05.2008)

zuletzt aktualisiert am 04.03.2016



60 Jahre Bundesrepublik – Quo vadis, Deutschland?

Nur mehr knapp ein Drittel der Deutschen (31 Prozent) glaubt, heute noch in einer Wohlstandsgesellschaft zu leben. Mehr als doppelt so viele (66 Prozent) aber wünschen sich für die Zukunft eine "Sozialgesellschaft", in der der Staat die Bürger vor Not, Armut und Arbeitslosigkeit schützt und "sozial absichert" sowie allen eine individuelle Zukunftsvorsorge ermöglicht.

Dies geht aus einer aktuellen Repräsentativbefragung der Stiftung für Zukunftsfragen hervor, bei der 2.000 Teilnehmer ab 14 Jahren befragt wurden. "Die Deutschen wollen nach wie vor ein sicheres Einkommen haben und sorgenfrei und ohne Zukunftsangst leben können", so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Wissenschaftliche Leiter der Zukunftsstiftung. "Sie erwarten, dass der Staat seine Sicherheitsversprechen einlöst, und hoffen auf mehr soziale Gerechtigkeit."

Denn nur drei Prozent glauben, in einer Zivilgesellschaft zu leben, in der Freiheit, Gleichheit und Sicherheit garantiert und gelebt werden können. 39 Prozent finden, dass sie in einer Klassengesellschaft leben, in der das Wohlstandsgefälle wächst und die soziale Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Insbesondere die Landbewohner sähen sich benachteiligt, weil die Grundversorgung vom Nahverkehr bis zur ärztlichen Versorgung nicht mehr gewährleistet sei. Und auch die Ostdeutschen fühlten sich – zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung – ausgegrenzt, weil Arbeit und Wohlstand zunehmend in den Westen wanderten.

Politisch programmatische Leitbilder wie die Bürgergesellschaft (5 Prozent) und die Wissensgesellschaft (9 Prozent) sind bei den meisten nicht angekommen. Vor allem präsent ist dagegen die Leistungsgesellschaft (39 Prozent). Für die Zukunft wünschen sich die Deutschen eine Sozial-, Generationen- und Hilfeleistungsgesellschaft. Statt Erlebnis und Konsum ist Wohlfühlen gefragt. Motto: Weniger ist mehr. Quelle: Stiftung für Zukunftsfragen

aus Der niedergelassene Arzt 5/2009

Schwindel – Mit Bewegung Stürze vermeiden

Wer unter Schwindel leidet, fällt eher hin. Das Sturzrisiko kann man jedoch durch gezieltes körperliches Training deutlich reduzieren. Dasfanden Wissenschaftler des Departments Sportwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) heraus. Für das Gleichgewicht des Menschen sind vier Systeme verantwortlich, die ständig Informationen über den Gleichgewichtszustand an das Gehirn senden: zwei Gleichgewichtsorgane im Innenohr, das visuelle System, das System der Körperwahrnehmung sowie das System der Informationsverarbeitung. Fällt ein Gleichgewichtsorgan im Innenohr aus, leidet der Patient unter Drehschwindel und Übelkeit sowie einer Fallneigung mit möglichen Stürzen.

Die Ursache der Erkrankung ist allerdings weitgehend unbekannt und bis heute gibt es keine wirksame Therapie. Um Patienten mit geschädigtem Gleichgewichtsorgan dennoch zu helfen, haben die MLU-Wissenschaftler eine besondere Behandlungsmethode entwickelt. "Bei einer Schädigung des Gleichgewichtsorgans müssen die drei intakten Systeme idealerweise die Funktion des ausgefallenen Organs übernehmen", sagt Andreas Lauenroth, der zu dem Thema seine Doktorarbeit verfasste. Durch ein bewegungstherapeutisches Rehabilitationsprogramm können die drei intakten Systeme so sensibilisiert werden, dass den Patienten die alte Standsicherheit zurückgegeben und damit die Sturzgefahr reduziert wird.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Therapie keine Regeneration der erkrankten Gleichgewichtsorgane ermöglichte. Der Erfolg ist also auf eine bessere Informationsverarbeitung im Gehirn zurückzuführen, die durch das Training erreicht wurde. Die Erkenntnisse sollen jetzt in die Arbeit des Netzwerks Altersforschung der Uni Heidelberg einfließen. Quelle: Martin-Luther-Universität Wittenberg

aus Der niedergelassene Arzt 5/09

Mittwoch, 10. Juni 2009

Raubtierkapitalismus und kranke Bankangestellte

Gefunden auf Frau Neumanns Seite, Link direkt zu der taz

Medizin-Standesfürsten und die Medizin

Kommentar von Kollegin Neumann zu untenstehendem Link:

Bundesärztekammerpräsident Hoppe will rationieren. So weit so gut. Aber dass dies derart ignorant, gedankenlos auf Stammtischniveau geschieht, ist eine Schande:

„Wunschmedizin ist, wenn man beim Genuss von Speisen und Getränken keine Abstriche machen will, aber Medikamente braucht, damit die Magenschleimhaut das auch verträgt. Da muss man dann ehrlich sein und dem Patienten sagen, dass er das selbst bezahlen oder auf Alkohol und fettes Essen verzichten muss.'"...Bei zu hohen Cholesterinwerten kann man auch eine Diät machen. Medikamente sind nur in Ausnahmefällen nötig. Die Menschen müssen bei der Erhaltung ihrer Gesundheit mitwirken, damit das System möglichst wenig in Anspruch genommen wird.“

So spricht ein Angehöriger der oberen Schicht, der anscheinend noch nie was davon gehört hat, dass Alkohol und Übergewicht zum Beispiel schicht- und bildungsabhängig ist oder mit längerer Arbeitslosigkeit korreliert – das ist ja so einfach, das als Willenssache hinzustellen! Das ist schick, das gibt Missfelder-Applaus vom Stammtisch (genau da!) Wenn (laut Robert-Koch-Institut) lediglich 8.2% der 11-15-jährigen Jungen aus wohlhabenden Familien Übergewicht haben, aber 15,8 % derselben Altersgruppen aus armen Verhältnissen, dann sollte man das Maul nicht zu sehr aufreißen (Bei den Mädchen ist das Verhältnis 3.7% zu 9,4%. Wenn man mit 1 Dollar 250 Kalorien an Karotten aber 1200 Kalorien an Keksen kaufen kann, wenn die Morbiditätsquote bei länger als 12 Monaten arbeitslosen Männern bei 59,7% liegt, bei den Erwerbstätigen bei 27,7% und, und und…. dann sollte ein Ärztekammerpräsident mal sein Auge auf den Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit legen und nicht von Diät schwadronieren. Aber – wie titelt Bettina Schmidt in ihr sehr lesenswertes Buch:

Eigenverantwortung haben immer die andern.

Da fällt mir ein, dass immer noch niemand mein Referat „Gesundheit – soziale Ungleichheit – Eigenverantwortung“ abgerufen hat….


Zum Interview mit Hoppe bei FR-Online
 

Donnerstag, 28. Mai 2009

Streichelnetzwerk entdeckt

GÖTEBORG – Beruhigung, Schmerzlinderung, Wohlbefinden – all das kann ein sanftes Streicheln der Haut bewirken. Schwedische Forscher liefern jetzt Gründe dafür. Die Haut ist von einem Netzwerk C-taktiler Nerven durchzogen, die gezielt auf Streicheln reagieren. Sie schicken ihre Signale direkt in das Hirnareal, in dem positive Gefühle verarbeitet werden. NATURE NEUROSCIENCE berichtet, dass Probanden feinste Elektroden in die Unterarmhaut gestochen wurden, sodass jede das Signal einer einzelnen Nervenfaser registrierte. Anschließend streichelte ein Roboter mit einem weichen Ziegenhaarpinsel in einer genau festgelegten Geschwindigkeit und mit speziellem Druck über die Haut der Teilnehmer. Ein Teil der Testpersonen sollte angeben, welche Druck-Geschwindigkeit-Kombi am angenehmsten war. Genau in dem Geschwindigkeitsbereich, der am positivsten empfunden wurde, feuerten die CT Fasern am stärksten. Das "Streichelnetzwerk" dient dazu, soziale Nähe zu vermitteln und einen Gegenpol zu Schmerzreizen zu schaffen, vermuten die Forscher.
Der Kassenarzt 9/2009

