Sonntag, 20. Januar 2019

„Serotonin“: Michel Houellebecq hält einer erkrankten Gesellschaft den Spiegel vor

Michel Houellebecq hält in „Serotonin“ einer erkrankten Gesellschaft den Spiegel vor und nimmt dafür in Kauf, zum Vorzeigeautor der Neuen Rechten zu werden. Zu Unrecht?

Der Fehler, den nicht wenige Leser und Kritiker mit den Romanen Michel Houellebecqs machen, besteht weniger in der Identifikation von Autor und Erzähler, sondern vielmehr in einem unsicheren Umgang mit der in den Texten sowie in öffentlichen Äußerungen zur Schau gestellten affirmativen Haltung angesichts der kontroversen Themen, die dort zu lesen sind. Da ist schnell die Rede vom ‚Provokateur‘, mal als Vorwurf, mal als Lob. Ein Intellektueller, der die emotional diskutierten Themen unserer Zeit anpackt und sie zum Romanstoff verarbeitet.

Houellebecq ist ein Autor, der sich nicht der publikumswirksamen Identifikation mit seinen Ich-Erzählern verweigert; einer, der erst gar nicht versucht, mit dem steten Verweis auf die Fiktionalität eines Textes diesen als Rollenprosa zu deklarieren, sondern der mit seinem zwiespältigen Auftreten die Diskussionen um den autobiographischen Gehalt jener Texte zusätzlich anheizt. Dies bezieht sich zum einen auf den überbordenden Sexualdrang seiner Protagonisten, aber in letzter Zeit verstärkt auch auf deren nationalkonservatives Weltbild. Wenn man dazu noch vor Erscheinen seiner Romane mit Aufsehen erregenden Interviews von sich reden macht – der Islam sei die „bescheuertste Religion“ von allen (vor Unterwerfung) und jetzt mit einer ideologischen Sympathiebekundung hinsichtlich Donald Trump –, ist der Ruf als ‚Skandalautor‘ irgendwann fest zementiert. Erstaunlicherweise erntet Houellebecq dafür viel Zuspruch, sowohl von Lesern, die sich mit den Protagonisten und ihrem misogynen, homophoben und xenophoben Weltbild identifizieren können, wie auch von denen, die darin nur eine Maske sehen, welche die emotionalen Defizite eines westlichen Durchschnittsmanns verstecken soll, was letztlich scheitert, weil sie gerade aufgrund dieses halbherzigen Maskierungsversuchs erst recht exponiert werden.

mehr:
- Zwischen Hass und Nostalgie (Sascha Seiler, Literaturkritik.de, 20.01.2019)
siehe auch:
- Rezensionsnotizen (Perlentaucher)
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Soziale Menschenrechte: „Haben wir leider nicht geschafft“

Das Recht auf Arbeit, auf Bildung, das Recht auf Wohnung, und das Recht auf soziale Sicherheit und Gesundheit: Das sind einige der sozialen Menschenrechte, die seit 1966 Teil des UN-Sozialpakts [Link von mir hinzugefügt] und damit völkerrechtlich verbindlich sind. Doch wie ist es um diese Rechte in Deutschland bestellt? Eberhard Schultz, Menschenrechtsanwalt und Gründer der Eberhard-Schultz-Stiftung für soziale Menschenrechte und Partizipation, betont im NachDenkSeiten-Interview, dass die sozialen Menschenrechte „keineswegs Menschenrechte zweiter Klasse“ sind, aber in Deutschland nur „höchst unvollkommen“ über das Sozialstaatsprinzip im Grundgesetzt verankert sind. Ein Interview über die Bedeutung der sozialen Menschenrechte und die Weigerung der Bundesregierung, ein wichtiges Protokoll zum UN-Sozialpakt zu unterzeichnen.

Herr Schultz, seit langem weigert sich die Bundesregierung ein Zusatzprotokoll zum UN-Sozialpakt zu unterzeichnen. Worum geht es?
Die in der UN-Menschenrechtscharta (AEMR) verkündeten sozialen Menschenrechte sind seit der Verabschiedung des Internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (UN-Sozialpakt) von 1966 völkerrechtlich verbindlich und keineswegs Menschenrechte „zweiter Klasse“, wie sie oft noch verstanden werden. Die Bundesrepublik Deutschland hat den UN-Sozialpakt im Jahre 1973 ratifiziert und sich zu den damit einhergehenden Staatenpflichten bekannt. Bisher steht eine Unterzeichnung des Zusatzprotokolls von 2008 jedoch aus. Dies muss so bald wie möglich geschehen, zumindest ein verbindlicher Fahrplan erstellt werden.

Was bedeutet die Ratifizierung denn?
Mit ihr könnten die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte („wsk“-Rechte) eingeklagt und ihre Verletzung von Individuen und Organisationen nach Erschöpfung des nationalen Rechtsweges auch vor dem UN-Ausschuss für „wsk“-Rechte geltend gemacht werden.

Offenbar fürchtet die Bundesregierung die daraus resultierenden möglichen Folgen.

Was sind das für Folgen?
Wir hören immer wieder von eventuellen immensen Kosten, zum Beispiel durch eine Anerkennung des Streikrechts für Beamte – obwohl das doch eigentlich selbstverständlich sein sollte und auch inzwischen durch den Europäischen Gerichtshof schon zum Teil anerkannt ist. Außerdem wird wohl eine große Zahl von Verurteilungen der Bundesregierung durch den UN-Ausschuss befürchtet, weil dann ja auch Individuen und Organisationen wegen der Verletzung dieser Rechte nach Erschöpfung des Rechtsweges in Deutschland eine Beschwerde beim UN-Ausschuss für wsk-Rechte gegen die Bundesrepublik erheben könnten.

mehr:
- Soziale Menschenrechte: „Haben wir leider nicht geschafft“ (Marcus Klöckner interviewt Eberhard Schultz, NachDenkSeiten, 20.01.2019)

Samstag, 19. Januar 2019

Die pakistanische Armee hat gewonnen

Die Gewinner des Abzugs amerikanischer Truppen aus Afghanistan sind die pakistanischen Generäle - erfolgreich haben sie die USA an der Nase herumgeführt

Zwei Tage nach dem Fall der Türme des Word Trade Centers änderte sich auch die Welt für die pakistanischen Generäle. Nur wegen ihrer militärischen und finanziellen Hilfe war es möglich, dass sich das grausame Taliban-Regime so lange an der Macht halten konnte - trotz völliger Inkompetenz, ein Land zu regieren.

In Washington bestellte der Staatssekretär Richard Armitage den pakistanischen Botschafter und den Chef des pakistanischen Geheimdienstes Inter-Services Intelligence (ISI) ein und stellte sieben Forderungen: darunter auch jene, die Unterstützung für die Taliban zu beenden. Laut des damaligen pakistanischen Diktators General Pervez Musharraf soll Armitage sogar damit gedroht haben, Pakistan zurück in die Steinzeit zu bomben.

Offiziell stellte sich Musharraf auf die Seite der USA im "Kampf gegen den Terror". Was dann passierte, beschreibt der Autor Ahmed Rashid in seinem Buch Descent into Chaos am anschaulichsten, weil er durch jahrelange Erfahrungen aus erster Hand wusste, wovon er schrieb: Mit Hilfe des ISI und heimischer Extremisten Gruppen wurden die afghanischen Taliban in Pakistans Grenzgebieten zu Afghanistan versteckt. Im Sommer 2003 wiesen dann kanadische Truppen im Süden Afghanistans die US-Generäle darauf hin, dass die Taliban zurück seien und dass sie aus Pakistan einsickerten.

Wie mittlerweile bekannt ist, legte im Jahr 2009 General McChrystal, Kommandant der ISAF in Afghanistan, Barack Obama einen Bericht vor, der aussagte, dass sich die Talibanführer - angefangen mit Mullah Omar - im pakistanischen Quetta treffen würden. Dort würden sie bei sogenannten Schura (Versammlungen) ihre Angriffe gegen die Nato-Truppen koordinieren. Matt Waldmann, der ein Dutzend Interviews mit Führern der Taliban geführt hatte, stützte die Aussagen ein Jahr später.

mehr:
- Die pakistanische Armee hat gewonnen (Gilbert Kolonko, Telepolis, 15.01.2019)

DOKU 493 Mit offenen Karten "Neues aus Pakistan" {12:29}

VIKTORIA 493
Am 05.03.2017 veröffentlicht 

Der journalistische Bankrott der ARD

Mit der unreflektierten Weitergabe von Kriegspropaganda durch die Tagesschau erklärt die ARD ihren journalistischen Bankrott.