Draufgängern genügen Placebos

MONTREAL – Je mutiger ein Mensch, desto empfänglicher für Placebos. Dies stellten kanadische Wissenschaftler von der McGill-Universität fest, so NEW SCIENTIST. Hierzu testeten sie an Probanden eine wirkstofffreie Creme die sie als schmerzlindernd ausgaben. Der Schmerz wurde durch eine Salzlösung ausgelöst, die man den Testpersonen in die Beine injizierte. Außerdem führte man einen Persönlichkeitstest mit den Teilnehmern durch, um ihre Abenteuerlust einzustufen. Je abenteuerlustiger, desto besser half die angeblich lindernde Creme gegen die Schmerzen. Die Forscher führen dieses Ergebnis auf eine höhere Empfindlichkeit der Personen auf Dopamin zurück. Allein die Vorstellung, dass der Schmerz nachlässt, aktiviere das Belohnungszentrum und sorge für das angenehme Gefühl, dass ein Ziel erreicht ist.
Der Kassenarzt 9/2009

Dicke schaden dem Klima

LONDONÜbergewicht ist ungesund, auch für die Umwelt. Phil Edwards und Ian Roberts von der School of Hygiene and Tropical Medicine fanden heraus, dass eine schlanke Gesellschaft eine Gigatonne weniger CO2 ausstößt als eine fettleibige Bevölkerung. Im INTERNATIONAL JOURNAL OF EPIDEMIOLOGY erläutern die Forscher, dass dünne Menschen, zum Beispiel in Vietnam, weniger essen. Weniger Lebensmittelproduktion bedeutet weniger Treibhausgase. Darüber hinaus verbrauche der Transport von Dicken mehr Energie. "Wenn man sich in einem schweren Körper bewegt, ist es, als wurde man mit einem Spritfresser durch die Gegend fahren", schreibt das Fachmagazin. Auch die Abhängigkeit von Autos steige mit dem Körpergewicht. Die Wissenschaftler fordern auf, Übergewicht als "Schlüsselfaktor" für den Klimaschutz zu erkennen.
Der Kassenarzt 9/2009

Montag, 25. Mai 2009

Geriatrie – Frauen leben länger, sind aber kränker

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen ist in den meisten Ländern höher als die von Männern. Dafür sind alte Frauen 2,5-mal so oft pflegebedürftig wie gleich alte Männer. In einer Studie des Duke Medical Center wurde eine Population von 888 Menschen im Alter über 65 Jahren untersucht. Der Geschlechtsunterschied in der Pflegebedürftigkeit ist zu 48% auf Gelenkerkrankungen (Arthrose und Arthritis) sowie auf Übergewicht zurückzuführen. Vor allem während Schwangerschaften und in der Menopause neigen Frauen dazu, bleibende Extrapfunde zuzulegen. Jedes Kilo Übergewicht geht mit Verlust an Lebensqualität im Alter einher, so die Forscher.
Annual Scientific Meeting of the American Geriatric Society, Chicago, 29.4-2.5.2009
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 20/2009

Schröpfen gegen das Karpaltunnelsyndrom

Schröpfkopfmassage, unblutig. Mit der blutigen Variante, bei der vor dem Aufsetzen der Schröpfköpfe die Haut leicht angeritzt wird, kann bei Karpaltunnelsyndrom geholfen werden.















Die Wirksamkeit des blutigen Schröpfens beim Karpaltunnelsyndrom konnte erstmals belegt werden. Häufig ist die Brachialgie mit Nacken- und Schulterschmerzen assoziiert. Forscher der Universitat Essen haben sich diese Verbindung zwischen Handgelenk und Schulter zunutze gemacht. In einer randomisierten kontrollierten Therapiestudie wurden 52 Brachialgiepatienten in zwei Gruppen unterteilt Eine Gruppe wurde im Schulterbereich blutig geschröpft – dabei werden die Schröpfköpfe an Hautstellen angesetzt, die zuvor mit einer kleinen Kanüle oder Lanzette eingeritzt wurden –, die Kontrollgruppe bekam eine Wärmetherapie. Nach sieben Tagen gingen die Beschwerden (Schmerzen in Schulter und Hand, Kribbeln, Taubheitsgefühl) der Schröpfgruppe um 60 Prozent zurück, in der Kontrollgruppe nur um 23 Prozent. Der Wirkmechanismus basiert vermutlich auf dem Prinzip der Reflexzonen. Das Schröpfen fördert die Durchblutung und muskuläre Spannungslösung in einem bestimmten Areal – hier im Schulterdreieck. Dies wiederum habe günstige reflektorische Effekte auf den betroffenen Nerv, so die Naturmediziner.
aus Der Kassenarzt Nr./2009

Arzthonorare

Wir haben für Allgemeinarzt-Leser eine neue Tabelle gebaut. Tatsächlich stehen die Radiologen bei den Umsätzen an der Spitze mit den fachärztlich tätigen Internisten. Die Hausarztinternisten dagegen rangieren nur knapp vor den Allgemeinärzten. Sehen wir uns dagegen die Gewinne an, ändert sich das Bild an der Spitze: Nach Abzug von Personal- und Praxiskosten bleiben den Radiologen von 402 300 Euro nur 142 300, den fachärztlich tätigen Internisten von 396 500 Euro immerhin noch 225 400. Bei den Allgemeinärzten halbiert sich der Wert nahezu: von 180 500 Euro Jahresumsatz bleiben 100 900 Euro Bruttoeinkommen.

Radiologen stehen gemeinsam mit den Internisten an der Spitze der Arzt-Honorare in Deutschland. Hausärzte landen nach aktuellen Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung abgeschlagen auf Platz 9 und 10. Die rote Laterne halten die Psychotherapeuten auf Platz 13 (nicht in der Graphik). www/kbv.de


aus Der Allgemeinarzt 9/2009




Und noch ein Artikel in der FAZ, auf den ich durch Oster aufmerksam wurde: bei FAZ.NET

Donnerstag, 21. Mai 2009

Auf Sauftour

Wie Harald Martenstein den Vatertag findet
bei ZEIT-Online
Und bei SPIEGEL-Online lüftet Frank Plasberg das Geheimnis von 30, 60 und 95. Wenn wir René Weller nicht hätten: »Meine Frau macht den Haushalt ich mach’ den Rest.« Renée, das war … »SPITZE!«

Mittwoch, 20. Mai 2009

Schmerzforschung – Wer das Risiko liebt, reagiert besser auf Placebo

Ob eine Placebobehandlung Wirkung zeigt, ist möglicherweise auch eine Frage der Persönlichkeit. Einer kanadischen Studie zufolge bestehen bei risikofreudigen Menschen besonders gute Erfolgschancen. Die Forscher hatten 22 Probanden die analgetische Wirkungen von zwei Placebosalben, von der sie eine als Verum ausgegeben hatten, vergleichen lassen. Die Forscher vermuten, dass größere Risikobereitschaft mit einer erhöhten Dopaminsensitivität einhergeht, die wiederum eine verstärkte Placebowirkung beinhaltet.
Journal of Neuroscience 2009;29:4882-87
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 17

Schlafstörungen – Erhöhte Suizidgefahr

Schlafstörungen können auf ein erhöhtes Suizidrisiko hinweisen. Zu diesem Ergebnis kam eine große bevölkerungsbezogene Befragung in den USA. Wenn andere Risikofaktoren für Suizidalität abgezogen wurden, hatten Personen mit Schlafproblemen jeweils ein etwa doppelt so hohes Risikofür suizidale Gedanken und Suizidversuche. Die Autoren empfehlen, Schlafprobleme beim Abschätzen des Suizidrisikos regelhaft mit einzubeziehen.
Wojnor M. et al. International Congress of the World Psychiatric Association, Florenz, April 2009
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 17

Menopause – Akupunktur bei Hitzewallungen nicht wirksam

Für Frauen in der Menopause ist die Akupunktur anscheinend keine wirksame alternative Behandlungsoption bei Hitzewallungen. Die Auswertung von sechs randomisierten klinischen Studien ergab in fünf Studien keine Wirksamkeit dieser Methode gegenüber den Kontrollgruppen. Lediglich eine kleine Studie zeigte positive Effekte der Akupunktur auf Häufigkeit und Frequenz der Hitzewallungen.
Lee et al. Climateric 2009;12(1):16-25
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 17

Dienstag, 19. Mai 2009

Betagter Patient muß ins Krankenhaus – Danach nicht mehr der Alte

Wenn ältere Patienten ins Krankenhaus müssen, stellt das oft einen Wendepunkt dar, von dem aus es abwärts geht. Dass diese Beobachtung für internistische Erkrankungen tatsächlich zutrifft, belegt eine prospektive Beobachtungsstudie mit 678 Teilnehmern mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren. Die Patienten, die z. B. wegen einer Pneumonie oder Herzerkrankung hospitalisiert wurden, wiesen nach der Entlassung einen deutlichen funktionellen Abbau auf, von dem sie sich auch nach zwei Jahren nicht erholten. Dagegen zeigten diejenigen, die sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen mussten, zwar unmittelbar nach Entlassung deutlichere funktionelle Einschränkungen. In der Regel erhalten he sich jedoch danach rasch wieder, ohne dass bleibende körperliche oder geistige Beeinträchtigungen zurückblieben.
Annals of Internal Medicine 2009;150:372-78
MMW-Fortschr. Med. Nr. 16

Führende US-Ärzte fordern: Weniger Industrie-Sponsoring für Fachgesellschaften

In der Fachzeitschrift JAMA haben einflussreiche US-amerikanische Ärzte dazu aufgerufen, die Abhängigkeit medizinischer Fachgesellschaften von Geldern der Pharmaindustrie zu beschneiden. So sollen z. B. die Leiter der Fachgesellschaften gar keine Industriegelder mehr beziehen dürfen. Ebenso soll bei der Erstellung von Leitlinien die Unterstützung durch die Industrie komplett verboten sein. Auch für die Durchführung von Fachkonferenzen wird eine Beschränkung des Einflusses der Industrie gefordert. Einen ersten Schritt in diese Richtung bat man bei der diesjährigen Jahrestagung des American College of Cardiology getan: Kongresstaschen und Haltebänder der Namensschilder waren erstmals nicht mit Firmenwerbung geschmückt – eine Maßnahme, die die Fachgesellschaft etwa eine halbe Million Dollar gekostet hat.
JAMA 2009;301:1367-72
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 16

HIV-Epidemie – Ist das Virus aggressiver geworden?

Bei der Erstdiagnose einer HIV-Infektion haben die Patienten heutzutage niedrigere CD4-Zellzahlen als in den 1980er-Jahren. Häufiger als früher ist bereits die Schwelle für den Beginn einer antiretroviralen Therapie unterschritten. Zu diesem Ergebnis kommt eine amerikanische Studie, die den Zusammenhang bei mehr als 2000 Personen mit kürzlich erfolgter Serokonversion untersucht hat. Dieselbe Tendenz wurde in einer europäische Studie festgestellt – möglicherweise ein Hinweis, dass die Virulenz von HIV zugenommen hat.
Clin Infect Dis 2009;48:1293-95
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 16

Endspiele im Sport – Für Fans lebensgefährlich

Vor drei Jahren hat eine deutsche Studie eine erhöhte Herzinfarktinzidenz während der aufregenden Fußball-WM 2006 nachgewiesen. Nun haben Ärzte die Herzinfarktsterblichkeit in Los Angeles in den Jahren 198o und 1984 unter die Lupe genommen, und zwar jeweils am Tag des Super Bowl-Endspiels und in den folgenden zwei Wochen. Ergebnis: Signifikant mehr kardiovaskuläre Todesfälle 198o und signifikant weniger kardiovaskuläre Todesfälle 1984 als in Zeiten ohne Endspiel. 1980 verlor dasTeam aus L.A., 1984 gewann es.
ACC-Jahrestagung, 29.3.-1.4.2009, Orlando
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 16

Montag, 18. Mai 2009

Wo sind wir?

Was ist mit unserer Demokratie los? Da blogt jemand eine Satire-Seite:

Dann fühlt sich das Innenministerium auf den Schlips getreten (sollte man eigentlich aushalten können). Und dann löscht der Provider die Seite. Wie kommt’s? (Link zu ZEIT-Online)
Nun, das Bundesverwaltungsamt (BVA), zuständig für den Internet-Auftritt des Bundesinnenministeriums, hat sich schriftlich mit der Bitte an den Provider gewandt, die Satireseite umgehend zu sperren, da diese die Originalseite des Ministeriums »nachahme«.
Der Provider hat sein Vorgehen gerechtfertigt. Kann man ja auch gut nachvollziehen.
ZEIT-Online:
Der Gehorsam des Providers erspart dem BVA eine Überprüfung der rechtlichen Grundlage sogar. Zwar ist es verboten, Hoheitszeichen des Bundes zu missbrauchen, doch handelt es sich eher um eine bußgeldpflichtige Ordnungswidrigkeit. Außerdem steht und fällt der Vorwurf der »Nachahmung« mit der Tatsache, ob es sich bei der Seite um offensichtliche Satire handelt oder nicht. Ob die Satire wirklich zu subtil war, um von Jedermann als solche erkannt zu werden, dürfte im Auge des Betrachters liegen. Und im Zweifel hätte ein Gericht dies zu prüfen.
Der Fall zeigt, welchen Einfluss der Staat schon jetzt auf Provider hat. Rechtlich ist weder dem Provider noch dem BVA ein Vorwurf zu machen, auch wenn die Grundlage, auf die sich das Schreiben stützt, dünn ist. Allerdings dürfte das Prozedere all jenen als Bestätigung dienen, die befürchten, Sperrlisten für Kinderpornografie-Seiten seien nur der Wegbereiter für eine Zensur unliebsamer Inhalte.
[…]
Blogger Förster hat seine Seite inzwischen überarbeitet, und sie steht auch wieder im Netz. Allerdings bleibe ein übler Nachgeschmack, wie er schreibt:
Ihm sei es unverständlich, wieso »es Sperrlisten und neue Gesetze braucht, um unbestreitbar schwerstkriminelle Inhalte unzugänglich zu machen, wenn es ein paar Minuten dauert, harmlose Satireseiten mit wenigen Klicks am Tag vom Netz zu nehmen«. (ZEIT-Online)

Wo sind wir also? In einem Land, in welchem es möglich ist, innerhalb kürzester Zeit harmlose Satireseiten abzuschalten und Leuten wegen ein paar Cent zu kündigen (Lidl) und in dem es auf der anderen Seite anscheinend gewaltigen Aufwand braucht, schwerkriminelle Internet-Inhalte zu blockieren und sich die Heuschrecken eine goldene Nase verdienen.

Jetzt fragen wir uns: Wer ist schuld? (Bei uns ist ja immer jemand schuld. Das muß auch so sein, weil man sich sonst letztendlich selbst an die eigene Nase fassen müßte.) Leute sind schuld, die sowas aushalten und mitmachen: Uns geht’s gold (bei ZEIT-Online). Und bei uns in Hannover wollen unsere Politiker einen neuen Landtag bauen, der 45 Millionen Euro kosten soll. Er wird zwar nur ein halbes Dutzend Mal im Monat genutzt, aber wenn man der HypoRealEstate hunderte von Milliarden reinschüttet, kommt’s da auch nicht mehr drauf an. Die sind auch schuld. Und Obama ist auch schuld. Will Guantanamo zumachen und kriegt vom Kongreß kein Geld nicht für. Selbst schuld. Und Arnie Terminator, der ist auch schuld. Will das kalifornische Haushaltsloch stopfen, und die Leute sind dagegen. So geht’s nicht. Bessere Überzeugungsarbeit! 35 Millionen für die Kampagne, bei weitem zu wenig. Arnie, du bist auch schuld.

Ich warte auf die Fragen nach den niedrigen Wahlbeteiligungen. Genügend Wahlen haben wir dieses Jahr ja.

Sie leben vom Lösegeld der Piraten

In Somalia bringt die Seeräuberei einen beispiellosen Aufschwung und die einzige Chance auf einen guten Job

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Von Marc Engelhardt



Schneller Reichtum im Armenhaus: Für junge Somalis bleibt nur die Laufbahn als Pirat.











In der Einfahrt stehen Geländewagen, auf Hochglanz poliert. Wo früher nur windschiefe, strohbedeckte Fischerhütten die Küste säumten, blitzen heute weiß getünchte Villen in der gleißenden Sonne. An der staubigen Küste im Norden Somalias spielen die Kosten keine Rolle mehr: Neureiche Piraten wie Hassan Abdi haben Geld en masse. »Ich habe in wenigen Jahren Hunderttausende Dollar verdient», sagt der Mann. Abdi – dessen Name hier geändert ist – stammt aus Eyl. Das ist eines der berüchtigtsten Piratennester in Puntland, der Region rund ums Horn von Afrika.

In Puntland ist die Piraterie zum mit Abstand wichtigsten Wirtschaftssektor avanciert. Dreißig Millionen Dollar Lösegeld sollen Piraten hier im vergangenen Jahr gemacht haben. Der puntländische Haushalt beträgt etwa zwanzig Millionen.