Geschafft. Erstes Glück im Neuen Jahr! Zur Weihnachtszeit und „zwischen den Jahren“ war uns genug „Besinnliches“ gewünscht und Selbiges auch nach allen Seiten verstrahlt worden. Damit sind wir durch. Das Informationsangebot der korporierten Massenmedien enthält nun wieder weniger Sülze, allerdings noch immer nicht mehr Sachlichkeit. Der kritische Journalismus hat eben längst dem Verlautbarungsjournalismus Platz gemacht. Am dürftigen Nachrichtenangebot über die aktuellen Kriegsschauplätze lässt es sich nachweisen.

Fühlst du dich über die Folgen deutscher und transatlantischer Kriegspolitik informiert, über das reale Grauen in den davon heimgesuchten Ländern? Ukraine? Syrien? Somalia? Jemen? Mali? Libyen? Hast du dank sauberer ARD-aktuell-Information nennenswerte Erkenntnisse gewonnen über die zugrunde liegende Gewalt, Verbrechen, deren Verursacher, die Interessenlagen? Komm, lieber Nachbar, betrachten wir die Kriegsberichterstattung so gut es geht mal konzentriert auf Afghanistan. Sonst sprengt das hier den Rahmen.

Schlag im Internet das Angebot der ARD-aktuell auf: tagesschau.de. Trag das Stichwort „von der Leyen“ in das Suchfeld ein. Auf den ersten drei Seiten, zurückreichend bis zum 30. November, bekamst du am 4. Januar 30 Sendungshinweise zu verschiedenen Berichtsthemen:

Zwölfmal das neue Bundeswehr-Transportflugzeug A 400 M, fünfmal der Komplex Geldverschwendung des Verteidigungsministeriums mittels korruptionsverdächtiger Beraterverträge, viermal Erwähnungen im Zusammenhang mit dem CDU-Parteitag, dreimal die mängelbehafteten Maschinen der Bundeswehr-Flugbereitschaft, zweimal Ministerinnenäußerungen im Zusammenhang mit dem geplanten US-Abzug aus Syrien und je einmal die Entscheidung über das vorläufige Aus für Segelschulschiff „Gorch Fock“, die Öffnung der Bundeswehr für Soldaten aus der EU sowie eine Reportage über einen Truppenbesuch der Ministerin am Hindukusch (1).

Afghanistan? Lange nichts Grundlegendes mehr von dort gehört, nicht wahr, lieber Nachbar?

Starte also eine neue Suche bei tagesschau.de, diesmal mit dem Stichwort „Afghanistan“. Unter den 30 Hinweisen auf den ersten drei Seiten sind an diesem 4. Januar nur fünf Beiträge gelistet, die sich mit der Lage im Land beschäftigen, drei davon betreffen einen verheerenden Bombenanschlag (2). Über den Rand des Sensationellen reichen aber auch sie nicht hinaus. Der große Rest ist eh nur Buntes, Pillepalle.

mehr:
- Das Fronttheater (Friedhelm Klinkhammer, Volker Bräutigam, Rubikon, 19.01.2019)
siehe auch:
Massenhirnwäsche: Tagesbörsenschau lenkt vom leeren Geldbeutel ab (Hartmut Barth-Engelbart, auf seiner Seite, 20.01.2019)
Der Publikums-Service der ARD-Tagesschau (Peter Frey, auf seiner Seite Peds Ansichten, 14.01.2019)
- Fragen an Herrn Gniffke (Peter Frey, auf seiner Seite Peds Ansichten, 09.01.2019)


KenFM im Gespräch mit: Michael Meyen ("Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand") {1:33:58, Start bei 20:00}

KenFM
Am 14.06.2018 veröffentlicht 
Was braucht man für eine gute Fußball-Berichterstattung?
„3 Medienheinis, die mit den Spielern die fünf Antworten auswendig lernen, die auf die drei möglichen Interviewanfragen gegeben werden können.“ Was das Satiremagazin TITANIC hier locker-lässig als Witz formuliert hat, hat einen tieferen Kern. Gescripteter, abgesprochener Journalismus ist bei weitem nicht mehr nur Satire oder ausschließlich im Privatfernsehen zu finden. Vorgegebene, diktierte Meinungsmache ist real und begegnet uns beim Medienkonsum Tag für Tag.
Längst hat sich auch der politische Journalismus von der Wirklichkeit verabschiedet. Die Realität und unsere Haltung zu Putin, Trump, Kim und Merkel entstehen nicht einfach so, sie werden gemacht – und zwar von dem, was Presse- und PR-Agenturen schreiben und vor allem: was sie nicht schreiben.
Wie funktioniert das? Was muss seriöser Journalismus eigentlich leisten und wie unterscheidet er sich von klassischer Public Relations? Michael Meyen, ehemaliger Journalist und aktuell Kommunikationswissenschaftler an der LMU München, geht diesen Fragen auf den Grund.
In seinem Buch „Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand – Wie uns die Medien regieren“, beschreibt er, wie Werbung, Medien und Journalisten um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Er erklärt, wie einseitig die Gebührenzahler bei politischen Geschehnissen informiert werden und wie das große Theater, das uns tagtäglich von Tagesschau bis Weltmeisterschaft präsentiert wird, funktioniert. Er macht aber auch klar, dass wir uns mittels Achtsamkeit, Gehirn und eigenständigem Denken von diesen Manipulationen befreien können.
Haben wir erst einmal durchschaut, welche Rolle die Protagonisten auf der Theaterbühne des Journalismus spielen, welcher Journalist mit welchem Gehaltszettel eine Nachricht zur herrschenden Meinung und letztlich zu unserer eigenen Meinung macht, werden die Zusammenhänge klarer: Das Misstrauen steigt und die vielen Manipulationen verpuffen wie ein Abstoß ins Abseits.
Üben wir uns in Achtsamkeit. Lernen wir, die Dinge zu verstehen. Bestehen wir auf Transparenz. Und sehen wir die Weltmeisterschaft in Russland als eine Art Übung in Medienkompetenz. Auch das ist ein Weg zum Frieden.
5:0 für Russland. Vorhang auf.
Inhaltsübersicht:
0:06:24 Werbung muss sexy sein, Nachrichten auch
0:12:43 Sport –eine politische Bühne
0:22:03 Wirkung und Funktion von Journalismus, Presse & PR
0:30:40 Die Nachfrage nach PR-Jobs steigt
0:41:16 Was andere Journalisten über den aktuellen Zustand der Medien denken
0:54:03 Kontaktschuld und der "Raum des Sagbaren"
1:06:28 Der Kampf um die Deutungshoheit
1:15:43 Das Idealbild von Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft
1:26:32 Medien und Terrorismus
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„Alle sind besoffen“

Interview Jürgen Holtz steht seit fast 70 Jahren auf der Bühne. In einer Welt ohne Trost muss das Theater Rettung bringen, sagt er 

Jürgen Holtz wird mit 86 Jahren den Galileo Galilei bei Frank Castorf am Berliner Ensemble spielen. Der Schauspieler ist ein hellwacher Geist, der nicht anders kann, als seine Rolle, die des Theaters und der Gesellschaft in großen politischen Zusammenhängen zu denken. In seiner Wohnung brechen die Wände unter den Büchern zusammen, es gibt Tee, und Holtz beginnt mit dem Gespräch schon vor der ersten Frage. Er spricht über die Lähmung des Theaters, das Verstummen der Gesellschaft. 

der Freitag: Herr Holtz, wenn Sie sagen, dass die Gesellschaft verstummt ist, widerspricht das erstmal dem vorherrschenden Gefühl, dass im Gegenteil in unserer Gesellschaft zurzeit ständig gebrüllt wird. 
Jürgen Holtz: In den einzelnen Gruppen der Gesellschaft gibt es natürlich nicht nur Gebrüll, auch Gespräche, nur: Die Politik ist eine Insel, die Wissenschaft ist eine Insel und die Gesellschaft sind viele Inseln – doch alle haben nichts miteinander zu tun. Ich bedaure diese Isolation sehr. 