In Eyl hat sich rund um das Kerngeschäft eine rege Dienstleistungsindustrie entwickelt. Sobald die Seeräuber – das sind selten mehr als zehn Mann – ein neues Schiff gekapert haben, läuft in der Gegend eine wohl geölte Maschinerie an, berichtet ein somalischer Journalist, der nur Abdullahi genannt werden möchte. »Männer ziehen Anzüge und schicke Schuhe an, werfen Laptops in ihre Landcruiser und fahren zum Hafen, um auf die ankommende Besatzung zu warten«, erzählt der Journalist. Die einen erklären sich flugs zu Verhandlungsführern, andere zu Finanzverwaltern. Im Dorf warten Köche darauf, das lukrative Catering für die Geisein zu übernehmen. »Wer schießen kann, übernimmt Wache: gut fünfzig auf dem Schiff, noch mal fünfzig davor.« Jede helfende Hand wird entlohnt, sobald das Lösegeld fließt. Nicht jeder wird reich dabei: Von den Millionensummen, die bezahlt werden, bekommen manche Helfer gerade mal einen Zwanzig-Dollar-Schein ab.

Ein Teil des Lösegelds, erklärt Abdullahi, geht für Schmiergelder drauf: »Da tauchen immer wieder Führer irgendwelcher Gruppen auf, und wenn der Piratenboss glaubt, dass sie eine Gefahr darstellen, bekommen sie etwas ab.« Islamistische Gruppen sind ebenso darunter wie Clanmilizen oder sogenannte Polizisten, die vom Staat schon lange nicht mehr bezahlt werden. »In Somalia wird ständig gekämpft. Wer heute ein Dorf kontrolliert, kann morgen schon wieder verjagt worden sein«, erklärt Abdullahi.

Puntlands Regierung unter Abdirahman Mohamud Farole hat bislang keinen Versuch gemacht, gegen die Piraten vorzugehen. »Die puntländische Regierung profitiert von der Piraterie, direkt und indirekt«, weiß ein Journalist, der für den puntländischen Sender Radio Garowe arbeitet. Auch er will seinen Namen nicht nennen. »Die Piraten zahlen eine Art Steuer an die Behörden, damit sie gar nicht erst versuchen, lästig zu werden«, sagt er. Dass Farole derzeit versucht, westlichen Gebern eine Sondereinheit zur Bekämpfung der Piraterie schmackhaft zu machen, sei eine Farce, sagt denn auch Andrew Mwangura, der ein Seefahrer-Hilfsprogramm in der kenianischen Hafenstadt Mombasa betreibt. »Die sagen: Gebt uns Geld. Und das verschwindet dann irgendwo. Aber wirklich etwas gegen die Piraten unternommen wird damit nicht.« Die 15 Millionen Euro, die Farole fordert, sollten besser zur Wiederherstellung der staatlichen Ordnung in Somalia eingesetzt werden, meint Mwangura.

Selbst wenn der Regierungschef es ernst meinen sollte: In der Bevölkerung hätte sein Plan nur wenig Rückhalt. Denn Männer wie Abdi kurbeln die Wirtschaft an. Sie geben Schnellboote in Auftrag, die von örtlichen Handwerkern aus Fiberglas hergestellt werden. Anstelle von Außenbordern bauen sie Lkw-Motoren ein, die eine Schiffsschraube antreiben. So kommen die Boote richtig auf Touren. Die Piraten kaufen Lebensmittel für die Geiseln und importieren Waffen und Khat, das Rauschkraut, das die Söldner bei der Stange hält. Und sie beschäftigen Hunderte Jugendlicher, die sonst keinen Job hätten.

Einen Teil seiner Lösegelder investiert Abdi in Häuser, Restaurants, Kneipen, Bordelle. Für all jene, die von diesem Aufschwung profitieren, ist Abdi ein Held, einer der dafür gesorgt hat, dass in einer von 18 Jahren Bürgerkrieg und Regierungslosigkeit gezeichneten Region eine Boomtown neben der anderen entsteht. Junge Bewerber stehen Schlange: Für junge Somalis, die nie einen funktionierenden Staat erlebt haben, ist das Piratentum derzeit der einzige Karriereweg. ■

Der Autor ist Journalist und lebt in Nairobi.

»Wir sind Helden«

Alles begann, als ich die Highschool abgeschlossen hatte, auf die Universität wollte und dafür kein Geld da war. Also wurde ich wie mein Vater Fischer in Eyl im Puntland, im Norden Somalias, auch wenn ich davon träumte, für ein richtiges Unternehmen zu arbeiten. Doch dazu kam es nie, weil 1991 die somalische Regierung zerschlagen wurde und das Land zerfiel. Als Fischer auf See wurden wir oft von fremden Booten und Trawlern angegriffen. Wir mussten fliehen, um unser Leben zu retten. So fing auch ich an, Schiffe zu entführen. Ich weiß, man hält uns für Piraten, die sich illegal Geld beschaffen. Wir aber betrachten uns als Helden, die der Armut entkommen. Mit den Entführungen begehen wir in unseren Augen kein Verbrechen, sondern fordern nur ein Wegegeld, da wir seit Jahrzehnten keine Regierung mehr haben, die unser Seegebiet kontrollieren könnte. Wir werden so lange weitermachen, bis es wieder somalische Autoritäten gibt, die unsere Hoheitsgewässer schützen und kontrollieren.

Asad Booyah Abdulahi, 42, Piraten-Anführer vor der Küste Somalias
(aus: »Der Freitag«, 23. April 2009)


aus Publik-Forum 9•2009

Wir lagen vor Madagasakar

Piraten: Symptom des Kapitalismus und romantischer Mythos
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Von Gerhard Armanski


Fast täglich werden Handelsschiffe von Piraten angegriffen. Am Horn von Afrika spitzt sich die Lage zu. 79 Schiffe wurden schon im ersten Quartal dieses Jahres vor Somalias Küste überfallen. Auch im Indischen Ozean häufen sich Überfälle auf Frachtschiffe, Tanker und sogar Yachten.

Piraterie ist von jeher eine gewaltsame Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums, der auf den Meeren transportiert wird. Sie nährt sich von den großen Seehandelsrouten, den Lebensadern des Kapitalismus. Das war schon bei den Piraten in der Karibik so. Zu ihrer Zeit wurden die Gold- und Perlenschätze, die den Kolonien in Südamerika abgepresst worden waren, nach Europa verschifft. Damals feierten die wilden Kerle des Kapitalismus in der Karibik Urständ. Mit zunehmendem Warenhandel blühte die Piraterie erst richtig auf. Die Zeit zwischen 1650 und 1730 galt den Piraten als goldene. Davon leben heute noch romantische oder ironische Verfilmungen, etwa mit Errol Flynn oder Johnny Depp.

Das weltbeste Piratenmuseum auf den Bahamas gibt Auskunft, wie es wirklich war. »Vaterlandslose Gesellen« schlossen mit den legendären Anführern damals regelrechte Verträge. Darin waren der Beuteanteil je nach Rang und die Entschädigung für Verwundungen genau festgelegt. Die zusammengewürfelten Mannschaften hatten kein langes Leben zu erwarten, Ärzte waren selten und sehr begehrt. Im Gegensatz zur Mär vergriffen sich die Piraten an Bord nie an »erbeuteten« Frauen; das hätte deren Wert als geldträchtige Geisel gemindert. Das Entermesser oder der Haken bildeten ihre bevorzugte Waffe. Häufig fuhr man unter falscher Fahne und ließ erst im letzten Augenblick die der Piraten steigen. Der heute bei Kinderfesten so beliebte Totenkopf war eher die Ausnahme; man bevorzugte fantasievolle Eigenprodukte um Tod und Gewalt, gekreuzte blutrote Messer oder einen Galgen, unter dem ein Schatzsack baumelte.

Mythische Träume: Ken Duken als Störtebeker



Im Zeichen des aufkommenden Merkantilismus aber wollten Engländer, Franzosen und Spanier keine ungesetzlichen Übergriffe auf ihre »ordentlich« erworbenen mobilen Reichtümer mehr dulden. Sie patrouillierten in der Karibik und griffen allmählich alle Piraten auf. In wenigen Jahren waren die Seewege »gesäubert«, die Piraten endeten am Galgen oder schlugen sich mit anderen Arbeiten durch. Ihre Geschichte ist damit aber nicht zu Ende. Die Piraten wurden zu mythischen Träumen. Die historische Wirklichkeit, die meist weit weniger edel war als ihre filmischen Abziehbilder, verwandelte sich zur »großen Erzählung«. Auf Kreuzfahrtschiffen singen Passagiere zum Abschied »Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord …« Das Genre spielt den wilden Mythos der Freiheit vor, wie sie der industriellen Gesellschaft verloren gegangen ist. Es mystifiziert ein soziales Außenseitertum, das Unabhängigkeit, Aggression und Sehnsucht nach grenzenloser Weite verbindet. Die andere Seite des Portlebens der Piraterie ist höchst real. Wie die Mafia wird sie zum Subsystem des Kapitalismus. Da haben wir nicht nur die aktuellen Überfälle auf Seetransporter, sondern auch die Produkt-, Internet- oder Wissenschaftspiraterie. Mit solchen Übergriffen kann das System leben, solange sie nicht überhandnehmen. Aber irgendwann hört der Spaß auf, und die »internationale Gemeinschaft« schickt sich an, in den verunsicherten Gewässern wieder Ordnung zu schaffen. ■

Gerhard Armanski, Historiker und Schriftsteller, ist häufig selbst auf den Weltmeeren unterwegs.
aus Publik-Forum, Nr. 9 • 2009

Sonntag, 17. Mai 2009

Vor 55 Jahren: Das Urteil in Brown gegen den Schulbezirk von Topeka

Vor 55 Jahren, am 17. Mai 1954, verkündete Earl Warren, ein Jahr zuvor durch Präsident Eisenhower zum Obersten Richter berufen, die einstimmige Entscheidung des Obersten Gerichts im Fall Brown, dass „getrennte Bildungseinrichtungen von Natur aus ungleich“ sind. Dieses Urteil beendet den auf eine Sammelklage aus dem Jahr 1952 zurückgehenden Rechtsstreit wie auch die lange etablierte Rassentrennung oder Segregation in den öffentlichen Schulen im Süden der USA.