Als jemand, der schon sehr lange beim Theater ist, wie beobachten Sie dessen Entwicklung?
Es gab zwei wesentliche Quellen des Theaters in der Geschichte der Bundesrepublik. Das war auf der westdeutschen Seite das Theater der 68er-Linken, und in der DDR gab es an einigen Orten ebenfalls ein starkes Theater, das die Praxis des Sozialismus beim Wort genommen hat: Was ist Sozialismus? Was ist eine Utopie? Das waren die Fragen. Diese beiden linken Utopien sind untergegangen, und heute haben wir eine völlig andere Situation. Ich würde mal sagen, das Thema ist weg. Und das Theater hat sich von dieser Lähmung nicht erholt, sondern es ist eingeschüchtert.
mehr:
- „Alle sind besoffen“ (Eva Marburg interviewt Jürgen Holtz, der Freitag, 19.01.2019)

100 Jahre Frauenwahlrecht: „Wir brauchen die Männer“

Interview 100 Jahre Frauenwahlrecht taugen nicht zum Ausruhen, findet die Historikerin Hedwig Richter
Am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland das erste Mal wählen. Mehr als ein Jahrhundert lang hatten sie dafür gekämpft. Im europäischen Vergleich waren die deutschen Frauen zeitig wahlberechtigt. Das Schlusslicht bildete 1971 die Schweiz. Hedwig Richter forscht seit Jahren zur Geschichte des Frauenwahlrechts. Sie weiß, warum der Kampf so mühsam war. Und sie rät heutigen Feministinnen, wütende Männer nicht in erster Linie als Bedrohung, sondern als Beweis für ihre Wirkung zu betrachten.

der Freitag: Frau Richter, bevor wir uns ins Historische stürzen, eine Lockerungsübung: Werden Sie 2019 von Ihrem Wahlrecht Gebrauch machen? Hedwig Richter: Natürlich! Für mich ist der Wahltag ein Fest. Ich bin allerdings durch meine Wahlforschung darauf gekommen, dass es okay ist, wenn es Leute gibt, denen es nicht so geht.

Unter anderem steht dieses Jahr die Europawahl an. Der Blick auf Brüssel irritiert aber: Zwar können Frauen seit 100 Jahren wählen, trotzdem sind sie im EU- Parlament unterrepräsentiert. Das Verhältnis ist ähnlich wie im Bundestag: Ein Drittel Frauen, zwei Drittel Männer. Es gibt viele Faktoren, die das erklären können. Einer davon ist, dass die Diskriminierung von Frauen eine sozial und mental tief verwurzelte Matrix ist, die – ganz grob gesprochen – vor etwa 100 Jahren erstmals richtig aufgebrochen wurde. Tatsächlich ist die Zeit um 1900 entscheidend: Frauen betraten die politische Bühne und wurden erstmals auch wahrgenommen. Historisch gesehen ist der Feminismus als wirksames Massenphänomen also eine relativ junge Bewegung. Und ich würde sagen, wir haben schon viel erreicht. Frauen haben heute so viele Rechte wie nie zuvor. Ich denke, dass unsere demokratischen Gesellschaften in der Lage sind, die vielen Defizite, die es bei der Gleichstellung der Geschlechter noch gibt, wirksam anzugehen.

Nun sagen Sie, der Kampf um das Frauenwahlrecht sei eine historisch gesehen junge Bewegung. Der fing ja aber nicht erst im Jahr 1919 an. Es gibt bedeutende Vorläuferinnen. Eine davon ist Olympe de Gouges. Sie hat schon 1791 die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ verfasst. Die Menschenrechte, die in der französischen Revolution proklamiert wurden, waren ganz offensichtlich Männerrechte. De Gouges meinte: Wir brauchen auch Frauenrechte. Das war eine mutige, aber einsame Stimme. Die Entrechtung der Frau war so selbstverständlich, dass es selbst für die Demokraten und die französischen Revolutionäre klar war, dass die Frau nicht in die universelle Gleichheit einbezogen werden kann.

Frauenrechtlerinnen kämpften gegen große Widerstände.
Ja! Sie griffen eines der grundlegendsten Ordnungselemente überhaupt an: die Geschlechterordnung, in der die Frauen als minderwertig galten. Die frühen Feministinnen wie die deutsche Louise Otto-Peters blieben absolut minoritär. Falls sie überhaupt wahrgenommen wurden, machte man sich häufig über sie lustig.

Diese Erfahrung machen viele Feministinnen heute noch.
Bei den Diskussionen, das Wahlalter zu senken, gab es ähnliche Reaktionen: Jetzt sollen auch noch Kinder wählen? Da könnten wir ja gleich die Frauen zulassen! Das generelle Bewusstsein war: Es ist absurd, Frauen wählen zu lassen.

mehr:
- „Wir brauchen die Männer“ (Konstantin Nowotny, der Freitag, 19.01.2019)
siehe auch:
- Heute vor 100 Jahren – 19.01.1919… Wahlen zur deutschen Nationalversammlung (Post, 19.01.2019)
- Die größten US-Rüstungskonzerne werden mehrheitlich von Frauen geführt (Post, 03.01.2019)
- Fake-Werte, Emanzipation und harte Bandagen: Folter-Chefin soll CIA-Chefin werden (Post, 12.05.2018)
- „Männer wissen immer weniger, wer sie sind“ (Post, 03.03.2016)
Unsere Welt besteht aus Geschichten (Post, 17.12.2015)
Aufklärung : Bin das wirklich ich? (Post, 12.12.2015)
- Die Beschreibung der Welt: Postmoderne trifft auf Mainstream (Post, 11.12.2015)
Modernisierung des Islam – Religionen zivilisieren sich nicht von selbst (Post, 22.08.2015)
Sport-Meldung für Alice Schwarzer: Belgische Fußballer schießen auf nackte Frauen-Hintern (Post, 16.05.2015)
- Anerkennen, daß man selber der Fall ist! (Post, 15.05.2015)
1930-44: Der »Bund Deutscher Mädel« (Post, 27.10.2014)
- Deutschland hat Merkel verdient oder Wahlkampf im Pädophilie-Gulli (Post, 19.09.2013)
»Natürlich nehmen wir den Mann mit.« (Post, 22.04.2012)
Gestern vor 25 Jahren: Simone de Beauvoir stirbt in Paris (Post, 15.04.2011)
Emanzipation (Post, 26.08.2008)
- Wie wir wurden, was wir sind (Post, 03.07.2008)

Heute vor 100 Jahren – 19.01.1919… Wahlen zur deutschen Nationalversammlung

Geburtsstunde der deutschen Demokratie 

Seit der Abdankung des deutschen Kaisers am 9. November 1918 regierte in Deutschland der Rat der Volksbeauftragten aus Sozialdemokraten und Unabhängigen Sozialdemokraten. Da das Gremium nicht durch Wahlen legitimiert war, setzte sein Vorsitzender Friedrich Ebert (SPD) am 19. Januar 1919 Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung durch. Erstmals durften auch Frauen und Soldaten wählen. Gewählt wurde nach dem Verhältniswahlrecht; es gab keine Sperrklausel – wie etwa heute bei der Wahl zum Deutschen Bundestag. So mussten sich acht Parteien die 423 Mandate teilen. 
Bei der Wahl zur Nationalversammlung durften sich erstmals in Deutschland auch Frauen
in die Wählerlisten eintragen
Mit Abstand stärkste Kraft wurde die SPD mit 37,9% der abgegebenen Stimmen (165 Sitze), gefolgt vom katholischen Zentrum mit 19,7% (90 Sitze) und der linksliberalen DDP mit 18,5% (75 Sitze). Die rechtskonservative DNVP erreichte 10,3% (43 Sitze), die linke USPD kam auf 7,6% (22 Sitze). 

Um eine handlungsfähige Regierung zu bilden, ging die SPD mit Zentrum und DDP eine Koalition ein, die »Weimarer Koalition«. Da in Berlin die Unruhen anhielten, wich die Nationalversammlung ins beschauliche Weimar aus, wo sie sich am 6. Februar konstituierte – und damit der Republik den Namen gab. Am 11. Februar wurde der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann (1865-1939) zum Regierungschef (Reichsministerpräsident) der ersten parlamentarischen Demokratie in Deutschland gewählt. 
Harenberg – Abenteuer Geschichte 2019

Kaiserreich und Weimarer Republik - Das Jahrhundert der Frauen - Teil 1 {13:41}

Antje Damm
Am 27.11.2013 veröffentlicht 
Kaiserreich und Weimarer Republik.
Als Weimarer Republik wird der Abschnitt der deutschen Geschichte von 1918 bis 1933 bezeichnet, in dem erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland bestand. Diese Epoche begann mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 und endete mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933.
Die Weimarer Republik entstand im Zuge der Novemberrevolution. Ihren Namen erhielt die erste auf nationalstaatlicher Ebene verwirklichte deutsche Republik nach der thüringischen Stadt Weimar, dem ersten Tagungsort der verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung.

Tagesdosis 19.1.2019 – Deutsche Bank: Ein Lehrstück in Banker-Moral (Podcast)

Der Begriff „Boni“ kommt im Wortschatz der Deutschen Bank nicht vor. Stattdessen spricht man hier von „variabler Vergütung“, die vor allem „Topmanagern mit Gestaltungsauftrag“ gezahlt wird.

Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, soll die variable Vergütung in diesem Jahr etwas mehr als zwei Milliarden Euro betragen.

Wer glaubt, dass diese Summe für erfolgreiche Arbeit gezahlt wird, der irrt: Der Aktienkurs der Deutschen Bank ist 2018 um 56 Prozent abgestürzt, Aktieninhaber haben in diesem Zeitraum mehr als die Hälfte ihres Geldes verloren.

Ein solches Missverhältnis ist bei der Deutschen Bank nicht neu: In den Jahren 2015 bis 2017, in denen das Geldhaus einen Verlust von 9,75 Milliarden Euro einfuhr, zahlte es Boni in Höhe von 5,3 Milliarden Euro aus.

Geht man noch etwas weiter in der Zeit zurück, werden die Zahlen noch extremer: Seit 2010 – in der Zeit also, in der die Deutsche Bank nach Aussagen des IWF wegen des Eingehens immer höherer Risiken zur „systemisch gefährlichsten Bank der Welt“ geworden ist – wurden Boni in Höhe von insgesamt 19,4 Milliarden Euro ausgezahlt.

Wer das noch nicht als empörend empfindet, dem helfen vielleicht folgende Zahlen: Ein Großteil der Personen, die diese 19,4 Milliarden Euro zusätzlich zu ihrer Grundvergütung bezogen haben, sind für Marktmanipulationen verantwortlich, die gerichtlich verfolgt wurden und für die die Deutsche Bank allein im Zeitraum von März 2012 bis zum Juli 2018 Strafzahlungen in Höhe von 14 Milliarden Euro leisten musste.

Wer als arbeitender Mensch an dieser Stelle geneigt ist, sich angewidert abzuwenden, der sei daran erinnert, dass die Politik die Deutsche Bank 2008 für „too big to fail“ erklärt hat und ihn als Steuerzahler im Falle ihres Zusammenbruchs mit Sicherheit per Bail-out zur Kasse bitten wird – da das mittlerweile eingeführte Bail-in nicht einmal annähernd ausreichen würde, um die Löcher in der Bilanz der größten deutschen Bank zu stopfen.

mehr:
- Tagesdosis 19.1.2019 – Deutsche Bank: Ein Lehrstück in Banker-Moral (Podcast) (Kommentar von Ernst Wolff, KenFM, 19.01.2019)
siehe auch:
Der größte Steuerraub der Geschichte (Post, 24.11.2018)
Finanzsystem und Steuerbetrug: Wenn Finanzeliten die staatliche Kontrolle unterlaufen (Post, 18.10.2018)
- Cum-Ex und kein Ende (Post, 14.01.2018)

Georg Schramm: Die Heuchelei in der Flüchtlings Politik {15:19; Start bei 1:51}   

Informations Krieger
Am 16.10.2017 veröffentlicht 
https://www.shirtee.com/de/andy8/

Jahrhundertcoup: Angriff auf Europas Steuerzahler | Panorama | NDR {29:44}

ARD
Am 19.10.2018 veröffentlicht 
"Größter Steuerraub der Geschichte Europas": Ein Insider spricht erstmals über den organisierten Griff in die Steuerkassen, auch als Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäfte bekannt. Bei den in der Finanzbranche auch als "Tax Deals" bekannten Geschäften werden kurzfristig riesige, oft milliardenschwere Aktienpakete hin- und hergeschoben, um sich Steuern zu Unrecht erstatten zu lassen. Bei Cum-Ex-Geschäften und seinen Varianten wird eine einmal abgeführte Steuer sogar mehrfach erstattet.
Mehr Infos: -- https://daserste.ndr.de/panorama/cume...

Freitag, 18. Januar 2019

Gummigeschosse zur Disziplinierung der Gelbwesten

Gummigeschosse zur Verteidigung gegen "Lynchmobs"? Die Regierung bestreitet Angriffe von Polizisten

"Gummigeschosse" klingt relativ harmlos, ist es aber nicht; auch "Flashball" suggeriert der Öffentlichkeit, dass die Polizei zwar mit schmerzhaften Mitteln vorgeht, aber doch innerhalb von Grenzen, die Schlimmes verhindern. Manche assoziieren "Flashball" vielleicht sogar mit einem der martialischen Schieß-Spiele, wo mit Farbstoffpatronen aufeinander gezielt wird.

Dass der Einsatz der vermeintlich harmlosen Geschosse zu brutalen Verletzungen führen und lebensgefährliche Folgen haben kann, wurde vergangene Woche ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Libération, Le Monde, Le Point, France Inter, France Culture, Le Figaro, Nouvel Observateur, AFP und andere etablierte Medien haben das Thema "Polizeigewalt" aufgenommen.


Augen verloren, Hand verstümmelt, Zähne verloren

Es ist nicht nur der engagierte Journalist David Dufresne, der dem Innenministerium seit Wochen "Zwischenfälle" signalisiert - am Donnerstagabend war es Nummer 312. Oder die aktivistische Webseite "Désarmons-les" ("Lasst sie uns entwaffnen"), die seit dem 17. November 2018, dem ersten Akt der Gilets jaunes, bis zum 12. Januar 2019, 97 Verletzte auflistet, mit Fotos, die unmittelbar jeder Verharmlosung widersprechen. Einige haben ein Auge verloren, manche eine Hand, viele ihre Zähne.

Auch traditionelle Medien wie France Soir berichteten von der Gewalt und dass die Polizei unter Druck gerät. Anlass zum Alarm seien die "reihenweisen Verstümmelungen", die es in dieser Abfolge seit Jahrzehnten nicht mehr in Frankreich gegeben habe.

2.000 Demonstranten sollen nach Regierungsangaben seit Mitte November verletzt worden sein, 1.000 Verletzte werden aufseiten der Ordnungskräfte gezählt. Doch werden dazu keine genaueren Angaben gemacht. Bekannt ist, dass die Aufsichtsbehörde der Polizei, die "Polizei der Polizei" (IGPN - Inspection générale de la Police nationale) laut France Soir derzeit 200 Beschwerden über Polizeigewalt vorliegen hat.

mehr:
- Polizeigewalt gegen Proteste der Gelbwesten: "Reihenweise Verstümmelungen" (Thomas Pany, Telepolis, 18.01.2019)
siehe auch:
- Die Gelbwesten zeigen Ausdauer (Post, 14.01.2019)

Gelbwesten: Zorn über Polizeigewalt | ARTE Journal {2:43}

ARTEde
Am 14.01.2019 veröffentlicht 
Einer der Gründe, der die sogenannten "Gelbwesten" in Frankreich immer wieder erneut auf die Straße gehen lässt, ist die oft als unverhältnismäßig eingestufte Polizeigewalt gegen die Protestbewegung. Auch Amnesty International hat schon insbesondere den Einsatz sogenannter Flashballs scharf kritisiert: Diese Waffe nutzt in Europa nur die französische Polizei. Abonniert den Youtube-Kanal von ARTE: http://www.youtube.com/user/ARTEde