Nach drei Amtsperioden als Gouverneur in Kalifornien wurde Warren 1948 der republikanische Vizepräsidentschafts-Kandidat. Dann kam der Wendepunkt in Warrens Leben: US-Präsident Dwight D. Eisenhower ernannte ihn 1953 zum Obersten Richter der Vereinigten Staaten, zum (Chief Justice) des Obersten Gerichtshofes (Supreme Court). Die meisten Beobachter (auch Präsident Eisenhower) erwarteten von Warren ein vorsichtiges, konservatives Vorgehen, aber das Gegenteil trat ein: Er überraschte durch engagierte Entscheidungen, die großen Einfluss auf die US-amerikanische Gesellschaft haben sollten.

Aus dem Fall Miranda v. Arizona entstand die Regelung, die die Polizei anwies, Verdächtigen bei der Festnahme ihre Bürgerrechte zu erklären. Diese Regelung stieß bei Polizeibeamten, Staatsanwaltschaften, den Justizministern der Bundesstaaten und FBI- Chef J. Edgar Hoover auf Empörung. Der sogenannte „juristische Aktivismus“ des „Warren-Gerichts“ wurde von konservativen Kreisen heftig angeprangert.

Gleich nach der Ermordung von John F. Kennedy ernannte der neue Präsident, Lyndon B. Johnson, Warren zum Leiter einer Sonderkommission (die „Warren-Kommission“), die die Fakten des Attentats sammeln und ermitteln sollte. Schließlich beschloss die Kommission, dass nur der mutmaßliche Attentäter, Lee Harvey Oswald, verantwortlich war. Diese Schlussfolgerung hieß „die Theorie eines einzelnen Schützen“ („the lone gunman theory“). Viele Kritiker blieben skeptisch, denn es gab in dem Bericht der Kommission mehrere Widersprüche, und heute glauben viele Menschen noch an verschiedene Verschwörungstheorien. Unter anderem argumentiert man, es wäre für Oswald unmöglich gewesen, drei Schüsse so schnell nacheinander abzufeuern. Trotz allem blieb Warren fest.

1969 ging Warren in den Ruhestand, obwohl alle Richter des Obersten Gerichtshofs lebenslang amtieren dürfen. Seine Kollegen schätzten ihn als den „Superchef“, obwohl er die Zielscheibe vieler Konservativer war. Zu dieser Zeit gab es in den südlichen Bundesstaaten zahllose Plakate mit der Devise: „Impeach Earl Warren!“ („Enthebt Earl Warren des Amtes!“)

Warren starb 1974 in Washington D. C. und wurde auf dem Nationalfriedhof Arlington beigesetzt.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Schlaganfall: Kein Risiko duch Fußballschauen

Nervenaufreibende Fußballspiele erhöhen nicht das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Darauf weist die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft anlässlich einer aktuellen Studie zur Fußball-WM 2006 hin. Wissenschaftler hatten mit Daten aus dem hessischen Schlaganfallregister untersucht, ob an Tagen mit deutschen WM-Spielen Schlaganfälle überdurchschnittlich häufig auftraten. Eine Studie im New England Journal of Medicine zeigte 2008: Beim Ansehen spanndner Fußballspiele verdoppelt sich das Herzinfarktrisiko.
www.allgemeinarzt.de

Mittwoch, 13. Mai 2009

Benedikt mal wieder!

Er wird als der Papst der klaren und trotzdem manchmal mißverständlichen Worte in die Geschichte eingehen. Im Flüchtlingslager Aida (so wird auch ein neues orales Kontrazeptivum genannt) sprach sich Benedikt XVI. für einen eigenen Palästinenserstaat aus.

Die alten Schwaben!

Auf der Schwäbischen Alb eineArchäologenmannschaft aus Tübingen eine nackiche Frauen-Figur gefunden. Anscheinend konnten die Männer schon vor 35.000 Jahren besser gucken als denken. Und Alice Schwarzer (Seite 2, dritter Absatz) hat wieder was für ihr Pornographie-Museum. (Im SPIEGEL-Online-Artikel steht: Die Forscher sind betört. Wie alt sind die?)

Ich will, daß endlich mal’n nackicher Mann gefunden wird!

Montag, 11. Mai 2009

Gewalt durch Männer, Gewalt durch Frauen: Im Inneren des Walfischs

In der ZEIT Nr. 17 vom 16. April des Jahres schrieb Alice Schwarzer einen Artikel über das Attentat von Winnenden 
(Alice Schwarzer,  Im Inneren des Walfischs, ZEIT Online, 28.04.2009 – inzwischen nur noch für Abonnenten, der gleiche Artikel auf der Seite von Alice Schwarzer)
und ich will es mir nicht verkneifen, obwohl es so billig erscheint: 
Wale sind Säuger, keine Fische!. 
In dem Artikel macht Schwarzer darauf aufmerksam, daß elf der zwölf Getöteten weiblich sind. Die Darstellung der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, das Geschlecht habe bei dem Amoklauf keine Rolle gespielt, ist für Frau Schwarzer absurd und kaum nachzuvollziehen (für mich auch nicht, aber es könnte auch sein, daß zuerst einmal die Angehörigen geschützt werden sollen). Ursprünglich hatte ich darauf einen Leserbrief schreiben wollen, unterließ es aber dann, weil es mir zu anstrengend war meine Betroffenheit über die Art, wie Frau Schwarzer über Männer schreibt, herauszuhalten. Inzwischen gibt es auf »ZEIT-Online« insgesamt 239 Kommentare. Einige sind sehr gut, einige andere zumindest lesenswert.

Vor wenigen Tagen habe ich nun von einem 17jährigen Schüler gehört, der auf seiner Schule Probleme bekommen hat. Dieser Junge, der übrigens ausgezeichnet integriert ist – er ist Klassensprecher, Sanitäts-Helfer und auch in der Energiespar-Kommission der Schule –, hat sich bei einem Kameraden eine Softgun ausgeliehen. Da seine Mutter keine Waffe zuhause haben will, hat er das Gewehr in einer großen Tasche in die Schule mitgenommen und dort im Sanitätsraum in seinem Spind verstaut. Er hatte vor, wenn seine Mutter mal tagsüber nicht da ist, die Softgun mit nachhause zu nehmen und da auszuprobieren. Ein anderer Sanitäter durchsuchte nun auf der Suche nach einem bestimmten Gegenstand auch den Spind dieses Mitschülers, es fiel ihm die große Tasche auf, und jetzt haben wir den Salat: Mehrere Lehrerinnen haben jetzt Angst davor, diesen Schüler zu unterrichten. Dazu kommt, daß sich die Eltern des Jungen vor einigen Jahren haben scheiden lassen, weswegen er die Schulpsychologin aufsuchte. Nun haben sich Direktor und Klassenlehrer an die Psychologin gewendet, damit diese eine Einschätzung abgibt, wie wahrscheinlich ein Amoklauf dieses Jungen ist. Einige Eltern von Mitschülern haben davon Kenntnis erhalten und fordern seinen Schulverweis.


Dieser Vorfall hat mich bewogen, mich doch noch einmal intensiver mit Frau Schwarzers Walfisch-Artikel auseinanderzusetzen. Denn die Schlußfolgerungen, die sie zieht, haben etwas mit den Problemen dieses Jungen zu tun. Meine Schlußfolgerung zuerst: »Gewalt ist das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt.« Der Satz ist von Friedrich Hacker. Ich mache daraus: »Die Verteufelung männlicher Gewalt ist das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt.« Natürlich gibt es männliche Gewalt, genauso wie es weibliche Gewalt gibt. Frau Schwarzers Darlegung, weibliche Frustration und Aggression seien eher nach innen gerichtet, bin ich geneigt, zu folgen, wenngleich sie ignoriert, daß es sehr wohl weibliche Gewalt gibt – und viel mehr als wir das glauben/wahrhaben wollen –, die außengerichtet ist. 

- »Männer immer Täter, Frauen immer Opfer?« (Post, 03.09.2008)
- Gewalt in lesbischen Beziehungen (Post, 15.09.2015)

Der Punkt, auf den ich abhebe: Unsere Gesellschaft hat blinde Flecken. Und nicht nur das, unsere Gesellschaft hat Tabus. Auch wenn der Tabubruch inzwischen zum Volkssport geworden ist (Gottschalk, Pocher, Raab usw.). Heißt: es gibt nicht nur Dinge, die nicht gesehen werden, es gibt auch Dinge, über die nicht oder nur auf eine bestimmte Art und Weise gesprochen werden darf. In den 70er Jahren wurde zum Beispiel Heino – SPD-Mitglied – in die Neonazi-Ecke gerückt. Damals war es für die deutsche Avantgarde tabu, auf Deutschland stolz zu sein. Heute sieht es so aus, als ob es tabu wäre, »Mann« gut zu finden. Jede Woche findet sich in irgend einer Boulvard-Zeitschrift ein Artikel, in dem dargelegt wird, was Männer falsch machen, weshalb sie so verkehrt sind wie sie sind und was sie tun könnten, damit sie ihre Frauen zufriedenstellen können. Gerade heute (Synchronizität?) hat mir eine Patientin (in dieser Form das erstemal in meiner elfjährigen Praxis) mitgeteilt, die Männer täten ihr leid, man fordere heutzutage Multitasking von ihnen. Sie sei sich zwar der Überforderung bewußt, die dies bedeute, trotzdem hätte sie auch gern einen mit Multitasking-Fähigkeiten, und für die perfekte Beziehung, die sie sich wünsche, ginge es wohl nicht darunter. (Sie ist wegen Beziehungsproblemen in Therapie.) Könnte es möglicherweise sein, daß Männer dafür herhalten müssen, die überzogenen Forderungen von Frauen nicht erfüllen zu können und daß männliche Gewalt nur einer von vielen Nebenkriegsschauplätzen ist? (Schwierigkeiten mit Emotionen und Kommunikationsprobleme hatten wir ja schon.)


Wo Alice Schwarzer auf der einen Seite etwas aufdeckt (elf von zwölf Winnenden-Opfer waren weiblich), deckt sie auf der anderen Seite etwas zu. Und es läßt sich mit Fug und Recht fragen: Kommt die Angst der Lehrerinnen vor dem 17jährigen Lausbub nun von der (allseitig breitgetretenen) Männergewalt oder von ihrer Verteufelung?

Zuerst ist zu fragen: Was ist Gewalt? Das würde hier zu weit führen, aber die Frage sollte man/frau sich stellen, wenn man/frau über männliche Gewalt spricht. Wenn wir zum Beispiel von elterlicher oder staatlicher Gewalt reden, reden wir von Formen der Gewalt, die wir nicht infrage stellen. So, wie sich Frau Schwarzer ausdrückt, ist aber jegliche Gewalt abzulehnen.

Tim K. ist nach Frau Schwarzer »an seiner Art, ein Mann werden zu wollen« gescheitert. Aber ich lese nirgendwo auch nur den Ansatz einer Überlegung zur Frage, weshalb er wohl gescheitert ist. Wer hat ihm das Werkzeug, ein Mann zu werden, gegeben? Wer ist an der Erziehung beteiligt gewesen? Spielt die Erziehung keine Rolle? Da waren ja wohl auch Frauen mit beteiligt. Ist die Gewalt, die Tim ausgelebt hat, möglicherweise eine andere Form derjenigen Gewalt gewesen, die er selbst – auf welche Art und Weise auch immer – erlebt hat?


Schwarzer: »… all diese Jungen sind gefährdet. Und sie sind unglücklich. Wir schulden darum … die Wahrheit … auch diesen verirrten Jungen. Die Wahrheit über diese Tat und diese Familie und eine Gesellschaft, in der eine solche Untat wachsen kann. Denn es ist das Wegsehen, das die Tims dieser Welt zur Raserei bringt.« 


Ab einem bestimmten Alter gehört es sich nicht mehr, über Wahrheit zu reden!

Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur falsche Wahrheiten und Geschichten!
Unsere Welt besteht aus Geschichten (Post, 17.12.2015)
Und auch Frau Schwarzer sieht weg. Hat sie jemals etwas über weibliche Gewalt geschrieben, jemals über Frauen, die sie gegenüber Männern nicht in der Opferrolle sieht? Mann = Täter, Frau = Opfer? Ist das Frau Schwarzers Wahrheit, die es endlich in den Köpfen der Männer zu verankern gilt? (und an der frau ja auch recht gut verdienen kann!)
- Alice Schwarzer, Steuerhinterziehung (Wikipedia)
Geht es nicht etwas differenzierter? Ist diese Sichtweise nicht sogar ein Freifahrtschein für alle Opfer? Wenn ich ja Opfer bin, dann darf ich alles, weil es gibt immer einen anderen, der schuld ist.

Männliche Aggressivität ist körperorientierter und aktiver als weibliche. Lassen wir dies einmal etwas pauschal formuliert stehen. Dann sollte es doch Ziel einer Gesellschaft sein, Jungens zu helfen, damit umzugehen anstatt diese Tatsache einfach nur zu verteufeln. Ich kann doch nur mit etwas umgehen, dessen Existenz ich akzeptiere.


Schwarzer: »Sie wollen endlich als Männer wahrgenommen werden, als echte Männer, diese pubertierenden Jungen. Und sei es mit Gewalt.« Nee, falsch, Frau Schwarzer, nicht: und sei es mit Gewalt, sondern mit ihrer Gewalt. Frappiert mußte ich Ende der 70er zur Kenntnis nehmen, wie begeistert Frauen von der Figur des James Bond sind, egal wie reflektiert und wie emanzipiert. Es kann also nicht darum gehen, einem Mann seine männliche Aggression rauszuoperieren. Es muß Ziel sein, diese zu integrieren.

Und von wem Frau Schwarzer überhaupt nicht spricht, sind diejenigen, von denen diese Söhne wahrgenommen werden wollen. 
Was ist mit denen? 
Ich möchte weißgott Alice Schwarzer nicht zur Mutter haben!

Frau Schwarzer tut so, als ob die Männer zunehmend gewalttätig werden, weil ihnen die Frauen die Plätze wegnehmen. 

- Krise bei den jungen Männern (Post, 12.05.2015)
- Philip Zimbardo: The psychology of evil (Post, 11.05.2015)

Herrgottnochmal! Über einen Zeitraum von zigtausenden von Jahren kamen ein halbes Dutzend stinkende,dreckige und blutende Männer erschöpft und mit zerschundenen Knien und einem erlegten Riesenhirschen von der Jagd zurück, und die Clan-Frauen standen da und kriegten feuchte Möschen, weil sie wieder für zwei Wochen was zu fressen hatten. (Diese Tatsache kann man gut finden, die kann man schlecht finden, es ist eine Tatsache!) Das Einzige, mit dem ein Mann heute winken kann, ist seine Chipkarte…


Daß die zunehmende Gewalttätigkeit von Männern damit zusammenhängt, daß die Frauen ihnen die Plätze wegnehmen, will ich noch nicht mal pauschal verneinen, glaube aber, daß der Punkt, der jungen Männern vor allem Schwierigkeiten bereitet, der ist, daß sie sehen, daß ein James Bond zwar für Frauen attraktiv ist, der Weg dahin aber durch Frauen tabuisiert wird. Ich behaupte, Frauen lieben aggressive Männer, die ihre Aggressivität zu steuern imstande sind, aber sie stehen nicht dazu, bzw. es wird nicht darüber geredet.