Donnerstag, 17. Januar 2019

Willy Wimmer: Wir sind auf dem falschen Weg

Wir sind auf dem falschen Weg - Willy Wimmer {4:27}

DeutschlandBuschFunk
Am 17.01.2019 veröffentlicht 
Wimmer war von April 1985 bis Dezember 1988 verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und konnte internationale Kontakte knüpfen, auf die er später als Parlamentarischer Staatssekretär (1988–1992) unter Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg und als OSZE-Vizepräsident (1994–2000) aufbauen konnte.
Als Verteidigungsminister übungshalber nahm Wimmer 1986 an der NATO-Übung WINTEX im Regierungsbunker Marienthal teil. Im Verlaufe dieser NATO-Übung habe das NATO-Hauptquartier in Brüssel die Zustimmung zu einem Einsatz von Nuklearwaffen gegen Dresden und Potsdam erbeten. Wimmer lehnte es ab, sich weiter an der Planung eines Atomwaffeneinsatzes auf deutschem Boden zu beteiligen. Bundeskanzler Helmut Kohl habe daraufhin entschieden, dass sich die Vertreter der Bundesregierung sofort aus der weiteren Übung zurückziehen sollten. Die Übung sei dann ohne deutsche Beteiligung fortgesetzt worden.[6][7][8][9]
Vom 19. Dezember 1988 bis 1. April 1992 war Wimmer Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung mit den besonderen Schwerpunkten: Integration der Streitkräfte in Deutschland und Zusammenarbeit mit der Westgruppe der Truppen (ehemals Sowjetunion, nunmehrige Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) im Kabinett Kohl III und Kabinett Kohl IV. Am 1. April 1992 schied er gemeinsam mit dem damaligen Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg aus dem Amt.
In seiner Monografie[10] und in der Dokumentation der Äußerungen eines Zeitzeugenforums durch den Militärhistoriker Hans Ehlert[9] wird aus der Sicht Wimmers dargestellt, dass er die meisten Punkte des Verhandlungsprogramm des Verteidigungsministeriums durchsetzen konnte. Er scheiterte allerdings mit seinem Konzept, einzelne NVA-Offiziere in die Bundeswehr zu übernehmen. Ursprünglich hatten DDR-Offiziere gegenüber Wimmer die Übernahme der NVA in die Bundeswehr vorgetragen.[11] Bertram Wieczorek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Ministerium für Abrüstung und Verteidigung der DDR, lobte Wimmers umfassenden Bericht der Ereignisse, der frei von Legendenbildung sei.[12] Wimmers Absicht, Generale und Admirale aus der NVA in die Bundeswehr zu übernehmen, scheiterte seiner Aussage nach am Einspruch Hans-Dietrich Genschers. Einige Generale und Admirale der NVA seien für mehrere Jahre als Berater beim Bundesministerium der Verteidigung eingesetzt, dann aber auf Wunsch der NATO entfernt worden.[13] Bei der Umkleidung der NVA-Soldaten in Westuniformen sei Wimmer nach eigener Darstellung gegen die Tricks und Kniffe der Militärbürokratie vorgegangen, die diesen Vorgang behindert hätten.[14]
Wimmer war Stellvertretender Leiter der Delegation des Deutschen Bundestages bei der Parlamentarischen Versammlung der OSZE und war von Juli 1994 bis Juni 2000 Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

Geschichte zu Ende bringen

Kernfrage Was haben die Ideen von Rosa Luxemburg mit den international aufkeimenden Sozialismus-Vorstellungen heute noch zu tun?

Kann Sozialismus die Demokratie retten? So die Grundfrage einer Debatte, die seit den letzten Wahlen in den USA an Fahrt gewinnt. Im New Yorker las man im vorigen Sommer eine Reihe von Interviews, die „the S-word“ zum Thema hatten. Aber was war damit gemeint? Rosa Luxemburg wurde natürlich nicht zitiert, der es ein Hauptanliegen war, Demokratie und Sozialismus zu versöhnen. Unter den US-Linkeren wächst aber ein Konsens, dass Kapitalismus Ungleichheit produziert, der zu Oligarchien führt, die den Weg zum Faschismus bahnen könnten. Zu verhindern sei das nur durch Sozialismus. So etwa Theo Horesh am 13. Dezember 2018 auf der linken Plattform commondreams.org. Man sieht dort zwei junge Frauen, die ein Transparent hochhalten: Demokratischer Sozialismus – Kapitalismus hat uns im Stich gelassen! Neben das S-Wort ist ein knallrotes Herz gemalt.

Immer wieder wird betont, Sozialismus müsse mehr Gleichheit bringen, ohne dabei die Freiheit auszulöschen. Die Rolle des Marktes müsse respektiert werden, ohne ihn die Gesellschaft dominieren zu lassen. Sozialismus könne den drohenden Faschismus nur stoppen, wenn es glückt, die Rutschbahn von der Marktwirtschaft in eine Marktgesellschaft zu stoppen. Das verdeutlicht, was mit dem S-Wort wohl am ehesten verbunden wird: Eine soziale Marktwirtschaft sozialdemokratischer Prägung, wie sie in den 60er und 70er Jahren in Europa, speziell in Skandinavien, doch verdammt noch mal funktioniert hat.

mehr:
- Geschichte zu Ende bringen (Daniela Dahn, der Freitag, 17.01.2019)

Helfen statt Plündern!

Die Fluchtursachen zu bekämpfen würde bedeuten, Afrika endlich mit Respekt zu behandeln.

Fluchtursachen bekämpfen wollen eigentlich alle Parteien. Vor allem, um die Opfer der eigenen Politik nicht anschauen zu müssen, wenn diese „plötzlich“ vor der Tür stehen. Fluchtursachen-Erzeuger fordern deshalb am eifrigsten deren Bekämpfung. Es müsste nicht nur viel getan, sondern vor allem auch viel Destruktives unterlassen werden, um Menschen in Afrika in die Lage zu versetzen, ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch die Antwort der Europäer sind vielfach „Freihandelsverträge“, die durch die freiwilligkeitserzwingende Erpressung der afrikanischen Länder zustande kommen. Industriell gefertigte Produkte aus dem Norden überschwemmen die Märkte im Süden und zerstören dort die heimische Agrikultur.

Seit einigen Monaten ist beim Thema Migration viel von der Bekämpfung der Fluchtursachen die Rede. Das ist sicher ein besserer Ansatz als die Bekämpfung der Flüchtlinge! Aber diese Aufgabe ist sehr komplex und ohnehin nicht kurzfristig zu lösen. Fluchtbewegungen gibt es schon lange, noch länger bestehen die Fluchtursachen, die Menschen dazu bringen, ihre Heimat, meist auch ihre Familie, zu verlassen.

Diese Ursachen werden teils in afrikanischen Ländern selbst erzeugt: ethnische Konflikte, religiöser Terrorismus, Diktaturen und ihre Repressionen, interne Ausbeutungsstrukturen, Misswirtschaft, Korruption und fehlende Rechtsstaatlichkeit. Viele aber werden von außen, das heißt von Europa und den USA, geschaffen oder verschärft: Kriege als Folgen der Kolonialzeit, Terror und Gewalt im Hinblick auf Rohstoffe, ungerechte Handelsbeziehungen, Landraub, Umweltzerstörung und Klimaveränderung. Dabei gehört Deutschland zu den größten Waffenexporteuren, gerade auch für Kleinwaffen, die in diesen Konflikten besonders verbreitet sind. Die aus unseren Ländern erzeugten Fluchtursachen sollen in diesem Beitrag näher angesehen werden.
mehr:
- Helfen statt Plündern! (Sepp Stahl, Gerhard Breidenstein, Rubikon, 17.01.2019)
Nun, wer nicht will, der muss wohl zu seinem Glück gezwungen werden. Denn als Kenia, das wirtschaftliche Schwergewicht der Region, das Abkommen nicht unterschreiben wollte, spielte die EU im vergangenen Oktober ihre Wirtschaftsmacht aus mit ihrem riesigen Absatzmarkt – und verhängte umgehend Zölle auf kenianische Waren – von 8,5 Prozent bis weit über 30 Prozent etwa auf Schnittblumen, eines der wichtigsten Exportgüter, Röstkaffee, Dosenananas oder verpackten Tee. Diese „Erpressung“, wie man in Kenia sagt, hat schnell gewirkt – wenige Wochen später unterschrieb auch die kenianische Regierung das Freihandelsabkommen. Kritik an den rüden Verhandlungsmethoden haben viele geübt – unter anderem auch der Afrikabeauftragte der Bundesregierung, Nooke.
[„Erpressung“ beim Handelsabkommen mit Ostafrika, Jochen Zierhut, Deutschlandfunk, 08.06.2015]
siehe auch:
- Tagesdosis 15.1.2019 – Der Mord an Dag Hammarskjöld ist aufgeklärt: und warum sie nichts darüber erfahren (Post, 15.01.2019)
EPA – TTIP für Arme und die Werte des »alten Europa« (Post, 23.09.2015)
- Westafrika: Europa erzeugt die Flüchtlinge selbst (Post, 02.08.2016)
Jean Ziegler: „Geierfonds - Quintessenz krimineller Bankenaktivitäten“ (Post, 09.10.2014)
Aushöhlung der Demokratie – Eine neue Studie zeigt: Wirtschaftslobbyisten gehören zu den zentralen Akteuren bei der Ausgestaltung des Freihandelsabkommens TTIP (Post, 10.07.2014)
»Der größte Einzelerfolg der CIA« (01.05.2012)

„Chancengerechtigkeit“ im Neoliberalismus

„Chancengerechtigkeit“ ist ein Tarnbegriff der Eliten, um Schwächeren ihre Solidarität zu verweigern.