Bei einem Vortrag (Wieviel Sex ist zu viel Sex?, HAPP Hannover, 28.08.2013) bekam ich auf meine Frage, weshalb wir hier nur über Männer sprächen, vom Vortragenden die Antwort, an der Internet-Studie, bei der die Probanden ihre Angaben anonym machen konnten, hätten sich fast nur Männer beteiligt…


Ich habe gerade einen Mann in Therapie bekommen, der stolz darauf ist, daß seine Frau seine Bravheit liebt. Nur verläßt sie ihn gerade, weil er uninteressant geworden ist. Und sie sagt nicht, was er falsch gemacht hat…


Schwarzer: »Männer erschrecken vor sich selbst beziehungsweise der Spezies, zu der sie gehören; Frauen erschrecken vor der (potenziellen) Gewalt von Männern. Dieser Amoklauf ist in der Tat eine Lektion für alle Männer und Frauen: als (potenzielle) Täter beziehungsweise Opfer. Denn auch alle Mädchen werden verstanden haben: Die Nichtbeachtung oder Zurückweisung eines Jungen kann heutzutage lebensgefährlich sein.«


Jemandem, der vor sich selbst nur erschrickt, werden wir Schwierigkeiten haben, beizubringen, wie er (und auch sie) mit diesem Schrecken, den er mit sich herumträgt, umgehen kann. Und wie hysterisch Frauen mit Tatsachen umgehen, die, mit etwas mehr Nachsicht und Gelassenheit, nur als harmlos angesehen werden können, sehen wir am Beispiel des oben geschilderten 17Jährigen.


Was uns zu denken geben sollte, ist, wie wir im gesellschaftlichen Diskurs mit den unterschiedlichen Geschlechterrollen umgehen. Ich erinnere an die Literaturempfehlungen aus der ZEIT für Mädchen und Jungen: Mannsbilder und Weibsbilder. Da ist doch der Gang zum Psychotherapeuten vorprogrammiert. Ich verkürze: Jungs, seid möglichst schräg, Mädels, sucht Euch möglichst schräge Jungs.


Schwarzers Fazit: Der Walfisch, in dem wir sitzen, heißt »Gewalt gegen Frauen«. Nein, Frau Schwarzer, diese Gewalt kann man sehen. Und wenn man sie sieht, kann man, wie auch immer, mit ihr umgehen. Es muß im Gegenteil heißen: der Wal, in dem wir sitzen, heißt »Gewalt gegen Männer« (in Form von fehlender Anerkennung), denn diese wird nicht zur Kenntnis genommen. Schwarzers Fazit lautet: erschrecken, tabuisieren und wegoperieren. Mein Fazit lautet: entdämonisieren, vertrauen und integrieren.


siehe auch:

- Amoklauf von Winnenden II. – Das lauernde Böse (Arne Hofmann, Eigentümlich frei, Hervorhebungen von mir)
Zitat:
Das einzige, was Schwarzer mit ihrem Schnellschuss gelungen war, war einmal mehr die enorme Faktenresistenz des Feminismus zu belegen.

Insgesamt fiel bei der hitzigen Debatte nach dem Amoklauf dasselbe auf, was schon bei den Reaktionen von Politik und Medien aufgefallen war, nachdem im Juni 2008 der verheerende Nationale Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz bekanntgegeben worden war. Jeder hatte ein Patentrezept anzubieten, aber alle schienen den Elefanten nicht zu sehen, der da mitten im Raum stand: Der Bildungskrise fallen ebenso weit überwiegend Jungen zum Opfer wie Amokläufer weit überwiegend junge Männer sind.

mein Kommentar:

Als Pschotherapeut bin ich gehalten, möglichst frei von Bewertungen, Geschehen bzw. das Tun von Menschen zu entdramatisieren.
Und ich bin gehalten, meine Patienten zu verstehen. Damit ich das Zweite kann, muß ich das Erste tun.
Die Frage, an der ich mich als Therapeut abzuarbeiten hätte, wenn dieser unglückliche junge Mann in meine Therapie käme, würde lauten: Innerhalb welchen Kontextes könnte sein Verhalten als nachvollziehbar und einer Logik folgend zu verstehen sein? In welche Welt muß ich mich als Therapeut begeben, um sein Verhalten als folgerichtig nachvollziehen zu können?
In welcher Welt lebt ein solch unglücklicher Junge, daß er glaubt, elf Frauen töten zu müssen? Von welchen Kräften wird seine Not hergestellt, daß er, um in seinem inneren Dilemma zu »gewinnen« – oder auch nur um ein Remis zu erzielen –, nur noch die Möglichkeit sieht, elf Frauen zu töten?
Was bringt einen jungen Mann dazu, seine Zukunft zu zerstören? Was liegt auf der für uns unsichtbaren Waagschale, was noch schwerer wiegt als seine Zukunft? Was ist an seiner Zukunft so unattraktiv, daß sie ihm kaum noch etwas wert ist? Was glaubt er über seine Zukunft, daß er bereit ist, sie in die Waagschale zu werfen? Welche inneren Kräfte, die an seinem Dilemma beteiligt sind, wiegen seine Zukunft auf? Und was erhofft er, dadurch zu bekommen – bzw. zu vermeiden? Und wie kommen die Bilder in seinem Kopf, die er von seiner Zukunft hat und wie kommt sein Bild von Frauen, die er zu zerstören müssen glaubt, zustande? Welche Hoffnung hat er aufgegeben bzw. wurde ihm durch wen genommen?
Wenn ich mich jetzt einen Schritt aufs Glatteis hinauswage, kann ich über eine Antwort auf die Frage, welche inneren Kräfte, die an seinem Dilemma beteiligt sind, seine Zukunft aufwiegen, spekulieren. Die Antwort lautet: sein Identität. Er muß töten, um seine Identität zu bewahren oder um sie zu reparieren. Daraus ergibt sich die Frage: Was hat seine Identität – als Mann – in Frage gestellt? Und: Wie konnte das geschehen?

Wenn Alice Schwarzer zu mir in Therapie käme, würde ich mir die gleichen Fragen stellen.Was ist mit ihr geschehen, daß sie Männer als potentielle Vergewaltiger und völlig frustrationsintolerante Penisträger sieht

Jeder, der mit einem Kind in Kontakt komme, erklärte er, sei ein Lehrer, der unaufhörlich die Welt erkläre, bis zu dem Augenblick, wo das Kind die Welt so wahrnehmen könne, wie sie ihm erklärt wird. 
(Castaneda, Die Reise nach Ixtlan, Textauszug zu finden in So kann man’s auch sehen…, Post, 09.04.2008)  
Wieso gibt es nur eine einzige Sicht auf die Männer? Wieso kann Schwarzer ihre Steuerhinterziehung so gekonnt – und augenscheinlich bar jeder Reue und jeden Schuldgefühls – mit ihrer Furcht vor körperlichen Angriffen auf ihre Person kontern? Mit welcher gottgleichen Selbstverständlichkeit darf sie immer Recht haben? In ihrer Welt scheint es nur zwei mögliche Positionen zu geben: das des völlig hilflosen und unter allen Umständen und mit allen Mitteln zu schützenden Opfers und die eines kastrierenden Racheengels, der gottgleich die Wahrheit für sich gepachtet hat. Wie kommt es zu einer solchen inneren Welt? (bzw.: was ist geschehen, daß diese innere Welt so archaisch blieb?)


Solch ein politisch korrektes Statement gibt’s inzwischen sogar schon
in meiner Heimatstadt Idar-Oberstein zu kaufen.
Ich würde mal gern drüber nachdenken, was passiert, wenn man sich das
gleiche Schild mit vertauschten Geschlechtern an die Wand hängen würde…

Steuern – Alice Schwarzer und der Schatz vom Zürichsee (Hamburger Abendblatt, 03.02.2014)
»Halt die Klappe, Alice!« – Endlich (Post, 16.11.2013)
- Weltwoche: Eine der bedeutendsten Frauen unserer Zeit (Julia Onken, Weltwoche, 15.11.2012 gefunden auf AliceSchwarzer.de)
Wenn ich mal den Nobelpreis verliehen bekäme: Ich fände es für mich ungehörig, die Laudatio auf meiner Internetseite zu veröffentlichen… Das hat mir Frau Schwarzer definitiv voraus!
Alice Schwarzer – Vom wilden Partygirl zur Feministin der Nation (Mara Delius, Die Welt, 12.09.2011)


zuletzt aktualisiert am 01.11.2017

Montag, 4. Mai 2009

Arbeit, auch ein Gesundheitsrisiko

Wie eine europaweite Studie mit 50.000 Probanden nachwies, erhöht sich mit der Arbeitszeit auch das gesundheitliche Risiko.
mehr bei ZDF - heute

Risiko langfristig erhöht – Epilepsie nach Kopfverletzung

Personen, die ein Schädel-Hirn-Trauma erleiden, haben in der Folge ein deutlich erhöhtes Epilepsierisiko. Wie eine große dänische Kohortenstudie zeigt, steigt das relative Risiko um den Faktor 2,2 bei leichten Traumen bis um den Faktor 7,4 bei schweren Traumen. Besonders häufig manifestiert sich die Epilepsie in den ersten zwei bis drei Jahren nach der Verletzung, aber selbst bei leichteren Traumen ist auch nach zehn Jahren noch ein erhöhtes Risiko feststellbar.
Lancet 2009;373:1105-10
aus WMV-Fortschr. Med. Nr. 15/2009