Natürlich sind wir Menschen nicht alle gleich, doch wir verdienen alle die gleichen Chancen. Unsere Gesellschaft basiert auf dem Gedanken, dass wir alle die gleichen Möglichkeiten haben, uns durch Bildung ein menschenwürdiges Leben aufzubauen. Dass dies in Wirklichkeit oft anders aussieht, wird nun einfach durch einen neuen Begriff gerechtfertigt, der seine brutale Wirkung bei den Abgehängten der Gesellschaft nicht verfehlt: Denn „Chancengerechtigkeit“ bedeutet, dass das Ergebnis gerecht, also selbst verschuldet ist.

Geben wir es gleich am Anfang zu: Der Begriff der „Chancengerechtigkeit“, der so zukunftsoffen und menschenfreundlich klingt, scheint eine durch und durch positive Vokabel zu sein, haushoch überlegen zum Beispiel dem kühleren Begriff der „Chancengleichheit“. Wieso also Misstrauen gegenüber diesem Begriff? Wieso Misstrauen gegenüber der Tatsache, dass vor allem die CDU, neben der FDP, die altvertraute „Chancengleichheit“ auszuwechseln versucht gegen die neue „Chancengerechtigkeit“?

Klar ist: Wo „Chancengleichheit“ vergleichsweise nüchtern im Ton objektiver Tatsachenfeststellung daherkommt, da setzt der Begriff der Chancengerechtigkeit von Beginn an ganz subjektiv auch auf einen Wärmeton. Gerechtigkeit, dieser Begriff ist assoziativ verbunden mit Recht, Rechtlichkeit, Rechtsstaat; für denjenigen, der christlich erzogen worden ist, mit einem gütigen Gott; und für die anderen, die eher an unsere Verfassung denken und deren Grundrechtekatalog, mit einem lauteren Staat.

Doch der Begriff der Chancengerechtigkeit täuscht nur ein Mehr an Wärme, Güte und Rechtlichkeit vor. In Wahrheit ist er ein erheblicher Rückschritt gegenüber dem Begriff der Chancengleichheit. Und: Beide Begriffe, der alte wie der neue, sind hochproblematische Propagandavokabeln.

Wieso?

Fangen wir mit der Differenz der beiden Begriffe an, mit dem suggestiven Vorsprung der Chancengerechtigkeit gegenüber der bloßen Chancengleichheit. Viele von uns haben es vermutlich schon häufiger erlebt: Der Begriff der Chancengleichheit stößt oft bereits beim ersten Äußern auf spontanen Widerspruch. „Menschen sind nicht gleich!“, heißt es da etwa, oder „Gleichmacherei!“.

mehr:
- Die Propaganda-Floskel (Holger Platta, Rubikon, 17.01.2019)

Liebe Queen, komm herüber und regier uns Deutsche wieder!

Anja Reschke ist nicht irgendwer. Die adrette norddeutsche Journalistin formuliert eloquent und auf den Punkt. Als Moderatorin der Magazine “Panorama” und “Zapp”, als Kommentatorin bei den “Tagesthemen” und als Leiterin der Redaktion “Inneres” des Norddeutschen Rundfunks hat ihre Stimme Gewicht. Sie möchte uns Deutsche zu mündigen Bürgern erziehen, die in der Lage sind, “an Wahlen teilzunehmen”. So die Fernseh-Frau in einem Interview mit dem schweizer Auslandsmagazins #SRFglobal. Ein öffentlicher Offenbarungseid und seine Interpretation:

„Sir Hugh Greene war das damals, dem deutschen öffentlichen Rundfunk einen Auftrag gegeben nämlich, diese Demokratie mit zu bewahren, das ist ein Auftrag an die Presse, deswegen wurden Verlagslizenzen vergeben, deswegen wurden Verlagslizenzen nur an Nichtnazis vergeben, damit wir ein Land haben oder eine Presse haben, die, oder Medienlandschaft; die dafür da ist, den Bürger zu einem mündigen, Demokratie wählenden Bürger zu erziehen oder in die Lage zu versetzen, an Wahlen teilzunehmen. “

„Meine Frage an Journalisten: Hast Du einen erzieherischen Auftrag? Nein (Hände hebend) Aufklären wollen sie. Aufklären wofür? ... Aufklären, doch schon, dass man ein Bürger ist, der sich Gedanken macht, der sich entscheidet, und zwar auf einer Basis, da bin ich wieder beim Grundgesetz. Letztendlich möchte ich natürlich nicht, dass ich Bürger dazu erziehe, durch meine Berichterstattung, dass sie den Staat stürzen. Das wäre ja nicht im Sinne des Erfinders.”

Analysiert man dieses Gestammel und kombiniert es mit der „Basis” historischer Fakten, dann ist der Zeitpunkt gekommen, Frau Reschke schnellstmöglich in den Vorruhestand zu schicken, weil sie nicht mal ihren eigenen Ansprüchen genügt. Es sollte einem zu denken geben, dass Frau Reschke ihre Legitimation aus den Direktiven der britischen Besatzungsmacht aus dem Jahr 1946 bezieht. Seitdem sind wir Deutschen nicht schlauer geworden, denkt sie wohl.

Der britische Offizier und Journalist Hugh Greene organisierte 1946 die Gründung und den Betrieb des Nordwestdeutschen Rundfunks als Statthalter der Besatzungsmacht kurz nach der deutschen Kapitulation nach dem Vorbild der British Broadcasting Cooperation (BBC). Sein Ziel war eine von Staat und Parteien unabhängige, souveräne Organisation. Am Ende seiner Amtszeit erkannte Greene, dass er gescheitert war – an der Macht der deutschen Parteien und noch vor der Gründung der Bundesrepublik und dem Inkrafttreten des Grundgesetzes.

mehr:
- Liebe Queen, komm herüber und regier uns Deutsche wieder! (Carl Christian Jancke, AchGut.ch, 17.01.2019)

Paranoia im Dienst des Weltmachtstrebens

Verfügten denn die Vereinten Nationen jemals über Atombomben? Oh, ja! Bei Betrachtung des Korea-Krieges, 1950 bis 1953, kann man fassungslos werden angesichts der Tatsache, dass er als sogenannte UN-Friedensmission allen Ernstes mit dem Gedanken des Atomkrieges spielte. Der selbst heraufbeschworene paranoide Wahn der Machteliten in den USA, entstanden aus der fixen Idee, sich gegen einen vorgeblich aggressiven Kommunismus verteidigen zu müssen, löste immer mehr Hemmschwellen – vor allem die von Humanität und Völkerrecht. 

Doch ist tatsächlich etwas dran an dem ungeheuerlichen Vorwurf, dass die UNO praktisch über Atomwaffen verfügte und diese gedachte, auch einzusetzen? 

Um den Krieg in Korea zu verstehen – vor allem die Art und Weise, wie er von Seiten der UNO geführt wurde – muss man sich in die damalige Zeit und das vorherrschende gesellschaftliche Klima hinein versetzen (a1). Wieder ist es verblüffend, welche Parallelen sich zur Gegenwart auftun. So ist die im Jahr 2018 konstruierte Skripal-Affäre nicht nur als Manipulation der Bevölkerung, sondern auch als Zeichen einer zunehmenden Hysterie politischer Entscheidungsträger vor den allenthalben lauernden Feinden anzusehen.

Gesellschaftliche Psychose

Paranoia ist das Symptom einer gestörten Psyche mit übersteigerten Angstzuständen. Jedes Vertrauen weicht tiefem Misstrauen, überall werden Feinde gewittert und umgehend bekämpft. Die damit verbundene zunehmende Einsamkeit wird mit geradezu religiösem, selbstzerstörerischem Eifer kompensiert. Das ist nicht neu, erfasste doch eine gleichermaßen gestörte Psyche 1947 schon einmal den Machtapparat der Vereinigten Staaten von Amerika vollständig und leitete die sogenannte McCarthy-Ära ein.