Körperliches Training – Sport für bessere Schulnoten

Bewegung ist nicht nur für die körperliche Gesundheit von Kindern gut, sie verbessert auch die schulischen Leistungen. Forscher für Neurokinesiologie an der Universität Illinois führten bei 20 neunjährigen Kindern vor und nach einem 20minütigen Gehtraining Tests zur Erfassung der kognitiven Fähigkeiten und der Aufmerksamkeit durch. Nach dem Training schnitten die Probanden dabei deutlich besser ab als nach körperlicher Ruhe. Im Lesetest verbesserten sie sich im Schnitt um eine ganze Note. Auch ihre Konzentrationsfähigkeit, gemessen an der sog. P3-Amplitude im EEG, war nach dem Sport größer geworden.
Sciencedaily.com vom 1.4.2009
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 15/2009

Bluthochdruck – Nicht auf Bewegung verzichten

Wer überhöhte Blutdruckwerte effektiv reduzieren möchte, sollte nicht auf körperliche Aktivität und Gewichtsreduktion verzichten.Wie wichtig diese Komponenten sind, bestätigt einmal mehr die ENCORE-Studie. 144 Hypertoniker wurden entweder nur mit der für Bluthochdruck empfohlenen DASH-Diät behandelt oder zusätzlich zu körperlicher Aktivität (dreimal 30 Minuten/Woche) und Kalorienrestriktion angehalten. Ergebnis nach 16 Wochen: Eine Blutdruckreduktion um 5/9 mmHg unter DASH-Diät und um 13/11 mmHg bei zusätzlicher Bewegung. In der zweiten Gruppe hatten die stark übergewichtigen Patienten fast 10 kg abgenommen.
Quelle: Jahrestagung des American College of Cardiology, 29.3-1.4.2009, Orlando
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 15/2009

Freitag, 1. Mai 2009

Energiedrinks: Nichts für schwache Herzen

Wesentlicher Bestandteile der sog. Energiedrinks sind Koffein und Taurin. Beide Substanzen können Blutdruck und Herzfrequenz in die Höhe treiben. Wer an Hypertonie oder an einer Herzkrankheit leidet, sollte daher besser die Finger von diesen Getränken lassen, raten Forscher des Henry Ford Hospital, Detroit. Bei 15 jungen Probanden, die eine Woche lang Energiedrinks konsumierten, war die Herzfrequenz am 7.Tag um 11% erhöht. Der Blutdruck stieg um mindestens 7% an.
Annals of Pharmacotherapy, 2009; DOI: 10.1345/aph.1L614
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 14/2009

Dickes Kind: Für die Eltern nur pummelig

Nach offizieller Definition ist das Kind eindeutig übergewichtig, aber in den Augen der Eltern ist es höchstens "kräftig" oder "ein bisschen pummelig". Dieses Missverhältnis zwischen Realität und elterlicher Wahrnehmung ist häufig und trägt wahrscheinlich zur Adipositasepidemie unter Kindern bei. In einer britischen Studie erkannten nur 17% der Eltern, dass ihr Kind übergewichtig war. Besonders blind für die Fettleibigkeit ihrer Kinder sind Eltern, die selbst zu viele Kilos mit sich herumtragen.
J Amer Acad Nurse Pract 2009;21(3):160
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 14/2009

Prävention: Etwas weniger Salz, viel weniger Herzerkrankungen

Der Streit um EU-Grenzwerte für den Salzgehalt von Brot bekommt durch eine Studie aus den USA neue Nahrung. US-Amerikaner essen täglich 9-12 g Salz, empfohlen werden nicht mehr als 5-6 g. Würden sie ihren täglichen Salzkonsum um 3 g reduzieren, gäbe es in den USA in den nächsten zehn Jahren 6% weniger neue kardiovaskuläre Erkrankungen, 8% weniger Herzinfarkte und 3% weniger Todesfälle, so die neuen Berechnungen. Aber auch schon mit 1 g Salz weniger pro Tag ließen sich bis zum Jahr 2019 200.000 Todesfälle verhindern.
Bibbins-Domingo CG et al. AHA Conference On Cardiovascular Disease Epidemiology and Prevention, 10.-14.3.2009, Palm Harbor/FL
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 14/2009

Mittwoch, 29. April 2009

Monsanto? Brauchen wir nicht

Die Frauenrechtlicherin und Aktivistin Farida Akhter aus Bangladesch über den Klimawandel und genetisch verändertes Saatgut.

Bei ZEIT Online (Video)


siehe auch
- Monsanto, mit Gift und Genen (Post vom 12.03.2008)
- Bush und Monsanto (Post vom 16.03.2008) 

Meine bisherigen Gen-Mais-Posts:
Gen-Mais darf auf die Äcker (11.3.2008)
Gen-Mais macht Ratten krank (30.5.2007)
Gen-Mais: also doch … (22.3.2007)
Gentechnik durch die Hintertür (25.4.2006)


Monsanto bei Wikipedia

 

Zwillingsforschung: Nach der Scheidung sieht man alt aus

Oft nimmt der Volksmund vorweg, was die Wissenschaft erst mühsam ergründen muss. "Jetzt sehen wir aber alt aus", sagt man, wenn die Dinge nicht so laufen wie geplant. Handelt es sich um nachhaltigere Fehlschläge, hat der Spruch durchaus seine Berechtigung.
Amerikanische Schönheitschirurgen begutachteten Fotos von 186 eineiigen Zwillingspaaren. Hatte einer der Zwillinge eine Scheidung hinter sich, wirkte er nach Expertenmeinung zwei Jahre älter als sein nicht vom Schicksal gebeuteltes Geschwister. Eine Scheidung hinterließ tiefere Spuren als selbst der Tod des Ehepartners. Auch die Einnahme von Antidepressiva beschleunigt das Altern. Weniger verwunderlich: Wer Gewicht verliert, wirft eher Falten. Zumindest jenseits der 40 macht Übergewicht optisch jünger.
Plastic Reconstr Surg 2009; im Druck
aus MMW-Fortschr. Med Nr. 7/2009

Auch bei Frauen: Hoher Ruhepuls erhöht das Herzrisiko

Eine hohe Herzfrequenz erhöht das Risiko für Herzinfarkte und andere koronare Ereignisse. Dieser bisher nur bei Männern belegte Zusammenhang gilt auch für Frauen. In der WHI-Studie hatten Frauen mit einem Ruhepuls über 76/min ein um 26% erhöhtes kardiales Risiko. Unter den 129.135 postmenopausalen Frauen waren in knapp acht Jahren 2281 Herzinfarkte und koronare Todesfälle aufgetreten. Der Zusammenhang mit dem erhöhten kardialen Risiko war bei Frauen
zwischen 50 und 64 stärker ausgeprägt als bei älteren.
BMJ 2009;DOI:10.1136/bmj.b219
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 7/2009

Dienstag, 28. April 2009

Kopfkissen kommen wieder in Mode…

Urteil: Nachzahlung nicht auf Hartz IV anrechenbar

Montag, 06. April 2009 13.44 Uhr

Düsseldorf (dpa) - Eine Nachzahlung von Arbeitslosenhilfe darf nicht auf das Arbeitslosengeld II angerechnet werden. Das hat das Sozialgericht Düsseldorf in einem am Montag veröffentlichten Urteil entschieden (Aktenzeichen: S 35 AS 12/07).

Es gab damit einer Düsseldorfer Klägerin Recht. Die Frau hatte bereits in einem früheren Rechtsstreit gegen die Bundesagentur für Arbeit erreicht, dass diese der Frau für zwei Jahre 9200 Euro Arbeitslosenhilfe nachzahlen musste. Die Klägerin erhielt das Geld 2005 und beließ es fast vollständig auf ihrem Konto.

Nachdem sie aber inzwischen Arbeitslosengeld II bezog, kam die Düsseldorfer ARGE zu dem Ergebnis, dass die Klägerin damit den Vermögensfreibetrag überschritten habe. Die ARGE hob ihre Bewilligung auf und forderte ihre Leistungen zurück.

Das Sozialgericht urteilte, dass die Nachzahlung eine zweckbestimmte Einnahme sei, die nach dem Gesetz nicht auf das Arbeitslosengeld II angerechnet werden dürfe. Die Kammer ließ allerdings offen, ob ein derart erworbenes Vermögen dauerhaft unangetastet bleiben darf. Da die Berufungsfrist noch nicht verstrichen ist, ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

[Sozialgericht]: Ludwig-Erhard-Allee 21, Düsseldorf

von Ursula Neumanns Seite

Da bleibt wohl in Zukunft nur: ab unter’s Kopfkissen…