Der Tod des im Jahr 1949 gerade entmachteten US-Kriegsministers James Forrestal steht geradezu symbolisch für die Psychose im Machtapparat der USA, in der zunehmend erst einmal grundsätzlich jeder als ein Agent Moskaus einzuschätzen war, solange er nicht überzeugend Stellung auf der „guten Seite“ bezogen hatte. Forrestal hatte sich am 22. Mai 1949 aus dem Fenster einer Klinik gestürzt, gefangen in tiefen Depressionen und Wahnvorstellungen von den die einzigartige Nation angreifenden Russen.

„Mein Gott, George [ein Freund Forrestals], du und ich und Bill Bullitt [damaliger US-Botschafter in der UdSSR] sind die einzigen Leute um den Präsidenten, die die Russen durchschauen.“ (1)
Dieser Wahn verursachte – im Zusammenspiel mit dem sich im Entstehen befindlichen militärisch-industriellen Komplex der USA, der sich goldene Zeiten der Hochrüstung erträumte – geradezu irrsinnige Pläne von Atomkriegen gegen die Sowjetunion. Die Strategen der einzigartigen Nation liefen zur Hochform auf und entwickelten die Konzepte des Containment und dann des Rollback.

In Denkfabriken wie dem Council on Foreign Relations (CoFR), RAND und Tavistock ging man davon aus, dass der Mensch von Natur aus ein selbstsüchtiges Wesen sei, dem man grundsätzlich zu misstrauen habe. Entsprechend stellten sich den Eliten in den USA auch Gesellschaften dar. Nur die eigene Person und die eigene Gesellschaft nahm man „ganz rational“ aus diesem Bild heraus. Die Paranoiden – unfähig der kritischen Selbstreflexion – spiegelten also ihre Paranoia und rechtfertigten jede ihrer Handlungen als die pure Selbstverteidigung.

mehr:
- Die UNO und ihre Atombomben (Peter Frey, Peds Ansichten, 17.01.2019)
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Der Korea Krieg - Vorgeschichte und Verlauf - Doku Koreakrieg {1:16:35}

under dok
Am 07.04.2013 veröffentlicht 
Sehenswert auch die Dokumentation "CIA Operation Laos"
https://youtu.be/kUxaUyaowKE

Mittwoch, 16. Januar 2019

Spielt Macron einfach nur auf Zeit?

Den Namen der kleinen Gemeinde, 130 Kilometer nördlich von Paris, kannte bislang auch kaum ein Franzose. Ausgerechnet in Bourgtheroulde, in der normannischen Provinz, will Emmanuel Macron seine Präsidentschaft retten. Doch der Dialog mit dem Volk fand ohne Volk statt

Bourgtheroulde, von Einheimischen ausgesprochen klingt sehr ähnlich wie ein norddeutsch vernuscheltes Buxtehude – und so ähnlich sieht es auch aus: flaches Weideland, darüber ein tiefhängender grauer Himmel, Apfelbäume. Der Weg in den Ort führt an diesem 15. Januar über drei Polizeisperren, mindestens. Alle Kreisverkehre im Umkreis von 10 Kilometern sind besetzt. Diesesmal stecken Polizisten in den gelben Westen. Dreimal Ausweiskontrolle – wohin wollen Sie, zum Präsidenten – zweimal Kofferraumkontrolle. Der Eindruck: Nicht jeder ist erwünscht bei der großen nationalen Debatte, die der Präsident für die kommenden sechs Wochen bis zum 15. März angekündigt hat. Wer nicht in Bourgtheroulde wohnt, muss entweder akkreditierter Journalist sein, Bürgermeister einer nordfranzösischen Gemeinde, oder er muss draußen bleiben.

Im Ort selbst sind fast alle Geschäfte verrammelt, nur die Bar-Tabac L’Imprévu am Platz neben der Kirche macht das Geschäft des Jahres. Davor die angereisten Journalisten und circa 150 Gilets-Jaunes, die es trotz aller Sperren in den Ort geschafft haben. „Über die Felder“, sagt Dimitri, knapp dreißig, Kapuzenpulli: „wir kennen uns aus, wir sind von hier“. „Macron muss gehen“, findet er. Lösungen von der Politik, die erwartet er „schon lange nicht mehr“. Ob nun Mélonchon (Ultralinks) oder Le Pen (extreme Rechte), „alle aus einem Sack“. Und was dann, frage ich. „Egal, nur Macron muss weg“. Seine Freundin Allison assistiert: „Ist das etwa Demokratie, wenn man sich im eigenen Dorf nicht mehr frei bewegen kann? Überall nur Polizei, gepanzert und schwer bewaffnet?“

mehr:
- Eine Volksdebatte ohne Volk (Kay Walter, Cicero, 16.01.2019)
siehe auch:
„Schluss mit der Ära der Könige“ (Werner Vontobel, Cicero, 16.01.2019)
- Frankreich legt den Finger auf den wunden Punkt (Werner Vontobel, Cicero, 15.01.2019)
Gelbwesten-Führerin Ingrid Levavasseur: "Wir sind mitten in einer Revolution" (Ein Interview von Georg Blume, SPON, 14.01.2019)
- Gelbwesten in Frankreich: Der Protest ist nicht totzukriegen (Rudolf Balmer, taz, 14.01.2019)

Gelbwesten folgen Macron und einer riesigen Polizei-Eskorte auf Debatten-Tour durch Frankreich {2:43}

RT Deutsch
Am 16.01.2019 veröffentlicht 
Dutzende von Gelben Westen warteten auf den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, als er am Dienstag in Bourgtheroulde, Normandie, den ersten Halt auf seiner Tour zur "nationalen Debatte" machte. Der Präsident wurde von einer riesigen Polizeipräsenz begleitet.
Drei Monate nach den Protesten der Gelben Westen kündigte Macron eine zweimonatige "nationale Debatte" an, in der die Bürger eingeladen werden, ihre Meinung über Steuern, die Funktionsweise des Staates, Umweltfragen und Demokratie zu äußern. Er begann die Debatte mit einer nationalen Tour, auf der er mit Bürgermeistern im ganzen Land sprechen wird.
Das Filmmaterial zeigt die Dutzende von Polizisten in Schutzausrüstung, die die Stadt durchstreifen und Fahrzeuge vor der Ankunft des Präsidenten durchsuchen.
Einige der Gelben Westen fühlten sich unterdessen von der Debatte ausgeschlossen, da sie nicht in die Stadt gelassen wurden, die der Präsident besuchte.
"Alles ist strukturiert und kontrolliert, die Gelben Westen sind außerhalb des Ortes, wir können nicht hineingehen", sagte ein Mann. Er fügte hinzu: "Das ist nicht normal. Ich habe das Gefühl, dass ich mich wie ein Schmuggler aufführen muss, damit man meine Stimme hört."
Für deutsche Untertitel bitte die Untertitelfunktion auf Youtube aktivieren.

Report aus Paris | Was wirklich in Frankreich passiert | 451 Grad {34:24}

451 Grad
Am 14.12.2018 veröffentlicht 
Die „Gelben Westen“ stehen für die französische Protestbewegung Gilets Jaunes. Eine geplante Erhöhung der Steuer auf Benzin und Diesel hat hunderttausende Franzosen landesweit auf die Straßen gebracht. 451° war vor Ort!
Liberté, égalité, fraternité zu Deutsch: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das war der Leitgedanke der Französischen Revolution im 18 Jahrhundert. Heute herrscht in #Paris und in ganz #Frankreich wieder der Ausnahmezustand. Die Bewegung der #GiletsJaunes dominiert mit Ihren gelben Westen die Berichterstattung – zumindest in Frankreich. Würde man nicht ein größeres Medien-Echo erwarten, wenn es bei unseren Nachbarn dermaßen kracht? Die geplante Erhöhung der Steuern auf Benzin und Diesel hat den französischen Präsidenten Emmanuel Macron bei großen Teilen der Bevölkerung in Ungnade fallen lassen. Das Ergebnis sind Demonstrationen mit vielen Verletzten und hohem Sachschaden. 451° war vor Ort in Paris, um sich ein Bild der Proteste der Gilet Jaunes zu machen. Unsere Eindrücke vor, nach und während der Ausschreitungen in Paris, haben wir für euch in dieser Reportage zusammengefasst.

"So, jetzt reicht's!": Queen führt wieder absolute Monarchie ein

London (dpo) - Genug ist genug! Angesichts der chaotischen Zustände in der britischen Politik im Vorfeld des Brexit hat Königin Elisabeth II. heute ein Machtwort gesprochen: Wie die 92-Jährige in einer TV-Ansprache bekanntgab, wird die parlamentarische Monarchie mit sofortiger Wirkung wieder in eine absolute Monarchie umgewandelt.

"Ich habe mir diesen lächerlichen Demokratiezirkus jetzt lange genug mitangesehen und ich bin not amused", so die sichtlich verärgerte Queen in ihrer Rede an ihre Untertanen. "Nutzlose Spontanwahlen, instabile Mehrheiten, Rumgeeiere beim Brexit-Kurs, gescheiterte Abstimmungen, Misstrauensanträge, Boris Johnson… Es reicht!"

Künftig werde daher wieder die sichere Hand der Königin über alle politischen Fragen bestimmen – das Parlament ist damit vollständig entmachtet. Die bisherige Premierministerin Theresa May sowie zahlreiche andere Politiker und Minister wurden von Mitgliedern der Queen's Guard in den Kerker geworfen.

mehr:
- "So, jetzt reicht's!": Queen führt wieder absolute Monarchie ein (Der Postillion, 16.01.2019)
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Tödliche Strahlung

Seit Einführung des Mobilfunks in England hat sich die Zahl bösartiger Hirntumore verdoppelt.

Zwei britische Forschergruppen stellten bei der englischen Bevölkerung einen Anstieg tödlicher Gehirntumore fest. In Bezug auf die Ursachen sind sich die Experten uneinig, doch vieles spricht für die Mobiltelefonie. Die Medien schweigen oder verwirren die Bevölkerung mit Zweifeln an längst gesicherten Tatsachen. Wiederholt die Mobilfunk-Branche die Geschichte der Tabakindustrie?

Am 28. Oktober 2018 erschien in den Microwave News ein Bericht über die Ergebnisse zweier Forschergruppen, die in England von 1995 bis 2014 eine Zunahme von Glioblastomen festgestellt hatten. Bei diesen handelt es sich um die bösartigsten aller Hirntumoren, die in nahezu 100 Prozent der Fälle in relativ kurzer Zeit zum Tode führen (1). Bezüglich der Häufigkeit und der Lokalisation der Tumoren im Gehirn stimmen die Ergebnisse der beiden Forschergruppen überein, bezüglich der Ursache liegen ihre Vorstellungen jedoch weit auseinander.

Der Fall erinnert an die Auseinandersetzung zwischen der Internationalen Kommission zum Schutz vor nicht-ionisierenden Strahlen, ICNIRP, und dem National Toxicology Program, NTP, der USA. Das NTP hatte in seiner 30-Millionen-Dollar-Studie im Gehirn männlicher Ratten Glioblastome festgestellt, nachdem diese über zwei Jahre hinweg der Mobilfunkstrahlung ausgesetzt gewesen waren. Dieser Tatbestand wurde von der ICNIRP, einer Art PR-Organisation der Mobilfunkindustrie, mit Argumenten in Zweifel gezogen, die weniger mit Wissenschaft als mit Wunschdenken zu tun hatten (2).

Im vorliegenden Fall geht es ebenfalls um Glioblastome, diesmal allerdings beim Menschen. Während Alasdair Philips und Kollegen (3) die Mobiltelefonie für den Anstieg der Glioblastome verantwortlich machen, ist de Vocht (4) der Meinung, dass dies mit großer Wahrscheinlichkeit auszuschließen sei. Zu seiner Erkenntnis kam er auf Grundlage „synthetischer kontrafaktischer Gegebenheiten“, was sich — sei es zu Recht oder zu Unrecht — wie „alternative Fakten“ anhört.

Der Anstieg der Glioblastom-Häufigkeit von 1995 bis 2015 in England weist als Ursache auf schädliche Umwelt- oder Lebensstilfaktoren hin.

mehr:
- Tödliche Strahlung (Franz Adlkofer, Rubikon, 16.01.2019)
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Heute vor 50 Jahren – 16. Januar 1969: Selbstverbrennung Jan Palachs in Prag

Märtyrer des Protests 

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes im August 1968 begann für die Tschechoslowakei eine »bleierne Zeit«: Die politischen Reformen wurden zurückgefahren, jeder öffentliche Protest verstummte. Dagegen wollte der Prager Student Jan Palach (*1948) ein Zeichen setzen. Am Nachmittag des 16. Januar 1969 schrieb er einen Protestbrief, übergoss sich mit Benzin, zündete sich an und rannte brennend auf den Wenzelsplatz, wo er zusammenbrach. 
Auf dem Prager Wenzelsplatz legen Bürger am Denkmal für den hl. Wenzel,
den Landespatron von Böhmen, Blumen und Kränze für Jan Palach nieder
Palach erlitt schwerste Verbrennungen, blieb aber bei Bewusstsein und konnte im Krankenhaus den Ärzten und staatlichen Vernehmern klare Antworten geben. Sein Fanal als »Fackel Nr. 1 « bereute er nicht. Am 19. Januar erlag er seinen Verletzungen. Die Staatsmacht unterdrückte die Veröffentlichung seines Abschiedsbriefs, der trotzdem nachts an Häuserwände geklebt wurde, und stellte Palach als vom Ausland gesteuerten Verwirrten dar. Noch am Tag seiner Selbstverbrennung strömten 200 000 Menschen auf den Wenzelsplatz und legten Kränze nieder; an der Beerdigung nahmen mehr als 10 000 Menschen teil. 

Palachs Tat initiierte weitere Protestaktionen und fand mehrere Nachahmer, so im Februar 1969, als sich der Student Jan Zajic (*1950) ebenfalls auf dem Wenzelsplatz als »Fackel Nr. 2« verbrannte.
Harenberg – Abenteuer Geschichte 2019
1968 - Der Prager Frühling {8:03}

Nihilistible
Am 28.02.2015 veröffentlicht 
Gegen-Sozialismus.jimdo.com
http://gegen-sozialismus.jimdo.com

Tagesdosis 16.1.2019 – Die Freiheit der Andersdenkenden (Podcast)

Das Böse bekämpft man niemals, in dem man den Bösen bekämpft. Es gilt die Ursachen unmöglich werden zu lassen, die das Böse im Menschen entstehen lässt. Das Böse bekämpft man also nicht, in dem man einen Bösen bekämpft. Man bekämpft die Zustände, die in der Masse dafür stehen, dass sie einen Bösen gebiert.

Vor 100 Jahren wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erschossen. Spätestens seitdem gilt die Meinungsfreiheit als oberstes Gut in Deutschland. Und durch Rosa Luxemburg wissen wir, dass die Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden miteinschließt und immer beide Freiheiten gleich bedeutend und gleich viel Wert besitzen. Der Physiker Hans Peter Dürr hat es mal so ausgedrückt: Die Gegenkraft ist nicht der Feind der Kraft. Diese Einsicht ist schon lange in den Begriff der Demokratie eingeflossen. Viele Menschen haben ihr Leben lassen müssen, weil sie dieses Gut verteidigt haben. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden letztlich wegen ihrer Freiheitsliebe getötet. Sie riefen die Bürger dazu auf, sich selbst zu bewaffnen, und somit sollten diese die wichtigen Posten in Berlin besetzen, damit das damalige Proletariat seine eigene Regierung ausruft.

Was ist daraus heute geworden? Haben wir dazu gelernt? Sicher, es gab zwischen 1933 und 1945 eine Periode grausamster Gewalt und Unfreiheit der Andersdenkenden und Andersseienden. Aber, was ist eigentlich damit gemeint, wenn ich von Andersdenkenden höre oder den Begriff selbst verwende? Hier eine schlüssige Antwort zu bekommen, die dem gerecht wird, ist fast unmöglich, sobald man den Boden politisierter Frames betritt. Die allseits vorherrschende Meinung, zu dessen Politik man sich bekennt, muss eingehalten werden. Die Regel heißt: Verachte, wen wir alle verachten, übe an denen Gewalt aus, an denen sie gerechtfertigt ist, sei Dir gewiss, wenn du all unsere Vorsätze beachtest und danach sprichst, schreibst und dich dazu öffentlich bekennst, dann gehörst du fest zu uns. Wir sind die Guten und was wir tun, ist gut, richtig und gerecht. Unser Gutsein ist immer besser als das Gutsein aller anderen.

mehr:
- Tagesdosis 16.1.2019 – Die Freiheit der Andersdenkenden (Podcast) (Kommentar von Rüdiger Lenz, KenFM, 16.01.2019)